| # taz.de -- Soziologin über Antisemitismusresolution: „Repression ist nicht … | |
| > Die Bundestagsresolution zum Schutz jüdischen Lebens verenge das Problem | |
| > Antisemitismus zu sehr, kritisiert die Soziologin Paula-Irene Villa | |
| > Braslavsky. | |
| Bild: Free-Palestine-Demo an der Universität der Künste in Berlin im Dezember… | |
| taz: Frau Villa Braslavsky, am Donnerstag wollen die Ampel-Fraktionen und | |
| die Union im Bundestag eine [1][Resolution gegen Antisemitismus] | |
| verabschieden. Was stört Sie am Inhalt? | |
| Paula-Irene Villa Braslavsky: Das Kernproblem ist die Verengung des | |
| Antisemitismusbegriffs auf die sogenannte IHRA-Definition und deren | |
| Kopplung mit Förderfragen. Die IHRA soll „maßgeblich“ dafür sein, welche | |
| Organisationen und Projekte staatliches Geld bekommen – oder eben nicht | |
| mehr. In einer früheren Version war die Formulierung sogar noch schärfer. | |
| taz: Manche finden, die IHRA-Definition stufe auch Positionen als | |
| antisemitisch ein, die eigentlich bloß legitime Kritik an der israelischen | |
| Politik sind. | |
| Villa Braslavsky: Ich lehne die IHRA-Definition nicht grundlegend ab und es | |
| gibt tatsächlich Antisemitismus, der sich als Kritik an Israel tarnt. Aber | |
| aus gutem Grund ist in der Wissenschaft und auch zivilgesellschaftlich | |
| umstritten, [2][wo genau Antisemitismus anfängt]. Da will die Politik nun | |
| hineinreden und eine bestimmte Version festschreiben. Das ist | |
| hochproblematisch. Und dafür ist das IHRA-Dokument auch gar nicht gedacht. | |
| Das Dokument gibt entlang von Beispielen eher einen Überblick darüber, wo | |
| sich Antisemitismus verbergen kann. | |
| taz: Sie haben zusammen mit anderen Intellektuellen [3][in der FAZ | |
| Alternativvorschläge für die Resolution gemacht.] | |
| Villa Braslavsky: Uns hat auch irritiert, dass aus dem Inhalt der | |
| Resolution so lange ein Geheimnis gemacht wurde, genauso wie aus dem | |
| Zeitplan und dem Stand der Verhandlungen. Wir haben das zum Anlass | |
| genommen, um unsere Alternative zu formulieren. | |
| taz: Was schlagen Sie vor? | |
| Villa Braslavsky: Wir fordern zunächst die systematische Anerkennung und | |
| aktive Berücksichtigung von jüdischem Leben in seiner Vielfalt. Wir | |
| schlagen zudem vor, nicht eine einzelne Definition von Antisemitismus | |
| absolut zu setzen und keine Eindeutigkeit zu suggerieren, wo keine ist. | |
| Stattdessen können mehrere Definitionen nebeneinander stehen. Dafür muss | |
| man anerkennen, dass Antisemitismus nicht im luftleeren Raum für alle | |
| Situationen und Konstellationen definierbar ist. | |
| taz: Wie soll dann verhindert werden, dass staatliches Geld an | |
| antisemitische Organisationen und Projekte fließt? | |
| Villa Braslavsky: Bundestagsresolutionen verhindern das eh nicht, sie sind | |
| ja rechtlich unverbindlich. Daher muss diese Frage immer im Einzelnen und | |
| je nach Förderform spezifisch abgewogen werden, auch abhängig von dem | |
| entsprechenden Feld, etwa Wissenschaft oder Kultur. Und es müssen Kriterien | |
| entwickelt werden, die die Autonomie von Wissenschaft, Kultur, Medien | |
| respektieren. Ansonsten gilt, zu Recht, das Recht. | |
| taz: Auch an anderen Stellen sind Ihre Forderungen deutlich vorsichtiger | |
| und flexibler als die Bundestagsresolution, die ja nicht nur mehr Kontrolle | |
| bei der Auszahlungen staatlicher Gelder fordert, sondern auch | |
| Verschärfungen im Straf- und Aufenthaltsrecht. | |
| Villa Braslavsky: Wir wollen Antisemitismus nicht verharmlosen und | |
| unterschätzen. Wir setzen auf gesellschaftliche Selbstaufklärung statt auf | |
| Repression. Es braucht die öffentliche Auseinandersetzung, wie etwa den | |
| Streit um die Documenta 2022 oder um die Pro-Palästina-Camps an den | |
| deutschen Unis. | |
| taz: Halten Sie die Diskussion um Antisemitismus, wie wir sie in den | |
| letzten Jahren erlebt haben, wirklich für erstrebenswert? | |
| Villa Braslavsky: Die Diskussionen waren und bleiben wichtig, auch wenn das | |
| Niveau teils unterirdisch und toxisch ist. Aber da müssen wir durch, da | |
| sind wir alle gefordert. Diskussionen sind immer individuelle, | |
| organisationale und gesellschaftliche Lernchancen. Die Alternative ist | |
