| # taz.de -- Kohleausstieg in der Lausitz: Wasser könnte knapp werden | |
| > Liegt Berlin nach dem Kohleausstieg auf dem Trockenen? Die Frage steht | |
| > seit einem Gutachten im Raum, doch die Politik lässt sich mit Antworten | |
| > Zeit. | |
| Bild: Berlin trinkt Uferfiltrat. Aber was, wenn der Pegel sinkt? | |
| Wir haben alles im Griff. So in etwa lautet die Antwort der [1][Berliner | |
| Wasserbetriebe] auf die Frage, ob die Trinkwasserversorgung der Hauptstadt | |
| nach dem Kohleausstieg in der Lausitz noch sicher ist. „Das bestehende | |
| System der Förderung von Grundwasser für die Trinkwasserversorgung, welches | |
| zum großen Anteil aus Uferfiltrat aus Spree und Havel gespeist wird, kann | |
| aufrechterhalten werden.“ | |
| Die Frage hatte die Grünen-Abgeordnete June Tomiak im Sommer schriftlich an | |
| das Berliner Abgeordnetenhaus gestellt. [2][In ihrer Antwort hat die | |
| Senatsverwaltung für Umwelt die Wasserbetriebe zu Rate gezogen.] Die | |
| wiederum bemühen sich seit geraumer Zeit, den Ball flach zu halten und | |
| verweisen auf den [3][Masterplan Wasser] von 2022. Nur, ist der denn noch | |
| auf der Höhe der Zeit? | |
| Denn an alarmierenden Meldungen mangelt es nicht. [4][Bereits ein Jahr nach | |
| der Veröffentlichung des Masterplans hatte das Umweltbundesamt 2023 in | |
| einem Gutachten] festgestellt, dass der Spree nach dem Kohleausstieg das | |
| Wasser ausgehen könnte. „In Berlin und Brandenburg könnte im schlimmsten | |
| Szenario das Wasser empfindlich knapp werden, wenn nicht entschlossen | |
| gegengesteuert wird“, sagte UBA-Chef Dirk Messner bei der Vorstellung des | |
| Gutachtens. | |
| Es ist vor allem abgepumptes Grundwasser aus den Braunkohletagebauen, das | |
| der Spree fehlen wird. Bisher werden diese so genannten Sümpfungswässer in | |
| die Spree geleitet. Wird kein Grundwasser mehr abgepumpt, so das | |
| Umweltbundesamt, fehle der Spree die Hälfte der bisherigen Wassermenge. In | |
| den Sommermonaten könnten es sogar drei Viertel sein. | |
| Das hat auch Auswirkungen auf Berlin. Fast zwei Drittel des Berliner | |
| Trinkwassers stammt aus sogenanntem Uferfiltrat aus Spree und Havel. Berlin | |
| ist damit eine der wenigen Großstädte in Europa, die ihr Trinkwasser selbst | |
| gewinnen. Was aber, wenn das Wasser ausbleibt? Oder, wie es June Tomiak | |
| gefragt hat: „Welche direkten und indirekten Auswirkungen erwartet der | |
| Senat auf die Trinkwasserversorgung Berlins – insbesondere hinsichtlich | |
| Wasserverfügbarkeit, Qualität und Versorgungssicherheit?“ | |
| ## Wettlauf mit der Zeit | |
| Spätestens an dieser Stelle wird es spannend. In ihrer Antwort verweisen | |
| die Berliner Wasserbetriebe auf eine bislang gängige Praxis. Denn nicht nur | |
| aus reinem Grundwasser besteht der Wassermix, der in Berlin aus dem Hahn | |
| kommt, sondern auch aus gereinigtem Abwasser, das in die | |
| Oberflächengewässer, also Flüsse und Seen, geleitet wird. Nachdem es beim | |
| Versickern gereinigt wird, wird es über die Pumpen der Wasserwerke wieder | |
| gefördert – als Trinkwasser. | |
| „In Folge der zurückgehenden Abflüsse wird der Anteil des gereinigten | |
| Abwassers aus den Kläranlagen in Spree und Havel im Berliner Raum | |
