# taz.de -- Promi-Unterschriften für Gaza: Kostet ja nix | |
> Promis unterzeichnen gern offene Briefe. Dabei setzen sie auf Konsens | |
> statt Konfrontation. Geht es ihnen wirklich um Gaza oder um | |
> Selbstdarstellung? | |
Bild: Bei fast jedem Promibrief dabei: Joko Winterscheidt | |
Als der britische Komiker [1][Ricky Gervais 2020 die | |
Golden-Globe-Verleihung moderierte], rief er zu Beginn erst mal alle | |
anwesenden Prominenten im Saal zur Ordnung: „Wenn ihr heute Abend einen | |
Preis gewinnt, benutzt ihn nicht als Plattform für eine politische Rede. | |
Ihr seid in keiner Position, der Öffentlichkeit irgendetwas zu predigen. | |
Ihr wisst nichts über die wirkliche Welt.“ Fünf Jahre sind seit diesem | |
durchaus nicht nur als Gag zu lesenden Hinweis mittlerweile vergangen, aber | |
Prominente predigen immer noch der Öffentlichkeit, als seien sie kollektiv | |
in einen Zaubertrank voller Weisheit gefallen. | |
[2][Am 31. Juli wurde ein sogenannter offener Brief an die Öffentlichkeit | |
weitergeleitet,] in dem sich zunächst mehr als 200 Schauspieler, Musiker, | |
Moderatoren und Menschen mit einem verifizierten Instagram-Account | |
zusammengetan hatten, um Friedrich Merz ihre Betroffenheit über den | |
Gazakrieg mitzuteilen. Aber vor allem, um der Öffentlichkeit ihre | |
moralische Standfestigkeit zu demonstrieren – die mit Sicherheit auch von | |
ihnen eingefordert wird. Bestimmt quellen die Posteingänge mancher | |
Prominenter seit Tagen über vor Nachrichten wie: „Äußere dich zu Gaza!“ | |
Oder: „Warum sagst du nichts zu den hungernden Kindern?“ | |
Also äußern sie sich nun und sagen was. Unterzeichnet haben – wie fast | |
jeden offenen Promibrief der vergangenen Jahre – unter anderem Jella Haase, | |
Daniel Brühl und Joko Winterscheidt. Die Namen lesen sich wie der Cast der | |
vergangenen Staffeln von „Wer stiehlt mir die Show?“. Seit der | |
Erstveröffentlichung dieses offenen Briefs ist die Zahl der | |
Unterzeichnenden noch gestiegen: Mit Stand Donnerstagmorgen haben sich | |
insgesamt 367 Prominente dem Aufruf angeschlossen. Laut der Kampagnengruppe | |
Avaaz, dem Weltmarktführer bei offenen Briefen, gehören jetzt auch Nina | |
Chuba, Clueso und Sandra Hüller zu den Unterzeichnenden. | |
Auf der Kampagnenseite von Avaaz findet sich unter den Namen folgender | |
Satz: „Dieser Brief, den die Kulturschaffenden gemeinsam mit Avaaz lanciert | |
haben, sorgt bereits deutschlandweit für Schlagzeilen – von Spiegel und | |
Stern bis hin zu Deutschlandfunk und Zeit.“ Das ist der Kern des Anliegens, | |
das will dieser Brief: Schlagzeilen erzeugen. | |
## Das richtige Gefühl ersetzt das richtige Argument | |
Man kann der Meinung sein, dass Schlagzeilen, Medien, die Presse eben dafür | |
da sind, Aufmerksamkeit auf gewisse Themen zu lenken, und dass | |
Aufmerksamkeit Veränderungen anstoßen kann. Man kann auch der Meinung sein, | |
dass für diese Aufmerksamkeit jedes rhetorische Mittel recht ist, auch ein | |
offener Brief, geschrieben mit Bausteinen aus dem Fachhandel für | |
Betroffenheitspathos: „Kinder, abgemagert bis auf Haut und Knochen, die | |
Augen leer, die Handgelenke dünn. Babys, vor Hunger zu schwach, um zu | |
weinen. Alte, schwache und kranke Menschen, die keine ausreichende | |
Versorgung erhalten. Die in Gaza sterben. Tag für Tag. Dabei sind es | |
Menschen. Mütter. Väter. Kinder. Kinder wie unsere. Kinder wie Ihre.“ | |
Niemand, wirklich niemand, der ein Herz hat und bei Verstand ist, kann dem | |
widersprechen. | |
Man kann sich auch gut vorstellen, als prominenter Mensch zu Hause zu | |
sitzen, die Bilder aus Gaza zu sehen und zu denken, man müsse jetzt mal | |