| Autoritarismus. | |
| taz: Ist das nicht etwas naiv? | |
| Villa Braslavsky: Das ist keine triviale Frage für mich, ich bin ja selbst | |
| jüdisch. Es kann immer sein, dass man falsch liegt; es mag also naiv sein, | |
| ja. Ich glaube aber, dass der repressive Ansatz der Bundestagsresolution | |
| nicht der richtige Weg ist. Vielleicht muss man manchmal ein Stück Naivität | |
| wagen und uns allen zutrauen, dass wir an Konflikten und | |
| Auseinandersetzungen lernen. | |
| taz: Der Resolutionstext des Bundestags widmet sich sehr ausführlich | |
| Antisemitismus an Universitäten. Erleben Sie als Professorin das auch als | |
| ein großes Problem? | |
| Villa Braslavsky: So wie es in der Gesamtgesellschaft Antisemitismus gibt, | |
| findet er sich auch an den Unis. Da muss man hinschauen. Eine Studie im | |
| Auftrag des Bildungsministeriums hat vor kurzem aber auch gezeigt, dass | |
| Studierende im Schnitt weniger antisemitisch sind, als | |
| Durchschnittsbürger*innen. | |
| taz: Der Resolutionstext suggeriert etwas anderes. | |
| Villa Braslavsky: In der Resolution steckt auch Ideologie und Populismus. | |
| Da wird die Wissenschaft als dubioser Gegner suggeriert. Das Muster ließ | |
| sich ja dieses Jahr auch schon beobachten, als das | |
| Bundesbildungsministerium Listen mit politisch nicht opportunen | |
| Wissenschaftler*innen erstellt hat, denen die Förderung entzogen | |
| werden sollte. Das ist sehr dubios, bis heute ist das nicht angemessen | |
| aufgeklärt. So oder anders, man will in Deutschland Antisemitismus immer | |
| gern bei spezifischen gesellschaftlichen Gruppen identifizieren – nie in | |
| der Mehrheitsgesellschaft, nie bei sich. | |
| taz: Gilt das auch für den starken Fokus der Bundestagsresolution auf | |
| Antisemitismus unter Muslim*innen und Migrant*innen? | |
| Villa Braslavsky: Es gibt zweifellos Antisemitismus in diesen | |
| Bevölkerungsgruppen, und den muss man bekämpfen. Aber hinter Begriffen wie | |
| „importiertem Antisemitismus“ verbirgt sich ja die Vorstellung, der | |
| Judenhass komme nur von außen. Dabei zieht sich der Antisemitismus nicht | |
| nur durch die Geschichte der Bundesrepublik, er ist für den Wohlstand und | |
| das politische System der Nachkriegs-BRD wesentlich. Arisierung und andere | |
| Verbrechen aus dem Nationalsozialismus wirken fort, kulturell, politisch | |
| und ökonomisch, bis in die einzelnen Familien und Menschen hinein. Wir | |
| wissen zudem aus wissenschaftlichen Befragungen, dass auch heute viele | |
| Menschen in der Mehrheitsbevölkerung antisemitischen Aussagen zustimmen. Es | |
| ist pervers, das einfach beiseite zu wischen und bloß über Migrant*innen | |
| reden zu wollen. Und nur nebenbei: Ich bin ja auch Migrantin, so wie | |
| übrigens die meisten Jüd*innen in Deutschland heute. | |
| taz: Anders als die Bundestagsresolution betonen Sie und ihre | |
| Kolleg*innen besonders die Vielschichtigkeit jüdischen Lebens in | |
| Deutschland. | |
| Villa Braslavsky: Pluralismus ist ein essenzieller Teil der jüdischen | |
| Community. Der Zentralrat erhebt zwar den Anspruch, die Juden*Jüdinnen | |
| in Deutschland zu vertreten. Aber es gibt auch sehr viele jüdische | |
| Menschen, die nicht in Gemeinden organisiert sind. Das wirft Fragen auf, | |
| die es auch in vielen anderen gesellschaftlichen Gruppen gibt. Wer spricht | |
| etwa für „die“ LGBTQI-Community? Der Queer-Beauftragte in Berlin? Spricht | |
| die Frauenbeauftragte an einer Uni für „die“ Wissenschaftlerinnen oder | |
| Studentinnen? Ich glaube, die Antwort ist immer, dass keine einzelne Person | |
| oder Organisation für alle spricht. Die Vielstimmigkeit muss gehört werden | |
| und alle aktiv beteiligt werden. | |
| taz: Und damit tut die deutsche Politik sich schwer? | |
| Villa Braslavsky: Nicht nur die Politik. Jüdischer Pluralismus gehört nicht | |
| zur Vorstellungswelt der Deutschen. Es gab hier eine Massenvernichtung | |
| alles Jüdischen. Die Pluralität wurde vergast und dieses Land will sich | |
| daran lieber nicht zu genau erinnern. | |
| 7 Nov 2024 | |
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| ## AUTOREN | |
| Frederik Eikmanns | |
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