| # taz.de -- Regisseur Bernardo Bertolucci gestorben: Sex, Drogen und cineastisc… | |
| > Der italienische Regisseur Bernardo Bertolucci zeigte in seinen Filmen | |
| > Protagonisten beim Erwachsenwerden. Nun ist er in Rom gestorben. | |
| Bild: Im Introvertierten die Extraversion erkunden – das konnte Bernardo Bert… | |
| BERLIN taz | Wenn es etwas gab, worauf sich Bernardo Bertolucci gut | |
| verstanden hat, dann das, teils auch theatralische, Zeigen von Milieus. | |
| Solchen, die auf den ersten Blick begehrlich und schön anmuteten, auf den | |
| zweiten hingegen desaströs. Bertoluccis Perspektive war dabei keine von | |
| oben herab, keine wertende, tadelnde, sondern auch eine suchende und | |
| sympathisierende. Die Zuneigung galt besonders den jüngeren Protagonisten | |
| seiner Filme, attraktiven Männern und Frauen, die mit dem Erwachsenwerden | |
| auf jeweils eigene Art umgingen oder es, so weit möglich, auch vermieden. | |
| Drogen spielten für sie eine Rolle, allen voran Heroin. Bertolucci war | |
| damit in guter Gesellschaft, was das italienische Kino der 70er und 80er | |
| Jahre betraf, in dem Jugendliche an den Außenrändern Roms und Mailands | |
| stets ein Spritzbesteck dabeigehabt haben müssen. Filme wie „Eroina“ (1980) | |
| von Massimo Pirri steigen in den Sinn, ein weitestgehend unbekanntes Werk | |
| mit einem Helmut Berger als bereits sinkendem Stern in der Hauptrolle, der | |
| sich in einem „Höllentrip ins Jenseits“ (so der deutsche Titel) und zum | |
| Soundtrack der Band The Pretenders nach und nach selbst vergaß. | |
| Nur ein Jahr vorher war Bernardo Bertoluccis „La Luna“ (1979) erschienen. | |
| Er ging es anders an als Pirri, indem er seine Figuren nicht direkt im | |
| Elend platzierte, sondern einen das Hinübergleiten in die Welt des Rausches | |
| auf anmutige Weise miterleben ließ. Das passierte an der Seite von Joe | |
| Silveri (Matthew Barry), einem pubertierenden US-Amerikaner, den seine | |
| Mutter Caterina (Jill Clayburgh) kurzerhand mit nach Italien nahm, wo sie | |
| Verdi-Opern singen soll. Selbstverständlich hat sie kaum Zeit für Joe, | |
| sodass der sich auf eigene Wege begeben muss und Bekanntschaft mit dem | |
| Narkotikum macht. Das alles geschieht maximal stilvoll und gleichsam | |
| empathisch. | |
| Bertolucci erzählte diese Geschichte um einen Abgleitenden mit | |
| cineastischer Opulenz und dem Versuch von freudscher Tiefe. Denn: „La Luna“ | |
| wartete sogar mit einem Inzest-Plot auf. Ein Thema, an dem sich der | |
| Italiener wiederholt versuchte, nicht zuletzt auch im überaus erfolgreichen | |
| „The Dreamers“ von 2003 mit Eva Green, Michael Pitt und Louis Garrel. In | |
| ihm verschmolzen Politisches (der Film spielt zur Zeit der Pariser Unruhen | |
| 1963), Cinephilie und kleine erotische Perversitäten. | |
| Interessanterweise kamen in Bertoluccis weitestgehend unbeachtet | |
| gebliebenem letzten Film, „Ich und Du“ („Io e te“) viele dieser Motive | |
| zusammen: die Realitätsflucht (ein 14-Jähriger verkriecht sich in einem | |
| Kellerloch), der Inzest (zärtliche wie verstörende Gefühle zur | |
| Stiefschwester) und Heroin (die Stiefschwester konsumiert es). Die | |
| Atmosphäre ist karg, aber fantastisch, entrückt und dennoch nah dran an | |
| einem Prozess, der nicht leicht zu greifen ist, aber für den sich | |
| Bertolucci ausdrücklich auszusprechen schien. Es ist das Kokonhafte, nach | |
| außen hin Abgeschlossene, wo es zu wesentlichen Begegnungen mit der | |
| Wirklichkeit kam. Bertolucci konnte das: im Introvertierten die | |
| Extraversion erkunden. Mit großer, aber vor allem aufrichtiger Geste. | |
