| # taz.de -- Reaktion auf Weltlage: Aus dem Boomer-Komfort-Schlafwagen in den Fa… | |
| > Wie kann man mit Putin, Trump und AfD noch zuversichtlich sein? | |
| Bild: Die aktuelle Weltlage macht unzufrieden, unglücklich, bestürzt fatalist… | |
| Als Superboomer habe ich eine historisch einmalige Infrastruktur für mein | |
| Leben. Jedenfalls bisher gehabt. [1][Der Ami schützte uns], der Russe | |
| lieferte die billige Energie, [2][der Chinese kaufte unsere Autos], die EU | |
| brachte Europa zusammen. Und die abwechselnd oder zusammen von CDU und SPD | |
| praktizierte Sozialdemokratie auf Grundlage fossiler Verbrennung stellte | |
| Straßen, Schulen, Unis, Renten, Gesundheitssystem und mehr sehr ordentlich | |
| zur Verfügung. | |
| Das war mir aber überhaupt nicht klar. Das nahm unsereins als | |
| selbstverständlich und kritisierte immer nur, was alles schlimm sei. Was | |
| man ja so sehen kann, nur sahen wir halt nie, dass wir dem Höhepunkt der | |
| liberal-emanzipatorischen Entwicklung entgegen schimpften. | |
| Nun sind diese Zeiten vorbei, Rechtspopulisten wollen Gesellschaften | |
| zerbrechen, Demokratie und Freiheit einschränken und Wahrheit abschaffen. | |
| Aber Freiheit und Wahrheit gibt es nur in liberalen Demokratien und auch | |
| deren planetarische Basis ist die Bewahrung der menschlichen | |
| Lebensgrundlagen, [3][weshalb die CO2-Emissionen zügig auf null müssen]. | |
| Das geht, wenn überhaupt, nur mit allen anderen Arschlöchern und nicht | |
| gegen sie. | |
| Dazu muss man jetzt beitragen. Aber was mache ich? Wechsle aus dem | |
| Boomer-Komfort-Schlafwagen direkt in den Fatalismus-Express. Jedenfalls | |
| manchmal. Dann denke ich: Das klappt doch nie, das wird böse enden. Und das | |
| liegt daran, dass „die Leute“ (also die anderen) schwach oder schlimm sind | |
| oder beides. | |
| ## Scham für Boomer-Larmoyanz | |
| Diese durchaus menschliche, aber letztlich selbstgefällige und unproduktive | |
| Haltung, bei der „die da oben“ allenfalls mit „die da drüben“ variiert | |
| wird, steht im krassen Gegensatz zu der Zuversicht, die die jüdische | |
| Denkerin Hannah Arendt postuliert. Das ist die politische Theoretikerin, | |
| mit der Winfried Kretschmann seit fast 15 Jahren Baden-Württemberg „in | |
| großer Koalition“ regiert, [4][jedenfalls laut SZ]. | |
| Wie kann es sein, dass unsereins fatalistisch zu werden droht und Arendt | |
| Zuversicht in Menschen hat im Angesicht ihrer biografischen Erfahrung des | |
| Holocaust? Das fragte ich bei der [5][Vorstellung von Kretschmanns | |
| Arendt-Buch] „Der Sinn von Politik ist Freiheit“ den Mitdiskutanten Robert | |
| Habeck. Er sagte sinngemäß, dass das Grauen so groß gewesen sei, dass man | |
| darin nicht verharren konnte. Sondern sich entweder das Leben nehmen wie | |
| der jüdische Dichter Paul Celan oder in einer dialektischen Umdrehung im | |
| furchtbarsten Abgrund Hoffnung finden. In dem Moment schämte ich mich für | |
| meine Boomer-Larmoyanz. | |
| Kretschmann hat ein ganzes Kapitel seiner Zuversicht gewidmet, die, wie so | |
| vieles, auf Hannah Arendt gründet. Es geht hier nicht um | |
| Larifari-Optimismus, es geht um begründetes Grundvertrauen. Menschen, sagen | |
| Arendt/Kretschmann sind als Gleiche geboren, und gleichzeitig sind sie | |
| einzigartig. Man muss übrigens nur die eigenen Kinder anschauen, dann sieht | |
| man das sofort. | |
| Menschen sind in der Lage, neue Dinge hinzukriegen und ihre Besonderheit | |
| gegenüber anderen Spezies ist, dass sie sich in sehr großen Gruppen | |
| organisieren können und gemeinsam handeln, sogar global. Das sieht im | |
| Moment zwar nicht so aus, aber sie können es! Und das Mittel dafür ist – | |
| na? – Politik. | |
| Weshalb Politik, das ist Arendt/Kretschmanns Kerngedanke, das System ist, | |
| aus dem „Wunder“ entstehen können. Wunder sind demnach nichts, was im | |
| äußersten Glücksfall von außen daherkommt. Ein Wunder ist das, was Menschen | |
| geschehen lassen, weil wir uns mehrheitlich hinter einer Idee versammeln | |
| und dafür sorgen, dass politisch in eine bestimmte Richtung gehandelt wird. | |
| Man hofft also nicht auf ein Wunder, man macht es. | |
| Ich fürchte, das ist jetzt unser Job. | |
| 5 Oct 2025 | |
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| [1] /Donald-Trump-will-US-Truppen-abziehen/!5693897 | |
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| [3] /Klimakrise-eskaliert/!6115999 | |
| [4] https://www.sueddeutsche.de/kultur/winfried-kretschmann-hannah-arendt-polit… | |
| [5] /Kretschmanns-Buch-ueber-Arendt/!6116118 | |
| ## AUTOREN | |
| Peter Unfried | |
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