Introduction
Introduction Statistics Contact Development Disclaimer Help
# taz.de -- Der Fall des Römischen Reichs: Wer hat Angst vorm Mittelalter?
> Die Zuwanderung seit 2015 werde Europa in die Knie zwingen wie damals die
> Römer, behaupten Rechte. Doch was brachte das Römische Reich wirklich zu
> Fall?
Bild: Der Untergang der Zivilisation: Hier 1757 von Giovanni Paolo Panini inter…
2015 war das Jahr der „Völkerwanderung“. Selten gab es so viele Versuche,
in der Gegenwart Parallelen zu [1][diesem Ereignis der Spätantike] zu
finden, wie während der sogenannten Flüchtlingskrise und in den Jahren
danach. Im Feuilleton grassierte die Angst vor einem Ansturm barbarischer
Völker.
Millionen blickten sehnsüchtig nach Europa, [2][war da etwa zu lesen], und
kämen dann auch vorbei. Geert Wilders und Arron Banks boten radikalere
Interpretationen. Letzterer, einer der Wortführer des Brexits, behauptete,
das Römische Reich sei durch Immigration zerstört worden und dass dies nun
auch Großbritannien drohe.
Öffentlichen Einspruch von Historiker*innen [3][quittierte Banks mit
einem generellen Zweifel an akademischer Expertise]. Und ein deutscher
Professor der Alten Geschichte konstatierte im Januar 2016 [4][in der FAZ,]
die römische Willkommenskultur gegenüber Fremden habe zum Untergang des
Reiches geführt. Angela Merkel warnte er gleich vor einer ähnlichen
Entwicklung.
Woher kommt diese große Angst? Zwei Meistererzählungen wurden und werden
hier immer wieder kombiniert und spuken keineswegs erst seit 2015 herum:
der Untergang Roms und die Völkerwanderung.
## Die Pfaffen gegen die Römer
Der Verfall und Untergang Roms verursacht durch wilde Barbarenhorden und
das Christentum ist eine seit dem späten 18. Jahrhundert fest etablierte
Geschichtserzählung. Bis 1789 veröffentlichte Edward Gibbon die sechs Bände
seiner History of the Decline and Fall of the Roman Empire, die die
Geschichte des Römischen Reichs von der Mitte des 2. Jahrhunderts nach
Christus bis zur Einnahme Konstantinopels durch die Türken im Jahre 1453
schildert.
Berühmt sind Gibbons Fußnoten, die nicht nur eine profunde Quellenkritik
belegen, sondern auch humorvoll und zugespitzt formuliert sind. Das Werk
ist literarisch höchst ansprechend und wird bis heute häufig gelesen – ein
echter Klassiker. Aber damit hat The Decline and Fall auch eine mächtige
Meistererzählung in die Welt gesetzt, die man nicht mehr los wird.
Vor Gibbon und der Aufklärung gab es die Idee eines Untergangs schlicht
nicht. Man lebte in oder mit einem Heiligen Römischen Reich, dessen Kaiser
sich in direkter Linie auf Caesar und Augustus zurückführten. Gerade weil
dieses Reich im 4. Jahrhundert christlich geworden war, hatte es eine
immense Legitimation.
Als dann in der Zeit der Französischen Revolution und Napoleons die Welt
sich langsam in Richtung des Industriezeitalters bewegte, wurde die Kirche
ein Hauptfeind des entstehenden modernen Nationalstaats und der sich
emanzipierenden Wissenschaft. Die große Erzählung von Zivilisation, Nation
und Aufklärung formte nun ein positives Bild der Antike, die – unter
tatkräftiger Hilfe der Pfaffen – in einem dunklen Mittelalter untergegangen
sei.
## Eine Projektionsfläche
Im antiken Rom wollten die neuen bürgerlichen Eliten die Ursprünge von
Rationalität, Recht und einem stabilen politischen System entdecken. Im 19.
Jahrhundert diente das Imperium auch als Rechtfertigung für Eroberungen,
koloniale Herrschaft und kulturelle Überlegenheit. Die totalitären Regime
des vergangenen Jahrhunderts wiederum fanden dort Bilder von Stärke und
Ordnung, sie [5][orientierten sich für ihre Propagandabauten gerne an
römischer Architektur].
