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# taz.de -- Sommer der Migration 2015: Liebes Deutschland,
> Unser Autor musste aus Syrien fliehen und kam schließlich in Deutschland
> an. Zehn Jahre später will er nicht mehr beweisen müssen, integriert zu
> sein.
Bild: Ahmad Katlesh auf seinem Balkon
Kaum sind die Syrerinnen und Syrer für einen Moment aus den deutschen
Medien verschwunden, da tauchen sie an anderer Stelle schon wieder auf. Sei
es, [1][weil Baschar al-Assad gestürzt wurde], sei es, weil sie im
Bundestagswahlkampf als Druckmittel herhalten müssen. Ganz gleich, ob es um
ein Verbrechen geht oder ob man sich begeistert darüber äußert, [2][dass
jemand Deutsche vor einem Anschlag „gerettet“ habe] – Syrer sind ein Them…
Wobei sich die Bewunderung des Einzelnen schnell zur pauschalen Abwertung
aller wandeln kann. Und wenn gerade wirklich gar kein Vorwand zu finden
ist, machen Rechtsextreme eben mit KI-generierten Fotos Stimmung gegen uns.
Jetzt, zum zehnten Jahrestag der offenen Tür für Syrerinnen und Syrer,
bringen alle Medien ihre Artikel, Interviews, Reportagen und Statistiken
über uns. So wichtig dieses Datum auch ist – mir als in Deutschland
lebendem Syrer macht das Angst. Ich fürchte, dass diese Aufmerksamkeit
nicht für mehr Verständnis der deutsch-syrischen Wirklichkeit sorgt.
Ich fürchte eher, dass ein großer Teil des medialen Rauschs zum blinden
Angriff gegen uns wird. Folgen wird ein ebenso blinder Gegenangriff
derjenigen, die uns verteidigen wollen. So werden Medien zu
Scheidungsanwälten in einer Ehekrise zwischen Syrern und Deutschland. Aber
diese Scheidung ist unmöglich. Und ich – erstens syrischer Geflüchteter und
zweitens Autor und Journalist – verspüre den Wunsch, über diese Jahre zu
sprechen. Nicht um zu verteidigen oder anzugreifen. Es geht mir auch nicht
darum, unsere Existenz hier zu verteidigen. Ich will erklären, was zwischen
mir und Deutschland passiert ist.
Liebes Deutschland, als ich Anfang dieses Jahres nach Damaskus
zurückkehrte, war die Stadt mir fremd, trotz aller überwältigenden Gefühle,
die mich erfüllten. Ich fühlte mich fern von meiner Mutter, die ich nach
all den Jahren zum ersten Mal wiedersah, meiner Familie, den Trümmern
meines Elternhauses. Nach nur zehn Tagen wollte ich nach Hause
zurückzukehren – in mein Zuhause hier in Berlin. Ich wollte vor den Folgen
des syrischen Kriegs fliehen. Zum ersten Mal fühlte ich mich diesem Land,
Deutschland, und dieser Stadt, Berlin, zugehörig.
Wie so viele bin ich nach der syrischen Revolution gegen Baschar al-Assad
2011 geflohen – wegen persönlicher wie politischer Folgen: der Zerstörung
unseres Eigentums, des Tods von Familienangehörigen durch Bombardierung
oder Haft, der Schikanen der Geheimdienste und einer Verhaftung, die mir
keine Wahl ließ, als zu fliehen.
Zuerst floh ich in den Süden Syriens, zur Familie meines Vaters.
Islamistische Milizen verhafteten mich, um mich zu verhören. Ich flüchtete
weiter nach Jordanien. Eine zwei Monate währende Odyssee, bei der wir uns
in Wäldern vor Scharfschützen versteckten, Gras aßen, um zu überleben, und
nasse Äste oder Laternenpfähle verbrannten, um nicht zu erfrieren.
