# taz.de -- Schau „Afrosonica Soundscape“ in Genf: Einem Museum beim Denken… | |
> In „Afrosonica Soundscape“ blickt das Ethnografische Museum Genf | |
> selbstkritisch auf seine Sammlungsgeschichte. Dazu holt es die | |
> Klangvielfalt Afrikas hervor. | |
Bild: Von ihr gibt es in der Ausstellung „Afrosonica – Soundscape“ unbeka… | |
Es ist ein heißer Sommertag, aber für die luftgekühlte Temperatur im | |
zweiten Untergeschoss hat man hoffentlich einen Pullover dabei. Denn | |
[1][die Ausstellung „Afrosonica“, momentan im Ethnografischen Museum in | |
Genf (MEG)] zu sehen, findet in klimatisierter Atmosphäre statt. Logisch, | |
schließlich werden hier empfindliche Exponate gezeigt. Und doch stellt sich | |
auf der Treppe nach unten die Frage, ob dies der richtige Ort ist, um die | |
weiten und vielfältigen Klanglandschaften Afrikas zu behandeln. Und | |
nebenbei über die Zukunft einer Institution nachzudenken, die man früher | |
vielerorts „Völkerkundemuseum“ genannt hat. | |
Seit einem guten Jahrzehnt diskutiert die Schweiz über eigene | |
Verflechtungen in der Kolonialzeit. Auch ohne auswärtige Territorien | |
profitierte das kleine mitteleuropäische Land von kolonialen | |
Handelsbeziehungen. Schweizerische Staatsbürger beteiligten sich zudem an | |
Feldzügen, waren in der Missionierung und in der Verwaltung von Kolonien | |
aktiv. Auch das 1901 von dem Anthropologen Eugène Pittard gegründete | |
ethnografische Museum Genf hat sich mit seinen über 70.000 Objekten der | |
eigenen Vergangenheit zu stellen. | |
Schließlich war das Grundprinzip solcher Sammlungen die Extraktion am | |
Originalschauplatz und die Translokation nach Europa. Dies gilt auch, wenn | |
die Umstände mehr oder weniger sauber erscheinen. Denn unter welchen | |
Bedingungen kamen eine Schenkung oder ein Kaufpreis zustande? | |
Häuser wie das Genfer MEG bemühen sich derzeit um die Aktivierung von | |
Publikum und Exponaten. An die Stelle neutral inszenierter, in sich | |
ruhender Werke soll die soziale Interaktion treten. Weg von der leblosen | |
Präsentation in Vitrinen, hin zu mehr Partizipation, Inklusion und eben: | |
Dekolonisierung. Nur, lässt sich die grundsätzliche Neuausrichtung in den | |
bestehenden Strukturen vollziehen, oder wäre die konsequent dekolonisierte | |
ethnografische Sammlung letztlich eine, die sich selbst zur Abschaffung | |
vorschlägt? | |
## „Négritude“-Bewegung der 1960er-Jahre | |
Das kuratorische Team der „Afrosonica“ um die Schweizer Ethnomusikologin | |
Madeleine Leclair stellt sich dem existenziellen Themenkomplex und macht | |
dabei fast alles richtig. [2][Als Co-Kurator wurde Mo Laudi] eingebunden, | |
ein multidisziplinärer Künstler und DJ aus Südafrika, dessen | |
„Globalisto“-Philosophie die grenzenlose Gastfreundschaft zelebriert – ei… | |
solche möchte auch die Ausstellungsarchitektur in Genf signalisieren, mit | |
einer Art Marktplatz als zentralem Treffpunkt. | |
Die Taktik ist, sehr viel Material zur Verfügung zu stellen, auf dass ein | |
Neologismus wie „Afrosonica“ nicht reduzierend, sondern öffnend wirke. | |
Schließlich wäre jeder Versuch, den gegenwärtigen Stand der musikalischen | |
Stilvielfalt Afrikas strukturieren und übersichtlich darstellen zu wollen, | |
zum Scheitern verurteilt. | |
Wir dürfen also eintauchen in klingende Dokumente, von denen viele bislang | |
nur schwer zugänglich waren, von Spoken-Word-Poesie bis hin zu religiösen | |
Beschwörungsgesängen. Die Ausstellung überzeugt gerade da, wo sie den | |
direkten Zugriff ermöglicht. Entstanden [3][auf dem gesamten afrikanischen | |
