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# taz.de -- Chilenischer Musiker Álvaro ist tot: Der Mann mit der singenden Na…
> Der Musiker Álvaro floh vor dem Pinochet-Regime und spielte Mitte 1970
> mit Joe Strummer bei der Protopunkband the 101ers. Nachruf auf einen
> Pionier.
Bild: Avantgarde bei der Promo von Tennissocken: Álvaro um 1982 an Flöte und …
Álvaro Peña-Rojas, kurz Álvaro oder auch „der Chilene mit der singenden
Nase“, Erfinder der Transitional Music, früher musikalischer Begleiter von
Joe Strummer, auf jeden Fall der erste Punk Chiles, ist tot. Wie nun
bekannt wurde, ist Álvaro vergangene Woche im Alter von 82 Jahren ganz
ruhig zu Hause in seinem Bett in Konstanz am Bodensee gestorben.
Álvaro war der Meister der reduzierten Vielfalt beziehungsweise des
vielfältigen Minimalismus. Es reichte bei seinen Konzerten völlig aus, dass
er alleine auf der Bühne stand. Auch als Solist fesselte er das Publikum.
Álvaros Anliegen übertrug sich über sein Charisma, durch simpelste Melodien
und Texte. Ohne Übertreibung kann gesagt werden, dass er mit seiner
zutiefst persönlichen Art, Musik zu machen, Generationen von Musikern auf
mehreren Kontinenten inspiriert hat. Und das alles aus sich selbst heraus,
ohne Major Label und professionelle Vermarktungsmaschinerie. Álvaro war
einzigartig.
Geboren wurde er 1943 in der chilenischen Hafenstadt Valparaíso. Sein
Vater, ein Zahnarzt, unterstützte das musikalische Talent des Jungen. So
konnte Álvaro Trompete, Saxofon und Klavier lernen. Erste
Schallplattenaufnahmen mit lokalen Beatbands wie The Challengers und Los
Bumerangs entstanden ab 1965. Dann entschied er sich für eine Karriere als
Werbetexter, ging in die Hauptstadt Santiago. Die Firma schickte ihn sogar
ins Swinging London der späten 1960er, zur Weiterbildung. Dann ereignete
sich 1973 in Chile der Militärputsch, Pinochet stürzte die Regierung
Allende. Álvaro konnte und wollte nicht mehr zurück.
Es folgte: Der soziale Absturz, ein Leben in besetzten Häusern. Weil er gut
Läuse von seinen Mitbewohnern pflücken konnte, bekam er den ironischen
Adelstitel „Lord of the Fleas“. [1][Verliehen von seinem Mitbewohner Joe
Strummer!] Strummer sollte etwas später, ab 1976, die Londoner Punkband The
Clash als Gitarrist und Sänger zu Weltruhm führen. Zuvor aber schärfte er
seine Krallen mit Álvaro und weiteren Musikern in der Pubrockband The
101ers, die ab 1974 in besetzten Häusern in London spielte und sogar
Aufnahmen machte.
## Neugierig auf Transitional Music
Álvaro missfiel jedoch der raue Sound, der für ihn nur der sattsam bekannte
Rock ’n’ Roll in einem anderen, wilderen Outfit war. Er verließ die 101ers
und begann, seine eigene Transitional Music zu machen. Später gab er zu,
dass die Bezeichnung eine reine Erfindung zu Werbezwecken war. Ein Begriff,
der alles und nichts aussagt und somit neugierig machen sollte.
Sein Debütsoloalbum, veröffentlicht 1978 in London, trug den provokativen
Titel „Drinking My Own Sperm“ und brachte ihm prompt Schlagzeilen in
englischen Musikmagazinen ein: „Lunatic Chilean songwriter in bizzare
debut“, hieß es da etwa. Doch Álvaro ging unbeirrt seinen eigenen Weg.
1979 ließ er sich in Konstanz nieder und gründete ein eigenes unabhängiges
Label namens Squeaky Shoes Records. Darauf veröffentlichte er Alben,
Singles und Kassetten am laufenden Band. Ein Outsider, wie er im Buche
steht. Über 50 Werke sind bei discogs.com gelistet, es sollen aber weit
mehr sein.
## Deutsche, schwer von Kapee
Álvaro steht damit mit als Pionier für die
Lo-Fi-DiY-Homerecording-Bewegung, eine Haltung, die den Musikern die volle
Kontrolle über Herstellung und Vertrieb ihrer Kunst geben sollte. Über
Erfolg- und eben auch Misserfolg. So produktiv wie er war, so wenig
Resonanz erfuhr Álvaro durch die deutschen Musikmedien. Einen Eintrag im
Buch „Rock Session 4“ (1980) gibt es. Das war es aber auch schon, abgesehen
von gelegentlichen Zeitungsberichten wohlwollender Lokalreporter am
Bodensee.
Trotzdem absolvierte Álvaro in den 1990ern eine US-Tournee. In seiner
chilenischen Heimat erlangte er erst in den 2010er Jahren Bedeutung,
spielte mit verschiedenen lokalen jüngeren Musikern und wird in Chile
inzwischen als Legende verehrt. Einen staatlichen Kulturpreis in Form eines
Pokals überließ er den Angestellten seines Hotels, mit denen er während der
gewaltsamen Proteste in Chile 2019 ausharrte.
Mit seinem langjährigen Freund Jens-Peter Volk machte sich Álvaro gerade ab
2023 daran, etliche seiner alten Songs völlig neu einzuspielen. Das erste
Album (von drei anvisierten) mit dem Titel „R-80“ wurde bereits
fertiggestellt, die Aufnahmen an dem zweiten waren gerade abgeschlossen,
als das völlig Undenkbare eintrat. Die singende Nase ist verstummt.
13 Jan 2026
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## AUTOREN
Christian Zschammer
## TAGS
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