dringend was tun. Die Frage ist nur: Muss es das Unterschreiben eines | |
Briefs sein? Warum spenden sie nicht Geld, damit Lebensmittel bei den | |
Hungernden ankommen? (Tun vielleicht einige.) Wieso organisieren sie keine | |
Demo, um für die Freilassung der Geiseln zu demonstrieren? Und warum denken | |
Prominente, ihre Haltung, ihre Meinung habe so viel Gewicht, dass sie | |
unbedingt gehört werden müsse (dringender als die Haltung, die Meinung | |
eines Supermarktkassierers in Bielefeld)? Vielleicht, um schriftlich | |
festzuhalten, dass man auf der richtigen Seite steht, denn in einer Welt, | |
die zunehmend moralisch vermessen wird, ersetzt das richtige Gefühl das | |
richtige Argument. | |
Der Text solcher offenen Briefe ist zumeist so gebaut, dass sich niemand | |
ernsthaft daran stoßen kann: Krieg ist schlimm; Gewalt ist schlecht; Hunger | |
muss aufhören; Menschen sollen nicht leiden. Obwohl sich immerhin ein paar | |
daran stoßen, dass die sofortige Freilassung der israelischen Geiseln, die | |
sich weiterhin in den Händen der Hamas befinden, nicht zum | |
Forderungskatalog des offenen Briefs gehört. | |
Denn dieser Katalog sieht so aus: „Stoppen Sie umgehend alle deutschen | |
Waffenexporte an Israel. Unterstützen Sie das Aussetzen des | |
Assoziierungsabkommens zwischen der EU und Israel. Fordern Sie mit | |
Nachdruck einen sofortigen Waffenstillstand und ungehinderten Zugang für | |
humanitäre Hilfe.“ Das unterschreiben dann soundso viele Leute, und ein | |
paar Stunden später geht der Brief online. In den Medien heißt es dann: | |
„Prominente fordern …“ – wobei unklar bleibt, ob „fordern“ hier das | |
richtige Wort ist oder ob nicht eher „verlautbaren“ zuträfe. | |
Denn die Funktion offener Briefe liegt weniger im Appell an die Mächtigen | |
als in der Stärkung der eigenen moralischen Autorität. Längst geht es nicht | |
mehr um die Adressaten, sondern um die Algorithmen. Der Brief spricht nicht | |
zu Friedrich Merz, sondern zu Followern. Er wird politisch wirkungslos | |
bleiben, aber zur Reichweitenpflege mit moralischem Glanz taugt er. | |
## Eingebunden in eine professionelle Kampagnenlogik | |
Bei offenen Briefen haben wir es mit einer neuen Form der moralischen | |
Selbstdarstellung zu tun, des sogenannten virtue signalling. Der Philosoph | |
Hanno Sauer schreibt in seinem neuen Buch „Klasse – Die Entstehung von Oben | |
und Unten“, das in einigen Tagen bei Pieper erscheint: „ ‚Tue Gutes und | |
rede darüber‘ ist keine sehr neue Einsicht, und auch die Tatsache, dass | |
Menschen versuchen, sich in einem möglichst vorteilhaften Licht zu | |
präsentieren, dürfte kaum als revolutionäre Einsicht in die Tiefen der | |
menschlichen Psyche durchgehen. | |
Aber in den letzten Jahren erwarb der Begriff der moralischen | |
Selbstdarstellung eine pejorative Konnotation: Wir sind, so schien es | |
vielen, umgeben von Menschen, die zu wenig mehr als moralischen | |
Lippenbekenntnissen bereit sind, aber selten Taten folgen lassen. Dies ist | |
der Verdacht, dass moralische Selbstdarstellung im Kern eine Form der | |
Heuchelei ist.“ Sauer versucht, diesen Verdacht in seinem Buch zu | |
entkräften – bei diesem offenen Brief bleibt aber ein Unbehagen, weil seine | |
Orchestrierung nahezu perfekt ist. | |
Hinter ihm steht eine Organisation, die wie ein moralischer Verstärker | |
funktioniert, nämlich Avaaz, eine globale NGO, die ein perfekt | |
funktionierendes Kampagnensystem entwickelt hat. Das Prinzip ist simpel: | |
Eine zentrale Plattform erstellt Appelle und sucht dafür medienwirksame | |
Erstunterzeichner. Der Effekt ist maximale Sichtbarkeit bei minimaler | |
Reibung. Das Problem an der ganzen Sache ist nicht der moralische Impuls – | |