In Jordanien baute ich mir ein neues Leben als Journalist und
Schriftsteller auf, erlebte jedoch erneut Schikanen durch die Behörden, die
mich benutzen wollten, um Informationen über Syrien zu bekommen. Ich lebte
fast vier Jahre ohne Papiere, bis ich ein Literaturstipendium für das
Heinrich-Böll-Haus erhielt. Sechs Monate dauerte es, bis ich das Visum
bekam und ausreisen durfte. Am Flughafen in Amman wurde mein Pass mit dem
Vermerk „Rückkehr nach Jordanien verboten“ abgestempelt.
Liebes Deutschland, ich erzähle das nicht, um wohlige Emotionen zu wecken –
wohl wissend, dass die Entscheidung, vielen das Leben zu retten, indem man
ihnen die Einreise erlaubte, ihr Menschsein nun auf andere Weise infrage
stellt.
Der Versuch der Rechten, unsere Existenz in diesem Land zu bekämpfen,
trifft uns schwer. Millionen Syrerinnen und Syrer haben Ähnliches wie ich
erlebt – ob sie nun im Land selbst vertrieben wurden, in die Nachbarländer
flohen oder übers Meer nach Europa kamen. Ich erzähle meinen Weg hierher
aus einem Grund: Ich habe mir das Bleiben nicht ausgesucht. Das Bleiben war
anfangs, über viele Jahre und bis vor Kurzem, reine Überlebensstrategie.
Meine Freundinnen und Freunde warnen mich stets, kleine Dörfer oder
ländliche Gegenden seien für Ausländer nicht sicher. Die Erfahrungen, die
ich während meiner ersten zwei Monate in Deutschland als Stipendiat im
Heinrich-Böll-Haus in Langenbroich bei Düren machte, waren aber
ambivalenter. Weil ich zu Beginn nicht zum Ort gehörte und nur an mein
Überleben dachte, kümmerte mich Rassismus einerseits nicht, andererseits
begegnete ich den Menschen um mich herum ohne Vorurteile.
Einmal war ich mit einem irakischen Schriftsteller unterwegs, der mit mir
im Heinrich-Böll-Haus am Waldrand wohnte. In einer Kneipe begrüßte uns die
Wirtin herzlich. Obwohl wir keine gemeinsame Sprache hatten, fand sie immer
einen Weg, uns zum Lachen zu bringen. Mit den anderen Gästen saßen wir um
einen Tisch und versuchten uns Geschichten zu erzählen, obwohl uns die
Worte fehlten. Am Ende übernahmen sie unsere Rechnung und fuhren uns mit
dem Auto nach Hause.
Ein anderer Tag, eine andere Kneipe: Als ich hineinzugehen versuchte,
schrie mich die Besitzerin an und warf mich direkt wieder hinaus.
Die Schwierigkeit der vergangenen Jahre bestand darin, aus dem
Überlebensmodus auszubrechen. Es ging darum, diese Gesellschaft nicht
länger als Zwischenraum zu sehen, zu dem ich nicht gehöre und in dessen
Angelegenheiten ich mich nicht einmische. Sondern als Gemeinschaft, deren
Teil ich bin.
Diese Partnerschaft verpflichtet mich, für meine Präsenz einzustehen,
politisch mitzuwirken. Nicht als Werkzeug anderer, nicht als Sündenbock für
politische Versäumnisse oder als Objekt historischer Schuldkomplexe.
Wenn Politiker fortwährend „Integration“ fordern, müssten sie folgerichtig
auch fordern, dass Rassismus, Entmenschlichung und Diskriminierung bekämpft
werden. Denn kein Geflüchteter kann „integriert“ sein, ohne sich als Teil
der Gesellschaft zu fühlen. Ungleichbehandlung verhindert, dass Menschen
sich wirklich als Teil dieser Gesellschaft fühlen können. Darum finde ich
es noch immer befremdlich, wenn viele derer, die ständig Integration
fordern, gleichzeitig jene bekämpfen, die sich gegen Rassismus wenden.
Vielleicht ist es an der Zeit für Gegenintegrationskurse. Integration darf
keine Einbahnstraße sein.
Von Nordrhein-Westfalen zog ich nach der Coronapandemie nach Berlin. Die
Stadt unterscheidet sich von allen anderen in diesem Land. Sie vereint alle
Fremden. Die sozialen, kulturellen und politischen Kreise hier sind andere.
