| # taz.de -- Solidarität unter Frauen in Südamerika: Frauenparadies unter Poli… | |
| > In Kolumbien haben binnenvertriebene Frauen eine eigene Stadt | |
| > gegründet. Diese Ciudad de las Mujeres gefällt nicht allen. | |
| Bild: Achtung! Machismo tötet! Ein Verkehrsschild am Eingang der Ciudad de las… | |
| Während einer meiner Reisen nach Kolumbien höre ich zum ersten Mal von der | |
| Ciudad de las Mujeres. Eine Stadt, die Frauen aufgebaut haben. Überlebende | |
| des bewaffneten Konflikts, deren Väter, Söhne und Brüder ermordet wurden. | |
| Vertriebene, [1][die vor der Gewalt durchs ganze Land geflohen sind]. | |
| In der „Stadt der Frauen“ haben sie ein Zuhause gefunden, wollen zusammen | |
| ein neues Leben aufbauen. Ich will erfahren, wie diese Frauen, die grausame | |
| Gewalt erlebt haben, gemeinsam Kraft geschöpft haben, um eine ganze Stadt | |
| zu erschaffen. | |
| Ich reise von der Hauptstadt Bogotá aus an die kolumbianische Karibikküste | |
| nach Cartagena de Indias. Von hier aus fahre ich etwa 15 Kilometer Richtung | |
| Südosten nach Turbaco, ich muss ein Auto mit einem Fahrer mieten – es sei | |
| die einzig sichere Transportform, sagt mir Eidanis Lamadrid, die in der | |
| Ciudad de las Mujeres auf mich wartet. | |
| ## Ein Ausdruck kolonialer Gewalt | |
| Mit dem Auto fahre ich an den Armenvierteln Cartagenas vorbei. Als ich nach | |
| etwa einer halben Stunde aus dem Auto steige, kommt ein Mann auf mich zu. | |
| Ich sehe eine Ausbeulung an dem Stoff seiner Hose, er ist bewaffnet. Ein | |
| Polizist in Zivil. Er begleitet mich zum Eingang, wo eine Gruppe Frauen auf | |
| mich wartet. | |
| „Wir sind vor Männern mit Waffen geflohen und jetzt beschützen uns Männer | |
| mit Waffen“, sagt Eidanis Lamadrid zu mir. Die Frauen, die in der Ciudad de | |
| las Mujeres leben, sind vor bewaffneten Gruppen hierher geflohen. Sie sind | |
| desplazadas, Vertriebene. | |
| So heißen jene Menschen, die innerhalb Kolumbiens geflüchtet sind – vor den | |
| Kämpfen, die sich Paramilitärs, staatliche Truppen, Drogenkartelle und | |
| Guerillagruppen seit über 70 Jahren liefern. Wenn in Europa über die Gewalt | |
| in Kolumbien gesprochen oder berichtet wird, erwecken Begriffe wie | |
| „bewaffnete Gruppen“ den Eindruck, es handele sich um eine irrationale, | |
| ahistorische Gewalt, weil die strukturellen Ursachen nicht beleuchtet | |
| werden. | |
| Als ich in Kolumbien bin, lerne ich, dass der „bewaffnete Konflikt“ ein | |
| extrem gewalttätiger Ausdruck von kolonialer und kapitalistischer Gewalt | |
| ist. Er ist Teil eines Systems, für das wir auch in Europa eine sehr große | |
| Verantwortung tragen. | |
| Zwischen 1985 und 2018 [2][starben der Nationalen Wahrheitskommission | |
| Kolumbiens zufolge über 450.000 Menschen in Folge des bewaffneten | |
| Konflikts], unter Berücksichtigung der Dunkelziffer könnten es sogar bis zu | |
| 800.000 sein. Mehr als 7 Millionen Menschen sind desplazados internos, | |
| Binnenvertriebene, wie das Internal Displacement Monitoring Center in | |
| seinem Bericht 2025 dokumentiert hat. Kolumbien gehört zu den Ländern mit | |
| der größten Zahl intern Vertriebener weltweit. | |
| Neun von zehn der Todesopfer des bewaffneten Konflikts sind Männer. Zurück | |
| bleiben die Frauen, die mit den Kindern durchs Land ziehen, auf der Suche | |
