| # taz.de -- Fahren ohne Fahrschein: Ohne Ticket, aber mit Schild | |
| > In Leipzig ist eine Person freigesprochen worden, die mehrmals ohne | |
| > Ticket gefahren war. Wie ein Schild half, den Unterschied zu machen. | |
| Bild: „Kostenlose Mobilität für alle wäre ohne Weiteres finanzierbar“, s… | |
| „Ich bin optimistisch, dass es bei dem Freispruch bleibt“, sagt Sascha K. | |
| der taz am Telefon. Bei Kontrollen in einem Zug der Deutschen Bahn war K. | |
| mehrmals ohne Fahrschein angetroffen worden. Dann kam die Anzeige und | |
| schließlich ein Strafbefehl. K. sollte eine Geldstrafe von über 1.000 Euro | |
| zahlen, legte Widerspruch ein, es ging vors Amtsgericht Leipzig – und dort | |
| gab es Mitte November den Freispruch. | |
| Das Fahren ohne Fahrschein ist strafbar. Geregelt ist das in Paragraf 265a | |
| des Strafgesetzbuchs unter der Bezeichnung „Erschleichen von Leistungen“. | |
| Darauf gibt es eine Geld- oder eine Freiheitsstrafe. In den meisten Fällen | |
| wird eine Geldstrafe ausgesprochen. Wer diese nicht zahlen kann, muss eine | |
| sogenannte Ersatzfreiheitsstrafe absitzen. Insgesamt landen | |
| [1][Expertenschätzungen zufolge pro Jahr 9.000 Menschen] wegen Fahrens ohne | |
| Fahrschein im Gefängnis. Die meisten sind arm und ohne festen Wohnsitz. | |
| Auch für Sascha K., der volle Name ist der taz bekannt, sind die Fahrpreise | |
| der Bahn zu hoch. „Viele Menschen können sich Mobilität nicht leisten“, | |
| sagt K. der taz Ende November am Telefon, findet aber: „Mobilität muss für | |
| alle zugänglich sein, unabhängig vom Geldbeutel.“ Ende 2023 fuhr K. daher | |
| das erste Mal mit einem Schild, größer als DIN A4. Gut sichtbar stand | |
| darauf: „Ich fahre umsonst, das heißt ohne gültigen Fahrschein. Mobilität | |
| sollte keine Klassenfrage sein. Es ist genug für alle da.“ | |
| K. hatte sich vorher mit Freund*innen und Gefährt*innen ausgetauscht, | |
| sich über Gerichtsurteile erkundigt und entschieden, es selbst mal zu | |
| versuchen. Seitdem ist es „jedes Mal ein kleiner Adrenalinstoß, wenn ich | |
| weiß, es kommt gleich zum Gespräch“. Das läuft in der Regel so ab: K. trä… | |
| das Schild gut erkennbar am Körper. Kommt ein*e Kontrolleur*in und fragt | |
| nach dem Ticket, sagt K.: „Ich habe keins.“ Warum? „Weil ich es mir nicht | |
| leisten kann.“ Daran schließe sich oft die Frage nach dem Schild und ein | |
| Gespräch über kostenlose Mobilität und die Strafbarkeit von Fahren ohne | |
| Ticket an, erzählt K. In der Regel nähmen die Kontrolleur*innen den | |
| Vorfall auf, mit dem Vermerk, dass die Person ein Schild dabeihatte und was | |
| darauf stand. | |
| ## Das Schild macht den Unterschied | |
| Das Schild machte vor Gericht den Unterschied. Einem Urteil des | |
| Bundesgerichtshofs von 2009 zufolge macht sich nach Paragraf 265a strafbar, | |
| wer sich mit dem „Anschein umgibt“, ein ordnungsgemäßer Fahrgast zu sein. | |
| K. und zwei Laienverteidiger*innen argumentierten, weil K. sichtbar | |
| ein auffälliges Schild dabeihatte, das darauf hinwies, dass K. kein Ticket | |
| hatte, sei nicht versucht worden, diesen Anschein zu erwecken. Richter und | |
| Staatsanwaltschaft stimmten dem zu und das Gericht sprach K. frei. | |
| Die Staatsanwaltschaft hat dennoch Rechtsmittel eingelegt: Sie argumentiert | |
| nun, K. habe mit Betreten des Zugs ohne Ticket Hausfriedensbruch begangen. | |
| Ruben Gradl, einer der Laienverteidiger von K., hält die Argumentation für | |
| „eine neue Albernheit“, die ihm zum ersten Mal unterkomme, und er | |
| beschäftige sich seit vielen Jahren mit dem Thema. Rechtlich sei das | |
| „ziemlich wackelig“. Wenn allein das Betreten eines Zugs ohne gültigen | |
| Fahrschein schon verboten sei, dann betreffe das auch alle, die nur einen | |
| Koffer für eine*n Reisende*n in den Zug tragen. So argumentierte selbst | |
| der Richter am Amtsgericht Leipzig (schriftliches Urteil liegt der taz | |
| vor). | |
| Gradl nennt sich „Aktionsschwarzfahrer“ und stand selbst bereits mehrfach | |
| wegen Fahrens ohne Fahrschein – aber mit einem ähnlichen Schild wie K. – | |
| vor Gericht. Die Verfahren wurden immer eingestellt. Ab und zu verteidigt | |
| er andere Menschen in ähnlichen Fällen – das nächste Mal am 18. Dezember in | |
| Einbeck, zwischen Göttingen und Hildesheim. Streitgegenstand ist eine | |
