| # taz.de -- Vom Kampf mit dem eigenen Ich: Wir Spiegelfechter | |
| > Wenn Krähen in der Brutzeit ihr Spiegelbild sehen, begreifen sie sich als | |
| > Rivalen und hacken auf sich selbst ein. Uns Menschen geht es oft ähnlich. | |
| Bild: Versteht in der Brunftzeit keinen Spaß: Krähe | |
| Rumms. Mit Schrecken wache ich auf. Es klopft und rumpelt. Wo bin ich? Ist | |
| es noch Nacht? Graues Licht sickert durch die Ritzen der Vorhänge. Um mich | |
| herum im Zimmer ist es dunkel. Schlaftrunken orientiere ich mich. Rumms. | |
| Wieder erklingt das Geräusch. Jetzt weiß ich es wieder. Ich bin diese Nacht | |
| zu Besuch bei Freunden. Ist etwas mit ihren Kindern, die unter uns | |
| schlafen? Ein Gefühl des Notfalls breitet sich in mir aus. Das Geräusch | |
| kommt aus dem Badezimmer neben meinem Bett. | |
| Ist es ein Marder? Ich bin noch umnachtet und unendlich müde. Ich muss wach | |
| werden, um zu verstehen, was um mich ist. Es rumpelt wieder. | |
| Ich stehe auf und öffne vorsichtig die Badezimmertür. Ich bin auf alles | |
| gefasst. Einen Menschen, ein Tier, das sich dort aufhält. Doch vor dem | |
| geschlossenen Fenster sitzt eine Krähe im Dämmerlicht. Sie hackt mit voller | |
| Wucht auf das Badfenster ein. Ich trete vor die Scheibe und verscheuche sie | |
| mit einer Armbewegung. Sie lässt mit ihrem Schnabel vom Fenster ab und | |
| fliegt mit ausgebreiteten Flügeln davon. Ich lege mich wieder schlafen. | |
| Kurz darauf wache ich wieder durch ein lautes Klacken auf. Diesmal kommt | |
| das Geräusch vom Fenster schräg über meinem Bett. Ich stehe auf. Wieder | |
| hackt dort eine Krähe mit ihrem Schnabel gegen das Fenster. | |
| Es hat etwas Unheimliches, wie die Krähen im Zwielicht gegen das Fenster | |
| hacken. Dieses Klackern und Rumpeln. Als wollten sie etwas von mir. Als | |
| wollten sie auf etwas aufmerksam machen. Was ist denn los? Ich versuche | |
| wieder einzuschlafen. Doch solange ich sie nicht verscheuche, hacken die | |
| Krähen immer weiter. Noch mehrmals in dieser Nacht muss ich aufstehen und | |
| die Krähen vertreiben. | |
| Am Morgen ist es still. Das Badfenster ist von außen mit Schlieren bedeckt. | |
| Beim Frühstück sprechen meine Freunde und ich über die Krähen. Auch sie | |
| sind in der [1][Nacht] durch sie wach geworden. Was wollen die Vögel? Warum | |
| hacken sie gegen die Scheiben? Was können wir gegen sie tun? | |
| Nach meiner Abreise erzähle ich einem Freund von dem Hacken der Krähen. Er | |
| recherchiert im [2][Internet] und findet heraus, dass die Krähen sogenannte | |
| Spiegelfechter sein müssen. Das sind Vögel, die gegen ihr eigenes | |
| Spiegelbild hacken. In der Brutzeit verteidigen sie ihr Revier. In den | |
| Fensterscheiben, in denen sie sich spiegeln, erkennen sich die Vögel nicht | |
| selbst, sondern vermuten einen Rivalen, den sie attackieren und vertreiben | |
| müssen. Sie hacken auf sich selbst ein. Sie vermuten in sich selbst den | |
| größten Feind. Das bedeutet zusätzlichen Stress für sie. | |
| Meine Freunde erzählen danach, dass die Vögel noch in vielen weiteren | |
| Nächten kamen. Sie lernten es einfach nicht. Sie hackten immer wieder auf | |
| ihr Spiegelbild ein. Es soll helfen, die Scheiben abzukleben, sodass sie | |
| nicht mehr spiegeln. | |
| Es ist wie ein größeres Bild. Der Kampf mit dem eigenen Ich. Es sind oft | |
| wir selbst, die gegen uns ankämpfen. Die das Revier verteidigen, sich | |
| vermeintlich angegriffen fühlen. Dabei ist der Feind nicht echt, die | |
| Stellung ist längst sicher, der Nachwuchs kann wachsen, die Ideen dürfen | |
| gedeihen. Der Feind liegt im Ich, das sich selbst etwas will. Der Gegner, | |
| das sind wir selbst. | |
| Doch da ist oft keine manifeste Scheibe, gegen die wir hacken. Es sind | |
| imaginäre Wände, Sätze und Gedanken, die sich gegen die richten, die uns | |
| vermeintlich bedrohen. | |
| Und da ist meist niemand wie bei den Spiegelfechtern, der uns verscheucht. | |
| Doch vielleicht gibt es auch das. Die [3][Menschen] hinter der Scheibe, die | |
| wir mit unserem Kampf belästigen, deren Frieden wir stören, die wir um | |
| ihren Schlaf bringen. Und die uns verscheuchen, aber vielleicht auch nicht | |
| wissen, wogegen wir kämpfen. Gegen die Schatten, um [4][das Revier, aus | |
| denen wir Gegner vertreiben], die sich als die Projektion unseres Selbst | |
| entlarven. | |
| 16 Jul 2023 | |
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| [4] https://methoden.naturschutzinformationen.nrw.de/methoden/web/babel/media/A… | |
| ## AUTOREN | |
| Christa Pfafferott | |
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