| # taz.de -- Russische Techplattform Yandex/Dzen: Eine Startseite für Kreml-Pro… | |
| > Russische Kriegspropaganda wird in Deutschland trotz EU-Verbot | |
| > weiterverbreitet. Über Yandex/Dzen erreichen kremlnahe Medien ein großes | |
| > Publikum. | |
| Bild: Der russische Präsident Wladimir Putin während einer Aufzeichnung seine… | |
| Die Schlagzeilen malen ein für den Kreml schmeichelhaftes Bild eines | |
| desaströsen [1][Krieges in der Ukraine]: Der Konflikt habe die Schwächen | |
| der EU und NATO offengelegt, das Vertrauen der Russen in Putin liege bei | |
| über 81 Prozent und die „militärische Spezialoperation“, wie der Krieg in | |
| russischer Propaganda heißt, könnte 2026 vorbei sein – unter für die | |
| Ukraine verheerenden Bedingungen. | |
| Diese Meldungen stammen von russischen Propagandamedien wie RT (früher | |
| Russia Today), RIA Novosti, Life.ru, TASS und Rossijskaja Gaseta, die de | |
| facto vom Kreml betrieben werden oder dem Putin-Regime nahestehen. Sie | |
| waren Ende Dezember auf der Startseite von Yandex, inzwischen Dzen genannt, | |
| prominent platziert. Und sie erreichen wohl auch in Deutschland | |
| Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Menschen. | |
| Die Tech-Plattform ist eine der beliebtesten Webseiten in Russland. Sie | |
| bietet neben Suchmaschine, E-Mail-Dienst und Wettervorschau auch | |
| Nachrichten – eine Art russisches Web.de trifft Google Discover. Meldungen | |
| werden mit einem Klick direkt auf der Seite wiedergegeben oder | |
| zusammengefasst. Nach eigenen Angaben gehören die oben genannten | |
| Propagandamedien zu den zehn meistverwendeten Quellen auf der Startseite. | |
| Yandex.ru, die mittlerweile auf Dzen.ru weiterleitet, soll laut einer | |
| Analyse [2][des deutschen Portals Meedia] mit mehr als 27 Millionen | |
| Aufrufen im Monat das meistbesuchte ausländische Online-Medium in | |
| Deutschland sein – vor der britischen BBC, aber auch vor der Süddeutschen | |
| Zeitung, RTL und dem Bayerischen Rundfunk. | |
| ## Trotz Verbreitungsverbot | |
| Die genannten Meldungen waren für die taz ohne VPN von Deutschland aus | |
| zugänglich, obwohl RT und RIA Novosti in der Europäischen Union im Rahmen | |
| der Sanktionen gegen Russland inzwischen [3][einem sogenannten | |
| Verbreitungsverbot unterliegen]. | |
| Zumindest theoretisch: [4][Eine Analyse] des Londoner Thinktanks Institute | |
| for Strategic Dialogue vom August befand, dass bei den jeweils drei größten | |
| Internetanbietern in sechs europäischen Ländern, darunter Deutschland, | |
| weniger als ein Viertel der Versuche sanktionierte Webseiten aufzurufen, | |
| verhindert wurden. | |
| Die hohen Besucherzahlen bei Yandex/Dzen gehen aus einer neuen | |
| Datenerhebung [5][von Meedia] hervor, die in Zusammenarbeit mit der | |
| Londoner Webanalyse-Firma Similarweb die Top-100-Onlinemedien in | |
| Deutschland ausgewertet hat. Anhand von Rohdaten und Hochrechnungen sollen | |
| fortan monatliche Rankings entstehen. Im ersten, für den Zeitraum September | |
| 2025, steht Bild.de mit 166 Millionen Aufrufe auf Platz 1, gefolgt von | |
| T-Online, NTV und Web.de. Und auf Platz 23: das russische Portal | |
| Yandex/Dzen. | |
| Mögliche Gründe für das hohe Besucher-Aufkommen in Deutschland gibt es | |
| einige: Mehrere Millionen Menschen hierzulande sprechen Russisch als Erst- | |
| oder Zweitsprache. Und mit Yandex kann man etwa Bilder suchen, mit | |
| Verwandten telefonieren und Mails schreiben. Doch egal, mit welchem Grund | |
| man die Plattform besucht: Bereits auf der Startseite wird russische | |
| Kriegspropaganda kremlnaher Medien angezeigt. | |
| Yandex, 2000 gegründet, galt eine Zeit lang als progressives Unternehmen. | |
| Der russische Staat übte jedoch immer mehr politischen Druck auf die | |
| Plattform aus. Schon 2017 wurde Yandex in der Ukraine verboten. 2019 deckte | |
| ein Yandex-Mitarbeiter auf, dass es bei der Plattform eine „inoffizielle | |
| weiße Liste“ von 15 Medien gibt, aus denen die Schlagzeilen für die | |
| Startseite ausgewählt werden dürfen, wie [6][das russische Exilmedium | |
