# taz.de -- Kinderverschickung nach Borkum: Ungewolltes Erinnern | |
> Auf Borkum gab es Kurheime, in denen zehntausende Kinder Leid erfuhren. | |
> Bis heute tut sich die Insel schwer damit. Nun gibt es einen | |
> Erinnerungsort. | |
Bild: Künstler Friedhelm Welge, Pastor Jörg Schulze, und die Betroffenen Silk… | |
Borkum taz | Die Nacht vor der Abreise hat Friedhelm Welge nicht | |
geschlafen. Um fünf Uhr in der Früh am Dienstag vor einer Woche hat der | |
73-Jährige seine Wohnung in Frankfurt am Main verlassen und ist am Bahnhof | |
in den Zug gestiegen, um mittags in Emden die Fähre nach Borkum zu | |
erwischen. Die Nordseeinsel, die er eigentlich nie wieder betreten wollte. | |
Sechs Wochen verbrachte er hier als Fünfjähriger auf Kinderkur. Welges | |
Erinnerungen daran sind schemenhaft, blitzmäßig grell, quälend. Nun hat er | |
sie mit seinen Mitteln als Künstler zu verarbeiten versucht, seine Gefühle | |
von damals in weißen Travertinstein gehauen. | |
„Es hat in mir gearbeitet, auch wenn ich es lange verdrängt habe“, sagt er. | |
Die Skulptur hat Welge „Ängstliches Verschickungskind“ getauft. Sie soll am | |
nächsten Tag der Öffentlichkeit als Erinnerungsort zugänglich gemacht | |
werden. Ein Kraftakt nicht nur für ihn, sondern für eine ganze Gruppe | |
ehemaliger Verschickungskinder, die nicht von Anfang an Unterstützung auf | |
der Insel für ihr Vorhaben fanden. | |
[1][Zwischen neun und zwölf Millionen Kinder sind zwischen 1949 und 1989 in | |
der Bundesrepublik zur Kinderkur geschickt worden]. Allein, mit kleinem | |
Gepäck wurden sie auf Anraten von Ärzten, Jugend- und Gesundheitsämtern | |
meist präventiv auf Erholungskur geschickt. Oft weit weg, in die Berge oder | |
an die Küste. Um zuzunehmen, um als Stadtkinder ihre blasse Gesichtsfarbe | |
zu verlieren, um bronchialen Erkrankungen vorzubeugen. Die Kinder erfuhren | |
oftmals psychische und physische Gewalt, Demütigungen. | |
## Bundesweit gab es bis zu 2.000 Kinderkurstätten | |
Auch ich war ein Verschickungskind, auch ich war auf Borkum, sogar im | |
gleichen Heim wie Friedhelm Welge, aber einige Jahre später. Viele Städte | |
hatten sogenannte Entsendestellen. Die Bahn übernahm die Transporte. | |
Krankenkassen oder Versicherungsträger zahlten. Wohlfahrtsverbände, | |
Kommunen oder kirchliche Einrichtungen betrieben Kinderkurheime. Ein | |
Drittel der Heime wurden privat geführt, unterstanden aber der Kontrolle | |
der Landesjugendämter, die im Fall der Nordseeinseln weit weg waren. | |
Die Hoch-Zeit der Kinderverschickung waren die kinderreichen 1960er Jahre. | |
Bundesweit gab es zeitweise bis zu 2.000 Kinderkurstätten, wie [2][eine | |
neue Studie der Humboldt-Universität] zeigt. Auf Borkum existierten 33 | |
Kinderkurheime, große und kleine, mit insgesamt 1.500 Plätzen. Groß wie das | |
katholische Kinderkurheim Sancta Maria, wo Friedhelm Welge mehrfach so | |
lange vor seinem Kinderteller sitzen musste, bis er das von ihm Erbrochene | |
aufgegessen hatte. Oder das von der Diakonie betriebene Adolfinenheim, wo | |
Silke Ottersbach und Uwe Rüddenklau eine dunkle Zeit verbrachten. Auch die | |
beiden sind zur Einweihung der Erinnerungsstätte Ende Juli nach Borkum | |
gekommen, beide haben viel dafür getan. | |