Geschichte ist eben immer auch die Geschichte der Wahrnehmungen und Bilder,
die man sich von Ereignissen und Strukturen zu bestimmten Zeiten macht. Das
bringt uns zur sogenannten „Völkerwanderung“, die vom 4. bis 6. Jahrhundert
die politische Geografie Europas veränderte. Teilweise auf älteren
gelehrten Debatten beruhend, handelt es sich auch hier um eine
Meistererzählung aus dem Zeitalter Gibbons. Der seit dem späteren 18.
Jahrhundert feststehende deutsche Epochenbegriff „Völkerwanderung“ wurde
ins Polnische, Russische, Rumänische und in die skandinavischen Sprachen
übernommen.
In den romanischen Sprachen bezeichnet man die Epoche jedoch als
„barbarische Invasionen“. Franzosen, Italiener und Spanier dachten also
eher aus einer römischen Perspektive und haben viel negativere
Assoziationen. Sie identifizierten sich mit Rom, während man in deutschen
Landen die siegreichen Barbaren aus dem Norden als die eigenen Vorfahren
stilisierte, die über die dekadente alte Welt triumphierten. Hier spielte
auch ein protestantischer, also antirömischer Reflex eine Rolle.
Im deutschen Kaiserreich gab es dann schwere Zerwürfnisse zwischen
preußischem Staat und [6][katholischer römischer Kirche], das tat ein
Übriges. Absurd mutet heute an, dass ein strammer Deutschnationaler doch
stets seine germanischen Ahnen liebte, während die heutige Rechte sich
anscheinend um die Größe Roms sorgt. In diesem Fall scheint sich das
Geschichtsbild verschoben zu haben.
Generation um Generation deutete also die dramatischen Ereignisse am Ende
der Antike in den europäischen Ländern jeweils neu, idealisierte oder
dämonisierte Hunnen, Alanen, Vandalen, Goten und Burgunder.
## Innerer Streit und strukturelle Instabilität
Was diskutiert man nun aber in den Hörsälen und Seminarräumen unserer
Universitäten? Es ist heute keine in der Fachwelt akzeptierte historische
Tatsache, Einwanderung hätte das Römische Reich zerstört. Manche
Historiker*innen sehen Hunnen und germanischsprachige Verbände
tatsächlich als Auslöser für das politische Ende des Weströmischen Reiches.
Hier kommt aber eine große Relativierung ins Spiel. Zwar gab es nach dem
Jahr 476 (und bis 800 mit Karl dem Großen) keinen Kaiser mehr im
lateinischen Westen, in Konstantinopel regierte jedoch weiter ein Basileus
(griechisch für König) ein Reich, dessen Einwohner sich selbst als Rhomaoi,
Römer, bezeichneten.
In der neueren Forschung werden immer öfter Entwicklungen im Imperium
selbst für die Verwerfungen des 5. und 6. Jahrhunderts verantwortlich
gemacht: Ähnlich wie am Ende der römischen Republik kam es schon im 3.
Jahrhundert zu heftigen Bürgerkriegen und Abspaltungen ganzer Regionen. Die
von Augustus begründete Ordnung hatte von Anfang an unter einem Mangel an
Legitimität gelitten und geriet immer wieder in schwere Krisen. Zudem war
die römische Gesellschaft höchst hierarchisch, ungleich und brutal. Wer arm
war und kein Bürgerrecht besaß, kannte Willkür und Rechtslosigkeit.
Die Neuordnung der westlichen Reichshälfte im 5. Jahrhundert bedingte also
zunächst innere Machtkämpfe, an denen in der Spätantike allerdings fremde
Kriegerverbände beteiligt waren. Diese Truppenverbände – manche in der
Größe kampfstarker Armeen – nennen wir Goten, Vandalen, Franken, Sueben und
Langobarden. Sie begannen in chaotischen Situationen auf eigene Rechnung zu
operieren oder drangen gewaltsam ins Reich ein und übernahmen schließlich
die Macht in einzelnen Regionen.
