| # taz.de -- Essay: In deiner Küche bin ich fremd | |
| > Fühl dich wie zu Hause, sagen die Freunde, die unserer Autorin | |
| > Unterschlupf gewähren. Aber wo ist hier die Pfanne? Ein Essay über | |
| > Sicherheit und Intimität. | |
| Bild: Von einem Sofa zum nächsten. Vor zwei Jahren hatte unsere Autorin noch i… | |
| Es fühlt sich ein wenig ironisch an, einen Text darüber zu schreiben, was | |
| Zuhause bedeutet, wenn man selbst gerade kein eigenes Zuhause hat. Ich | |
| ziehe seit Wochen von Ort zu Ort, von einem Freund zur nächsten Freundin, | |
| von Bett zu Sofa. Das Zuhause hat sich auf meinen Koffer reduziert, darin | |
| die einzigen Dinge, die mir selbst gehören. Aber auch die sehen in den | |
| Wohnungen anderer irgendwie fremd aus. Als wüssten meine Kleider, dass sie | |
| da nicht hingehören. | |
| Eines ist mir in dieser Zeit besonders aufgefallen: Wie intim ich Küchen | |
| finde. Schlafzimmer, Wohnzimmer, Bad – unkomplizierte Räume. In einer Küche | |
| derweil gibt es unzählige Objekte, die es zu arrangieren gilt, von der | |
| Küchenschere über den Tee bis zur beschichteten Pfanne, und jede | |
| Platzierung erscheint bis zum Ende durchdacht. Jeder Mensch organisiert | |
| seine Küche nach einem ganz eigenen System. Wenn ich in einer neuen Wohnung | |
| keine Einführung in die Küche bekomme, wird die Suche nach der Reibe zum | |
| Hürdenlauf. Ich fühle mich selten so fremd wie in der Küche einer anderen | |
| Person. Es ist bei jedem Umzug so, als müsse ich mich in einer gänzlich | |
| neuen Welt zurechtfinden. | |
| Ist Zuhause also die beschichtete Pfanne? Vielleicht. Vielleicht ist es | |
| auch das Gefühl, das mit dieser Pfanne verbunden ist. Ein Gefühl von | |
| Ordnung, von Sicherheit, möglicherweise von Intimität. Man weiß, wo sie | |
| ist, wie man sie benutzt, in welche Rituale man sie einbettet, wenn man | |
| erschöpft von der Arbeit kommt und wieder mit der Kollegin | |
| aneinandergeraten ist. Dann kocht man das Curry mit Reis, vergisst die | |
| Ängste, schöpft Kraft, sitzt mit den Menschen zusammen, die man liebt, | |
| versorgt sich und die anderen. | |
| Zuhause ist möglicherweise mehr, es bedeutet auch etwas zu haben, das einem | |
| selbst gehört; es geht nicht um die Pfanne im eigentlichen Sinne, sondern | |
| darum, dass man die Pfanne kaputt machen oder wegwerfen kann, wenn man | |
| möchte. Es geht um Selbstbestimmung, auch um Kontrolle. Kein Zuhause zu | |
| haben, bewirkt ein Gefühl von Ohnmacht, führt zu Abhängigkeit von anderen. | |
| Man kennt die Regeln und die Gepflogenheiten nicht, die kulturellen Codes, | |
| die No-Gos und die Gos. Es ist leicht, sich verloren zu fühlen. | |
| ## Hilflosigkeit, die ich verspüre | |
| Meine Situation ist nicht ansatzweise [1][mit jener von Menschen | |
| vergleichbar, die wirklich ihr Zuhause verloren haben], weil sie in | |
| Lebensgefahr schweben, weil Bomben fallen, weil sie verfolgt werden. Das | |
| Gefühl von Hilflosigkeit, das ich verspüre, ist im Gegensatz dazu nicht | |
| einmal der Rede wert. Und doch finde ich es gerade ganz besonders zynisch, | |
| wenn wieder einmal Angstdebatten um Migration geführt werden, wenn in den | |
| USA eine Sicherheitsstrategie veröffentlicht wird, in der gewarnt wird, | |
| dass die weiße europäische Bevölkerung ausgetauscht werden solle gegen eine | |
