| # taz.de -- Jurist über den neuen Bußgeldkatalog: „Wir müssen Platz neu ve… | |
| > Am Freitag will der Bundesrat die neue Straßenverkehrsordnung | |
| > verabschieden. Verkehrssünder werden künftig härter bestraft. | |
| Bild: Mahnwache für eine von einem LKW getötete Radfahrerin in Berlin am 31. … | |
| taz: Herr Huhn, was wird sich ändern mit dem neuen Bußgeldkatalog? | |
| Roland Huhn: Vor allem zu schnell fahren wird teurer. Die Bußgelder wurden | |
| in Teilen sogar verdoppelt. Hinzu kommen einige Strafen, die Fahrradfahrer | |
| und Fußgänger schützen sollen. Wer zum Beispiel mit dem Lkw mit mehr als | |
| Schrittgeschwindigkeit nach rechts abbiegt, dem drohen ab jetzt 70 Euro und | |
| ein Punkt – das ist besonders abschreckend für Berufsfahrer. Geboten ist | |
| Schrittgeschwindigkeit schon länger, aber erst jetzt wird das Vergehen auch | |
| mit einem Bußgeld versehen. | |
| Ein Streitpunkt waren Fahrverbote ab 21 km/h Überschreitung. Eigentlich | |
| hätte das ein einmonatiges Fahrverbot bedeutet, jetzt sind Strafen ab 100 | |
| Euro und ein Punkt vorgesehen. Sind Fahrverbote ab dieser Geschwindigkeit | |
| übertrieben? | |
| Nein. Die 21 km/h gelten nach Abzug von eventuellen Messfehlern. Real fährt | |
| man also mit 74 km/h dort, wo Tempo 50 erlaubt ist. Das sind | |
| Geschwindigkeiten, die für ungeschützte Menschen potenziell | |
| lebensgefährlich sind. | |
| Sind Sie zufrieden mit dem neuen Bußgeldkatalog? | |
| Mit dem Kompromiss kann man leben. Er ist aber nur ein Schritt, denn das | |
| eigentliche Problem ist eine schlechte Infrastruktur, aus der [1][Gefahren | |
| für Radfahrende] resultieren. [2][Wir müssen Platz neu verteilen] und eine | |
| leistungsfähige und sichere Infrastruktur für den Verkehr anlegen, die auch | |
| das Rad berücksichtigt. | |
| Welche Forderungen stellen Sie an die künftige Bundesregierung? | |
| Es müssen neue Zielsetzungen vorgenommen werden. Ganz oben: Keine | |
| Verkehrstoten und Schwerstverletzten mehr. Außerdem müssen alle | |
| Verkehrsarten gleichgestellt sein, das Auto darf nicht mehr die Priorität | |
| sein. Auch Klima-, Umwelt- und Gesundheitsziele sollten mit aufgenommen | |
| werden. Bisher erlauben das Straßenverkehrsgesetz und StVO nur Maßnahmen, | |
| um die Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs zu gewährleisten, also ein | |
| möglichst zügiges Vorankommen zu ermöglichen. | |
| Außerdem müssen einige Lücken im Bußgeldkatalog geschlossen werden. Wenn | |
| ein Auto Radfahrende mit weniger als 1,50 Meter überholt und dabei | |
| gefährdet, wird dies mit einem Verwarngeld von 30 Euro geahndet. Das ist | |
| spottbillig. Nur zum Vergleich: Wenn ein Auto an einem anderen vorbeifährt | |
| und aufgrund von nicht eingehaltener Abstandsregeln einen Seitenspiegel | |
| beschädigt, kostet das 5 Euro mehr. Der wirklich gefährliche Verstoß ist | |
| also günstiger. | |
| Das klingt nach einer grundsätzlichen Reform des Verkehrsrechts. | |
| Genau. Straßenverkehrsgesetz und StVO müssen elementar geändert werden. | |
| Bisher darf man in den fließenden Verkehr zum Beispiel nur eingreifen, wenn | |
| eine Gefahr besteht. Radverkehrsanlagen können also nur gebaut werden, wenn | |
| Kommunen begründen können, dass an der Stelle schon Unfälle passiert sind. | |
| Um Lücken im Radverkehrsnetz zu schließen oder den Radverkehr zu fördern, | |
| dürfen sie nicht errichtet werden. | |
| Warum wurde das bisher nicht geändert? | |
| Der politische Druck hat gefehlt. Jetzt wird klar, dass wir Lösungen | |
| brauchen, die mehr Verkehr vom Auto auf das Fahrrad verlagern. Kommunen | |
| haben ein vitales Interesse daran, mehr Radverkehr zu ermöglichen. Dafür | |
| brauchen sie die gesetzliche Grundlage. | |
| 8 Oct 2021 | |
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| ## AUTOREN | |
| Lukas Nickel | |
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