| # taz.de -- Rassismus, Hetze und Fake-News: Rechte Angstlust am Stromausfall | |
| > Stromaggregate für die Ukraine, Flüchtlinge in Hotels, Linksextreme und | |
| > CDU, die das Volk verachten: Auf Tiktok tobt der rechte Mob, angestachelt | |
| > durch „Berliner Zeitung“ und „Welt“. | |
| Bild: Keine Liebe für die Deutschen? Bundeswehr-soldaten versorgen Notstromagg… | |
| Ganz aufgebracht redet die Frau ohne Punkt und Komma: „Jetzt komm’ ich hier | |
| und gucke hier, denke hier, wat is’n hier, das Ausland muss uns jetzt | |
| füttern?“ In ihrer braunen Steppjacke steht sie im [1][Zehlendorfer | |
| Bezirksamt, das seit Wochenbeginn als Anlaufpunkt für die Betroffenen des | |
| flächendeckenden Stromausfalls fungierte]. Hinter ihr sind Helfer:innen | |
| der muslimischen Hilfsorganisation Humanity First in blauen Westen zu | |
| sehen, die hier täglich mehrere Mahlzeiten, Kaffee und belegte Brötchen | |
| angeboten haben. | |
| Doch für die Frau ist das eine Provokation: „Wir sind jetzt hier wie die | |
| Flüchtlinge“, sagt sie, und trotzig: „Ich brauche keinen Keks.“ Immer | |
| schneller werdend kommt sie in ihrer Tirade auf „sieben Stromaggregate“ zu | |
| sprechen, die Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) auf einer | |
| Pressekonferenz angekündigt habe, derweil seien „1.700“ in die Ukraine | |
| geliefert worden. „Wir schicken dit ins Ausland und unsere Leute frieren, | |
| also frieren für Selenskyj oder was? Ich platze gleich.“ | |
| Auf [2][Tiktok] geht das [3][Video] seit Tagen durch die Decke. Mehr als | |
| 20.000 Weiterleitungen und über 80.000 Likes für ein einziges Video der | |
| Szene sprechen dafür, dass es einen Nerv trifft – zumindest in einer | |
| rechten Bubble, die sich auf den Stromausfall in voller Angstlust gestürzt | |
| hat. Ein Angriff womöglich von radikalen Linken auf die kritische | |
| Infrastruktur ist für die Szene, die auf den politischen Umsturz, den „Tag | |
| X“ infolge einer Katastrophe lauert, wie ein Geschenk. Daran verhandelt | |
| werden gleich mehrere rechte Talking Points: die angebliche | |
| Ungleichbehandlung von Deutschen und Geflüchteten, gleichgültige | |
| „Alt-Parteien“ im Berliner Senat oder die Ukraineunterstützung auf Kosten | |
| des „deutschen Volkes“. | |
| Erst mal im Algorithmus gefangen, spült die Videoplattform des chinesischen | |
| Unternehmens Bytedance Nutzer:innen gleich Dutzende Videos in die | |
| Timeline, in denen die Lieferung von Notstromaggregaten für die Ukraine | |
| beklagt wird. Als Stichwortgeber der Rechten hält dafür – [4][inzwischen | |
| wenig überraschend – die Berliner Zeitung her], die in einem Artikel am | |
| Sonntag den Zusammenhang zwischen Hilfsmaßnahmen für das kriegsversehrte | |
| Land und der Versorgung in Berlins Südwesten aufmachte. | |
| Dass der Betreiber Stromnetz Berlin keinen Mangel an Stromerzeugern | |
| beklagte, sondern im Gegenteil darauf verwies, [5][dass eine Reparatur der | |
| deutlich einfachere Weg als eine flächendeckende Versorgung mit Aggregaten | |
| ist], fällt in der Propaganda unter den Tisch. | |
| ## Stichwortgeber „Berliner Zeitung“ | |
| Erzürnt machten viele Rechte auf Tiktok eine weitere angebliche | |
| Bevorteilung Nichtdeutscher aus. Als Franziska Giffey am Sonntag bekannt | |
| gab, dass Bewohner:innen der Blackout-Bezirke zu vergünstigten | |
| Konditionen in Hotels übernachten können und es zugleich Meldungen über die | |
| Verlegung von Flüchtlingen aus einer vom Stromausfall betroffenen | |
| Gemeinschaftsunterkunft gab, war der nächste konstruierte Skandal perfekt: | |
| „Die wurden in Hotels geshuttelt, während alle anderen in dem Gebiet dort | |
