| # taz.de -- Macht von Eliten: Früher Kaste, heute Code | |
| > Epstein-Files oder Tegernsee-Connection: Die Mächtigen spielen nach ihren | |
| > eigenen Regeln. Warum wir dieses kaputte System bekämpfen müssen. | |
| Bild: Die Spiele der Mächtigen finden im Hinterzimmer statt | |
| Stellen Sie sich bitte einmal Folgendes vor: Es existiert ein Foto, auf dem | |
| ein amtierender Präsident eines Staates einen ehemaligen Präsidenten | |
| desselben Staates oral befriedigt, und dieses Foto wurde dem Präsidenten | |
| eines anderen, möglicherweise verfeindeten Staates zugespielt. Oder stellen | |
| Sie sich vor, dass sich ein sehr reicher Mann, besessen vom Erreichen der | |
| eigenen Unsterblichkeit, das Blut seines 20-jährigen Geliebten spritzt in | |
| der Hoffnung, dass es sich dabei um eine lebensverlängernde Maßnahme | |
| handeln könnte. | |
| Oder, wahrscheinlich etwas leichter vorstellbar, dass sich irgendwo, an | |
| einem wunderschönen Ort, mächtige Menschen treffen und viel Geld dafür | |
| bezahlen, mit noch mächtigeren Menschen ins Gespräch zu kommen. Bei | |
| wunderschönem Ausblick auf Berge und Seen und fantastischem Essen, | |
| organisiert von einem guten Freund eines Regierungschefs, der wiederum | |
| seinen guten Freund zum Teil seiner Regierung macht. | |
| ## Können Sie sich das alles vorstellen? | |
| Natürlich können Sie. Denn genau diese Mischung aus Unwahrscheinlichkeit | |
| und Wahrscheinlichkeit ist die Signatur unserer Gegenwart. Und damit sind | |
| wir mittendrin in einem jahrtausendealten Problem, für das es offenbar | |
| keine Lösung gibt. Weil es kein wirkliches Interesse an einer Lösung gibt, | |
| weil die, die es lösen könnten, eben Teil dieses Problems sind. | |
| Die Sache mit dem Foto ist ein Gerücht, das seit der vergangenen Woche im | |
| Zuge der teilweise veröffentlichten [1][Epstein-Files] durchs Internet | |
| kursiert. Die Sache mit dem Blut hat der Milliardär Peter Thiel von sich | |
| selbst erzählt und die Sache mit dem wunderschönen Ort ist die sogenannte | |
| Tegernsee-Connection, offizieller und weniger konspirativ auch | |
| [2][„Ludwig-Erhard-Gipfel“] genannt. | |
| Jetzt könnte man verwundert und angewidert den Kopf schütteln und sich ein | |
| bisschen über die „Eliten“ aufregen. Oder aber man versucht zu verstehen, | |
| wie es überhaupt dazu kommen konnte – zu diesen „Eliten“ und ihren Zirke… | |
| und ihrem Verhalten. Vielleicht muss man ein System erst verstehen, bevor | |
| man es verändern kann? | |
| Es gab schon immer Gesellschaften im Zwischengeschoss des Lebens, die sich | |
| zwischen Gesetz und Gewohnheitsrecht, zwischen Öffentlichkeit und Ohnmacht, | |
| zwischen Politik, Kapital, Einfluss und Moral bewegt haben. Die Menschen | |
| dieser Gesellschaften treffen sich in Lounges und Aufsichtsräten, auf | |
| Panels, Inseln, bei Banketts und in Hintergrundkreisen. Sie bilden | |
| Netzwerke und kriminelle Strukturen und ihre Dekadenz findet im Verborgenen | |
| statt. Manchmal aber werden ihre Machenschaften öffentlich. Manchmal | |
| bekommen Gesellschaften Namen. Zum Beispiel Jeffrey Epstein. | |
| ## Epsteins Netzwerk überlebte | |
| Epstein war ein amerikanischer Finanzier, der 2008 erstmals wegen | |