Berlin wird damit zu einem sicheren Raum. Aber ein Teil von mir will dieser
Sicherheit nicht völlig trauen: Sie ist an die Stadt gebunden, nicht an die
deutsche Gesellschaft insgesamt. Berlin bleibt so eher ein Zufluchtsort.
Bis heute versuche ich, wie damals in der Kneipe, zwischen individuellem
und institutionellem Rassismus zu unterscheiden. Vielleicht hilft das,
nicht in die Berliner Blase zu fliehen, sondern mich um ein Zusammenleben
im ganzen Land zu bemühen. Um einen gemeinsamen Raum, nicht nur einen
Zufluchtsort, in dem religiöse, politische und soziale Unterschiede
bestehen, aber das Gesetz sie alle schützt. Um ein Land, in dem die
Institutionen Rassismus bekämpfen. Ich will eine Beziehung aufbauen zu
diesem Land, in das ich nicht freiwillig kam, zu dem ich jetzt aber gehören
will.
## Wir stehen hier für unsere Existenz ein
Meine Ehefrau ist Deutsche und stammt aus Asien. Auf deutschen Straßen
erleben wir weniger Rassismus, wenn wir zusammen unterwegs sind. Treffen
wir eine rassistische Person, sieht man gleich, wie hilflos sie ist, wen
zwei Menschen mit unterschiedlichem Migrationshintergrund vor ihr stehen.
Für jede Gruppe gibt es stereotype Sprüche und Beleidigungen. Doch wenn wir
zusammen sind, ist unklar, welche rassistischen Sprüche nun die richtigen
sind.
Meine Frau war auch dabei, als ich Anfang des Jahres zum ersten Mal wieder
nach Syrien reiste. Als wir durch die Altstadt von Damaskus spazierten,
riefen Teenager „Ni hao“, also „Hallo“ auf Mandarin, um unsere
Aufmerksamkeit zu erregen, uns in ihre Geschäfte zu locken. Das störte mich
mehr als manche rassistischen Sprüche, die ich in Deutschland hörte. Doch
meine Frau, die in Deutschland über jede rassistische Bemerkung wütend
wird, reagierte in Syrien milde. [3][Rassismus sei etwas anderes], sagte
sie. Rassismus erkläre Menschen für höher- oder minderwertig und wirke sich
auf das ganze Leben aus – auf private Entscheidungen, Arbeit, Wohnung,
Gesundheit. Trotzdem konnte auch meine Frau die Rufe nach einigen Tagen
nicht mehr ertragen.
Mein Zugehörigkeitsgefühl zu Syrien litt darunter. Mein geliebtes Land, in
dem ich zwei Drittel meines Lebens verbracht hatte. Plötzlich war da eine
Barriere, die mich daran hinderte, wirklich wieder ein Teil der
Gesellschaft dort zu sein.
So kehrten wir nach Deutschland zurück, in ein Land, in dem uns ebenfalls
viele ablehnen. Aber wir haben hier ein Zuhause. Wir stehen hier für unsere
Existenz ein. Diesen kleinen Ort als meine neue Heimat zu empfinden,
bedeutet für mich, dass ich nicht beweisen muss und auch nicht mehr
beweisen will, ausreichend integriert zu sein. Ich weigere mich, auf dem
politischen Börsenparkett gehandelt zu werden, wo der „Syrerkurs“ nach
jedem Vorfall, jeder Nachricht, jeder Veränderung oder jeder Wahl steigt
oder fällt. Ich kann so leben wie die anderen und mich auf andere Dinge
konzentrieren, die mir wichtig sind.
Jetzt, nach all diesen Jahren, wähle ich bewusst, hier zu bleiben. Die
Verbindung ist unlösbar. Mein Zuhause ist jetzt hier, in Deutschland.
16 Aug 2025
## LINKS
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[2] /Herkunftsdebatte-nach-Attentaten/!6087003
[3] /Rassismus-als-System/!5702380
## AUTOREN
Ahmad Katlesh
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