| nach einem sicheren Schlafplatz. So kamen auch die Frauen in die Ciudad de | |
| las Mujeres. | |
| Viele von ihnen wurden vergewaltigt, misshandelt, aus ihren Häusern | |
| vertrieben. So wie Eidanis Lamadrid, die in der Region Montes de María von | |
| der Landwirtschaft lebte und von Paramilitärs vertrieben wurde. Jetzt gehe | |
| ich mit ihr gemeinsam durch die zentrale Straße der Stadt der Frauen: die | |
| Calle de las Guerreras, die Straße der Kämpferinnen. Hunderte Häuser haben | |
| die Frauen hier gemeinsam aufgebaut. | |
| Während wir die Straße entlanggehen, schauen Kinder neugierig aus den | |
| Fenstern, immer mehr Frauen schließen sich uns an. Ein Stoppschild warnt | |
| mit der Aufschrift „Cuidado, el machismo mata“ („Vorsicht, Machismo | |
| tötet“). | |
| Angekommen auf der zentralen Plaza, formen etwa 20 Frauen einen Stuhlkreis. | |
| Alle wollen mich begrüßen und mir ihre Geschichte erzählen. María aus | |
| Córdoba, die mit ihren Kindern hier lebt, berichtet, Paramilitärs haben | |
| ihren Mann ermordet. Norma aus Bolívar sagt, ihr Vater wurde entführt, ihr | |
| Onkel getötet, sie hat sechs Enkel hier in der Stadt. Vilma, 61 Jahre alt, | |
| häkelt eine Stofftasche, das Handarbeiten helfe ihr zu überleben, sagt sie. | |
| Die Idee für die Ciudad de las Mujeres entstand im Stadtviertel El Pozón, | |
| einem Armenviertel in Cartagena, wo vertriebene Frauen aus dem ganzen Land | |
| Schutz suchten. „Unser Grundbedürfnis als Opfer des bewaffneten Konflikts | |
| ist eine menschenwürdige Unterkunft“, sagt Eidanis Lamadrid. Das Projekt | |
| sei als Folge der Vertreibung, der Entwurzelung entstanden. | |
| „Wir haben gezeigt, dass es möglich ist, mitten im Krieg eine Stadt | |
| aufzubauen“, erzählt sie weiter. Mitten auf der Calle de las Guerreras | |
| haben die Frauen eine Dankestafel angebrach[3][t, die Patricia Guerrero | |
| gewidmet ist]. Alle Frauen, mit denen ich spreche, erwähnen ihren Namen und | |
| drücken ihre Dankbarkeit aus. | |
| Die Menschenrechtsanwältin aus Bogotá gründete 1998 die Liga de Mujeres | |
| Desplazadas, eine Organisation von vertriebenen [4][Frauen und ihren | |
| Familien], die für Frauenrechte im bewaffneten Konflikt kämpft. Guerrero | |
| unterstützte die Frauen dabei, Gelder und Spenden von staatlichen Stellen, | |
| Nichtregierungsorganisationen und Stiftungen für Entwicklungshilfe zu | |
| sammeln, um gemeinsam ein Grundstück in der Nähe von Turbaco zu kaufen. | |
| Die Frauen belegten Handwerkskurse und lernten, ihre eigenen Häuser zu | |
| bauen. 2006 schlossen sie den Bau von 102 Häusern ab, jedes 78 Quadratmeter | |
| groß, mit Küche, Wohnzimmer, zwei Schlafzimmern und einem kleinen Garten. | |
| Die Farben haben sie selbst ausgesucht. | |
| ## Bauen trotz Angst und Anschlägen | |
| Mit ihrem Projekt machten sich die Frauen neue Feinde. Während des | |
| Bauprozesses bedrohten Paramilitärs sie immer wieder, Unbekannte malten | |
| Totenköpfe an ihre Hauswände. 2004 verschwand der Partner einer der Frauen | |
| spurlos. Wenig später fanden sie seine zerstückelte Leiche. | |
| Sie hatten Angst, aber sie bauten trotzdem weiter. 2006 setzten | |
| Paramilitärs das Gemeindezentrum der Stadt der Frauen in Brand. Sie bauten | |
| es wieder auf. Bis heute erhalten die Frauen immer wieder Morddrohungen, | |
| deshalb haben sie Polizeischutz beantragt. „Was wir tun, gefällt nicht | |