„Ich habe hinterher kaum noch gegessen und gesprochen“, erinnert sich der | |
61-Jährige Uwe Rüddenklau, Vorsitzender der Bundesinitiative | |
Verschickungskinder. „Ich kam vom Bauernhof, meine Familie wunderte sich“, | |
erinnert er sich. „Aber reden war ja verboten gewesen. Wir mussten uns für | |
die Mahlzeiten mit den Händen hinter dem Rücken vor dem Tisch aufstellen | |
und auf das Kommando ‚Jetzt essen‘ hinsetzen – und alles aufessen.“ | |
Silke Ottersbach konnte im Anschluss an die Kur jahrelang nicht weinen, | |
erzählt sie. „Jegliche Verspieltheit und Leichtigkeit des Kindseins war | |
weg“, erinnert sich die 55-Jährige. „Ich verschloss mich völlig. Meine | |
Kindheit war nach den sechs Wochen zu Ende.“ Ottersbach war damals neun | |
Jahre alt und begleitete ihre ältere Schwester, die in einem anderen Haus | |
untergebracht war und nach eigener Auskunft „eine gute Zeit“ hatte. | |
Geschwister wurden prinzipiell getrennt. Ottersbachs Eltern glaubten der | |
Schwester. | |
Dass es nun einen Erinnerungsort auf Borkum für die Geschichte der | |
Kinderverschickung gibt, nahm seinen Anfang im November 2021, als sich die | |
bundesweite Initiative der Verschickungskinder auf Borkum zu einem Kongress | |
traf. Dort lernten sich auch Welge, Rüddenklau und Ottersbach kennen. Es | |
bildeten sich sogenannte Heimortgruppen zum Erfahrungsaustausch. Und wer | |
nach Borkum verschickt worden war, konnte während des Kongresses losziehen | |
und nachschauen, was aus seinem oder ihrem ehemaligen Heim geworden ist. | |
[3][Auch die taz war damals dabei und berichtete]. | |
Das Kinderkurheim Sancta Maria ist heute eine Mutter-Kind-Klinik und wird | |
noch immer vom Orden der Franziskanerinnen in Thuine betrieben. Mir ist es | |
beim Kongress anhand von Fotos gelungen, das Sancta Maria als „mein“ Heim | |
zu identifizieren. Wir Mädchen schliefen in Baracken, die in den Dünen | |
standen. Das Haus selbst, ein großer weißer Kasten im Stil eines Kurhotels, | |
bleibt mir auch 2025 fremd. Doch der Sportplatz, der sich dort befindet, wo | |
früher die Baracken gestanden haben könnten, und die grasbewachsene | |
Dünenlandschaft lösen etwas in mir aus. Wie ich im Freien das Laken im | |
kalten Wasser eines Blecheimers auswaschen musste, vor der Gruppe, weil ich | |
nachts ins Bett gemacht hatte. Es muss nicht hier gewesen sein, könnte aber | |
so stattgefunden haben. Im kalten Frühjahrswind, ich war fünfeinhalb Jahre | |
alt. Dieses Gefühl der Beschämung überblendet bis heute alle anderen | |
Erinnerungen. | |
Im Laufe der 1980er Jahre nahm die Zahl der Kinderkuren rapide ab. Heute | |
gibt es Mutter- oder Vater-Kind-Kuren, so auch im Sancta Maria. Friedhelm | |
Welge ist ebenfalls 2021 dort vorbeigegangen. Er habe es wiedererkannt, | |
sagt er. Erinnerungen an die strengen Nonnen kamen hoch. Damals zeichnete | |
er den schmalen Strandzugang durch die Dünen, von schwarzen Strichen wie | |
dem Habit der Nonnen flankiert. Die Skizze versenkte er auf der Rückfahrt | |
im Meer. „Dieser Akt war wohl nicht nachhaltig genug“, sagt der gebürtige | |
Krefelder jetzt. Da musste wohl noch die Skulptur in Angriff genommen | |
werden. | |
Am Vorabend der Einweihung am 30. Juli geht Welge „ein bisschen aufgeregt“ | |
