| # taz.de -- Die Wahrheit: Neue Zähne hat der Mann | |
| > Weihnachtswunder gibt es immer wieder: Jetzt hat es den früheren | |
| > Pogues-Sänger Shane MacGowan erwischt. Er konnte erstmals seit seiner | |
| > Kindheit Truthahn essen. | |
| Der Mann kommt einem bekannt vor: angegraute Haare, Ringe unter den | |
| hellblauen Augen, eine breite Nase. Das könnte der frühere Pogues-Sänger | |
| Shane MacGowan sein – wenn da nicht die beiden Zeigefinger wären, die die | |
| Mundwinkel zu einer Art Lächeln hochschieben und eine tadellose, weiße | |
| Zahnreihe samt einem Eckzahn aus Gold entblößen. | |
| Aber er ist es. Niemand, nicht mal seine Mutter, hat ihn jemals mit einem | |
| kompletten Gebiss gesehen, denn ihm fielen bereits die zweiten Zähne aus, | |
| als er noch Milchzähne hatte. Seinen letzten eigenen Zahn verlor er 2008, | |
| als er im Vollrausch in eine Vinylscheibe der Beach Boys biss. Vor Kurzem | |
| lief eine Doku über die Restaurierung von MacGowans Kauwerkzeugen: „Shane | |
| MacGowan: Ein wiedergeborenes Wrack.“ Es wäre passender gewesen, den Film | |
| zu Halloween zu zeigen, so furchterregend war er. | |
| Der Kieferchirurg Darragh Mulrooney machte sich neun Stunden an MacGowans | |
| Mund zu schaffen. Er habe den „Everest der Zahnmedizin“ erklommen, sagte | |
| Mulrooney danach. Der Anblick von MacGowan, der zum ersten Mal seit 20 | |
| Jahren in einen Apfel biss, sei rührend gewesen. Aber die neuen Zähne | |
| werden seinen Gesang beeinflussen, warnte der Mediziner. | |
| Schon bei den ersten Auftritten der Pogues, die MacGowan 1981 gegründet | |
| hatte, erstarrten die Zuschauer vor Schreck, wenn er mit weit geöffnetem | |
| Mund sang. Alkohol und Heroin beschleunigten den Entzahnungsprozess. | |
| MacGowan erzählt, seine Tante Nora habe ihm im Alter von gerade mal vier | |
| Jahren das Versprechen abgenommen, sich niemals mit dem Teufel einzulassen, | |
| und ihm als Belohnung Alkohol verabreicht. Mit zehn Jahren habe er Whiskey | |
| entdeckt, und seitdem sei er Gewohnheitstrinker. | |
| Trotz Suff und Drogen blieb MacGowan aber ein genialer Komponist und | |
| Songwriter. Sein schräges Weihnachtslied „Fairytale of New York“ ist vorige | |
| Woche wieder in Millionen von Haushalten aufgelegt worden. Zuerst nannte er | |
| die Band „Pogue Mahones“, was auf dem irischen Ausdruck „Póg mo thóin“ | |
| basierte. Weil das „Leck mich am Arsch“ bedeutet, spielten die Radiosender | |
| ihre Platten nicht, sodass man sich umbenannte. | |
| Bei den Pogues-Konzerten stank es meistens nach Kotze, und es war nicht das | |
| Publikum, das sich übergeben hatte. MacGowan schwenkte stets eine Flasche | |
| Whiskey in der einen Hand, in der anderen das Mikrofon. 1992 warfen ihn | |
| seine Mitmusiker wegen „unprofessionellem Verhalten“ hinaus, holten ihn | |
| aber knapp zehn Jahre später wieder zurück, weil sie ohne ihn nur eine | |
| Allerweltsband waren. MacGowan machte dort weiter, wo er aufgehört hatte: | |
| 2002 erbrach er sich bei einem Konzert im Dubliner Olympia Theatre über die | |
| Zuhörer in der ersten Reihe. | |
| Vor drei Tagen, am ersten Weihnachtsfeiertag, ist er 58 Jahre alt geworden | |
| und konnte dank der neuen Zähne erstmals seit seiner Kindheit am | |
| traditionellen Weihnachtstruthahnbein nagen. Herzlichen Glückwunsch | |
| nachträglich. | |
| 28 Dec 2015 | |
| ## AUTOREN | |
| Ralf Sotscheck | |
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