| # taz.de -- KI im Spiegel, Wildschweine in Kroatien: Wer vertraut hier noch wem? | |
| > Nicht nur der Spiegel vertraut auf KI. Auch die Meldung über eine | |
| > „Wildschwein-Invasion“ zeigt: Medien verlassen sich blind auf die | |
| > künstliche Unintelligenz. | |
| Bild: Ist das echt oder ChatGPT? | |
| [1][Eine Studie der Europäischen Rundfunkunion], die am Mittwoch | |
| veröffentlicht wurde, hat 22 öffentlich-rechtliche Medienanstalten aus 18 | |
| Ländern und führende KI-Assistenten wie ChatGPT, Copilot, Perplexity und | |
| Gemini bewertet. Das Ergebnis: Fehler der KI sind keine Einzelfälle und | |
| verzerren Inhalte öffentlich-rechtlicher Medien. | |
| 45 Prozent aller KI-Antworten auf Fragen zu aktuellen Ereignissen weisen | |
| demnach ein signifikantes Problem auf, das in die Irre führen könne. Der | |
| größte Problembereich sei die Quellennachverfolgung. Behauptungen der KI | |
| seien nicht durch die angegebene Quelle gedeckt oder gänzlich ohne | |
| Quellenangabe. Auch die Genauigkeit der Fakten und die Bereitstellung eines | |
| ausreichenden Kontextes seien mangelhaft. | |
| Die Auswirkungen sind alarmierend: 42 Prozent der Befragten gaben an, das | |
| Vertrauen in das ursprüngliche Nachrichtenmedium zu verlieren, wenn die | |
| KI-Antwort Fehler liefere. | |
| Nun, das eine sind KI-Assistenten, die ohne Wissen der Redaktionen ihr | |
| Eigenleben treiben. Das andere sind KI-Tools, die Redaktionen selbst | |
| benutzen. Am Tag, an dem die Studie veröffentlicht wurde, kam es beim | |
| Spiegel zu folgendem Ereignis: Unter dem Onlinet[2][ext, der berichtete, | |
| dass die Bahn sich von ihrer Güterverkehrschefin] trennt, stand kurze Zeit: | |
| „Wenn du magst, passe ich Ton und Detailtiefe (z. B. nüchterner | |
| Nachrichtenstil vs. magaziniger) an oder markiere dir die konkreten | |
| Änderungen im Vergleich zum Original.“ | |
| Nachdem das etlichen Leser*innen aufgefallen war, wurde der Satz | |
| gelöscht und durch folgenden Hinweis ersetzt: „Anmerkung der Redaktion: | |
| Eine frühere Version dieser Meldung enthielt wegen eines | |
| produktionstechnischen Fehlers den Hinweis eines KI-Tools, das wir | |
| gelegentlich zur Überprüfung unserer eigenen Texte einsetzen. Entgegen | |
| unseren Standards ist die Meldung veröffentlicht worden, bevor sie | |
| gründlich von einem Menschen gegengelesen wurde. Wir haben das nachgeholt | |
| und den Hinweis des KI-Tools gestrichen.“ | |
| Diese Formulierung wirft einige Fragen auf: Hat nun ein Mensch den Text | |
| verfasst und die KI hat gegengelesen, aber danach kein Mensch mehr? Oder | |
| hat ihn doch die KI verfasst? Überprüft die KI den Menschen oder der Mensch | |
| die KI? Und sollte die Autor*innenzeile neben dem menschlichen Namen | |
| auch den der KI ausweisen? Das Vertrauen der Spiegel-Leser*innen in die | |
| Frage, wessen Text sie da jetzt eigentlich gelesen haben und wer die Texte | |
| beim Spiegel sonst so verfasst, dürfte nicht gerade gestärkt sein. | |
| ## Wildschwein-Invasion in Kroatien? | |
| Dass Redaktionen KI-Tools einsetzen, um Nachrichtentexte zu generieren, | |
| führt inzwischen in vielen Fällen dazu, dass Nachrichten ein Eigenleben | |
| führen. | |
| So flutet beispielsweise seit etwa zwei Wochen ein kroatischer | |
| Wildschwein-Tsunami die Nachrichten auf österreichischen und deutschen | |
| Medienseiten. „[3][Wildschwein-Invasion in Kroatien]“ (Focus), | |