zur geplanten Erinnerungsstätte in der Borkumer Süderstraße. Am Ortsrand | |
gelegen, führt sie direkt zum Südstrand, wo die Strandpromenade beginnt. | |
5.200 Menschen leben in und auf Borkum; die westlichste der ostfriesischen | |
Inseln hat nur eine Gemeinde, ein Zentrum. Drei Leuchttürme, drei Kirchen, | |
ein Heimatmuseum, mehrere Kliniken, eine folkloristische Inselbahn, viele | |
Hotels und Ferienwohnungen. Der Bädertourismus, der bereits im 19. | |
Jahrhundert einsetzte und wo man schon vor dem Ersten Weltkrieg keine | |
jüdischen Gäste zu empfangen wünschte, ist die ausschließliche | |
Einnahmequelle. Jetzt, Ende Juli, ist Hochsaison, überall rumpeln | |
Kinderwagen und Fahrräder übers Pflaster, die Eisdielen sind trotz des | |
nassen Wetters voll. | |
## Die Gemeinde stellte keinen Ort für die Skulptur | |
Welges Skulptur ist noch unter einer grünen Plane verborgen. Der Bildhauer | |
lupft eine Seite und zuckt zusammen, da die 1,53 Meter hohe, aber schmale | |
Figur nicht ganz gerade oder fest zu stehen scheint. Lokale Handwerkerinnen | |
sollten sie mit der schräg verlaufenden rostfarbenen Stahlplatte | |
verschrauben, auch das ein Entwurf Welges. In die Platte wurde ein Text | |
gelasert, der das Phänomen der Kinderverschickung erklärt. Die Skulptur | |
zeigt den Oberkörper eines Kindes mit aufgerissenem Mund und hoch erhobenen | |
Armen. Expressiv und abstrakt zugleich. „Du kannst als Künstler nicht nur | |
als Betroffener agieren“, erklärt Welge, meist mit Käppi und Sonnenbrille | |
unterwegs. „Man braucht eine Energie, die in jedem Fall von der eigenen | |
Betroffenheit abstrahiert.“ Es ist ihm gelungen. | |
Um Passanten einen Moment des genaueren Hinschauens oder Verweilens zu | |
ermöglichen, wurde der Platz vor der Installation mit roten Steinen neu | |
gepflastert. Links befindet sich ein Friedhof, rechts erhebt sich der | |
Neubau einer Kita. Dort stand früher das Adolfinenheim, das lange von | |
evangelischen Diakonissen betrieben wurde. Schon 1921 als Kinderheilstätte | |
gegründet, durchliefen es in den sieben Jahrzehnten seines Bestehens | |
insgesamt 90.000 Kurkinder. 1996 wurde es geschlossen, das Haus abgerissen. | |
2022 gab die Diakonie Niedersachsen eine Studie zur Aufarbeitung der | |
Geschichte des Heims in Auftrag. Auch Silke Ottersbach und Uwe Rüddenklau | |
steuerten Erfahrungsberichte bei. Nach der Veröffentlichung kam es zu einem | |
Treffen zwischen ehemaligen Kurkindern des Adolfinenheims und der Diakonie | |
in Bremen. „Damals entstand der Wunsch, einen Erinnerungsort zu schaffen, | |
der an das Leid der Borkumer und aller Verschickungskinder erinnert“, sagt | |
Ottersbach. Die Diakonie Niedersachsen sagte finanzielle Unterstützung zu. | |
Ursprünglich hatte sich die Borkum-Austauschgruppe einen zentralen | |
Erinnerungsort gewünscht, vielleicht am Bahnhof, wo die Kinder mit der | |
Inselbahn ankamen. Doch die Stadt Borkum ist ihnen diesbezüglich nicht | |
entgegengekommen. In einer Mail des parteilosen Bürgermeisters Jürgen | |
Akkermann an die Initiator*innen hieß es, es gebe schon mehrere | |
Erinnerungsstätten auf der Insel, man habe keine öffentlichen Flächen | |
dafür. So berichtet es Uwe Rüddenklau. Die Enttäuschung war groß. Immerhin | |