| muslimisch-afrikanische Bevölkerung. | |
| Wenn es heißt, den westlichen Gesellschaften drohe die „kulturelle | |
| Auslöschung“, wenn man Migration nicht stoppe. Die Grundlage für diese | |
| Behauptungen und Debatten ist die Annahme, dass Menschen ihr Zuhause | |
| verlassen möchten. Dass viele Millionen von Menschen bereit seien, alles, | |
| was sie kennen, was ihnen vertraut ist, was sie lieben, zurückzulassen. | |
| Obwohl die Menschen, bei denen ich unterkomme, geliebte, mir wohlgesonnene | |
| Menschen sind, die mich stets mit den Worten empfangen, dass ich mich wie | |
| zu Hause fühlen soll, fühle ich mich trotzdem manchmal fremd. Und das, | |
| obwohl ich weiß, was für ein Privileg, was für ein großes Geschenk es ist, | |
| Menschen in meinem Leben zu haben, die ihr Zuhause mit mir teilen. | |
| Wie muss es sich aber für Menschen anfühlen, in Gesellschaften anzukommen, | |
| die diese Menschen nicht wollen, zumindest zu großen Teilen, die sie | |
| abwerten, kriminalisieren, allein lassen? Wenn das Leben in Gefahr ist – | |
| natürlich nimmt man alles auf sich. Wenn es keine Hoffnung für die Zukunft | |
| gibt – natürlich lässt man das eigene Zuhause hinter sich. Und doch ist es | |
| kein Wunder, dass die allermeisten Menschen, die fliehen, in den Regionen | |
| bleiben, die sie kennen. Wo sie wissen, wie die Erde sich anfühlt, wie das | |
| Wasser schmeckt, wie die Luft riecht. | |
| Zuhause ist ein umkämpftes Konzept. Es kann ausschließend und einschließend | |
| verstanden werden. In Iran, dem Land, aus dem ich stamme, wird das Zuhause | |
| als ein gemeinschaftlicher Ort verstanden. Es ist traditionell ein Raum, | |
| der da ist, um geteilt zu werden. Das eigene Wohlbefinden wird den | |
| Bedürfnissen des Gastes untergeordnet. Natürlich bekommt der Gast das Bett, | |
| man selbst nimmt den Boden, natürlich kriegt der Gast das Essen, man selbst | |
| isst, was übrig bleibt. Alles andere wäre eine Schande. Diese Art der | |
| Gastfreundschaft nimmt manchmal absurde Züge an, weil sie so weit gehen | |
| kann, dass sie wiederum den Gast in die Scham treibt. Das Ritual an sich | |
| ist aber heilig, und es kann ein authentisches Gefühl eines geteilten | |
| Zuhauses entstehen. | |
| In manchen anderen Ländern gibt es ganz andere Konzepte, die wenig mit | |
| Tradition, sondern vielmehr mit Abschottung zu tun haben. Als Bild fallen | |
| mir dabei sogenannte Gated Communities ein, abgetrennte, durch | |
| Sicherheitsdienste geschützte Wohnviertel, die privat geführt sind und | |
| meist wohlhabenden Menschen gehören. Wer nicht dazu gehört, darf nicht | |
| hineinkommen. | |
| Es sind Städte in der Stadt, und sie sind darauf ausgerichtet, zu sagen: | |
| Wir sind anders als ihr. Wir haben unsere eigenen Regeln, wir haben unsere | |
| eigenen Mauern, wir bestimmen, wer zu uns gehört. Wer arm ist, wer | |
| bedürftig ist, wer krank oder schwach ist, gehört nicht dazu. Wir haben | |
| keine offenen Türen, sondern misstrauen jedem, der reinkommt. Wir setzen | |
| unsere Regeln mit Gewalt durch. Diese Kultur findet man nicht nur in Gated | |
| Communities, man findet sie in Staaten, man findet sie in Häusern, man | |
| findet sie in Wohnungen so mancher Menschen. | |
| Die USA scheinen unter Donald Trump zu einer einzigen großen Gated | |
| Community geworden zu sein. Nicht nur nach außen, auch nach innen. Im Juli | |
