| # taz.de -- Gaza-Friedensplan: Rückkehr nach Gaza? | |
| > Die Palästinensische Autonomiebehörde hat kaum Rückhalt in der eigenen | |
| > Bevölkerung. Doch nun will sie in Gaza wieder die Kontrolle übernehmen. | |
| Bild: Wer wird aufbauen, wer wird regieren? Hausruine in Gaza-Stadt, 18. Novemb… | |
| Brigadegeneral Anwar Rajab will von seiner Behörde überzeugen. Die Uniform | |
| sitzt, auf der Brust reihen sich bunte Abzeichen. „Staat Palästina“ prangt | |
| auf dem Ärmel. Der Sprecher des Sicherheitsapparats der Palästinensischen | |
| Autonomiebehörde (PA) sagt: „Es überrascht Sie vielleicht zu hören, aber | |
| unsere Sicherheitskräfte sind in bester Verfassung.“ | |
| Für die PA geht es dieser Tage um ihre Zukunft. Gelingt es ihr, aus | |
| Ramallah im Westjordanland heraus im Gazastreifen künftig eine Rolle zu | |
| spielen? Wenn nicht, dürfte es ihren Weg in die Bedeutungslosigkeit | |
| besiegeln. In den 1990er Jahren, während des Oslo-Friedensprozess, entstand | |
| die Behörde, sie sollte Vorläufer eines zukünftigen palästinensischen | |
| Staates sein. Doch auch die jüngste Welle an internationalen Anerkennungen | |
| Palästinas können nicht darüber hinwegtäuschen: Die PA verwaltet derzeit | |
| nur noch die letzten palästinensischen Enklaven im israelisch besetzten | |
| Westjordanland. | |
| Israels Regierung hat eine PA-Beteiligung in Gaza bisher konsequent | |
| ausgeschlossen. Die US-Regierung unter Donald Trump aber scheint – auch | |
| unter dem Druck arabischer Staaten sowie seitens der | |
| UN-Sicherheitsratsmitglieder Russland und China – anderer Ansicht: Nach | |
| einem Reformprozess soll die PA die Kontrolle über Gaza übernehmen. [1][So | |
| heißt es in der Resolution zur Absicherung des Gaza-Friedensplans, die der | |
| UN-Sicherheitsrat in der Nacht auf Dienstag verabschiedet hat.] | |
| Rajab betont vor diesem Hintergrund die Erfolge seiner Leute: „Wir haben | |
| mehr als 300 Mitglieder bewaffneter Gruppen festgenommen.“ Er zeigt Fotos | |
| beschlagnahmter Sturmgewehre. In Dschenin im Norden des Westjordanlands | |
| gebe es heute keine bewaffneten Gruppen mehr. | |
| ## Flüchtlingslager Dschenin liegt in Trümmern | |
| Das liegt aber weniger an Rajabs Polizisten. Die israelische Armee hat das | |
| Flüchtlingslager von Dschenin Anfang des Jahres in weiten Teilen dem | |
| Erdboden gleichgemacht. Noch immer können tausende Bewohner nicht | |
| zurückkehren. Die PA-Truppen hatten sich zuvor mehr als einen Monat lang | |
| heftige Kämpfe mit militanten Palästinensergruppen geliefert. Rajab sagt, | |
| die Israelis hätten seine Leute „die Arbeit nicht beenden lassen“. | |
| Tatsächlich kann die PA ohne Zustimmung Israels nicht einmal einen | |
| Streifenwagen von Ramallah nach Dschenin schicken. | |
| Viele Palästinenser sehen die PA-Sicherheitskräfte als Erfüllungsgehilfen | |
| der israelischen Besatzung, auch weil sie sich mit Israel koordinieren. | |
| Rund ein Drittel des PA-Budgets fließt laut dem European Council on Foreign | |
| Relations in den Sicherheitsapparat. In den Augen der Palästinenser ist die | |
| PA zudem hilflos gegenüber der zunehmenden Gewalt durch radikale | |
| israelische Siedler und kann auch den stetigen Ausbau israelischer Siedler | |
| nicht aufhalten. Doch nicht nur das: Sie gehe auch mit autoritärer Hand | |
| gegen Oppositionelle vor und unterdrücke freie Meinungsäußerung. | |
| Dass die Behörde schon in besserer Verfassung war, dafür reicht ein Blick | |
| ins Vorzimmer des Brigadegenerals: Von den Steckdosen ist die Verkleidung | |
| abgefallen, die Wände bräuchten einen Anstrich. Über allem hängt ein | |
| verblichenes Bild des verstorbenen Palästinenserführers Jassir Arafat, | |
| gemacht wurde es in den 1980er-Jahren im tunesischen Exil. | |
