| # taz.de -- Ethnologin zu Altonaer Glaubensfreiheit: „Es waren finanzielle Er… | |
| > Glaubensfreiheit konnten sich nur die reichen Flüchtlinge kaufen. Eine | |
| > Altonaer Schau bricht mit dem Mythos der altruistischen Toleranz. | |
| Bild: Aus der Unsichtbarkeit herausgetreten: Grundsteinlegung der Imam-Ali-Mosc… | |
| taz: Frau Dauschek, warum beginnt die Ausstellung über Glaubensfreiheit in | |
| Hamburg-Altona genau im Jahr 1601? | |
| Anja Dauschek: Es war das Jahr, in dem Graf Ernst von Schauenburg | |
| Glaubensflüchtlingen – in diesem Fall den Mennoniten und Hugenotten – | |
| erstmals wichtige Privilegien gab. Sie waren der Startschuss für die | |
| Entwicklung Altonas zu einem Ort gelebter Glaubensfreiheit. Ab 1612 konnten | |
| sich Juden als sogenannte „Schutzjuden“ niederlassen: Dafür, dass sie sich | |
| loyal verhielten und Steuern zahlten, durften sie ihre Religion und ihre | |
| Geschäfte frei ausüben. Im ab 1641 [1][dänischen Altona] erhielten sie dann | |
| ein Generalprivileg. | |
| Aber wurde die Glaubensfreiheit wirklich aus Edelmut gewährt? | |
| Nein, es geschah aus finanziellen Erwägungen. Nicht zufällig wurden die | |
| Privilegien an Gruppen gegeben, die wirtschaftlich stark und gut vernetzt | |
| waren. | |
| Als da wären? | |
| Die mennonitischen Familien, die hier siedelten, arbeiteten als Reeder und | |
| Walfänger. Portugiesische Juden und Hugenotten waren oft Tabak- und | |
| Zuckerhändler. Hier kommt das Thema [2][Kolonialismus] ins Spiel. Denn das | |
| „Goldene Zeitalter“ im 18. Jahrhundert brachte zwar Wohlstand für gewisse | |
| Altonaer Kreise. Aber nicht für die versklavten Menschen in der Karibik, | |
| auf deren Ausbeutung dieser Reichtum beruhte. Dann gab es noch die Rosens | |
| und die van der Smissens aus den Niederlanden. Letztere waren ursprünglich | |
| Bäcker, entwickelten sich dann aber zu dem, was man heute | |
| „Immobilienprojektentwickler“ nennt. Hinrich van der Smissen etwa bekam das | |
| Recht, die Altonaer Palmaille zu bebauen und hat sie auf eigene Kosten zur | |
| Prachtstraße umgestaltet. Wohlhabende Geschäftsleute wie er kauften sich | |
| die erwähnten Privilegien und erwarben mit der Religionsfreiheit auch die | |
| Gewerbefreiheit. | |
| Ärmere Glaubensflüchtlinge bekamen also kein Privileg? | |
| Das ist unklar, so tief haben wir nicht geforscht. Wir wissen aber, dass es | |
| viele kleine Gemeinden wie die Adamiten gab, die dann vermutlich | |
| zusammenlegten, um Privilegien zu kaufen. Innerhalb der in der Ausstellung | |
| präsentierten Glaubensgemeinschaften gab es unterschiedlich wohlhabende | |
| Mitglieder, aber auch einen starken Zusammenhalt. | |
| Allerdings gab es auch Streit über religiöse Feste. Wie weit reichte die | |
| Toleranz ins „Volk“ hinein? | |
| Das ist schwer herauszufinden. Denn überliefert sind ja meist nicht die | |
| guten Nachrichten, sondern die Skandale. Deshalb wissen wir vor allem von | |
| Konflikten. Da ging es zum Beispiel ums Bauen. Die katholische St. | |
| Josefskirche etwa hatte im Jahr 1722 schon das Fundament für den Kirchturm | |
| gelegt. Dann durfte sie ihn aber nicht bauen, weil nur die Lutheraner einen | |
| Kirchturm haben durften. Wir haben einige solche Konflikte in den Akten | |
| gefunden, viele davon mit antijudaistischem Hintergrund. Denn die | |
| Staatsreligion in Altona war – wie in Hamburg – lutherisch und damit | |
| dominant. | |
| Die Privilegien nützen also gar nichts? | |
| Nicht immer. Es gab durchaus – vor allem lutherische – Pastoren, die | |
| gehetzt haben, denen jüdische Festivitäten zu laut und zu sichtbar waren. | |
| Viele Altonaer Juden – reiche [3][Kaufleute aus Spanien und Portugal] etwa | |
| – waren für lutherischen Geschmack allzu prachtvoll gekleidet und fuhren in | |
| allzu großen Kutschen herum. | |