| Missbrauchs Minderjähriger verurteilt wurde und ab 2019 erneut in | |
| Untersuchungshaft saß. Sein eigentlicher Einfluss beruhte nicht auf seinem | |
| Vermögen, sondern auf seinem Netzwerk: Er vermittelte Kontakte zwischen | |
| Wirtschaftsgrößen, Politikern, Wissenschaftlern und Unterhaltungseliten – | |
| oft in einem Graubereich zwischen Privileg, Macht und sexuellem Missbrauch. | |
| So entstand ein verstörendes Netzwerk, in dem junge Mädchen und Frauen an | |
| Promis weitergereicht wurden. Im August 2019 starb Epstein in U-Haft unter | |
| bis heute umstrittenen Umständen. Entscheidend für diesen Text ist jedoch | |
| nicht sein Tod – sondern das Netzwerk, das ihn überlebte. | |
| Die „Epstein Files“, 33.000 Seiten aus E-Mails, Gästelisten und Hinweisen | |
| zu Geldströmen, beweisen, dass selbst nach Epsteins Verurteilung wegen | |
| sexuellen Missbrauchs führende Politiker, Unternehmer, Wissenschaftler und | |
| Medienleute weiterhin seine Nähe suchten. Nicht wegen seiner Schuld, | |
| sondern wegen seines Zugangs. Epstein war nicht nur Täter. Er war eine Art | |
| Verbindungstür: zwischen Harvard und Hollywood, zwischen Regierung und | |
| Finanzwelt. Epsteins Wert lag nicht in seiner Person, sondern in seiner | |
| Funktion. | |
| Das Gleiche gilt auch, wenn auch anders gelagert, für Wolfram Weimer. An | |
| seinem Wohnort am Tegernsee veranstaltet seine „Weimer Media Group“ den | |
| „Ludwig-Erhard-Gipfel“, ein Treffen, das sich als liberaler Leuchtturm | |
| inszeniert. Doch der Zugang zu diesem Leuchtturm kostet, von mehreren | |
| zehntausend Euro ist die Rede. Das Ganze wurde eingefädelt von Wolfram | |
| Weimer, dem heutigen Kulturstaatsminister, damals Miteigentümer der | |
| Mediengruppe. | |
| ## Trias aus Status, Rolle und Selbstanspruch | |
| Ein Vorgang, der eigentlich jede demokratische Alarmstufe auslösen müsste – | |
| wenn man sich nicht längst an ähnliche Fälle gewöhnt hätte. Die Frage | |
| scheint naheliegend: Wie kaputt ist die Elite? Doch diese Frage setzt | |
| voraus, dass es sie als abgegrenzte, moralisch adressierbare Gruppe | |
| überhaupt noch gibt. So wie einst den Adel, die Monarchie oder den Klerus. | |
| Doch was, wenn die moderne Elite keine Gruppe mehr ist? Sondern ein | |
| Betriebssystem? Eine Funktionslogik, die Personen austauscht wie | |
| Softwaremodule – und gerade deshalb unkontrollierbar wird? | |
| Historisch war Elite immer eine Trias aus Status, Rolle und Selbstanspruch. | |
| Der römische Senat erklärte sich zum moralischen Rückgrat der Republik – | |
| und betrieb Menschenhandel. Das Ancien Régime legitimierte Privilegien mit | |
| göttlicher Ordnung – und verteidigte sie bis zur Revolution. Im Dritten | |
| Reich entstand eine Elite, deren einziges Kriterium die Loyalität zur | |
| Vernichtungsideologie war. In all diesen Epochen galt: Für die Elite gelten | |
| andere Regeln. Nicht nur beim Zugang zu Ressourcen, sondern auch zur Moral. | |
| Was für die Masse als Sünde galt, konnte in oberen Kreisen als Souveränität | |
| erscheinen. Oder anders formuliert: Wenn man von Gott auserwählt wurde, | |
| dann gelten die Regeln ebenjener Auserwählten, ganz gleich, ob diese Regeln | |
| unmoralisch oder juristisch nicht zu halten sind. | |