| „[4][Tier-Plage erobert Adria-Strände]“ (Merkur), „[5][Kroatien-Plage ge… | |
| außer Kontrolle]“ (FR), „[6][Wildschwein-Invasion in Kroatien]“ (heute.a… | |
| Da es von der vermeintlichen Invasion keine Bilder gibt, nutzten die | |
| Redaktionen irgendwelche symbolischen Wildschweinfotos. | |
| Andere wurden kreativ: Die Seite heute.at bebilderte die Nachricht mit | |
| einem Hammerfoto einer aus dem Meer steigenden Wildschweinrotte. Unter dem | |
| Foto jedoch die Information: „Chaos an der Adria: So stellt sich die KI | |
| eine Wildschwein-Invasion an einer kroatischen Küste vor.“ | |
| In Wahrheit ist Kroatien von einer Invasion weit entfernt. Wildschweine | |
| sind hervorragende Schwimmer und können bis zu 12 Stunden und 25 Kilometer | |
| durchs Wasser pflügen. Die kroatischen Inselwildschweine überqueren | |
| regelmäßig die Adria, um das zu machen, was Touristen auch machen: | |
| Sightseeing und Restaurantbesuch. | |
| Die Behauptung, solche Überquerungen würden sich häufen, geht allein auf | |
| die kroatische Webseite [7][morski.hr] zurück, von der die KI-Tools | |
| offenkundig die Nachricht ins Deutsche kopierten. Sprachbarrieren verlieren | |
| so an Bedeutung, ebenso wie die Glaubwürdigkeit der Quelle. | |
| Die Grundlage des kroatischen Portals: ein Video eines Fischers und eine | |
| Frau, deren Garten Wildschweinbesuch hatte. In gewisser Weise ist diese | |
| Geschichte beruhigend: Zuerst war der menschengemachte Skandaljournalismus, | |
| dann erst kam die KI. | |
| 25 Oct 2025 | |
| ## LINKS | |
| [1] https://www.ebu.ch/Report/MIS-BBC/NI_AI_2025.pdf | |
| [2] https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/deutsche-bahn-trennt-sich-von… | |
| [3] https://www.focus.de/panorama/welt/wildschwein-invasion-in-kroatien-schwimm… | |
| [4] https://www.merkur.de/welt/tierplage-weitet-sich-aus-von-meer-bis-zum-garte… | |
| [5] https://www.fr.de/panorama/strand-meer-schwimmende-tierplage-kroatien-kaemp… | |
| [6] https://www.heute.at/s/angriff-uebers-meer-wildschwein-invasion-in-kroatien… | |
| [7] https://www.morski.hr/divlje-svinje-van-kontrole-plivaju-u-istri-i-kod-malo… | |
| ## AUTOREN | |
| Doris Akrap | |
| ## TAGS | |
| Fake News | |
| Der Spiegel | |
| Schwerpunkt Künstliche Intelligenz | |
| Social-Auswahl | |
| Wildschweine | |
| Reden wir darüber | |
| Fact-Checking | |
| Resilienz | |
| Schwerpunkt Künstliche Intelligenz | |
| Big Tech | |
| ## ARTIKEL ZUM THEMA | |
| Fake News auf KI-Websiten: Wie KI eine Journalistin zur Frau von Kontra K macht | |
| Automatisierte Nachrichtenseiten erfinden die Beziehung einer Journalistin | |
| zu einem Rapper. Und zeigen, wie gefährlich KI für den Journalismus ist. | |
| Zwischen Euphorie und Dystopie: Es gibt keine künstliche Intelligenz | |
| Die KI-Debatte pendelt zwischen Heilsversprechen und der Sorge vor | |
| Kontrollverlust. Sie offenbart viel über Ängste und Sehnsüchte unserer | |
| Gesellschaft. | |
| MIT-Professorin Yael Tauman Kalai: „In fünf Jahren werden verschlüsselte Na… | |
| Yael Tauman Kalai hat Grundlagen von Verschlüsselungsmethoden | |
| mitentwickelt. Sie zeigt, wie wir trotz KI und Quantencomputern mündig | |
| bleiben können. | |
| Grenzen von Chatbots: Auch die KI glaubt an Gott | |
| ChatGPT kann bald erotische Konversationen führen. Aber Schreien, bis eine | |
| Million zählen oder alle Käse der Welt nennen – das schafft KI nicht. |