| 2025 unterzeichnete US-Präsident Donald Trump [2][eine Verordnung, nach der | |
| wohnungslose Menschen von öffentlichen Plätzen vertrieben werden müssten]. | |
| Sie würden „langfristig“ in „institutionelle Einrichtungen“ gebracht, … | |
| sie eine „humane Behandlung“ erhalten würden – so würde die „öffentl… | |
| Ordnung“ wiederhergestellt. | |
| Nun haben wohnungslose Menschen per definitionem kein „Zuhause“, [3][und | |
| doch ist es womöglich dieser eine Schlafplatz, an dem sie sich mit Menschen | |
| zusammenfinden], die ihnen ein Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit | |
| geben. Oder es ist der Hund, der sie begleitet, der für sie Zuhause | |
| bedeutet. Vielleicht haben sie eine kleine Sammlung an Objekten, die sie | |
| daran erinnern, dass auch sie etwas besitzen. Anstatt diesen Menschen zu | |
| helfen, ihnen eine Wohnung zu beschaffen, ihnen das zu geben, was sie | |
| brauchen, wird ihnen das allerletzte Stück Zuhause geraubt. Autoritäre | |
| Staaten können eines besonders gut: Menschen das Zuhause rauben. | |
| Der Tod eines geliebten Menschen, oder eine Trennung, ein Abschied, kann | |
| den Verlust des Zuhauses bedeuten, selbst wenn man weiter die gleichen | |
| Zimmer bewohnt, dasselbe Bad benutzt, die eigene Pfanne in die Hand nimmt. | |
| Plötzlich ist etwas weg, das all diesen Objekten Bedeutung gegeben hat, ein | |
| Gefühl, eine Energie, eine Seele? Was sich gestern noch wie das Zuhause | |
| angefühlt hat, kann morgen leer erscheinen. So leer, dass man sich ein | |
| neues Zuhause suchen möchte. Zuhause ist das, wie man sich darin fühlt. | |
| Ich musste meine Wohnung verlassen, weil sie auf unbestimmte Zeit nicht | |
| bewohnbar ist. Den zuständigen Immobilienkonzern kümmert es nicht, dass ich | |
| keine Unterkunft habe. Ein paar Tage, nachdem ich auszog und das Gefühl des | |
| Verlorenseins fast unerträglich war, sagte mir eine Person: Such dir einen | |
| Gegenstand, der für dich Zuhause bedeutet. Nimm ihn überall hin mit, in | |
| jede neue Unterkunft, in die du ziehst. | |
| Ich überlege immer noch, was das für mich sein könnte, bis heute habe ich | |
| diesen Gegenstand nicht gefunden. Vielleicht will ich ihn auch nicht | |
| finden. Vielleicht bin ich zu sehr im Gefühl verfangen, dass diese ganze | |
| Situation so ungerecht ist, dass es mir nicht gelingt, mir unabhängig von | |
| dem Ort, an dem mein eigenes Bett und meine eigene Pfanne stehen, ein | |
| Gefühl von Zuhause zu erschaffen. | |
| „Perhaps home is not a place, but simply an irrevocable condition.“ | |
| Vielleicht ist Zuhause kein Ort, sondern schlicht ein unwiderruflicher | |
| Zustand, schrieb James Baldwin in seinem Roman „Giovanni’s Room“ aus dem | |
| Jahr 1956. Diese Zeile lässt sich als zutiefst resigniert lesen, oder als | |
| eine Tür zur Unabhängigkeit. Das Zuhause in sich zu tragen, gleich, wo man | |
| ist. Wem es gelingt, sich selbst zu genügen, sich in sich selbst so | |
| wohlzufühlen, mit der eigenen Identität, dem eigenen Schatten, mit allem, | |
| was man ist, dass man in sich selbst das Zuhause findet. Das kann als | |
| Klischee abgetan werden. Oder als Weg, den es sich zu gehen lohnt. | |
| 20 Dec 2025 | |
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| ## AUTOREN | |
| Gilda Sahebi | |
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