| # taz.de -- Werkschau in der Pinakothek München: Befragende Übermalungen | |
| > Aufarbeitung reaktionären Gedankenguts: Die große Retrospektive der | |
| > Berliner Künstlerin Amelie von Wulffen in der Pinakothek München. | |
| Bild: Wulffens Bildräume thematisieren das Verhältnis von Bildnis und Malerei… | |
| München taz | In der Pinakothek der Moderne in München stellt der Kurator | |
| für Gegenwartskunst, Bernhart Schwenk, seit Jahren und sehr dezidiert | |
| (vielleicht auch stur, denn sie wird ja in regelmäßigen Abständen totgesagt | |
| oder wenigstens als unzeitgemäß gescholten) herausragende Positionen der | |
| zeitgenössischen Malerei vor. Dort ist nun Amelie von Wulffens erste | |
| umfängliche Retrospektive in Deutschland zu sehen. | |
| Die Entwicklungsgeschichte der an den Akademien in München und Wien | |
| ausgebildeten Künstlerin kann als nervöser Suchscheinwerfer auf dem | |
| Problemfeld der heutigen Malerei gedeutet werden. Ihre in den Jahren von | |
| 2000 bis 2015 entstandenen Arbeiten belegen die komplexen Herausforderungen | |
| einer aktuellen und originären Herangehensweise. Der große Saal, in dem die | |
| Bilder und Zeichnungen, die Objekte und Rauminstallationen, die Filme | |
| versammelt sind, kann auf ideale Weise – und auf Anhieb – als schon auch | |
| provozierender, schwer zu kontrollierender Diskursraum verstanden werden. | |
| Dem Aufmerksamen wird er zur Erzählkapsel. Die Werke zeichnen einen Weg | |
| nach, der von der Fotografie und Malerei verbindenden Collage über die | |
| Zeichnung wieder zur Malerei führt, mit Überkreuzungen, die von Skepsis, | |
| Rückbesinnung und steter Suche erzählen. | |
| Die 1966 in Breitenbrunn geborene Amelie von Wulffen setzt sich in den | |
| frühen Arbeiten mit dem Verhältnis von Fotografie und Malerei auseinander. | |
| Das ist zunächst schon deshalb erstaunlich, weil hier die Fronten im Grunde | |
| längst geklärt sind und spätestens seitdem die Fotografie den Rang einer | |
| autonomen Kunstgattung erklommen hat, nur noch ansatzweise, etwa mit den | |
| Übermalungen respektive Anverwandlungen Gerhard Richters oder Arnulf | |
| Rainers, diskutiert werden. | |
| Umso interessanter sind die Verknüpfungen von Wulffens. Vielfach ist die | |
| Fotografie – eine Landschaft, eine Architektur, eine Situation – der | |
| Nukleus eines Gemäldes. Sie umkreist die Fotografie malerisch, sperrt sie, | |
| den (vermeintlichen) Inbegriff von Realität, in ein oft wucherndes, | |
| malerisches Geflecht von Farben und angedeuteten Formen. Interieurdetails, | |
| Köpfe, Ornamente und rätselhafte Objekte tauchen scheinbar zusammenhanglos | |
| auf: dazwischen monströse Architekturen der Macht und der Unterdrückung. | |
| ## Versatzstücke des Unbewussten | |
| Auf Russlandbesuchen mit ihren Eltern in den siebziger Jahren ist sie ihnen | |
| erstmals begegnet, sie haben sich als Faszinosum eingebrannt, später hat | |
| sie sie „umgebaut“, in unmögliche Albtraumgebäude. Der freilich niemals | |
| verifizierbaren, sogenannten Wahrheit der Fotografie setzt Amelie von | |
| Wulffen die visuellen Versatzstücke des Unbewussten entgegen. Eine neue, | |
| bedingungslos selbstbezogene Wirklichkeit entsteht. | |
| Die wiederum ist geprägt von einer in der Wolle gefärbten, | |
| bildungsbürgerlichen Herkunft, von einer früh und gründlich geformten | |
| Gedanken- und Bildwelt, einer traditionsgebundenen Weltanschauung (die | |
| Mutter veröffentlichte Gedichte, man verkehrte mit Martin Heidegger und | |
| Ernst Jünger, die Verdrängungsmechanismen funktionierten). Die junge Frau | |
| stellt infrage, das künstlerische Ich nährt sich von den daraus | |
| resultierenden Zweifeln, verarbeitet Faszination und Klage gleichermaßen | |
| intensiv. | |
| Und formuliert knapp. „Wenn man sieht, was drauf soll, hör ich auf“, sagt | |
| sie. Folglich hat manches Motiv den Charakter einer Ölstudie: Der | |
| künstlerische Gedankentransport ist radikal, vielleicht sogar ungeduldig | |
