| # taz.de -- Rechtskatholischer Lobbyismus: Zu Tisch mit Opus Dei | |
| > Die rechtskatholische Organisation will mitreden in Politik und | |
| > Gesellschaft und klopft jetzt auch bei linken Journalist:innen an. | |
| > Eine Begegnung. | |
| Bild: Aus Sicht der katholischen Kirche ein Heiliger: der Opus-Dei-Gründer Jos… | |
| Ulrich Nagel trägt einen dunklen Wollpulli, ein dezentes Parfum und auf den | |
| Lippen die Gewissheit, Gott an seiner Seite zu haben. Der promovierte | |
| Historiker aus Köln ist in Berlin, um zu lobbyieren. Für Opus Dei. Ja, Opus | |
| Dei. An diesem Mittag sitzt Nagel, 38, in der taz-Kantine in Kreuzberg, vor | |
| sich einen Teller Pasta mit Gorgonzolasoße und Panko-Rucola-Crunch, und | |
| sagt: „Der Bußgürtel hilft mir persönlich sehr.“ | |
| Ein paar Wochen zuvor hatte Nagel der taz eine E-Mail geschrieben. Er suche | |
| den Austausch mit Journalist:innen, die über Kirche berichten. Er wolle | |
| über die „Mitarbeit“ der katholischen Organisation an der Zukunft von | |
| Kirche und Gesellschaft sprechen – und über die „linken Aspekte“ des Opu… | |
| Lobbyanfragen füllen jeden Morgen die Postfächer von Journalist:innen, die | |
| meisten werden schnell gelöscht. Aber „linke“ Aspekte im Opus Dei, das | |
| klingt zumindest amüsant. Und war da nicht etwas mit rechtskatholischen | |
| Lobbyisten, die die Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur | |
| Bundesverfassungsrichterin verhindert haben? Hatte auch das Opus seine | |
| Finger im Spiel? Pasta also, in der taz-Kantine. | |
| Nagel ist in eine katholische Familie hineingeboren, aber nicht ins Opus. | |
| Ein Freund seiner Mutter, ein Lebensschützer, habe ihn zu ersten | |
| Opus-Veranstaltungen mitgenommen. 18 sei er damals gewesen, sagt er. In | |
| einer [1][Analyse der Amadeu Antonio Stiftung] heißt es: „Hat sich ein:e | |
| Jugendliche:r für Opus Dei entschieden, wird er oder sie angehalten, | |
| nicht mit Eltern und Freund:innen darüber zu reden, bis er oder sie alt | |
| genug sind, offiziell Mitglied werden zu können.“ | |
| ## Disziplin und klare Regeln | |
| Bevor er isst, bekreuzigt sich Ulrich Nagel, senkt kurz den Kopf. Am Anfang | |
| habe er das Opus „strange“ gefunden, sagt er dann. Geblieben ist er | |
| trotzdem. Das „Werk Gottes“ und ähnliche Gruppen ziehen besonders junge | |
| Männer an. Disziplin, klare Regeln, eindeutige Geschlechterbilder, ein | |
| internationales Netzwerk – das gehört zum Angebot. | |
| Gegründet wurde das Opus Dei 1928 vom spanischen Priester Josemaría | |
| Escrivá. Christliche Vollkommenheit solle sich im Alltag beweisen: tägliche | |
| Messe, wöchentliche Beichte, dazu „Abtötung für den Vater“. Morgens legen | |
| sich die Opus-Mitglieder auf den Boden und sprechen „serviam“ – ich will | |
| dienen. Kalte Duschen töten ab, Liegestütze auch. Und ein stachliger | |
| Bußgürtel um den Oberschenkel. Der helfe ihm sehr, sagt Nagel leise. | |
| Freiwillig sei das alles. Aussteiger:innen [2][sprechen von | |
| Manipulation]. | |
| Weltweit 90.000 Mitglieder hat das Opus Dei eigenen Angaben zufolge. | |
| Innerhalb der katholischen Kirche hat es eine Sonderstellung, vergleichbar | |
| mit einem Bistum – nur ohne Gebiet. An der Spitze steht [3][Prälat Fernando | |
| Ocáriz], Nachfolger des heiliggesprochenen Gründers. Darunter kommen in der | |
| Hierarchie die Priester, dann die Numerarier:innen wie Nagel, die | |
| zölibatär in Zentren leben, nach Geschlechtern getrennt. Auxiliares heißen | |
| die Frauen, die in den Männerzentren putzen und kochen. Ausbeutung und | |
| Frauenhandel [4][wird einem hohen Opus-Funktionär in Argentinien | |
| vorgeworfen]. Die größte Gruppe im Opus bilden die Supernumerarier:innen: | |
| verheiratete Mitglieder mit bürgerlichem Leben. | |