| ansteigen“, lässt die Umweltverwaltung die Wasserbetriebe antworten. „Ohne | |
| Gegenmaßnahmen würde es zu höheren Konzentrationen von Spurenstoffen (z.B. | |
| Arzneimittelrückstände) im Oberflächenwasser, im geförderten Grundwasser | |
| und schließlich im Trinkwasser kommen.“ | |
| Um diese Rückstände aus dem Abwasser zu filtern, sollen die Berliner | |
| Wasserwerke allesamt mit einer sogenannten vierten Reinigungsstufe | |
| ausgestattet werden. Es ist eine Rieseninvestition, vor der die | |
| Wasserbetriebe da stehen. 532 Millionen Euro, also mehr als eine halbe | |
| Milliarde, werden derzeit für die Ertüchtigung oder den Neubau der | |
| Klärwerke Schönerlinde, Münchehofe, Ruhleben, Waßmansdorf und Stahnsdorf | |
| veranschlagt. | |
| Gleichzeitig ist der geplante Ausbau ein Wettrennen mit der Zeit. Außer | |
| Schönerlinde, dessen vierte Reinigungsstufe 2027 fertig werden soll, | |
| bewegen sich die avisierten Fertigstellungen der übrigen Wasserwerke in | |
| einem Zeitraum von 2032 bis 2036. Wer weiß, wie sich Bauprojekte in der | |
| Hauptstadt hinziehen können, ahnt, dass die Ertüchtigung gut und gerne auch | |
| nach dem Kohleausstieg 2038 kommen könnte. | |
| ## Wasser aus der Elbe | |
| Das Gleiche gilt für die technischen Lösungen, die das Umweltbundesamt in | |
| seinem Gutachten vorgeschlagen hat. Neben der Nutzung des Cottbuser Ostsees | |
| als Wasserspeicher ist das vor allem eine geplante Überleitung von der Elbe | |
| in die Spree. Umweltsenatorin Ute Bonde (CDU) sieht das als richtigen | |
| Schritt. Solche Überlegungen, heißt es in der Antwort auf die Anfrage, | |
| würden „grundsätzlich positiv bewertet“. | |
| Allerdings steht die Finanzierung eines solchen mit ebenfalls 500 Millionen | |
| Euro veranschlagten Infrastrukturprojekts noch in den Sternen. Die | |
| Spreeanrainer Berlin, Brandenburg und Sachsen sehen den Bund in der | |
| Pflicht. Der aber duckt sich bislang weg. | |
| Ohnehin scheinen die Beteiligten derzeit alle Zeit der Welt zu haben. Erste | |
| Ergebnisse einer Modellierung des Wasserverbrauchs soll es 2027 geben. Bis | |
| dahin stehen die Zeichen in Berlin, aber auch in Brandenburg eher auf ein | |
| Weiter so. | |
| Ganz anders sehen das das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung DIW | |
| und die TU Berlin. In einer im Mai 2025 vorgelegten Studie plädieren sie | |
| für einen radikalen Kurswechsel. So könne zum Beispiel der Wasserpreis für | |
| Industrieunternehmen angehoben werden, um Anreize fürs Wassersparen zu | |
| schaffen. „Eine einheitliche Erhöhung der Wasserentnahmeentgelte auf das | |
| Niveau des Berliner Grundwasserpreises“, [5][hieß es bei der Vorstellung | |
| der Studie], „könnte die Wassernachfrage in den betroffenen Ländern Berlin, | |
| Brandenburg und Sachsen um bis zu 16 Prozent senken und damit die | |
| Wasserknappheit entlang der Spree verringern.“ | |
| ## Höhere Preise, weniger Nachfrage? | |
| Eine solche „drastische Reduzierung der Wassernachfrage durch höhere | |
| Preise“ könnte auch die geplante Umleitung von Wasser aus der Elbe in die | |
| Spree überflüssig machen. „Rein technische Ansätze wie die Umleitung der | |
| Elbe sind keine nachhaltige Lösung. Es ist jetzt an der Politik, | |