hatte die Stadt Borkum 2021 ihre Kulturinsel für den Kongress der | |
Verschickungskinder zur Verfügung gestellt. | |
Man tut sich schwer mit der Vergangenheit der Insel. Warum ist das so? | |
„Die lange Tradition der Kinderkuren ist ein vergessenes Kapitel der | |
Borkumer Geschichte“, heißt es in der Einleitung [4][zur Studie „Zwischen | |
Zwang und Erholung“ über das Adolfinenheim], verfasst von Achim Tischer und | |
Gerda Engelbracht. „Während in den offiziellen Darstellungen die auch heute | |
noch betriebenen Rehabilitationseinrichtungen genannt werden, findet sich | |
kein einziger Hinweis auf die zahlreichen Kinderkurheime. Dabei hatten die | |
Heime für die Insel fast ein Jahrhundert lang eine erhebliche – auch | |
wirtschaftliche – Bedeutung.“ In den Kinderkurheimen arbeiteten Menschen | |
aus Borkum: in der Küche, bei der Betreuung, als Zulieferer. Die Heime | |
waren „Arbeitgeber, Steuerzahler, Kunden“, so die Studie. | |
„Die Angst, den Tourismus zu schädigen, sitzt bis heute tief“, sagt | |
Inselpastor Jörg Schulze. „Das steckt in den Köpfen fest.“ Von Anbeginn | |
unterstützte Schulze die Anliegen der ehemaligen Borkumer | |
Verschickungskinder – sei es bei Archivanfragen, sei es mit findigen | |
Lösungen für Probleme mit der Inselverwaltung oder lokalen Gewerken. | |
## Die Kirche stellt sich der Vergangenheit | |
Am Vorabend der Einweihung treffen sich externe und lokale | |
Initiator*innen bei Fischsuppe oder gegrilltem Fisch. Auch Pastor | |
Schulze sitzt dabei. Nachdem er 2011 seinen Dienst angetreten hatte, sorgte | |
er dafür, dass 2014 am Gemeindehaus eine Plakette angebracht wurde, die | |
kritisch die Rolle seiner eigenen Kirche hinterfragt. Einer seiner | |
Vorgänger, Ludwig Münchmeyer, predigte ab den 1920er Jahren Antisemitismus | |
von der Kanzel – als Pastor der evangelisch-lutherischen Christuskirche auf | |
Borkum, an der Schulze jetzt arbeitet. „Sie machen sich langsam unbeliebt“, | |
habe man ihm damals auf der Straße zugeflüstert, erinnert er sich. | |
Antisemitismus und Nationalsozialismus, das sind düstere Kapitel der | |
Borkumer Geschichte. Auch da gibt es Querverbindungen zur | |
Kinderverschickung. Auf dem evangelisch-lutherischen Friedhof der Gemeinde | |
liegt der ehemalige Leiter des Kinderkurheims Möwennest. Werner Scheu war | |
ein SS-Mann, der sich nach Kriegsende als Arzt auf Borkum niederließ. 1960 | |
flog er auf und wurde erstinstanzlich zu nur sechs Jahren Haft verurteilt – | |
als „Gehilfe“ und nicht als Täter bei der Ermordung von über 200 jüdisch… | |
Zwangsarbeitern in Litauen. Der BGH hob das skandalöse Urteil später auf. | |
Seine Frau Anne-Liese leitete das Kinderkurheim weiter. | |
Das Gelände gleich neben dem Friedhof, wo Scheu begraben liegt, gehört der | |
Kirche. Als sich die Borkum-Austauschgruppe ratlos an den Inselpastor | |
wandte, weil man bei der Stadt keine Unterstützung für einen Standort für | |
das geplante Mahnmal fand, kam Schulze auf die Idee, diesen Ort dafür | |
umzugestalten. „Das war unser Rettungsanker“, sagt Silke Ottersbach. Der | |
Pastor brachte den Vorschlag im Kirchenvorstand ein, die Ökumene stimmte | |
schnell und einstimmig dafür. So kann es auch gehen. | |