| Doch diese alte Logik trägt nur bis zu einem gewissen Punkt. Dahinter | |
| beginnt etwas Neues – und Gefährlicheres. Die Elite der Gegenwart | |
| funktioniert fundamental anders. Sie ist keine Kaste, kein Stand, kein | |
| Zirkel. Sie ist ein Netzwerk: ein Geflecht aus ökonomischem Kapital, | |
| politischem Einfluss, technologischer Infrastruktur und kulturellem | |
| Symbolkapital. Wer dazugehört, muss nicht reich oder adlig oder gewählt | |
| sein. Er muss nützlich, verknüpft und verfügbar sein. Denn was früher | |
| Herkunft war, ist heute Zugang. Was früher Kaste war, ist heute Code. Und | |
| was früher Loyalität war, ist heute Funktion. Diese Struktur lässt sich | |
| exemplarisch an zwei Fällen zeigen – einem brutalen und einem subtilen. | |
| ## Immer wieder dieselbe Logik – auch international | |
| Epstein zeigt diese Struktur in ihrer düstersten Form. Sein Einfluss | |
| beruhte auf der von ihm geschaffenen Infrastruktur: Er konnte Türen öffnen, | |
| Risiken dämpfen, Vorteile vermitteln. Der Tegernseer „Gipfel“ zeigt | |
| dieselbe Logik – subtiler, aber nicht weniger deutlich. Dort ist nicht ein | |
| Minister das Problem oder ein Unternehmer, sondern die Ökonomisierung | |
| politischer Nähe: Politik als Service und Zugang als Ware. | |
| Diese Logik wiederholt sich global. In der Ukraine verschwinden Millionen | |
| aus Rüstungsbudgets in privaten Kanälen, während an der Front gestorben | |
| wird. Russische Oligarchen gehen auf Shoppingtour in Paris, obwohl im | |
| eigenen Land westliche Dekadenz zur Staatsdoktrin des Feindbilds erklärt | |
| wird. Überall entstehen Parallelgesellschaften der Einflussreichen, die von | |
| den Krisen profitieren, die sie öffentlich beklagen. Und überall zeigt sich | |
| dabei, dass sich die moderne Elite nicht mehr an Nationen orientiert, | |
| sondern an Netzwerken. Deshalb fühlen sie sich auch dem Gemeinwohl nicht | |
| mehr verpflichtet – sondern nur noch ihrem Netzwerk. Es geht ihnen nicht | |
| mehr um Verantwortung, sondern um Risikodiversifikation. | |
| An dieser Stelle – Sie ahnen es wahrscheinlich – muss man einmal kurz | |
| innehalten, sehr exakt werden und mögliche Einfallstore für antisemitische | |
| Verschwörungstheorien mit Schwung aus dem Weg räumen. Denn die Bilder von | |
| „Strippenziehern“, „Schattenmächten“ oder „globalistischen Kräften�… | |
| Zusammenhang mit dem Fehlverhalten von „Eliten“ auftauchen, führen hier | |
| nicht weiter, weil sie reale Machtkritik mit antisemitischer Projektion | |
| vermischen. | |
| „Hollywood“ galt und gilt bis heute als „jüdisch“, ebenso „die Finan… | |
| und „die Medien“. Das ist aber natürlich ein ideologischer Kurzschluss, der | |
| Strukturen ethnisiert und die Verantwortung personalisiert. Deshalb braucht | |
| es absolute Präzision: Es gibt wirtschaftliche, politische, kulturelle, | |
| technologische Eliten. Sie überschneiden sich, aber sie sind nicht homogen. | |
| Wer aber das vermischt, will keine Analyse, sondern Hetze. | |
| ## Elite sortiert, selektiert, priorisiert, schließt ein und aus | |
| Was also ist die Elite der Gegenwart, um die es geht? Vielleicht hilft bei | |
| der Suche nach einer Antwort ein Bild: Die moderne Elite ähnelt weniger | |