| allen“, erklärt Eidanis Lamadrid. | |
| „Früher wussten wir nicht, dass wir Rechte haben, aber jetzt wissen wir es | |
| und wir fordern sie ein“, sagt Eidanis Lamadrid. Indem die Frauen eine | |
| Gemeinschaft aufbauen und die sozialen Bindungen stärken, leisten sie einen | |
| wichtigen [5][Beitrag zum Friedensprozess]. | |
| Lange haben sie über ihre Gewalterfahrungen geschwiegen, aber gemeinsam | |
| haben sie die Kraft gefunden, darüber zu sprechen, um für Gerechtigkeit und | |
| Wiedergutmachung zu kämpfen. „Das Wichtigste, was mir diese Organisation | |
| gegeben hat, ist eine Stimme“, meint Eidanis Lamadrid. „Wir sind jetzt | |
| keine Opfer mehr, sondern politische Akteurinnen.“ | |
| Viele Frauen aus der Ciudad de las Mujeres haben Anzeige erstattet, manche | |
| haben bei der Wahrheitskommission vorgesprochen. Aber kein einziges der | |
| Verbrechen, die ihnen widerfahren sind, hat bisher zu einer Verurteilung | |
| der Verantwortlichen geführt. | |
| „Die Wahrheit muss von Gerechtigkeit begleitet werden, nicht von | |
| Straflosigkeit“, sagt Eidanis Lamadrid. Die Anwältin Patricia Guerrero | |
| unterstützt die Frauen bei ihrem Kampf für Gerechtigkeit. Die Liga de | |
| Mujeres Desplazadas hat den kolumbianischen Staat vor dem | |
| Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshof verklagt. | |
| ## Der tödliche Schmerz der Ungerechtigkeit | |
| Der Prozess könnte allerdings viele Jahre dauern. Zahlreiche Frauen sterben | |
| an dem Schmerz, [6][keine Gerechtigkeit] zu finden, erklärte Juana Brugman, | |
| die psychologische Beraterin der Liga de Mujeres Desplazadas und | |
| Neuropsychologin an der Universität Amsterdam, vor der Wahrheitskommission: | |
| Das Fehlen der Hoffnung auf ein Leben ohne Gewalt, Krankheit und Elend | |
| nennt die Neuropsychologie „konditionierte Hoffnungslosigkeit“. | |
| Die Folgen dieser Hoffnungslosigkeit hätten zum Tod von zehn Frauen der | |
| Organisation geführt. Die letzte war Silvia Rosa Baltazar, fast zwanzig | |
| Jahre lang Mitglied der Liga de Mujeres Desplazadas. Sie war krank und | |
| starb in Armut. Ihr Tod ist ein Beispiel der Vernachlässigung der | |
| vertriebenen Frauen durch den kolumbianischen Staat. | |
| Eidanis Lamadrid zeigt mir eine Skulptur auf der zentralen Plaza der Ciudad | |
| de las Mujeres. Drei Frauen und zwei Kinder umarmen sich in einem Kreis. | |
| „Die Skulptur steht für den Wiederaufbau des sozialen Gefüges, für die | |
| Vereinigung der Kraft, die wir als Frauen haben“, erklärt sie. | |
| Unter der Skulptur ist ein Schriftzug zu lesen: Que nuestros voces no se | |
| silencien en el tiempo („Mögen unsere Stimmen nicht mit der Zeit | |
| verstummen“). Die Gemeinschaft der Frauen halte sie am Leben und gebe ihr | |
| Hoffnung, sagt Eidanis Lamadrid. „Wir wollen, dass unsere Stimme gehört | |
| wird. Dieses Land schuldet uns Frauen Gerechtigkeit.“ | |
| 17 Nov 2025 | |
| ## LINKS | |
| [1] /Kolumbiens-Linksregierung/!6074752 | |
| [2] /Wahrheitskomission-in-Kolumbien/!5861222 | |
| [3] https://www.humanrightscolumbia.org/node/8730 | |
| [4] /Kolumbiens-Verschwundene/!6112281 | |
| [5] /Aufarbeitung-des-Krieges-in-Kolumbien/!6110510 | |
| [6] /Wandbild-im-Berliner-Mauerpark/!6063914 | |
| ## AUTOREN | |
| Sophia Boddenberg | |
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