| Fehlanreize zu korrigieren“, forderte Studienautorin Claudia Kemfert, | |
| Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt im DIW Berlin. „Statt | |
| künstliche Wasserknappheit in der Elbe zulasten Hamburgs zu verursachen, | |
| sollte der Wassermangel entlang der Spree durch vernünftiges | |
| umweltökonomisches Wassermanagement verringert werden.“ | |
| Dazu gehört auch, Fehler wie bei der Flutung des Ostsees im ehemaligen | |
| Tagebau Cottbus-Nord nicht zu wiederholen. Denn mit dem Ende des Tagebaus | |
| Welzow Süd will der Betreiber LEAG das Tagebauloch ebenfalls fluten. Der | |
| neue See soll 1.960 Hektar groß sein und damit um 60 Hektar größer als der | |
| Ostsee. Und auch tiefer soll er werden. | |
| Was für die LEAG die kostengünstigste Form der Rekultivierung ist, ist für | |
| den Wasserhaushalt in der Spree allerdings eine zusätzliche Belastung. Denn | |
| nicht nur soll die Spree den See fluten. Wegen der hohen Verdunstung ist | |
| auch in den Jahren nach der Flutung immer wieder Zufluss nötig. | |
| Eine Verkleinerung der Flutungsflächen dagegen würde auch weniger Wasser | |
| beanspruchen und die Verdunstung verringern. Das betont seit Jahren auch | |
| René Schuster von der Grünen Liga in Brandenburg. „Die Genehmigung neuer | |
| riesiger Tagebauseen ist vor dem Hintergrund der voranschreitenden | |
| Klimakrise und langer Trockenheitsphasen in der Lausitz nicht mehr | |
| verantwortbar“, kommentierte Schuster einen Beschluss, den der | |
| Brandenburger Landtag bereits 2021 gefasst hat. | |
| ## Zahme Politik gegenüber Braunkohlekonzern | |
| Doch seitdem ist wenig passiert. Selbst die Gemeinsame Landesplanung GL der | |
| Bundesländer Berlin und Brandenburg sieht das Gebaren der LEAG inzwischen | |
| kritisch. „Auf der jüngsten Sitzung des Braunkohleausschusses hat die LEAG | |
| nicht wie gefordert die Unterlagen eingereicht“, sagt Schuster, der selbst | |
| in dem Gremium der GL sitzt, der taz. | |
| Nicht zuletzt von der LEAG wird abhängen, wie viel Wasser nach dem | |
| Kohleausstieg in Berlin ankommen wird. Und wie viel Geld überhaupt für die | |
| Renaturierung des Tagebaus vorhanden sein wird. Denn [6][inzwischen hat der | |
| Bergbaukonzern, der einem tschechischen Milliardär gehört, seine Holding | |
| neu strukturiert.] Der gewinnträchtigen Grünen Sparte steht nun eine immer | |
| defizitärere Braunkohlesparte gegenüber. | |
| Was, wenn die LEAG diese Braunkohlesparte in die Insolvenz schickt, fragen | |
| Grüne und Umweltverbände seit Jahren. Sie fordern, die Beihilfen für den | |
| Konzern in eine Stiftung zu überführen. | |
| Die Antwort der Politik? Beredtes Schweigen. | |
| 5 Jan 2026 | |
| ## LINKS | |
| [1] https://www.bwb.de/de/index.php | |
| [2] https://www.stiftung-naturschutz.de/service/schriftliche-anfragen-aus-dem-a… | |
| [3] https://www.berlin.de/sen/uvk/umwelt/wasser-und-geologie/masterplan-wasser/ | |
| [4] https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/spree-droht-nach-k… | |
| [5] https://www.diw.de/de/diw_01.c.953841.de/hoehere_wasserentgelte_und_struktu… | |
| [6] /Lausitzer-Braunkohlerevier/!6080793 | |
| ## AUTOREN | |
| Uwe Rada | |
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