| Meduza berichtet] – darunter RT, Ria Novosti, TASS und Rossijskaja Gaseta. | |
| ## „Betreuung“ durch den Kreml | |
| 2022 wurden die Nachrichten-Dienste der Plattform, Yandex.News und | |
| Yandex.Dzen, an den russischen Social-Media-Riesen VK verkauft. Der wird | |
| von Vladimir Kiriyenko geleitet – Sohn des Putin-Vertrauten Sergei | |
| Kiriyenko, der seit 2016 stellvertretender Leiter der Präsidialverwaltung | |
| ist und das Portal von Kreml-Seite höchstpersönlich „betreuen“ soll. | |
| Zu VK gehört auch die Plattform Mail.ru, die laut dem Webranking von Meedia | |
| und Similarweb mit schätzungsweise mehr als 12 Millionen Aufrufen im Monat | |
| auf Platz 58 der meistbesuchten Online-Medien in Deutschland liegt und die, | |
| ähnlich wie Yandex/Dzen, Nachrichten von russischen Propagandaquellen auf | |
| der Startseite anzeigt. | |
| Seit der russischen Invasion der Ukraine im Februar 2022 wird | |
| Yandex.News/Dzen vorgeworfen, Falschinformationen und Propaganda von | |
| ausgewählten, kremltreuen Medien zu verbreiten. „Mindestens 30 Millionen | |
| russische Nutzer auf der Yandex-Startseite sehen, dass es keinen Krieg | |
| gibt, keine Tausenden toten russischen Soldaten, keine Dutzende durch | |
| russische Bombenangriffe getöteten Zivilisten, keine Dutzende Gefangenen | |
| und keine massiven Zerstörungen in ukrainischen Städten“, schrieb Lev | |
| Gershenzon kurz nach Kriegsbeginn auf Facebook. Er war von 2008 bis 2012 | |
| Nachrichtenchef des Portals. | |
| Im Gespräch mit der taz hält Gershenzon die hohe Zahl der Yandex-Aufrufe in | |
| Deutschland für durchaus plausibel. Für ihn ein Problem: „Oben auf der | |
| Liste der Nachrichten sind notorische Propagandamedien mit einer großen | |
| Reichweite in Russland.“ Bereits 2012 sei die Entwicklung der Nachrichten | |
| bei Yandex ein Grund für seinen Weggang gewesen, sagt Gershenzon, der jetzt | |
| in Berlin lebt und [7][den englischsprachigen Nachrichtenaggregator „The | |
| True Story“] betreibt. | |
| Zu einem ähnlichen Urteil kommt Andreas Heinemann-Grüder, ein renommierter | |
| Russlandexperte an der Universität Bonn. „Yandex ist ein russisches | |
| Propagandainstrument, es filtert systematisch kritische Informationen über | |
| den Krieg“, sagt der Professor für Politikwissenschaft zur taz. Die | |
| Plattform lösche kritische Meldungen über russische Kriegshandlungen sowie | |
| „Diskreditierungen“ seiner Behörden und Armee, sagt er. | |
| Auf einen Fragenkatalog der taz reagierten weder Yandex noch VK. Das | |
| Bundesinnenministerium sagt über die Reichweite von russischen Medien wie | |
| RT und RIA Novosti: „Verstöße gegen das Sende- bzw. Verbreitungsverbot sind | |
| nach dem Außenwirtschaftsrecht strafbewehrt. Hinweise auf Verstöße werden | |
| von den zuständigen Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden des Bundes | |
| und der Länder konsequent verfolgt.“ | |
| Russland liegt auf Platz 171 von 180 im Pressefreiheit-Ranking von Reporter | |
| ohne Grenzen. Alle unabhängigen Fernsehsender bis auf Privatkanäle mit | |
| Unterhaltungsprogramm wurden inzwischen geschlossen. Viele westliche Medien | |
| sind nicht mehr zugänglich und kritische russische Medien wurden zu | |
| „unerwünschten Organisationen“ erklärt. Nach der russischen Invasion der | |
| Ukraine 2022 verabschiedete das Putin-Regime eine Reihe von Gesetzen, die | |
| die Pressefreiheit noch weiter einschränken. Den Krieg zu kritisieren oder | |
| sogar als Krieg zu bezeichnen, wird bestraft. | |
| 5 Jan 2026 | |
| ## LINKS | |
| [1] /1408-Tage-Krieg-in-der-Ukraine/!6142097 | |
| [2] https://meedia.de/news/beitrag/20809-top-100-der-onlinemedien-mehrheit-verl… | |
| [3] https://www.mdr.de/medien360g/medienpolitik/warum-rt-verboten-ist-100.html | |
| [4] https://www.isdglobal.org/digital_dispatches/investigation-holding-the-line… | |
| [5] https://meedia.de/news/beitrag/20450-neu-und-nur-bei-meedia-die-top-100-onl… | |
| [6] https://meduza.io/feature/2022/05/05/my-zamuchilis-borotsya | |
| [7] https://thetruestory.news/ | |
| ## AUTOREN | |
| Nicholas Potter | |
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