| # taz.de -- Chefermittler über Doping: „Nur ein Klaps auf den Hintern“ | |
| > Günter Younger von der Anti-Doping-Agentur Wada erklärt, was die Arbeit | |
| > mit Behörden erschwert und weshalb sie zuletzt gegen Informanten vorging. | |
| Bild: Großer Fund: Beschlagnahmte Dopingmittel bei der Zollfahndung Hamburg | |
| taz: Herr Younger, was steht auf der Habenseite? Wie viele Dopingverfahren | |
| konnten bisher vor allem dank der Ermittlerarbeit erfolgreich abgeschlossen | |
| werden? | |
| Günter Younger: Unsere Abteilung ist noch sehr jung. 2016 haben wir mehr | |
| oder weniger mit null angefangen. Jetzt sind wir bei 15 Mitarbeitern, | |
| ungefähr die Hälfte hat vorher bei Strafverfolgungsbehörden gearbeitet. | |
| Unser größter Fall, der uns nach wie vor begleitet, [1][ist der russische.] | |
| 2017 bekamen wir über Whistleblower die Datenbank. Das waren sehr komplexe | |
| Informationen aus dem Labor. | |
| taz: Welche Folgen hatte das? | |
| Younger: Das führte zu mehr als 800 Ermittlungen, die wir mit unseren | |
| Partnern, den Verbänden und nationalen Antidopingagenturen durchgeführt | |
| haben. Mittlerweile wurden auf dieser Basis fast 300 Athleten gesperrt. Das | |
| Besondere ist, dass all diese Verfahren nicht aufgrund von positiven Tests, | |
| die ja alle zerstört wurden, sondern aufgrund von Ermittlungen geführt | |
| wurden und die Gerichte von den Beweisen auch überzeugt waren. | |
| taz: Wie viele Verfahren stecken noch in der Pipeline? In den letzten | |
| Wochen gab es ja immer noch Verurteilungen aus diesem Komplex. | |
| Younger: Wir sind jetzt bei Fall Nummer 298 und werden sicher noch über 300 | |
| kommen. Wir haben den Zeitraum seit 2011 angeschaut. Damals hat das System | |
| begonnen, das Doktor Grigori Rodtschenkow aufgebaut hat und das bis 2015 | |
| ging. Jetzt laufen die zehn Jahre Verjährungsfrist aus, deshalb müssen wir | |
| zügig ermitteln. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir alle erwischt haben. | |
| taz: Der neue Wada-Code, der ab 2027 in Kraft sein soll, zielt auch darauf | |
| ab, Trainer und Betreuer stärker zur Verantwortung zu ziehen. Was | |
| versprechen Sie sich davon? | |
| Younger: Sportorganisationen sind ja keine Strafverfolgungsbehörden. Das | |
| heißt, wir haben wenig Power. Wir können lediglich freiwillige Vernehmungen | |
| vornehmen. Rein von der polizeilichen Sicht – und ich bin ja noch immer | |
| Polizist – ist es schwierig, wenn man von unten nach oben ermitteln muss, | |
| insbesondere, wenn das unterste Glied – in unserem Falle der Athlet – das | |
| schwächste Glied ist. Um von oben zu kommen, versuchen wir immer mehr, | |
| Strafverfolgungsbehörden einzubeziehen. Wir können dann Verteilerwege | |
| zielgerichtet attackieren und kommen an deren Klienten, oft die Ärzte, und | |
| von dort weiter an die Trainer bis hinunter zu den Athleten. | |
| taz: Was waren da die größten Erfolge? | |
| Younger: [2][Operation Aderlass] muss man natürlich nennen, wo deutsche und | |
| österreichische Staatsanwälte den Arzt ermittelt haben. So konnten wir | |
| knapp 30 Athleten identifizieren, die von ihm behandelt wurden. Wir haben | |
| uns um die Athleten gekümmert, die Strafverfolgungsbehörden um den Doktor. | |
| taz: Gut, aber Aderlass ist schon ein paar Jahre her und es wurde nicht in | |
| alle Richtungen ermittelt. Ein paar Personalien blieben ja offen. | |