„Wir beschäftigen uns sehr mit der Geschichte der Insel“, hält Borkums | |
Bürgermeister Jürgen Akkermann auf Nachfrage der taz entgegen. Er hat seine | |
Teilnahme an der Einweihung angekündigt, wird eine Rede halten. „Es braucht | |
eine differenzierte Sicht auf die damalige Zeit“, erklärt er. Man dürfe | |
nicht vorschnell verallgemeinern. „Viele haben nicht hingesehen, | |
beziehungsweise man ordnete Vorgänge, gemessen am damaligen Zeitgeist, | |
anders ein.“ Und die Stadt habe keine eigenen Heime betrieben. Im | |
Adolfinenheim hatten die früher ehrenamtlichen Bürgermeister aber einen | |
Sitz im Aufsichtsgremium. Dass er bei der Einweihung spreche, sagt | |
Akkermann, sei „auch eine Botschaft an die Bevölkerung, die den Gedenkort | |
durchaus kritisch sieht“. Viele fürchteten, die Insel und die damaligen | |
Mitarbeiterinnen würden zu Unrecht stigmatisiert. „Es gab auch viele | |
positive Beispiele in vielen anderen Heimen.“ | |
Auf die Anfrage der Borkum-Austauschgruppe, ob die Gemeinde und die | |
Diakonie 10.000 Euro und die Franziskanerinnen 5.000 Euro für die | |
Gedenkstätte und eine mögliche Broschüre beisteuern können, gab es ein | |
positives Gespräch im Vorfeld, heißt es aus der Gruppe. Dann aber sei es | |
lange stumm geblieben. Schließlich schoss die Gemeinde eine kleine Summe | |
bei. Haushaltssperre, heißt es offiziell. „Wir hätten uns gewünscht, dass | |
uns die Gemeinde Wege aufzeigt, Alternativen zu finden“, sagt Uwe | |
Rüddenklau. | |
## Esszwang und Briefzensur | |
Borkum war nicht die einzige Nordseeinsel mit zahlreichen Kinderkurheimen. | |
Hatten die Nordseeinseln etwas Spezifisches? „Ihnen allen ist gemein, dass | |
die Kinderkurheime wirtschaftliche Bedeutung hatten. Dass die Einrichtungen | |
sehr konzentriert auf engem Raum und schwer zu erreichen waren. “ Das sagt | |
am Telefon Helge Pösche, der im Team des Historikers Professor Alexander | |
Nützenadel von der Berliner Humboldt-Universität an einer über 700 Seiten | |
dicken Studie „[5][Zur Geschichte der Kinderkuren und | |
Kindererholungsmaßnahmen in der BRD zwischen 1945 und 1989“] mitgearbeitet | |
hat. Pösche hat sich mit der Insel Norderney beschäftigt. Gibt man in der | |
Studie „Borkum“ als Stichwort ein, tauchen 44 Einträge auf. Mehrfach auch | |
das Heim Sancta Maria mit Berichten zu Esszwang und Briefzensur. Auch gab | |
es Beschwerdebriefe von Eltern zu Prügelstrafen. | |
Entstanden ist die Studie im Auftrag der Deutschen Rentenversicherung und | |
der Diakonie, des Deutschen Roten Kreuzes und der Caritas, drei der großen | |
Wohlfahrtsverbände. Im Mai 2025 wurden die Ergebnisse präsentiert. Das | |
nüchterne Fazit: Es gab „verbreitete und strukturell bedingte Missstände“, | |
oft verursacht durch überalterte Leitungen, Personalmangel, schlechte | |
Infrastruktur. Entsendestellen und Behörden hätten auf Beschwerden selten | |
reagiert. | |
Auf viele – nicht alle – Heime mag der soziologische Begriff der „totalen | |
Institution“ zugetroffen haben, waren sie doch eine abgeschlossene Welt und | |
der sozialen und amtlichen Kontrolle entzogen. Der Begriff ist strittig. | |
Beim Borkumer Adolfinenheim kommt die Diakonie-Studie zu dem Ergebnis, dass | |
die Kriterien einer „geschlossenen Institution“ zutreffen. Der Berliner | |
