| # taz.de -- Die Wahrheit: Mündliche Prüfung | |
| > Es ist ein einziger Albtraum: Vor dem Bahnhof waren mehrere Hütten | |
| > errichtet worden. Darin saßen nun die Prüfer mit ihren merkwürdigen | |
| > Fragen. | |
| Wie ich zu wissen glaubte, hielten offiziell keine Züge mehr in dieser | |
| Stadt, seit der Bahnhof zugemauert worden war. Es konnte allerdings sein, | |
| dass inoffiziell doch welche hielten und ich mit so einem Zug angekommen | |
| war, um meine mündliche Prüfung abzulegen. | |
| Auf dem Prüfungsgelände sah es ähnlich aus wie vor dem Bahnhof. Dutzende | |
| kleiner kastenartiger Holzhütten füllten einen großen Platz. Ich musste nun | |
| die richtige finden. Das war Teil der Prüfung. Mein Prüfer hieß Merbehorn, | |
| so viel war mir mitgeteilt worden. Dummerweise konnte ich niemanden nach | |
| dem Standort von Herrn Merbehorns Hütte fragen, denn außer mir befand sich | |
| kein Mensch auf dem Gelände. Die Suche konnte tagelang dauern. | |
| Wovon sollte ich während dieser Zeit leben und wo übernachten? Vielleicht | |
| war es ein böses Omen gewesen, dass an diesem Morgen auffallend | |
| zwergenwüchsige Menschen auf entsprechend kleinen Zweirädern durch die | |
| Straße, in der ich wohnte, gefahren waren? | |
| Zu meinem großen Glück erwies sich schon die fünfte Hütte als die gesuchte. | |
| Den spärlich möblierten, nur von ein paar Kerzen beleuchteten Prüfungsraum | |
| fand ich im oberirdischen Bereich. Hinter einem kleinen Schreibtisch saßen | |
| eine ältere Frau und ein etwas jüngerer Mann. Die Frau teilte mir mit, sie | |
| sei die Prüferin und der Mann ihr Beisitzer. Herr Merbehorn sei inzwischen | |
| in den Ruhestand getreten. | |
| Die Prüfung begann, nachdem ich die Krümel von dem vor dem Schreibtisch | |
| stehenden Stuhl entfernt und Papier sowie einen Kugelschreiber in Empfang | |
| genommen hatte. Die erste Frage lautete: „Was bedeutet der Begriff | |
| 'Zeitraum’?“ Ich antwortete: „Der Begriff 'Zeitraum’ wurde entwickelt, … | |
| die heimische Leicht- und Kurzwarenindustrie bewerten zu können.“ Es wurde | |
| kein Widerspruch geäußert, doch ich hatte das Gefühl, etwas für mich | |
| Peinliches vor den beiden verbergen zu müssen. Vielleicht kam es daher, | |
| dass mir unbekannt war, wie der Rang einer Prüferin respektive eines | |
| Prüfers zu bestimmen sei. | |
| Als Nächstes wollte die Frau wissen: „Welche Perspektive gilt? Die der | |
| Person, die einem Gefäß etwas entnimmt, oder die des Gefäßes, dem etwas | |
| entnommen wird?“ Weder verstand ich die Frage, noch konnte ich sie | |
| beantworten. Ich fühlte mich so schwach, dass ich befürchtete, mich | |
| hinlegen zu müssen. Die Prüferin wechselte ein paar geflüsterte Sätze mit | |
| ihrem Beisitzer, dann fragte sie mich: „Sind in letzter Zeit vielleicht | |
| auffallend zwergenwüchsige Menschen auf entsprechend kleinen Zweirädern | |
| durch die Straße gefahren, in der Sie wohnen?“ | |
| Ich bejahte überrascht. Abermals besprach die Prüferin sich mit dem | |
| Beisitzer, um mir dann mitzuteilen: „Wir haben es uns nicht leicht mit | |
| Ihnen gemacht. Aber Sie haben leider nicht bestanden.“ Der Beisitzer legte | |
| mir ein Formular vor und sagte: „Unterschreiben Sie hier, dass Sie mit | |
| allem einverstanden sind.“ | |
| 24 Mar 2023 | |
| ## AUTOREN | |
| Eugen Egner | |
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