| # taz.de -- LGBTQIA in Kasachstan: Geldstrafen oder bis zu zehn Tage Haft | |
| > Das Unterhaus des Parlaments stimmt für ein Verbot von | |
| > „LGBTQIA-Propaganda“. Aktivisten sehen darin eine weitere Wendung hin zu | |
| > Russland. | |
| Bild: Weltweit kämpfen Aktivisten für Unterstützung der LGBTQ+-Rechte | |
| Die Madschlis, das Unterhaus des kasachischen Parlaments, hat am Mittwoch | |
| eine Verfassungsänderung verabschiedet, die [1][sogenannte | |
| „LGBTQIA-Propaganda“] verbietet. Der Versuch, ein Gesetz nach russischem | |
| Vorbild zu übernehmen, wurde bereits im vergangenen Jahr unternommen, fand | |
| jedoch weder in der Gesellschaft noch im Parlament Unterstützung. Laut der | |
| Änderung wird „LGBTQI-Propaganda“ als Ordnungswidrigkeit geahndet, was | |
| Geldstrafen oder zehn Tage Haft nach sich ziehen kann. | |
| Darüber hinaus setzen sich die Abgeordneten auch für Zensur in den sozialen | |
| Medien, Werbung und Filmen ein. Natalia Dementiewa sitzt für die dem | |
| Präsidenten Qassym-Schomart Tokajew nahestehende Partei Amanat im | |
| Parlament. Vor einigen Wochen erklärte sie gegenüber Journalisten, Videos, | |
| die die Idee propagieren, dass LGBTQIA-Beziehungen normal seien, seien | |
| mittlerweile auf allen Social-Media-Plattformen zu finden. | |
| „Wenn wir das jetzt nicht stoppen, werden wir an einen Punkt gelangen, an | |
| dem es wie im Westen oder anderswo so sein wird: Ein Kind hat bei der | |
| Geburt kein Geschlecht mehr, sondern es wird sich sein Geschlecht | |
| irgendwann später aussuchen“, sagte Dementiewa. | |
| Eine weitere Abgeordnete derselben Partei, Irina Smirnowa, sagte vor | |
| Journalisten, dass gleichgeschlechtliche Propaganda bereits in | |
| Kinderbüchern vorkomme, die in kasachischen Bibliotheken zu finden seien. | |
| „Ich habe in der Bibliothek Bücher gesehen, die LGBTQIA-Themen behandeln. | |
| Ein Prinz verliebt sich in einen anderen Prinzen, zwei Jungen also – und | |
| davon finden sich viele Bespiele. Es gibt auch Cartoons, Zeitschriften und | |
| Comics, die all das zeigen“, sagte Smirnowa. | |
| ## Simpel und manipulativ | |
| Zusammen mit Dementiewa und Smirnowa hatten sich 13 weitere Abgeordnete für | |
| das Gesetz starkgemacht. Ihre Hauptargumentation lässt sich auf eine recht | |
| simple und manipulative These reduzieren: „Wir müssen solche Maßnahmen | |
| ergreifen, um Kinder zu schützen.“ | |
| Noch ist das Gesetz nicht in Kraft getreten. Der Entwurf wird nun dem Senat | |
| zur Prüfung vorgelegt. Sollte das Oberhaus des Parlaments ihn ebenfalls | |
| verabschieden, geht er an Präsident Tokajew. Dessen Unterschrift gilt als | |
| sicher. | |
| Tokajew hat sich in diesem Jahr bereits zum Thema LGBTQIA geäußert. Er | |
| sagte auch, dass internationale Organisationen sich seit Jahren in die | |
| inneren Angelegenheiten von Staaten einmischten und diesen sogenannte | |
| demokratische Moralvorstellungen, auch in Bezug auf LGBTQIA, aufzwingen | |
| wollten. | |
| Im Anschluss an diese Äußerungen [2][widerrief das kasachische | |
| Gesundheitsministerium die Ergebnisse einer seiner Studien. Diese hatte | |
| nachgewiesen, dass „Schwulenpropaganda“ keinen Einfluss auf junge Menschen | |
| hat.] | |
| ## Extremistische Organisation | |
| Diese ganze Rhetorik ähnelt dem, was vor zwölf Jahren in Russland begann – | |
| seit 2013 ist dort ein Gesetz in Kraft, das „Propaganda für | |
| nicht-traditionelle Beziehungen“ verbietet. Seit November 2023 ist die | |
| „Internationale LGBTQIA-Bewegung“ als extremistische Organisation | |
| eingestuft. | |
| Die Bemerkungen der Abgeordneten über den negativen Einfluss des Westens | |
| und Tokajews Aussage über die „Aufzwingung sogenannter demokratischer | |
| Werte“ zeugen von einer klaren Hinwendung Kasachstans zu Russland und zum | |
| Konservatismus. | |
| Diese Entwicklung wird auch in der LGBTQIA-Community Kasachstans aufmerksam | |
| beobachtet. Eine Woche vor der Verabschiedung des Gesetzes fand im | |
| Madschlis in Almaty eine Pressekonferenz statt, auf der Aktivisten gegen | |
| die Initiativen der Abgeordneten protestierten. | |
| Diese verstießen ihrer Ansicht nach gegen die Verfassung Kasachstans und | |
| schränkten die Grundfreiheiten der Bürger ein. Die Aktivisten betonten, | |
| dass in solchen Gesetzentwürfen unschwer russischer Einfluss zu erkennen | |
| sei. „Kasachstan sollte diesen Weg nicht einschlagen“, so das Fazit der | |
| Teilnehmer der Pressekonferenz. | |
| Die Aktivisten behaupten, das Verbot von „LGBTQIA-Propaganda“ diene nicht | |
| dem Schutz von Kindern, sondern verstärke lediglich die gesellschaftliche | |
| Kontrolle. Dieses Gesetz werde nicht nur LGBTQIA-Personen betreffen, | |
| sondern stelle eine weitere Einschränkung der Meinungsfreiheit dar und | |
| stachele zu weiterem Hass gegen eine schutzbedürftige Gruppe auf. | |
| Nun haben Vertreter der LGBTQIA-Community, Menschenrechtsaktivisten und | |
| besorgte Bürger eine Online-Kampagne gestartet, um Briefe an das Parlament | |
| zu schicken. In den Schreiben fordern sie die Aufhebung des | |
| diskriminierenden Gesetzes. | |
| Der Autor war Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung | |
| Aus dem Russischen Barbara Oertel | |
| 14 Nov 2025 | |
| ## LINKS | |
| [1] /Frauenschutzabkommen-in-Lettland/!6128042 | |
| [2] https://rus.azattyq.org/a/minzdrav-kazahstana-otkazalsya-ot-rezultatov-svoe… | |
| ## AUTOREN | |
| Nikita Danilin | |
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