Historiker Pösche wünscht sich, dass exemplarisch mehr einzelne Heime unter | |
die Lupe genommen werden. „Es gab große Unterschiede zwischen ihnen“, sagt | |
er. „Wie kam es dazu? Und wie unterschieden sich die Kinderkurheime von | |
anderen pädagogischen Einrichtungen jener Zeit? Haben sich hier veraltete | |
pädagogische Standards länger gehalten als woanders?“ Fragen über Fragen. | |
„Das Kinderkurwesen ist noch lange nicht ausgeforscht“, sagt der | |
Historiker. | |
Seit 2019 organisieren sich ehemalige Verschickungskinder, es gibt einen | |
Forschungsverein und den jährlichen Kongress, Regionalgruppen und | |
Video-Meetings zum Austausch über einzelne Kurorte. Seit einigen Jahren | |
nehme ich sporadisch an den Treffen der Borkum-Austauschgruppe teil. Noch | |
immer stoßen neue Ehemalige dazu. Manche suchen ihr Heim, manche erinnern | |
Namen, Gerüche, Besenkammern, andere erinnern so gut wie gar nichts. Ich | |
selbst habe durch diese Treffen und die Berichte anderer gelernt, dass es | |
nachts ein Toilettenverbot in den Heimen gab. Daran erinnerte ich mich | |
nicht, nur an das Ergebnis. | |
## „Ein Moment der Versöhnung“ | |
Am 30. Juli, um 11.30 Uhr, ist es so weit. Es ist bewölkt, stürmisch, | |
dennoch sind rund 80 Menschen zur Einweihung der Gedenkskulptur gekommen. | |
Friedhelm Welge entfernt die grüne Plane von der Installation, er spricht | |
ein Gedicht und erklärt, dass, wer mag, symbolisch einige Muscheln unter | |
der Skulptur ablegen könne. Pastor Schulze und sein katholischer Kollege | |
sprechen den Segen, ihr Talar weht im Wind. Auch Schwester Maria Cordis | |
Reiker ist gekommen, die Generaloberin des Thuiner Franziskanerinnenordens. | |
Beim anschließenden Empfang bei der benachbarten Feuerwehr spricht auch sie | |
und entschuldigt sich bei den Betroffenen für das in Sancta Maria erfahrene | |
Unrecht und Leid. Die Generaloberin wendet sich an den Bildhauer direkt: | |
„Sie haben einen Ort und einen Ausdruck für Ihre eigene Verfassung | |
gefunden. Wir haben einen Ort gesucht, der unsere Trauer und Beschämung | |
ausdrückt.“ | |
Friedhelm Welge ist nach der Veranstaltung erleichtert. „Ich bin zufrieden | |
mit der Eröffnung“, sagt er. „Weil ich bemerkt habe, dass man die Menschen | |
damit berührt. Aber ob ich noch mal wiederkomme, das weiß ich nicht.“ | |
Für Silke Ottersbach und Uwe Rüddenklau geht die Arbeit weiter. „Es war | |
kein Punkt, sondern ein Komma und heute ein Ausrufezeichen“, sagt | |
Rüddenklau in seiner Ansprache. „Ein Moment der Versöhnung.“ Pastor Jörg | |
Schulze wird Ende August in den Ruhestand gehen und die Insel verlassen. | |
„Wir brauchen Erinnerungsorte“, sagt er, „wo wir unserer Geschichte und | |
damit uns selbst begegnen“. Die stellvertretende Bürgermeisterin, sie hat | |
sich extra freigenommen an diesem Tag, will dem Heimatverein das Thema | |
Kinderverschickung für eine Ausstellung vorschlagen. | |
Im Archiv des Vereins dürften noch Unterlagen zu finden sein. | |
8 Aug 2025 | |
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[1] /Kuraufenthalte-von-Kindern/!5818643 | |
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Sabine Seifert | |
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