| Younger: Ja, da befanden wir uns noch im Übergang. Die Sportorganisationen | |
| sind es noch nicht so gewöhnt, eng mit den Strafverfolgungsbehörden | |
| zusammenzuarbeiten. Da müssen wir noch ein bisschen nachjustieren und | |
| stecken zurzeit auch sehr viel Energie rein für diese Synergieeffekte. | |
| Aktuell ist die Polada, die polnische Antidopingagentur, mit den | |
| Strafverfolgungsbehörden sehr erfolgreich. Sie haben ein paar Labore | |
| ausgehoben und auch Sportler, die damit verbunden waren, ermittelt. | |
| taz: Gibt es geografische Muster, wo die meisten illegalen Dopinglabore | |
| angesiedelt sind? | |
| Younger: Wir sehen, dass auch in Europa die organisierte Kriminalität mehr | |
| und mehr in den Bereich von verbotenen Substanzen geht. Der Profit ist | |
| ähnlich hoch wie bei normalen Drogen. Aber die Wahrscheinlichkeit, | |
| aufzufliegen, ist geringer, weil von der Polizei Doping nicht als Priorität | |
| angesehen wird und in manchen Ländern auch keine großen Strafen zu erwarten | |
| sind. Bei einem Kilogramm Heroin bekommt man ein paar Jahre Gefängnis, für | |
| ein Kilogramm leistungssteigernder Drogen umgangssprachlich gesagt nur | |
| einen kleinen Klaps auf den Hintern. | |
| taz: Um welche Länder handelt es sich dabei? | |
| Younger: Die werde ich Ihnen jetzt nicht nennen. Aber wir versuchen, mit | |
| den Kollegen dort zu reden. Insgesamt haben wir derzeit über 140 | |
| Operationen in Europa und Asien zu laufen. Asien ist Schwerpunkt vor allem | |
| für die Produktion, insbesondere Indien und China. Dort wird ja auch legal | |
| viel produziert. | |
| taz: Sie haben mit der Operation Puncture eine ungewöhnliche Aktion | |
| gestartet. Es wird ermittelt, wie Informationen über 23 chinesische | |
| Schwimmer, die positive Proben hatten, aber nicht sanktioniert wurden, nach | |
| außen drangen. Geht das nicht zulasten des Antidopingkampfes? | |
| Younger: Die Anfrage dazu ist über unser Exekutivkomitee, also unser | |
| oberstes Kontrollorgan, und vornehmlich von Athleten gekommen, die besorgt | |
| waren, dass persönliche Daten im Rahmen eines Gerichtsverfahrens nach außen | |
| drangen. Das betraf jetzt die chinesischen Schwimmer. Den Fall selbst mag | |
| man bewerten, wie man will. Wir sollen die Schwachstelle ermitteln und wie | |
| das entsprechend verbessert werden kann. Die Ermittlungen sind noch nicht | |
| abgeschlossen. | |
| taz: Vor allem in den USA und auch aus Deutschland kamen Vorwürfe, dass Sie | |
| auf diese Art die Whistleblower aufspüren sollen. | |
| Younger: Nein, das steht überhaupt nicht zur Debatte. Wir wissen den Wert, | |
| den Whistleblower für unsere Arbeit darstellen, sehr zu schätzen. Aber wir | |
| wollen wissen, wo es hakt im System. Wir fahren das auch relativ klein. Es | |
| hat keinen großen Einfluss auf all die anderen Ermittlungen. Wir mussten | |
| nichts einschränken deswegen. | |
| taz: Auf wie viele [3][Whistleblower] konnten Sie bei den | |
| Antidopingermittlungen zurückgreifen, die wirklich wertvolle Informationen | |
| liefern? | |
| Younger: Genaue Zahlen kann ich nicht weitergeben. Nur so viel: In jedem | |
| Verfahren, das wir führen, ist bestimmt ein Whistleblower involviert. | |
| 14 Dec 2025 | |
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| ## AUTOREN | |
| Tom Mustroph | |
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