| ## Palästinenser im Abseits | |
| Arafat hatte einst selbst mit tödlichen Anschlägen für einen | |
| Palästinenserstaat gekämpft, bevor er die palästinensische | |
| Befreiungsbewegung PLO in den 1990er Jahren in Verhandlungen mit Israel | |
| führte. Die Verhandlungen scheiterten letzlich, [2][die Palästinenser | |
| gerieten international zunehmend ins Abseits, etwa bei Verhandlungen | |
| arabischer Staaten über eine Normalisierung mit Israel.] Der mörderische | |
| Überfall der Hamas vor gut zwei Jahren könnte daran nur kurzfristig etwas | |
| geändert haben. | |
| Heute dominiert Israels Militär, unterstützt von den USA, die gesamte | |
| Region. Trotz zehntausender getöteter Zivilisten in Gaza und | |
| Völkermordvorwürfe ist international und in Israel der Drang nach einer | |
| Rückkehr zum Business as usual unübersehbar. In Jerusalem geben sich | |
| diplomatische Delegationen seit dem Beginn der Waffenruhe Anfang Oktober | |
| die Klinke in die Hand. Deutschland beendet sein Waffenembargo, die | |
| Forderungen nach internationalem Druck sind abgeflaut. | |
| Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hat jahrelang die Spaltung | |
| zwischen den palästinensischen Fraktionen Hamas und Fatah befördert. Mit | |
| ihm werde es „westlich des Jordans keinen palästinensischen Staat geben“, | |
| hat Netanjahu jüngst erneut festgestellt. Denn eine geeinte | |
| palästinensische Führung könnte als Verhandlungspartner für weitere | |
| Gespräche dienen. | |
| ## Kann die PA Gaza regieren? | |
| Für die PA geht es vor diesem Hintergrund auch um ihre Legitimität bei | |
| westlichen Partnern. „Wir sind die einzigen, die mit der Unterstützung | |
| internationaler Partner die Dinge in Gaza wieder in Ordnung bringen | |
| können“, sagte PA-Ministerpräsident Mohammed Mustafa Mitte Oktober vor | |
| Fernsehkameras in Ramallah. Der 71-jährige Technokrat wurde im Frühjahr | |
| 2024 eingesetzt, um Reformen anzustoßen. Denn Reformen, so steht es nun | |
| auch in der UN-Resolution, sind Bedingung dafür, dass die PA in der Zukunft | |
| die Kontrolle über den Gazastreifen übernehmen kann. | |
| Was genau reformiert werden soll, ist allerdings nicht klar – und die | |
| Wünsche variieren je nachdem, wen man fragt. Von westlichen Partnern | |
| zumindest werden der PA immer wieder der fehlende Rückhalt in der eigenen | |
| Bevölkerung vorgeworfen, Korruption, und auch die Verbreitung | |
| antisemitischer Inhalte in Schulbüchern oder die Zahlung von Renten an | |
| Hinterbliebene von Palästinensern, die Israelis getötet haben. | |
| Der ehemalige Weltbank-Ökonom hat einen Reformprozess eingeleitet, der | |
| bisher jedoch den Elefanten im Raum ignoriert: dass die Macht in Ramallah | |
| im Grunde nicht bei Mustafa liegt. Wichtige Entscheidungen werden weiter | |
| vom 90-jährigen Präsidenten Mahmud Abbas und dessen Vertrauten in der PLO | |
| getroffen. | |
| Erst kürzlich hat Abbas für seine Nachfolge seinen Vertrauten Hussein | |
| al-Sheikh als Vize eingesetzt. Wann die jüngst versprochenen ersten Wahlen | |
| seit 2006 stattfinden sollen, ist offen. Abbas und seine Leute hätten bei | |
| freien Wahlen laut Umfragen keine Chance. | |
| ## Die Pläne für Gaza | |
| Auf dem Weg von Rajabs Büro zur Zentrale der PLO liegt der Sitz des | |
| Legislativrats, das einst das Parlament eines palästinensischen Staates | |
| werden sollte. Heute hängt am Tor ein Vorhängeschloss. Auf dem Parkplatz | |
| vor dem PLO-Gebäude reiht sich ein luxuriöses Auto ans nächste. Drinnen | |
| erklärt PLO-Sprecher Wassel Abu Yusef die Pläne für Gaza. | |
| Zunächst müsse die Hamas von internationalen Kräften entwaffnet werden, | |
| danach solle schnell der Wiederaufbau für die rund zwei Millionen Bewohner | |
