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# taz.de -- ME/CFS und Fußball: Wieder sichtbar sein
> Mit der Pandemie ist die Zahl der an ME/CFS Erkrankten hochgeschnellt.
> Betroffene Fußballfans kämpfen mit „Empty Stands“ gegen das
> Vergessenwerden.
Bild: Immer mehr Solidarität, hier bei Rot-Weiß Essen im Pokal gegen Dortmund
350.000 Menschen waren zum [1][Start der Männerfußball-Bundesliga] live im
Stadion. Karl-Philipp Wulfert gehörte nicht dazu. Keine zwölf Kilometer
sind es von seinem Zuhause in Friedrichshain bis zum Stadion an der alten
Försterei, wo sein 1. FC Union Berlin am Samstag mit 2:1 gegen den VfB
Stuttgart gewann. Es könnten jedoch auch genauso gut zwölftausend Kilometer
sein. Für ihn würde es keinen Unterschied machen, denn er hat [2][ME/CFS].
Die Abkürzung steht für Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches
Fatigue-Syndrom, eine chronische Erkrankung mit anhaltender Erschöpfung,
die durch körperliche oder geistige Anstrengung verschlimmert wird.
Mediziner*innen nennen das: Post-Exertionelle Malaise (PEM).
Betroffene [3][nennen es oft einfach einen Crash]. „Das ist wie ein Kater
plus Jetlag plus Grippe, nur schlimmer und länger“, sagt Wulfert.
Die Folgen eines solchen Crashs können über Jahre hinweg andauern. Bei ihm
kam er an Weihnachten vor zwei Jahren. Seither muss er weitgehend im Bett
bleiben. Selbst an Spazierengehen ist nicht zu denken. An ein Fußballspiel
im Stadion schon gar nicht. „Alles, was über Liegen hinausgeht, ist
eigentlich schon zu viel“, sagt Wulfert.
Mit seiner Krankheit ist er nicht allein. Etwa 650.000 Menschen [4][leiden
allein in Deutschland an ME/CFS], mehr als an Diabetes Typ 1 und Multipler
Sklerose zusammen. Meist tritt sie als Folge einer Virusinfektion auf, etwa
bei Pfeifferschem Drüsenfieber oder Grippe – oder aber bei Covid-19. Im
Windschatten der Pandemie ist die Zahl der Betroffenen sprunghaft
angestiegen. Die Übergänge zu Long Covid und Post-Vac-Syndrom sind
teilweise fließend. Auch Wulfert hatte zweimal Covid-19, bevor es zu seinem
Crash kam.
## „Wie Watte im Kopf“
Bei Aiden Luca Maischein war es ähnlich. Der 20-Jährige lebt und studiert
in Mainz. Fußballerisch ist er wie Wulfert in Berlin zuhause, allerdings
bei Hertha BSC. Auch er leidet unter Erschöpfungszuständen. „Ich stehe
morgens auf und fühle mich wie vom Lastwagen überfahren“, erzählt er. Hinzu
kommen die mentalen Folgen. „Das ist manchmal wie Watte im Kopf.“
Im Vergleich zu Wulfert jedoch hat er nur milde Symptome. Er kann – wie
etwa ein Drittel der Betroffenen – weiterhin am Leben teilnehmen, besucht
Vorlesungen und trifft Freund*innen. Auch ins Stadion geht er, so oft er
kann. Etwa sechsmal die Saison. Am Sonntag beim Spiel seiner Hertha in
Darmstadt war er dabei. Mit der Bahn sind das nur dreißig Minuten. Doch er
weiß genau, dass das nicht ohne Folgen bleibt. „Jedes Spiel bedeutet, dass
ich für etwas anderes keine Kraft mehr habe“, sagt er. „Aber ich weiß auc…
dass mir sonst etwas fehlen würde.“
## Crash nach dem Fußballgucken
Die meisten Spiele verfolgt er am Laptop auf dem Bett. Wulfert fehlt selbst
dafür oft die Energie. Manchmal macht er es doch. „Ich habe das EM-Spiel
von Deutschland gegen Frankreich gesehen“, erzählt er. „Danach hatte ich
einen Crash und es ging mir eine Woche erheblich schlechter.“
Ein Großteil seiner Zeit und Energie fließt derzeit allerdings in etwas
anderes. Vor knapp einem Jahr gründete er zusammen mit anderen [5][Empty
Stands], zu Deutsch „Leere Tribünen“. Zunächst war es nur eine Art
Selbsthilfegruppe auf Signal für Fans mit ME/CFS, doch inzwischen ist
daraus sehr viel mehr geworden.
## Kampf um Reichweite
Den Selbsthilfechat gibt es noch immer. Inzwischen tauschen sich dort knapp
90 Fußballfans aus. Getragen von etwa einem Dutzend Aktiven erzeugt die
Gruppe mittlerweile jedoch auch erfolgreich Reichweite zum Thema und wirbt
Spendengelder für die ME/CFS Research Foundation zur Erforschung der
Krankheit ein.
Wer mitmachen will, kann sich an der Spendenliga beteiligen, in der man
freiwillig einen bestimmten Betrag für jedes Tor oder jeden Punkt des
jeweiligen Vereins spendet. Aktuell führt Rot-Weiss Essen vor den Frauen
des FC Barcelona. Die Saison ist jedoch noch lang und man kann jederzeit
einsteigen.
## Solidarität von Fanszenen
Auch in den Stadien ist Empty Stands präsent. So wird es in diesem Jahr
noch gemeinsame Aktionen mit Hannover 96 und dem VfL Osnabrück geben. Bei
Werder Bremen war man im März zu Gast. Darüber hinaus zeigten sich
zahlreiche Fanszenen von Kaiserslautern bis Babelsberg in Form von Bannern
und Spruchbändern solidarisch. Jede Aufmerksamkeit hilft. „Wir sind
unsichtbar, weil wir nicht da sein können“, sagt Maischein. „Es besteht die
Gefahr, dass wir vergessen werden.“
Für ihn und Wulfert ist Empty Stands auch eine Möglichkeit, weiter am
Fußball teilhaben zu können – und sei es auch nur durch das gemeinsame
Tippspiel. „Das ist einfach ein Stück Normalität“, sagt Wulfert. „Ein
bisschen soziale Teilhabe.“ Das klingt nach wenig. Doch für Wulfert und
Maischein und all die anderen, deren Plätze im Stadion leer bleiben,
bedeutet es sehr viel.
25 Aug 2025
## LINKS
[1] /Maenner-Bundesligaauftakt/!6106036
[2] /Selbsthilfe-bei-Long-Covid/!6085469
[3] /Long-Covid/!6061866
[4] /Post-Covid-Long-Covid-und-ME/CFS/!6006017
[5] https://emptystands.me/
## AUTOREN
Jan Tölva
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