# taz.de -- Flüchtlings-Unterbringung im Norden: Die Kommunen sollen‘s richt… | |
> Weil Erstaufnahmen überlastet sind, sollen Flüchtlinge in Niedersachsen | |
> jetzt sofort in Turnhallen statt in unbeheizten Zelten schlafen. | |
> Schleswig-Holstein zeigt, wie es besser geht. | |
Bild: Kein Platz mehr in den Erstaufnahmen: Niedersächsische Kommunen sollen T… | |
HANNOVER taz | Angesichts steigender Flüchtlingszahlen und überlasteter | |
Erstaufnahmen zieht Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius die | |
Notbremse: Schon ab heute will der Sozialdemokrat täglich rund 1.000 neu in | |
den Norden gekommene Schutzsuchende statt in einer Erstaufnahme direkt von | |
den Städten und Kreisen versorgen lassen. Dies sei „alternativlos | |
angesichts Zehntausender Menschen, die allein seit Anfang September nach | |
Niedersachsen gekommen sind“, sagte der Minister – und verpflichtete die | |
Kommunen zur „Amtshilfe“. | |
Doch die sehen sich am Rand ihrer Belastbarkeit: Mit Pistorius‘ Hilferuf | |
sei eine „neue Stufe der Dramatik der Unterbringung“ von Flüchtlingen | |
erreicht, sagte der Präsident des niedersächsischen Städte- und | |
Gemeindebunds, Marco Trips. Zwar „könnten und wollten“ sich die Kommunen | |
der Unterstützung für das Land nicht entziehen – allerdings seien die | |
Kapazitäten vor Ort nicht endlos: Bald müssten „Turnhallen und | |
Dorfgemeinschaftshäuser belegt“ und Asylsuchende in beschlagnahmte leer | |
stehende Wohnungen eingewiesen werden. „Das kann zu massivem Ärger in der | |
Bevölkerung führen“, warnte Trips‘ Sprecher Thorsten Bullerdieck gegenüb… | |
der taz. | |
Der Geschäftsführer des niedersächsischen Städtetages, Heiger Scholz, | |
nannte die Bitte des Landes eine „Notstandserklärung“ – und klang dabei … | |
die Innenpolitiker der Landtagsopposition. CDU-Fraktionschef Björn Thümler | |
und der FDP-Mann Jan-Christoph Oetjen sprachen wortgleich von einer | |
„Boykotterklärung“. Thümler forderte mehr Abschiebungen. Das System der | |
Erstaufnahme sei „zusammengebrochen“, erklärte Oetjen. Flüchtlingen müsse | |
es endlich erlaubt werden, auch bei Verwandten unterzukommen – bisher | |
schreibt etwa die Landeshauptstadt Hannover Asylsuchenden vor, bis zu vier | |
Jahre in Gemeinschaftsunterkünften leben zu müssen. | |
Ursprünglich wollte Niedersachsen Flüchtlinge in aktuell fünf Erstaufnahmen | |
in Friedland, Bramsche, Braunschweig, Osnabrück und in den Baracken des | |
ehemaligen Bundeswehr-Truppenübungsplatzes Ehra-Lessien bei Wolfsburg | |
registrieren. Doch diese Einrichtungen sind völlig überlastet. Zwar hat das | |
Land seit Anfang September 18.000 weitere Schlafplätze in Notunterkünften | |
geschaffen, doch die Beamten des Innenressorts suchen händeringend weitere | |
Gebäude: „Täglich kommen zwischen 1.000 und 1.500 Flüchtlinge, denen wir | |
ein Obdach bieten müssen“, erklärte ein Ministerialer am Dienstag bei einer | |
Bürgerversammlung in Sumte im Amt Neuhaus an der Elbe. Das Dorf hat nur 103 | |
Einwohner, dort sollen aber bis zu 1.000 Asylsuchende aufnehmen, was zu | |
Protesten führt. | |
Aktuell leben zwischen Küste und Harz noch immer 4.000 Menschen in Zelten | |
(siehe Kasten), darunter 600 in einem Sommercamp an der sturmgefährdeten | |
Nordseeküste. Im Hamburg demonstrierten Flüchtlinge schon am Dienstag gegen | |
ihre Unterbringung in unbeheizten Zelten. „Uns ist kalt“ war auf Schildern | |
zu lesen. | |
Besser läuft die Organisation dagegen in Schleswig-Holstein: Zwar erreichen | |
400 bis 600 Flüchtlinge täglich das nördlichste Bundesland – doch mit zwö… | |
Erstaufnahmen gibt es dort ausreichend Unterkünfte. „Wir leiten keine | |
Flüchtlinge an die Kommunen durch“, sagt der Sprecher von SPD-Innenminister | |
Stefan Studt, Patrick Tiede. | |
Niedersachsens Flüchtlingsrat fordert unterdessen finanzielle Anreize für | |
Städte, die verstärkt Schutzsuchende aufnehmen. „Warum zahlt das Land | |
diesen Kommunen nicht zehn Prozent mehr“, fragt Geschäftsführer Weber – u… | |
verweist auf Leerstände. Außerdem müsse es Flüchtlingen endlich gestattet | |
werden, sich schnell selbst eine Wohnung zu suchen. | |
15 Oct 2015 | |
## AUTOREN | |
Andreas Wyputta | |
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falsch. |