Weniger die Angriffe von außen, sondern innerer Streit und die strukturelle
Instabilität der kaiserlichen Herrschaft gelten heute als entscheidende
Gründe für die Desintegration des römischen Westens. Diese wäre zudem wohl
vermeidbar gewesen, denn in der Osthälfte des Reiches gelang ja wie erwähnt
die Stabilisierung. Zweifellos waren das 5. und 6. Jahrhundert von Gewalt
und Zerstörung geprägt. Zudem änderten sich grundlegende Strukturen. Städte
wurden kleiner und spielten eine geringere Rolle, der überregionale
Austausch verlor an Bedeutung.
Ob diese Entwicklungen aber vorrangig die Eliten betrafen, ist zu
diskutieren. Womöglich waren Steuerlast und Druck auf die Mehrheit der
Bevölkerung, die in der Landwirtschaft arbeitete, ohne die kostenintensive
imperiale Herrschaft sogar geringer. Auch über einen Kulturbruch am Ende
der Antike lässt sich trefflich streiten. Wäre diese Zäsur so massiv
gewesen, würden wir dann in unseren Schulen noch Latein lernen? Gelehrte
Mönche überlieferten uns die antike Literatur. Aus der alten Welt entstand
die des Mittelalters, jenes Europa, dessen Zerfall nun wieder in
Niedergangsszenarien befürchtet wird.
Eindeutige Bewertungen helfen selten, historische Entwicklungen sind
komplex. Vormoderne Gesellschaften lassen sich nur bedingt mit unserer Welt
vergleichen. Alleine schon die technischen Möglichkeiten bedingen immense
Unterschiede. Im gesamten römischen Reich mit all seinen regionalen
Besonderheiten zwischen Britannien und dem Euphrat lebten maximal 75
Millionen Menschen, das steht in keinerlei Relation zur heutigen
Demografie.
Was man aber beobachten kann, sind sich verselbständigende Diskurse.
Forschungsdebatten stoßen auf Ablehnung, wenn sie vertraute
Geschichtsbilder in Frage stellen. Die starken und einfachen Erzählungen
von Untergang und Eroberung, die großen Akteure, die liebgewonnenen
Gespenster will man sich nicht wegnehmen lassen, zumal in einer immer
komplexer werdenden Welt. Längst haben sich parallele Sichtweisen
verfestigt, viele blicken aus ihren Blasen nicht mehr heraus – und die
Aussagen, die aus ihnen hervorquellen, sind dann entsprechend. Etwa: Man
wird ja wohl noch sagen dürfen, dass die Invasionen der Barbaren Rom dieses
Problem im Stadtbild beschert haben!
25 Oct 2025
## LINKS
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkerwanderung
[2] https://www.welt.de/politik/deutschland/article145532343/Fluechtlingskrise-…
[3] https://twitter.com/Arron_banks/status/805508156143128576
[4] http://www.faz.net/aktuell/politik/staat-und-recht/untergang-des-roemischen…
[5] /Museen-in-den-USA-unter-Druck/!6104888
[6] /Politisches-Erbe-von-Papst-Franziskus/!6081912
## AUTOREN
Roland Steinacher
## TAGS
Flüchtlingssommer
Römer
Christentum
Verschwörungsideologie
Rechter Populismus
Migration
GNS
Papst Franziskus
Dokumentarfilm
Esel
## ARTIKEL ZUM THEMA
Politisches Erbe von Papst Franziskus: Was heißt hier christlich?
Franziskus stand für Religion, die inspirieren will. Der rechte Zeitgeist
propagiert ein autoritäres Christentum. Was wollen die deutschen
C-Parteien?
Arte-Doku über römischen Feldzug: Schleudern auf Schlachtfeldern
Als Römer verkleidete Österreicher und ein Schleuderexperte: Eine Doku
erkundet ein Schlachtfeld und zeigt Forensiker und Ballistiker am Werk.
Mensch und Tier in der Antike: Der Esel war meistens der Dumme
Die Ausstellung „Einfach unentbehrlich“ in Berlin widmet sich dem Esel in
der Antike. Sie erzählt von Ausbeutung, Gewalt – und ein bisschen Liebe.
You are viewing proxied material from taz.de. The copyright of proxied material belongs to its original authors. Any comments or complaints in relation to proxied material should be directed to the original authors of the content concerned. Please see the disclaimer for more details.