| unterbrochen – und der Spannungsbogen ausgereizt. Zum Kaleidoskop der | |
| frühen Jahre, zu einem riesigen raumhohen Panorama sind diese | |
| Gemäldecollagen und Aquarelle in barocker Hängung an einer Wand des Saals | |
| zusammengefügt – ein geballter Kosmos egozentrischer Lebenslandschaften. | |
| Der Betrachter muss auf Distanz gehen, um zu erfassen. | |
| ## Aufarbeitung und Familienkonstellation | |
| Den Schlussakkord dieser ersten großen, der Aufarbeitung, der | |
| Familienkonstellation, dem reaktionären Gedankengut gewidmeten Werkphase | |
| setzt Amelie von Wulffen 2007 mit der Rauminstallation „Die Vertuschung“, | |
| die im Zentrum der Münchner Präsentation steht: zwei von dem | |
| Künstlerkollegen Lucio Auris gebaute Sofas mit der Lüftlmalerei entlehntem | |
| Dekor, darauf Matratzen mit farbig marmoriertem Bezug; die ausziehbaren | |
| Ablagen enthüllen steife Veduten von ikonischen Aufmarschplätzen der Nazis, | |
| Dachbodenfundstücke aus dem Elternhaus. | |
| Der einst stramm systemabhängige Maler hat sich nach dem Krieg der | |
| Abstraktion – der Marmorierung? – zugewandt. Und alles war – scheinbar – | |
| erledigt. An dem verwinkelten Raumteiler daneben hängt, wie eine | |
| Fototapete, die Großaufnahme des elterlichen Flurs mit den typischen | |
| Accessoires der biederen Nachkriegszeit, im Türrahmen die Porträts der | |
| unbeschadet verehrten Hausgötter des Intellekts: Jünger und Heidegger. | |
| Sujets, die sich mit der Bewältigung der familiären und eigenen | |
| Vergangenheit befassen, interessieren Amelie von Wulffen fortan nicht mehr. | |
| Sie zeichnet. Sich. Mal vor dem Spiegel, mal nach Fotografien, später aus | |
| dem Gedächtnis. Stilsicher unperfekt, irgendwie unbeholfen und sehr | |
| lebendig sind diese Selbstporträts. Weit über die übliche Selbstbefragung | |
| hinaus reizt sie der Gegensatz oder Nichtgegensatz von Realität und | |
| Identität. Die geradezu exzessiv fokussierte Serie ist, so die Künstlerin, | |
| vielmehr ein Essay über das Zeichnen, die Personenbeschreibung. | |
| ## Selbstbildnis Goyas | |
| Sie kehrt zur Malerei zurück und stellt Künstlerselbstbildnisse in das | |
| Zentrum ihres Bildprogramms. In verschiedenen Versionen malt sie das | |
| berühmte Selbstbildnis Goyas an der Staffelei oder eines der allseits | |
| bekannten Selbstporträts von Max Beckmann. Aus der Wiederholung, der | |
| Adaption des Originalbilds wird nicht nur eine szenische, sondern eine | |
| eigenartig physische Begegnung mit dem Künstler. Auch durch die | |
| Überblendung des Porträts mit persönlichen Motiven und häufig in ihrem | |
| Œuvre wiederkehrenden Vignetten hinterfragt sie in assoziativen Bildräumen | |
| das Verhältnis von Bildnis und Malerei. | |
| Ein weiterer Akt der feindlich-freundlichen Besetzung (im Wortsinn) ist die | |
| Bemalung alter Schulstühle mit Porträts der Großen wie van Gogh, die in der | |
| Ausstellung als Sitzgelegenheit für die Betrachter einer Comic-Diashow | |
| dienen. Nichts ist heilig. Manchmal übernimmt sie typische Details aus dem | |
| Werk anderer, zum Beispiel die charakteristischen Bootspartien des | |
| Impressionisten Gustave Caillebotte, die dann, ähnlich wie ehemals die | |
| collagierten Fotos, umrankt von mehr oder weniger enigmatischen Figuren und | |
| Blüten, mit einer arkadischen Landschaft verschmelzen. | |
| Amelie von Wulffens Kunst ist durch und durch selbstreferenziell, das ist | |
| oft anstrengend, wird aber großartig in den absolut nur um sie und ihre | |
| Befindlichkeiten kreisenden Comics aufgelöst. In wieder – vorgeblich – | |
| sorgloser, zeichnerischer Manier ironisiert sie ihren Alltag. Und unseren | |
| gleich mit. Die Comics geben ihr die annähernd vollkommene Möglichkeit, | |
| Sprache und Erzählung linear zu organisieren, völlig konträr zu ihrem | |
| strengen malerischen Konzept der von Farbe und komplexer Schichtung | |
| getragenen Schilderung. | |
| 3 Nov 2015 | |
| ## AUTOREN | |
| Annegret Erhard | |
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