| einem Adel als einem Algorithmus. Sie sortiert, selektiert, priorisiert, | |
| schließt ein und aus. Sie ist Infrastruktur. Sie belohnt diejenigen, die | |
| nützlich sind, und sie ersetzt diejenigen, die riskant werden. Denn es ist | |
| ja nicht das Hauptproblem, dass Eliten moralisch verkommen wären. Das waren | |
| sie oft – eigentlich immer –, und sie sind es natürlich immer noch. Das | |
| Problem heute ist, dass wir falsche Kategorien benutzen. Wir sprechen immer | |
| noch von Personen, von Gruppen – dabei sind es Systeme und Strukturen. | |
| Diese Strukturen existieren auch dort, wo man sie gar nicht als „Elite“ | |
| erkennen würde. Der Fall von Dominique Pelicot zeigt das zum Beispiel: | |
| Niemand würde auf die Idee kommen, dass die Männer, die die Frau betäubten, | |
| um sie dann zu vergewaltigen, Teile einer Art von Elite waren. Aber sie | |
| waren Teil eines Systems, einer Struktur. | |
| Der Fall Epstein zeigt das. Nicht Epstein war mächtig, sondern das System, | |
| das er aufgebaut hatte und das ohne ihn weiter lief. Der Tegernseer | |
| „Gipfel“ zeigt es eleganter: Der Minister ist austauschbar, der | |
| Eventbetrieb nicht. Der Wert liegt im Zugang, nicht im Amt. Deshalb ist die | |
| Frage, wie kaputt die Elite ist, nicht ganz korrekt und auch, | |
| zugegebenermaßen, etwas populistisch. | |
| Eigentlich müsste die Frage lauten, wie kaputt unser Begriff von Elite ist. | |
| Denn wir glauben immer noch, dass Macht ein Merkmal von Menschen sei, und | |
| nicht das Produkt von Strukturen. Deshalb ist es auch beinahe egal, wer wen | |
| oral befriedigt hat und wer sich mit wem weshalb getroffen hat. Nicht egal | |
| hingegen ist: Welche Systeme produzieren diese Treffen? Welche Mechanismen | |
| machen sie notwendig? Und welche Finanzierungen machen sie möglich? | |
| ## Netzwerke müssen sichtbar werden | |
| Um es leicht platt auszudrücken: Wer politischen Zugang organisiert, darf | |
| nicht gleichzeitig von politischen Entscheidungen profitieren. Führung darf | |
| nicht länger eine Belohnung sein, sondern eine Bürde. Und die | |
| Öffentlichkeit muss der Ort sein, an dem Macht verhandelt wird. Und eben | |
| nicht die Hinterzimmer. Denn eine Demokratie, die ihre Eliten nur als | |
| Menschen sieht, aber nicht als Strukturen, wird immer enttäuscht werden. | |
| Die eigentliche Aufgabe besteht nicht darin, die Mächtigen zu moralischeren | |
| Menschen zu erziehen. Die Systeme, die sie hervorbringen, müssen sich | |
| ändern. | |
| Wie kann das gelingen? Indem die Opfer dieser Systeme laut werden, man | |
| ihnen zuhört und sie unterstützt. Im Fall von Epstein schlossen sich Opfer | |
| zusammen, klagten gemeinsam, veröffentlichten ihre Berichte und zwangen | |
| damit ein Netzwerk ans Licht, das jahrzehntelang im Dunkeln operiert hatte. | |
| Sie organisierten Pressekonferenzen, formten Solidaritätsgruppen, setzten | |
| Stiftungen unter Druck und brachten Namen ans Licht, die zuvor unantastbar | |
| schienen. | |
| Diese Opfer waren nicht mächtig. Aber sie machten das System sichtbar. Und | |
| Sichtbarkeit ist der Anfang vom Ende der Eliten. | |
| 24 Nov 2025 | |
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