| ... und hatten Grabsteine aus teuren Carrara-Marmor auf dem jüdischen | |
| Friedhof Königstraße. | |
| Auch das. Wenn die Religion sichtbar wurde, gab es durchaus Menschen, die | |
| hetzten und auch darüber schrieben, wie Pastor Johannes Müller es im Jahr | |
| 1644 tat. So eine Quelle spiegelt natürlich nicht zwangsläufig die | |
| „öffentliche Meinung“. Aber andere Dokumente haben wir nicht. Wir können | |
| also nur schlussfolgern und mutmaßen wie Archäologen. | |
| Es gibt keinerlei Hinweis auf den damaligen „interreligiösen Alltag“? | |
| Eher indirekte. Für unsere Ausstellung haben wir Zensusdaten und | |
| Adressbücher des 19. Jahrhunderts rund um die einstige Synagoge der | |
| Altonaer „Hochdeutschen Israelitengemeinde“ ausgewertet und gefragt: Wer | |
| wohnte in Häusern rund um die Synagoge? Und da finden wir, dass durchaus | |
| Lutheraner, Juden, Reformierte und Katholiken gemeinsam in einem Haus | |
| wohnten. Wie gut das Zusammenleben im Einzelnen funktionierte, wissen wir | |
| natürlich nicht. Aber es existierte. | |
| Könnte auch die Strömung der Aufklärung zur Toleranz in der Bevölkerung | |
| beigetragen haben? | |
| Auch das ist schwer zu sagen, denn die Überlieferung stammt von denjenigen, | |
| die Schriften hinterlassen haben. Allerdings gab es Institutionen wie das | |
| Altonaische Unterstützungsinstitut. Christen und Juden – aus dem | |
| Großbürgertum – hatten es 1799 gegründet. Als Äquivalent zur Hamburger | |
| Patriotischen Gesellschaft war es eine Sozialfürsorge-Einrichtung, die | |
| Menschen jeglicher Religion in Notlagen unterstützte. Insofern glaube ich | |
| schon, dass die Aufklärung Einfluss auf die Bevölkerung hatte, denn man | |
| wusste: Wer notleidend war, konnte sich an eine Institution wenden, die | |
| nicht nach der Religion fragte. | |
| Das 20. Jahrhundert veränderte die Gewichtung der Religionsgemeinschaften | |
| stark. | |
| Ja. Mit dem Anwerbe-Abkommen 1955 kamen ArbeiterInnen, die natürlich auch | |
| ihre Religion mitbrachten. Aus Italien und Spanien kamen Katholiken, aus | |
| der Türkei Muslime und Aleviten, aus dem damaligen Jugoslawien eine | |
| Mischung von allem. | |
| Die Muslime waren die größte Gruppe. Wie sichtbar waren sie? | |
| Da gibt es mehrere parallele Strömungen: Diejenigen, die schon länger hier | |
| ansässig waren – wohlhabende iranische Teppichhändlern etwa – bauten schon | |
| 1965 die Imam-Ali-Moschee an der Außenalster. Etliche andere Gemeinden – | |
| vor allem „Gastarbeiter“, die zunächst von einem kurzen Aufenthalt | |
| ausgingen, beteten in Hinterhöfen, Garagen und anderen unwürdigen | |
| Provisorien. Auf dem Gelände der Sietas-Werft diente zum Beispiel von 1969 | |
| bis 1998 eine Baracke als „Moschee“, bevor die Küçük Istanbul Cami – d… | |
| „Klein Istanbul Moschee“ – entstand. Für unsere Ausstellung haben wir ein | |
| Koran-Lesepult aus der Zeit dieses Provisoriums geliehen. Seine Füße sind | |
| aus blauem Werftstahl geschweißt. | |
| Und wie steht es heute um die religiöse Toleranz in Altona? | |
| Unseren Recherchen zufolge funktioniert sie sehr gut. Wir haben für unsere | |
| Ausstellungs-Videos 56 [4][Interviews mit Menschen] aus über 20 | |
| Religionsgemeinschaften geführt. Natürlich erleben diese Menschen im Alltag | |
| zum Teil Diskriminierung, und ihre Freiheiten stoßen an Grenzen. Aber der | |
| Grundtenor war: „Wir wissen sehr zu schätzen, dass wir unsere Religion hier | |
| leben können.“ Und dass es möglich ist, dass die [5][Kapernaum-Kirche] im | |
| Stadtteil Hamm in die Al-Nour-Moschee umgewandelt wird, auch wenn es lange | |
| gedauert hat und nicht einfach war: Das spricht für ein gutes | |
| gesellschaftliches Miteinander. Aber natürlich ist noch Arbeit zu tun. | |
| 15 Nov 2020 | |
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