| Ulrich Nagel machte nach Promotion und journalistischen Stationen, Karriere | |
| als Unternehmensberater, heute ist er selbständiger Berater in der | |
| Immobilienwirtschaft. Das wirtschaftsliberale Opus liebt | |
| Leistungsträger.Nagel lebt zölibatär in einem Kölner Studentenhaus des | |
| Opus, das er leitet. Und er lobbyiert – ehrenamtlich – als einer von fünf | |
| Opus-Sprechern in Deutschland. Das Opus will mitreden. In der Gesellschaft. | |
| In der Politik. | |
| In Spanien, wo das Opus einst als wichtige Stütze der Franco-Diktatur | |
| diente, hat es heute noch enormen Einfluss. Aus Spanien kommen auch der | |
| Vizepräsident der Europäischen Zentralbank Luis de Guindos und María | |
| Elósegui, Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Beide | |
| stehen dem Opus Berichten zufolge nahe. | |
| ## Auf Freundessuche in aller Welt | |
| In den USA hat Vizepräsident JD Vance Kontakte zum Opus. Kevin Roberts, der | |
| Trumps inoffizielles Regierungsprogramm „[5][Project 2025]“ mitgeschrieben | |
| hat, ist Förderer des „Informationszentrums“ von Opus Dei in der Hauptstadt | |
| Washington. Dem Journalisten Gareth Gore zufolge wäre die Aufhebung des | |
| Rechts auf Schwangerschaftsabbrüche [6][in den USA ohne Opus-Dei-Insider in | |
| Trumps Truppe nicht möglich gewesen]. Und in Deutschland? | |
| 600 Mitglieder habe die Organisation hier, sagt Nagel. Das Opus betreibt | |
| eine Business School in München, ein Gymnasium in Jülich, Studenten- und | |
| Bildungshäuser, Jugendclubs. Die Zentrale sitzt seit 1952 in Köln, im | |
| reichsten Bistum der Welt. Die Beziehungen zum Kölner Erzbischof Rainer | |
| Maria Woelki seien gut, sagt Nagel. Woelki ehrte Gründer Escrivá jüngst in | |
| einem Festgottesdienst. Mehrere Opus-Priester holte er in seine Verwaltung. | |
| Einer von ihnen, Dominikus Schwaderlapp, positionierte sich öffentlich | |
| gegen die Ehe für alle und nimmt regelmäßig am rechtsoffenen „Marsch für | |
| das Leben“ teil. Woelki selbst sandte Grüße. | |
| Wie viel Mobilisierungspotential das Thema Schwangerschaftsabbrüche bietet, | |
| zeigte im Sommer der Fall von Frauke Brosius-Gersdorf. Im August zog die | |
| Rechtswissenschaftlerin ihre [7][Kandidatur für einen Sitz am | |
| Bundesverfassungsgericht zurück]. „Citizen Go“, eine aus Spanien stammende | |
| internationale Plattform für erzkatholische, ultrarechte Kampagnen hatte | |
| zuvor eine Petition gegen sie initiiert, sie als Linksextreme dargestellt. | |
| 150.000 Mal wurde die Petition unterzeichnet. Bundestagsabgeordnete wurden | |
| mit E-Mails bombardiert, um sie zum Boykott der Juristin zu drängen. | |
| War auch Opus Dei beteiligt? „Wir haben gar keine Kapazitäten für solche | |
| Kampagnen“, sagt Ulrich Nagel beim Espresso nach dem Essen. Dass einzelne | |
| Mitglieder die Petition unterschrieben oder E-Mails geschickt hätten, das | |
| könne schon sein. Auf das einzelne Mitglied komme es an, das betont Nagel | |
| immer wieder. Das „Werk Gottes“ – eine Art Franchise. | |
| ## Nur die AfD ist interessiert | |
| Lange hatte das Opus auch im Deutschlandfunk jemanden sitzen, das Funkhaus | |
| steht schließlich in Köln. Von 1989 bis 2015 moderierte Opus-Mitglied | |
| Jürgen Liminski die „Informationen am Morgen“ – eine der politisch | |
| einflussreichsten Sendungen des Landes. Parallel positionierte er sich als | |
| Geschäftsführer des „Instituts für Demographie, Allgemeinwohl und Familie�… | |
| für eine erzkatholische Familienpolitik und gegen Schwangerschaftsabbrüche. | |
| Liminski schrieb außerdem Kommentare für die neurechte Zeitung Junge | |
| Freiheit sowie für den Blog Freie Welt aus dem Umfeld der AfD-Politikerin | |
