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# taz.de -- Gründerin über „Broligarchie“: „Boykott ist wieder eine Opt…
> Aya Jaff über Ungleichheit, die Macht der Tech-Elite und wie sie sich
> bekämpfen lässt. Europa hat die Werkzeuge – es fehlt nur die
> Entschlossenheit.
Bild: Amazon-Rechenzentrum in Ashburn, Virginia
taz: Frau Jaff, Sie sprechen in Ihrem Buch von einer [1][„Broligarchie“,]
einer digitalen Form der Oligarchie, in der Tech-Eliten über Daten und
Plattformen enorme Macht gewinnen. Was unterscheidet sie von der
klassischen Oligarchie?
Aya Jaff: Neu ist, womit dieses Vermögen aufgebaut wurde: mit Plattformen,
Daten und Skalierung. Tech ist das neue Öl. Damit lassen sich heute
Diskurse und politische Stimmungen viel direkter beeinflussen. Das ist eine
Form von Vorherrschaft, die tiefer eingreift als frühere Industrien.
taz: Sie waren selbst Teil dieser Tech-Welt. Was hat Sie erstmals daran
zweifeln lassen?
Jaff: Ich habe zwei Start-up-Ideen beendet, obwohl sie wirtschaftlich
vielversprechend waren. Eine Digital-Health-Idee habe ich gestoppt, nachdem
mir Ärzt:innen erklärt haben, dass die Anwendung eher Unsicherheit
erzeugt. Beim zweiten Projekt, einem automatisch generierten KI-Podcast,
wurde mir klar, wie gefährlich Halluzinationen sein können, also von der KI
ausgespuckte falsche Informationen, die sehr überzeugend klingen. Als ich
Bedenken äußerte und keine Trainingsdaten von Anbietern mit fragwürdigen
Arbeitsbedingungen beziehen wollte, war ich für Investor:innen sofort
„schwierig“. Dieser Moment hat viel verändert.
taz: In Ihrem Buch beschreiben Sie ein Start-up-Bootcamp im Silicon Valley,
eine Art Intensivprogramm für Gründer:innen. Sie nennen manche Elemente
darin „sektenartig“. Was meinen Sie damit?
Jaff: Ich war mit 18 in einem Start-up-Programm des
Silicon-Valley-Investors Tim Draper, das sehr sektenähnliche Züge hatte:
feste Rituale, tägliche Bekenntnisse und extreme Gruppendynamiken. Wir
mussten täglich einen „Superhero Oath“ aufsagen: „I will promote freedom…
all costs“. Später wurde klar: Gemeint war vor allem Freiheit von
Regulierung oder demokratischer Kontrolle. In der Survival Week gab es eine
Übung, bei der wir unter Gruppendruck ein Huhn töten sollten – als Metapher
dafür, dass ein „starker Gründer“ jede Entscheidung konsequent durchzieht.
taz: Wann wurde Ihnen klar, dass Sie diese Tech-Ideologie grundsätzlich
hinterfragen müssen?
Jaff: Als ich rausgezoomt habe. Ich habe meinen Algorithmus radikal
geändert, mich mit anderen Stimmen beschäftigt, etwa mit dem
[2][Unternehmer Sebastian Klein], der viel über Ungleichheit und
alternative Wirtschaftsmodelle schreibt. Darüber habe ich eine Welt
entdeckt, in der über Ungleichheit, Reichtum und Alternativen gesprochen
wird.
taz: In Virginia entstehen ganze Landschaften aus Rechenzentren, ohne dass
Gemeinden über den Bau informiert werden. Was zeigt dieses Beispiel über
die neue Machtordnung?
Jaff: Genau das ist das Bild der neuen Ökonomie. Staaten und Tech-Konzerne
arbeiten eng zusammen, und gebaut wird Infrastruktur, die am Ende vor allem
den großen Plattformen dient. Die Machtfrage ist damit nicht theoretisch:
Wer Rechenleistung kontrolliert, kontrolliert auch, welche KI möglich ist.
taz: Kann man diese Machtkonzentration überhaupt noch demokratisch brechen?
Oder hat sich die KI-Ökonomie bereits verselbständigt?
Jaff: Sie muss brechbar sein. Und es gibt dafür Hebel. Der
Google–Idealo-Fall zeigt, dass Big Tech verwundbar ist.
taz: Das Landgericht Berlin hat Google kürzlich [3][verurteilt,] weil der
Konzern in seiner Suchmaschine die eigenen Dienste bevorzugt und Idealo
benachteiligt hat.