| einzige Fahrt, Streitwert 3 Euro. | |
| „Aktionsschwarzfahrer“ nennt Gradl sich, weil er nicht einfach nur Geld | |
| sparen, sondern auf einen aus seiner Sicht Missstand aufmerksam machen | |
| will. „Der Paragraf 265a gehört abgeschafft“, sagt er der taz am Telefon. | |
| „Öffentlicher Verkehr muss kostenlos sein.“ Warum? Die Strafbarkeit vom | |
| Fahren ohne Fahrschein sei „sozial ungerecht“. Sie treffe Menschen in | |
| prekären Situationen besonders hart. Wer wegen 265a ins Gefängnis müsse, | |
| verliere Wohnung, Job und Umfeld, soweit vorhanden. „Da bricht einfach | |
| alles weg.“ Und das, weil sich der Staat zum Erfüllungsgehilfen von | |
| privatrechtlichen Angelegenheiten mache. Länder wie Italien hätten die | |
| Ersatzfreiheitsstrafe längst abgeschafft. | |
| ## „Der Staat investiert falsch“ | |
| „Kostenlose Mobilität für alle wäre ohne Weiteres finanzierbar“, sagt Gr… | |
| und verweist auf ein Positionspapier des Verbands Deutscher | |
| Verkehrsunternehmen aus dem Jahr 2019. Darin werden die gesamten | |
| Ticketeinnahmen in Deutschland mit 13 Milliarden Euro pro Jahr beziffert. | |
| „Dem Staat mangelt es nicht an Geld, das zu finanzieren, er investiert nur | |
| falsch“, sagt Gradl. Statt in kostenlose Mobilität mit Bussen und Bahnen zu | |
| setzen, subventioniere der Staat die Kerosinsteuer von Fluggesellschaften | |
| und fördere den Autoverkehr unter anderem durch die Pendlerpauschale. „Mit | |
| den 100 Milliarden ‚Sondervermögen‘ für Rüstung könnten stattdessen alle | |
| Menschen zehn Jahre zum Nulltarif Bahn fahren.“ | |
| Kampagnen zum sogenannten Schwarzfahren gab es immer mal wieder. Die letzte | |
| größere Aktion liegt allerdings über 20 Jahre zurück: 2004 hatte das | |
| Bündnis „Recht auf Mobilität – Fahrt Schwarz“ in Berlin mehrfach zu | |
| „Schwarzfahrertagen“ aufgerufen, [2][wie damals in der taz zu lesen war]. | |
| Als Sprecher des Bündnisses trat der damalige Politikprofessor Peter | |
| Grottian auf. Fällige Bußgelder zahlten der Professor und seine Mitstreiter | |
| zum Teil aus eigener Tasche. | |
| Ein Jahr später versuchte es die Gruppe FelS (Für eine linke Strömung) mit | |
| dem „pinken Punkt“: Nachdem an der Freien Universität das Semesterticket | |
| gescheitert war, war die Idee, sich pinke Buttons an die Jacke zu heften | |
| und sich darüber zu spontanen Pinkfahrgruppen – also dem Fahren ohne Ticket | |
| – zusammenzuschließen. [3][Später bezeichnete die Gruppe die Kampagne als | |
| gescheitert], man habe „zu viel vorausgesetzt“: Die spontane | |
| Selbstorganisierung mit der Aussicht auf eine mögliche Konfrontation mit | |
| Kontrolleuren – „das war auch für die linken Studis oft ein zu großer | |
| Schritt“. | |
| Einen anderen Weg geht seit 2021 die Initiative Freiheitsfonds um | |
| Frag-den-Staat-Gründer Arne Semsrott: Sie hat seitdem nach eigenen Angaben | |
| rund 1.500 Menschen aus Gefängnissen „befreit“, die wegen Fahrens ohne | |
| Ticket einsitzen. Das politische Ziel des Freiheitsfonds ist aber das | |
| gleiche wie das von „Aktionsschwarzfahrer“ Gradl: Die Initiative fordert, | |
| [4][das Fahren ohne Fahrschein zu entkriminalisieren] und den ÖPNV | |
| kostenlos nutzbar zu machen. | |
| In der Vergangenheit gab es immer wieder Gesetzesinitiativen, um das Fahren | |
| ohne Fahrschein zu entkriminalisieren, zuletzt [5][von der FDP]. Nach den | |
| Neuwahlen und weil die FDP aus dem Bundestag ausschied, wurde der Entwurf | |
| aber nicht weiter diskutiert. Stattdessen haben Mitte November sowohl | |
| [6][die Linke] als auch [7][die Grünen] eigene Entwürfe in den Bundestag | |
| eingebracht. Auch Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) kann sich das | |
| vorstellen. | |
| 11 Dec 2025 | |
| ## LINKS | |
| [1] /Freedom-Day-am-27-November/!6132426 | |
| [2] /Fahrt-schwarz-Grottian-zahlts/!810061&s=grottian+schwarzfahren | |
| [3] https://arranca.org/ausgaben/scheitern-ever-tried-ever-failed/ever-tried-ev… | |
| [4] /Fahren-ohne-Ticket/!6054791 | |
| [5] https://dserver.bundestag.de/btd/20/142/2014257.pdf | |
| [6] https://dserver.bundestag.de/btd/21/017/2101757.pdf | |
| [7] https://dserver.bundestag.de/btd/21/027/2102722.pdf | |
| ## AUTOREN | |
| Johanna Treblin | |
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