Kontinent wie auch in der weltweiten Diaspora], sprechen die Aufnahmen für | |
sich und brauchen nicht viel Inszenierung. | |
Eine Sitzecke mit Kopfhörer reicht, um sich in unbekanntere Songs von | |
Miriam Makeba, in weibliche Sufi-Praktiken der Insel Mayotte oder in | |
Lesungen der vor allem in Westafrika aktiven literarisch-philosophischen | |
„Négritude“-Bewegung der 1960er-Jahre zu vertiefen. Die Energie geht | |
unmittelbar durch den Körper. | |
Manche technische Lösung kommt dagegen noch zu westeuropäisch daher, so die | |
kultische Anrufung der Vorfahren inmitten einer Hightech-Rotunde mit | |
dynamischen LED-Panels. Dies gilt auch für die an sich interessante Idee, | |
Zeiten und Räume zu überbrücken. | |
So werden elektroakustische Kompositionen des zeitgenössischen | |
marokkanischen Komponisten Ahmed Essyad in einer Blackbox mit 10.000 Jahre | |
alten Höhlenmalereien aus dem Tschad kombiniert. Die Resonanzfrequenz soll | |
durch dünnes Holz den sitzenden Körper anregen. Doch es fühlt sich so | |
mechanisch an wie ein Massagestuhl am Flughafen, und zwischen Bild und | |
Klang will sich keinerlei Korrespondenz einstellen. | |
## Verfallen die Objekte in einen musealen Tiefschlaf? | |
Der Zusammenhang scheint zu mediatisiert und weit hergeholt. „Afrosonica“ | |
möchte ja etwas überaus Lebendiges zeigen – und zeigt es auch, etwa in | |
Videos vom Pyroeinsatz auf Mahraganat-Straßenpartys in Kairo, oder von | |
einer Rumba-Probe der Brigade Sarbati Hercule in der kongolesischen | |
Metropole Kinshasa, die sich ekstatisch entwickelt. | |
Teil der „Afrosonica“-Planungen war die Sorge darum, was mit Exponaten in | |
europäischen Archiven und Sammlungsdepots geschieht. Verfallen die | |
[4][Stücke in eine Art musealen Tiefschlaf]? Derart behütet altern sie | |
sicher gut, doch eine nicht westliche Art der Pflege bestünde in ihrer | |
Benutzung. So ergingen zwei Aufträge, die sich an Hörstationen erleben | |
lassen: Die japanische Komponistin Midori Takada brachte eingelagerte | |
Rasseln, Schellen und Gongs neu zum Klingen, der großartige Klangkünstler | |
KMRU aus Nairobi interpretierte Teile des hauseigenen Archivs mit | |
Folkaufnahmen neu. | |
Auch in konservatorischer Hinsicht werden neue Perspektiven eingenommen, | |
etwa auf die per Daumen zu spielenden Kalimbas. Vorn weisen sie Spuren der | |
Benutzung auf, während hinten die Inventarisierungsdaten verzeichnet sind. | |
Da steht dann zum Beispiel: „Belgisch-Kongo, Nr. 008812“. Das Objekt | |
spricht also auf beiden Seiten, von denen zumeist nur die eine gezeigt | |
wird. | |
Es ist interessant, einem Museum beim Nachdenken über sich selbst | |
zuzusehen. Wie etwa im Ausstellungskatalog immer wieder bei Angehörigen | |
indigener Communitys nachgefragt wird: Ist es für euch okay, wie wir das | |
hier planen? Kann man das so machen? Dieser Prozess ist noch lange nicht | |
abgeschlossen. | |
Den Zwischenstand des Denkprozesses zu zeigen und dabei eine lange | |
marginalisierte Klangkunst in den Fokus zu rücken, ist die Leistung von | |
„Afrosonica Soundscape“. Die Ausstellung in Genf ist also eine Reise wert, | |
Sie sollten auf dem Weg nach Frankreich unbedingt einen Zwischenhalt | |
einlegen. Aber nehmen Sie bitte etwas zum Überziehen mit. | |
12 Jul 2025 | |
## LINKS | |
[1] https://www.meg.ch/en/expositions/afrosonica-soundscapes | |
[2] /57-Jazzfestival-in-Montreux/!5946883 | |
[3] /Motown-meets-Westafrika/!5774632 | |
[4] /Nach-der-Restitutionsdebatte/!6025735 | |
## AUTOREN | |
Andi Schoon | |
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