| des Küstenstreifens beginnen. Unvorstellbare 37 Millionen Tonnen Schutt | |
| sollen die israelischen Angriffe laut UN-Schätzungen hinterlassen haben. | |
| Darunter liegen noch immer tausende Tote und nicht explodierte Munition. | |
| Die PA hingegen hat nicht einmal Geld, um ihre Angestellten zu bezahlen. | |
| Israel hält die Auszahlung von Steuergeldern zurück, die es für die PA | |
| eintreibt – vor dem Krieg waren es rund 250 Millionen Euro pro Monat. | |
| Die Mittel sollen von außen kommen, sagt Abu Yusef, wenn nötig auch ohne | |
| direkten Zugriff der PA. „Wir werden keine ausländische Regierung im | |
| Gazastreifen akzeptieren“, stellt Abu Yusef allerdings klar. Das | |
| widerspricht der Ankündigung von Trump, [3][selbst die Leitung eines | |
| internationalen Aufsichtsmechanismus namens „Board of Peace“] übernehmen zu | |
| wollen. | |
| Auch das von Abbas zugesagte Ende der Renten für Angehörige von Attentätern | |
| scheint alles andere als beschlossene Sache. Man werde die Zahlungen an | |
| „unsere Märtyrer“ künftig anders aufziehen, aber nicht einstellen, sagt A… | |
| Yusef. Ein weiteres Hindernis: Die Hamas hat ihre Entwaffnung bisher stets | |
| abgelehnt. | |
| ## Ständig neue Korruptionsfälle | |
| Für die PA sprechen dennoch auch pragmatische Gründe: Trotz der blutigen | |
| Vertreibung durch die Hamas 2006 gibt es noch immer zahlreiche | |
| Verwaltungsbeamte und Sicherheitskräfte in Gaza, die Ramallah auch unter | |
| Hamas-Herrschaft loyal geblieben sind. Mit etwas Training könnten bald | |
| 8.000 ehemalige PA-Sicherheitskräfte in Gaza wieder einsatzbereit sein, | |
| schätzen Rajab und Abu Yusef. | |
| Abseits der PA-Ministerien in der Innenstadt kann Omar Assaf nur darüber | |
| lachen, dass sich Rajab und Abu Yusef nun als die rechtmäßigen Vertreter | |
| der Palästinenser aufspielen. „Wir leben in einer Diktatur“, sagt der | |
| 72-jährige Aktivist und PA-Kritiker, der selbst bereits mehrfach in | |
| palästinensischen und israelischen Gefängnissen saß. „Abu Yusef ist qua | |
| seines Titels verantwortlich für die nationalen Bewegungen“, sagt Assaf. | |
| „Ich wette, er würde keine hundert Leute auf die Straße bringen.“ | |
| Stattdessen kämen nun ständig neue Korruptionsfälle zu Tage. Erst kürzlich | |
| habe der Leiter der palästinensischen Grenzbehörde versucht, nach Albanien | |
| zu entkommen, um seiner Verhaftung zu entgehen. Anfang Oktober sei zudem | |
| der Verkehrsminister von PA-Chef Mustafa abgesetzt worden, erzählt Assaf | |
| weiter, nachdem er eine Million Dollar nach Kanada geschickt habe. Dass es | |
| dennoch ruhig bleibe, liege neben Angst auch an der Abhängigkeit vieler | |
| Familien. Fast 300.000 Menschen erhalten Lohn oder Renten von der PA. | |
| In Gaza, wo Israels Truppen noch immer mehr als die Hälfte des Gebietes | |
| besetzten, droht derweil die Gefahr des Stillstandes. Die temporäre „gelbe“ | |
| Rückzugslinie könnte wie so vieles in diesem Konflikt dauerhaft werden. | |
| Doch gleichzeitig heißt es im US-Entwurf für den Sicherheitsrat erstmals, | |
| nach einer PA-Reform und dem Wiederaufbau des Küstenstreifens „könnten die | |
| Voraussetzungen für palästinensische Selbstbestimmung und Staatlichkeit | |
| gegeben sein“. | |
| So vage das klingt: Offenbar akzeptiert die US-Führung damit die zentrale | |
| Bedeutung eines politischen Horizonts für die Palästinenser. Sollte es | |
| trotz aller Hürden gelingen, Gaza unter internationale Verwaltung zu | |
| stellen, könnten sich neue Möglichkeiten eröffnen. | |
| Mitarbeit: Abed Qusini | |
| 24 Nov 2025 | |
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| Felix Wellisch | |
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