| noch verweilen“, hieß es in einem von vielen Videos. Und die Berliner | |
| Zeitung als zentraler Stichwortgeber rechtsextremer Verschwörungen titelte: | |
| [6][„SPD-Politiker erklärt, wieso Migranten Hotel zusteht, Rentnern | |
| nicht.“] | |
| Doch die Geschichte stimmte vorne und hinten nicht: [7][Die 200 betroffenen | |
| Geflüchteten wurden in die Notunterkunft am Flughafen Tegel evakuiert]. In | |
| der Berliner Zeitung fand sich im Empörungstext dazu kein Wort, stattdessen | |
| der allgemeine Verweis, dass in Berlin Flüchtlinge seit Jahren „für rund 60 | |
| Euro pro Person und Nacht in Hotels und Hostels untergebracht“ werden. Der | |
| Shitstorm war dennoch perfekt – und nur einen Tag später reagierte der | |
| Senat und kündigte an, Übernachtungskosten nachträglich zu erstatten. | |
| Gleich mehrere Videos stellten das als Erfolg ihrer Empörung und der | |
| erzielten hohen Reichweite dar. | |
| Für das größere politische Framing sorgten vor allem das Springer-Medium | |
| Welt und Julian Reichelts rechtes Kampagnenportal Nius, das in | |
| Mitleidsgeschichten tagelang wehrlose betroffene Renter:innen vor die | |
| Kamera zerrte. Der Ex-Bild-Chef redete seinem Publikum ins Gewissen: „Es | |
| ist kein Stromausfall“, stattdessen handele es sich um einen | |
| „linksextremistischen Terroranschlag“ – [8][auch wenn dies nicht bewiesen | |
| ist]. Und trotzdem: Wenn die Vulkangruppe von rechts käme, so Reichelt, | |
| gäbe es „seit Jahren eine Jagd auf diese Gruppe mit allen Ressourcen des | |
| Rechtsstaates“. | |
| Noch unverblümter äußerte sich der stellvertretende Chefredakteur der Welt, | |
| Johannes Böhning, der selbst vom Blackout betroffen war. Ausbleibende | |
| Ermittlungserfolge seien entweder „Inkompetenz“ oder die Gruppe habe „Hil… | |
| aus den entsprechenden Stellen innerhalb der Behörden“. Im selben Interview | |
| auf Welt TV sagte Böhning über Kai Wegner: „Wenn es noch eines Beweises | |
| bedurft hätte, dass der Regierende Bürgermeister, der angeblich regierende | |
| Bürgermeister, eine Pfeife ist, dann hat man ihn jetzt bekommen.“ | |
| ## Wegner als Zielscheibe | |
| Für Dutzende rechtsextreme Streamer lieferte er die perfekte Vorlage, um | |
| über Wegner herzufallen, vor allem, weil er am ersten Tag des Stromausfalls | |
| nicht vor Ort war, womöglich weil er „Alkoholiker“ sei, wie nicht nur ein | |
| Tiktoker mutmaßte. Auch sein Besuch am Bett einer pflegebedürftigen | |
| Hochbetagten in der Notunterkunft im Bürgeramt brachte ihm kübelweise Spott | |
| ein. Tenor: Die da oben verachten uns. | |
| Mit Wiederherstellung der Stromversorgung am Mittwoch ist die rechte | |
| Shitshow mitnichten vorbei. Der nächste Hottake ist gefunden: Es ist der am | |
| selben Tag bekannt gewordene Tod einer 83-Jährigen während des Blackouts. | |
| Bislang ist nicht bekannt, ob der Tod im Zusammenhang mit dem Stromausfall | |
| steht. Für die extremen Rechten dagegen ist es ein gefundenes Fressen: | |
| Jetzt haben die Linken und der volksverachtende Senat sogar eine Tote zu | |
| verantworten – oder sind es sogar zwei, wie die ersten Videos bereits | |
| behaupten? | |
| 7 Jan 2026 | |
| ## LINKS | |
| [1] /Notunterkunft-nach-Stromausfall/!6142933 | |
| [2] /Berlin-tokt/!t6103804 | |
| [3] https://www.tiktok.com/@altmarktv/video/7591985501243051286 | |
| [4] /Berliner-Zeitung/!t5065553 | |
| [5] /Stromausfall-nach-Brandanschlag/!6142845 | |
| [6] https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/berlin-li.10012799 | |
| [7] https://www.n-tv.de/regionales/berlin-und-brandenburg/Gefluechtete-in-ander… | |
| [8] /Anschlag-auf-das-Stromnetz-in-Berlin/!6143538 | |
| ## AUTOREN | |
| Erik Peter | |
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