Jaff: Idealo soll deswegen über 465 Millionen Euro Schadensersatz bekommen.
Solche Urteile tun weh, viel mehr als jeder Imageverlust. Die Macht
politisch zu begrenzen, ist schwieriger, weil Konzerne wie Google oder Meta
global agieren und mehr Ressourcen haben als viele Staaten. Regulierung ist
deshalb langsamer als die Machtverschiebung. Aber ohne sie kann Demokratie
im digitalen Raum nicht funktionieren.
taz: Was bedeutet für Sie digitale Souveränität?
Jaff: Dass Infrastruktur und Daten dort kontrolliert werden, wo
demokratische Kontrolle möglich ist. [4][Europa hat die Werkzeuge:] den
Digital Markets Act, den AI Act, Open-Source-Alternativen. Es fehlt nur der
politische Wille, sie konsequent zu nutzen. Die Frage ist nicht technisch,
sondern politisch.
taz: Sie sprechen im Buch von kultureller Gegenmacht. Was kann Kultur
dieser Tech-Logik konkret entgegensetzen?
Jaff: Kulturelle Gegenmacht entsteht dort, wo dominante Tech-Narrative
gebrochen werden. Wenn Billie Eilish während einer Preisverleihung
Milliardäre wie Marc Zuckerberg fragt: „[5][Why are you a billionaire?“],
erreicht das Menschen, die sonst keine politischen Essays lesen. Und man
sieht es auch im Konsum: Viele [6][meiden heute bewusst Produkte und
Plattformen wie Shein oder Spotify,] weil sie Ausbeutung oder Ungleichheit
reproduzieren. Boykott ist wieder eine Option. Das zeigt, dass Leute nicht
mehr alles mitmachen, was ihnen als Fortschritt verkauft wird.
taz: Sie warnen im Buch vor Identitäts- und Überwachungssystemen. Welche
Rolle spielt das Datenanalyse-Unternehmen Palantir in dieser Verschiebung
von Macht?
Jaff: Bei Palantir sieht man sehr deutlich, wie problematisch es wird, wenn
private Unternehmen sicherheitsrelevante Daten verarbeiten. Das Unternehmen
arbeitet mit Polizei und Militärbehörden, und genau dort zeigen sich die
Risiken: Entscheidungslogiken, die tief in Grundrechte eingreifen können,
werden als Effizienz verkauft, oft ohne echte öffentliche Debatte.taz: Wenn
KI so viel Aufmerksamkeit bekommt – warum bleibt die Kontrolle über
Rechenzentren, Daten und Chips so unsichtbar?
Jaff: Wir reden oft über KI, aber viel zu wenig über die Infrastruktur
dahinter. Rechenzentren, Datensätze, Chips, all das kontrollieren wenige
Unternehmen wie Palantir, Google oder Amazon. Und diese Entscheidungen
wirken tief in gesellschaftliche Prozesse hinein.
taz: Was macht Ihnen an dieser Entwicklung am meisten Angst?Jaff: Die
schleichende Machtkonzentration. Dass Rechte Stück für Stück abgebaut
werden – zuerst für queere Menschen, Migrant:innen und Frauen – und dass
es irgendwann schwer wird, überhaupt noch zu protestieren. Das passiert
nicht auf einen Schlag. Es passiert, wenn Macht immer weiter in den Händen
weniger liegt, auch, weil Plattformen und Infrastrukturen bestimmen, wie
Informationen fließen und welche Stimmen überhaupt sichtbar bleiben.
taz: Und was wäre die eine Veränderung, die wirklich etwas ausrichten
würde?Jaff: Höhere Steuern für Superreiche. Ganz einfach. Die Broligarchie
ist nur ein Kapitel eines viel größeren Problems: extreme
Vermögenskonzentration. Wenn wir Ungleichheit nicht angehen, wird sich
nichts ändern, egal, wie viel wir über KI, Tech oder Regulierung reden.
12 Dec 2025
## LINKS
[1] https://www.ullstein.de/werke/aya-jaff-broligarchie/hardcover/9783430212120
[2] /Ex-Millionaer-warnt/!6079409
[3] https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/google-idealo-schadenersat…
[4] /Digital-Gipfel-in-Berlin/!6126297
[5] https://www.youtube.com/shorts/BB_buANeTS4
[6] /Liebes-Spotify-es-ist-aus-mit-uns/!6099508
## AUTOREN
Atessa Bucalovic
## TAGS
Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
Elite
Boykott
Big Tech
Social-Auswahl
soziale Ungleichheit
Reichtum
Krise der Demokratie
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