| # taz.de -- Neues Album von Dry Cleaning: Blut auf dem Bildschirm | |
| > Mit „Secret Love“ veröffentlicht die Londoner Postpunkband Dry Cleaning | |
| > ein neues Album, dessen Texte und düstere Melodien zur trüben Weltlage | |
| > passen. | |
| Bild: Haben sich nach einer chemischen Reinigung benannt: Dry Cleaning aus Lond… | |
| Wer schon immer mal wissen wollte, wie sich jemand fühlt, der | |
| Kreuzfahrtschiffe designt, bekommt jetzt endlich den passenden Song: Er | |
| handelt von jemandem, der die schwimmenden Freizeitknäste selbst eigentlich | |
| gar nicht mag, aber sich nach einer Aufgabe sehnt, die ihm irgendwie | |
| sinnvoll erscheint und einen Platz in der Gesellschaft zusichert. | |
| Florence Shaw, Sängerin und Songwriterin jedenfalls versetzt sich im | |
| zweiten Song des neu erschienenen Albums „Secret Love“ ihrer Londoner | |
| Postpunkband Dry Cleaning in eine ebensolche Person und lässt die | |
| Hörer:innen teilhaben an deren Gedankenwelt. Es klingt, als würde man | |
| jemandem lauschen, der in einer Selbsthilfegruppe sein Eingangsstatement | |
| formuliert: | |
| „I’m a cruise ship designer. / I’m striking while the iron is hot. / I’m | |
| making the most of a bad situation./Cruises are big business.“ | |
| Beziehungsweise: „So designing cruise ships is my pastime / And my living, | |
| and my challenge/Designing cruisers is, for me, a privilege / And a lesson, | |
| need to do it all the time“, erfahren wir da. | |
| ## Collagierter Fiebertraum | |
| Fiebertraumartige Songtexte, collagiert aus diversen Absonderlichkeiten, | |
| die Shaw so in den Sinn kommen, damit fielen Dry Cleaning schon früh auf. | |
| Seit Bandgründung 2018 werkeln die vier langjährigen Freund:innen, | |
| Gitarrist Tom Dowse, Schlagzeuger Nick Buxton, Bassist Lewis Maynard und | |
| eben Shaw in der britischen Hauptstadt. | |
| „Secret Love“ ist nach „New Long Leg“ (2021) und „Stumpwork“ (2022)… | |
| dritte Album der Indieband, eines, für das sie sich etwas mehr Zeit | |
| gelassen hat und für das sich das Quartett [1][die walisische Musikerin | |
| Cate Le Bon] als Produzentin zur Seite geholt hat. | |
| Le Bons Einfluss kann man heraushören, weiterhin aber vor allem die | |
| Vorliebe der vier für die Sounds der 1980er, Postpunk und New Wave, | |
| Stonerrock und schrabbeliger Alternative der 1990er. Wichtigstes Element | |
| bleibt die ASMR-Stimme Shaws, die diese über griffige Soundlandschaften aus | |
| Basslinien, Beats, Gitarrenriffen und Synthies legt. | |
| ## Cool und gelangweilt | |
| Meist sprechend, selten singend (auf „The Cute Things“ oder „Secret Love�… | |
| klingt Shaw immer irgendwie cool-gelangweilt und so trocken wie die | |
| namensgebende Reinigung. Der Vortrag der 36-jährigen Sängerin wirkt ein | |
| bisschen wie [2][Kim Gordon] oder auch Anne Clark, dabei stets | |
| hintersinnig, rätselhaft vor allem. Wie konstatiert sie doch am Ende von | |
| „Cruise Ship Designer“? „I make sure there are hidden messages in my work… | |
| Genährt sind diese versteckten Botschaften nicht selten von der politischen | |
| Weltlage. Der düstere Auftaktsong „Hit My Head All Day“, der auch als erste | |
| Single im Herbst ausgekoppelt wurde und in dem es um digitale Manipulation | |
| geht, entstand etwa während der letzten US-Wahl. „Evil Evil Idiot“ | |
| berichtet von einem Influencer mit kruden Ernährungstipps. „Blood“ wiederum | |
| von der grausamen Realität in den Krisenregionen, von denen die Nachrichten | |
| berichten, dem Blut „on my screen“. | |
| Von solchen Bildern reinigen will sich womöglich Shaw auch auf dem | |
| sinistren Gemälde der kanadischen, in Glasgow lebenden Künstlerin Erica | |
| Eyres, das auf dem Albumcover abgebildet ist. Shaws Gesicht ist darauf in | |
| Großaufnahme zu sehen, während eine weitere sich außerhalb des Bildraums | |
| befindende Person mit den Fingern ihre Augenlider auseinanderschiebt, um | |
| den Augapfel mit Wasser aus einer Plastikflasche ausspülen zu können. | |
| Lieber nicht nachmachen. Eine viel bessere Idee ist es, sich Dry Cleanings | |
| „Secret Love“ einfach hinzugeben, denn als Soundtrack fürs | |
| Im-Bett-Herumliegen-und-lauschend-an-die-Decke-Starren eignen sich die 41 | |
| Minuten richtig gut. | |
| Für andere Aktivitäten freilich auch. Selbst fürs Putzen, auch wenn Shaw | |
| oder ihr Alter Ego in „My Soul / Half Pint“ dieses aus feministischen | |
| Gründen ablehnt: „I don’t like to clean, I find cleaning demeaning. / But | |
| that’s kind of a problem of mine. / I’m a woman and I think if I clean then | |
| I … / I feel resentment in my soul“. | |
| 8 Jan 2026 | |
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| ## AUTOREN | |
| Beate Scheder | |
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