| Carolin Weidner | |
| ## Großer Geschichtenerzähler | |
| „Mit dem verwirrten Lächeln dessen, der die Schüchternheit / und die | |
| Bitterkeit mit Heiterkeit erträgt // kommst Du zu den erwachsenen Freunden, | |
| voller Stolz / bescheiden, brennend stumm, sitzt du / aufmerksam unseren | |
| Ironien, unseren Leidenschaften lauschend. / Uns zu imitieren und uns fern | |
| zu sein, bereitest Du Dich vor / Dich beinahe Deines festlichen Herzens | |
| schämend … / Sie gefällt Dir, diese Welt!“ Diese Zeilen stammen aus dem | |
| Gedicht mit dem Titel „An einen Jungen“, das Pier Paolo Pasolini dem jungen | |
| Literaten Bernardo Bertolucci 1958 widmet. | |
| Ein Jahr später zog die Familie Pasolini in dasselbe Haus wie die | |
| Bertoluccis, zwei Stockwerke tiefer. Bernardo Bertolucci erinnerte sich | |
| später: „Ich begann wieder Gedichte zu schreiben, um an der Tür von Pier | |
| Paolo klopfen zu können und sie ihm zum Lesen zu geben. […] Im Frühjahr | |
| 1961 traf ich Pasolini an der Haustür und er erklärte, dass er einen Film | |
| drehen würde. Du hast immer gesagt, dass Du das Kino so magst, sei doch | |
| mein Regieassistent.“ Bertolucci wurde nicht nur Regieassistent bei | |
| Pasolinis spätneorealistischem „Accatone“, sondern bekam bald seinen ersten | |
| eigenen Film: „La commare secca“. | |
| Im folgenden Film, „Prima della rivoluzione“, findet Bertolucci erstmals zu | |
| sich selbst. Er adaptiert Stendhals „Die Kartause von Parma“ und verlegt | |
| die Handlung in die Gegenwart. Der junge Fabrizio wird inmitten der | |
| Spannung zwischen bürgerlichem Elternhaus und kommunistischer Partei | |
| erwachsen. Vom Eingangsmonolog Fabrizios an sind die Vorbilder Michelangelo | |
| Antonioni und Jean-Luc Godard klar erkennbar – dennoch gelingt es | |
| Bertolucci, zu einer eigenen Bildsprache zu finden. | |
| Die barocke Bild- und Tonsprache, die er in „Prima della rivoluzione“ („V… | |
| der Revolution“, 1964) für sich entdeckt, sollte ihn weiter begleiten. Von | |
| der barocken Formstrenge von „Prima della rivoluzione“ verlagerte | |
| Bertolucci später mit „Il conformista“ („Der große Irrtum“, 1970) den | |
| Barockbezug auf eine schwülstige Opulenz. | |
| Fast zeitgleich mit dem Eintritt in die kommunistische Partei brach | |
| Bertolucci mit [1][dem sektiererischen, politischen Kino Italiens jener | |
| Jahre] und entschied sich für die Filmkunst. Aus ihm wird ein | |
| ausschweifender Geschichtenerzähler, der die Möglichkeiten europäischer | |
| Koproduktionen sichtlich auskostete. Nach „Ultimo tango a Parigi“ („Der | |
| letzte Tango in Paris“, 1972) kennt die ganze Welt Bertolucci. | |
| Die Inszenierung der gewalttätigen Beziehung zwischen einem Amerikaner | |
| mittleren Alters (Marlon Brando) und der jungen Jeanne (Maria Schneider) | |
| [2][mit expliziten Sexszenen – und einer Erniedrigung der Schauspielerin am | |
| Set] – ging in Frankreich durch die Zensur, wurde aber in Italien zunächst | |
| nicht freigegeben. Vier Jahre darauf folgt mit „Novecento“ („1900“) der | |
| nächste internationale Erfolg – darin erzählt er die Anfänge des 20. | |
| Jahrhunderts in Italien anhand der Geschichte zweier Freunde. Anfang der | |
| 1980er Jahre verlässt Bertolucci Italien, die Lebensgeschichte des letzten | |
| chinesischen Kaisers aber wird ein weiterer Welterfolg („The Last Emperor“, | |
| „Der letzte Kaiser“, 1987). | |
| Fabian Tietke | |
| 26 Nov 2018 | |
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| ## AUTOREN | |
| Carolin Weidner | |
| Fabian Tietke | |
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