der aufrichtig sein mag –, sondern die Einbindung in eine Kampagnenlogik. | |
Avaaz funktioniert wie ein PR-Büro der ethisch eindeutigen Botschaften. | |
Aber in diesem Büro gibt es keinen Raum für Ambivalenz oder für | |
Komplexität. Malcolm Gladwell hat dieses Phänomen schon vor Jahren | |
beschrieben. [3][In seinem Essay „Small Change“ schrieb er: „Soziale | |
Medien können nicht das leisten, was gesellschaftlicher Wandel immer | |
erfordert hat.“] Zum Beispiel rationalen, herrschaftsfreien Diskurs im | |
Sinne eines öffentlichen Austauschs, der frei von Manipulation, Zwang und | |
Ungleichheit ist. | |
Wandel benötigt, im Habermas’schen Sinne, eine „Diskursgemeinschaft“, in | |
der Argumente vernünftig ausgetauscht werden können. Ein offener Brief ist | |
aber ein geschlossenes System, in dem eine Antwort (von Friedrich Merz oder | |
Außenminister Wadephul oder sonst wem) überhaupt nicht vorgesehen ist. So | |
wird der offene Brief zur einer Art moralischem Newsletter. Die News stehen | |
nicht im Text – die Liste der Unterzeichnenden ist die Nachricht. | |
Das alles wäre weniger problematisch, wenn diese Briefe wenigstens | |
überraschten – mit ungewöhnlichen Allianzen, mit intellektuellen | |
Argumenten, mit Widerspruchspotenzial. Aber all das ist nicht vorgesehen, | |
denn statt Konfrontation sucht der offene Brief vom 31. Juli Konsens. Statt | |
Unruhe stiftet er Zustimmung. Was natürlich in diesem Fall auch am | |
Zeitpunkt der Veröffentlichung liegt, denn er erscheint zu einem Zeitpunkt, | |
da sich gesellschaftlicher Mainstream und Popkultur weitgehend einig sind. | |
„Israel macht Gaza kaputt, Solidarität mit den Palästinensern“ – das ist | |
der Sound der Zeit. | |
## Die Unterschrift kostet Null Komma null | |
[4][Drei Viertel der Deutschen wünschen sich laut einer aktuellen | |
Forsa-Umfrage „mehr Druck der Bundesregierung auf Israel“.] [5][Die sehr | |
angesagte Band Fontaines D. C. versäumt es auf keinem ihrer Konzerte, wie | |
jüngst in Berlin, „Free, free Palestine“ zu skandieren.] 80 Prozent der | |
Deutschen kritisieren Israels Vorgehen. Was also bringt ein offener Brief, | |
wenn er die Mehrheitsmeinung reflektiert – und sonst nichts? | |
[6][Als vor ein paar Wochen einige SPD-Altvorderen ein „Manifest“ zu | |
Russland veröffentlichten,] bewiesen sie damit mehr Mut und Diskurswillen | |
als die 367 Prominenten, die das Unterschreiben nichts gekostet hat, Null | |
Komma null. Aber er bringt ihnen Aufmerksamkeit und Anerkennung. | |
Diese 367 Menschen haben übrigens auch folgenden Satz unterschrieben: „Sie | |
[gemeint ist Friedrich Merz; Anm. d. Red.] haben in den letzten Tagen | |
Stellung bezogen und die israelische Regierung kritisiert. Wir würdigen | |
das, doch eines ist klar: Worte alleine retten keine Leben.“ | |
Moment – wenn dem so ist, warum dann einen Brief unterzeichnen? Was ist | |
denn ein Brief anderes als eine Aneinanderreihung von Worten? Vielleicht | |
hätte ihn vorab jemand redigieren und auf Plausibilität prüfen können. | |
Oder man hätte ihn gar nicht erst geschrieben. | |
8 Aug 2025 | |
## LINKS | |
[1] https://youtu.be/3vuT8ki9yM4?si=LAr70hQAxdZ8Ns8A | |
[2] https://secure.avaaz.org/campaign/de/haben_sie_mut/ | |
[3] https://www.newyorker.com/magazine/2010/10/04/small-change-malcolm-gladwell | |
[4] https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-07/umfrage-drei-viertel-der-deutsc… | |
[5] https://fastforward-magazine.de/fontaines-d-c-zitadelle-berlin-05-08-2025/ | |
[6] /Die-bemerkenswerte-Fehleinschaetzung-des-moerderischen-russischen-Regimes-… | |
## AUTOREN | |
Matthias Kalle | |
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