| Beatrix von Storch. Auch sein Sohn, der CDU-Politiker Nathanael Liminski, | |
| veröffentlichte dort Texte. Seit 2017 ist Nathanael Liminski Chef der | |
| nordrhein-westfälischen Staatskanzlei, seit 2022 ist er zudem | |
| Landesminister. | |
| Opus-Sprecher Nagel hat ebenfalls schon für den Deutschlandfunk gearbeitet. | |
| Beim Essen in Berlin sagt er: „Ich wünschte, wir könnten mehr lobbyieren.“ | |
| Vor seinem Aufenthalt in der Hauptstadt habe er nicht nur verschiedene | |
| Medien, sondern Bundestagsabgeordnete aller Parteien angeschrieben. Doch | |
| nur Parlamentarier:innen einer Partei wollten sich mit ihm treffen: | |
| der AfD. | |
| Kein Wunder, denn die AfD setzt mehr und mehr auf das christliche Vorfeld. | |
| Mitte Dezember waren AfD-Abgeordnete in den USA zu Gast bei Donald Trumps | |
| MAGA-Bewegung, schon früher hatte Beatrix von Storch, stellvertretende | |
| AfD-Vorsitzende, gesagt: „Wir können eine neue Brücke über den Atlantik | |
| bauen auf dem gemeinsamen Fundament von Freiheit, Nation und Christentum.“ | |
| Andere rechtskatholische Adlige blasen in ein ähnliches Horn. Gloria von | |
| Thurn und Taxis etwa oder Mathias von Gersdorff mit seiner „Gesellschaft | |
| zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum“. | |
| Aus einem internen Strategiepapier, das Politico zugespielt wurde, geht | |
| hervor, das die AfD „konfessionelle Christen“ für sich gewinnen will, um | |
| „neue Potenziale“ zu erschließen. Man wolle einen „Kulturkampf“ entfes… | |
| und damit den „Druck auf die Union erhöhen“. Im Fall Brosius-Gersdorf ist | |
| das gelungen. Nagel bestreitet konkrete Gespräche mit der AfD. | |
| Und was sollen nun die linken Aspekte von Opus Dei sein? Der | |
| Freiheitsdrang, sagt Nagel. Und die Aufwertung der Laien gegenüber den | |
| Priestern. All das allerdings gibt es auch anderswo in der katholischen | |
| Kirche: im Frauenbund, im Bund der Deutschen Katholischen Jugend. Ohne | |
| Druck, Frauenfeindlichkeit und Homophobie. | |
| 30 Dec 2025 | |
| ## LINKS | |
| [1] https://www.belltower.news/analyse-was-ist-aus-demokratischer-sicht-problem… | |
| [2] https://www.zdf.de/video/dokus/zdf-info-100/die-geheimnisse-des-opus-dei--g… | |
| [3] /Neuer-Chef-von-Opus-Dei/!5374602 | |
| [4] https://www.theguardian.com/world/2025/dec/15/women-say-tricked-servitude-o… | |
| [5] /USA-unter-Donald-Trump/!6121519 | |
| [6] https://uscatholic.org/articles/202411/how-opus-dei-manipulated-its-way-int… | |
| [7] /Rueckzug-von-Brosius-Gersdorf/!6102139 | |
| ## AUTOREN | |
| Stefan Hunglinger | |
| ## TAGS | |
| wochentaz | |
| Religion | |
| Katholische Kirche | |
| Lobbyismus | |
| Frauke Brosius-Gersdorf | |
| Reden wir darüber | |
| Social-Auswahl | |
| Medien | |
| Heilige | |
| wochentaz | |
| katholisch | |
| ## ARTIKEL ZUM THEMA | |
| Strafrechts-Professorin über Fake News: „Wahrheit als Kategorie steht auf de… | |
| Die Grenze zwischen Fakt und Fiktion wird in den sozialen Medien immer | |
| verschwommener. Und das veraltete Strafrecht hinkt hinterher, sagt Elisa | |
| Hoven. | |
| Heiligsprechung von Carlo Acutis: Auch tote Jungen kann man noch missbrauchen | |
| Mit der Heiligsprechung des jungen Carlo Acutis will die katholische Kirche | |
| fresh wirken. Dafür nimmt sie auch die Verbreitung antijüdischer Legenden | |
| in Kauf. | |
| Antifeministische Allianz: Reich, radikal, mit Reichweite | |
| AristokratInnen, religiöse ExtremistInnen und OligarchInnen machen Politik | |
| gegen Frauen und Queers. Ein EPF-Bericht zeigt, wie groß ihr Einfluss ist. | |
| Priester über Reformen in der Kirche: „Kirche sollte Platz für alle haben“ | |
| Früher war Wolfgang Rothe ein Konservativer. Heute segnet er homosexuelle | |
| Paare und klagt in seinem neuen Buch die katholische Sexualmoral an. |