| # taz.de -- Tagebuch aus Moldau: Kekse, Cola, Strafandrohung | |
| > Die Großmutter unserer Autorin kann erzählen, wie in der Republik Moldau | |
| > moskautreue Kräfte auf Stimmenkauf gehen. Die Justiz kommt kaum dagegen | |
| > an. | |
| Bild: Ordentlich ausgedruckte und großflächig verteilte Plakate: Anti-EU-Demo… | |
| Ich stand an einer Weggabelung und wartete auf das Auto meines Onkels. Er | |
| wollte mich in das Dorf meiner Kindheit bringen. Dort wartete meine | |
| Großmutter auf mich. Das Dorf, versteckt zwischen Hügeln, 80 Kilometer von | |
| der moldauischen Hauptstadt [1][Chișinău] entfernt, ist über die Jahre | |
| immer schwieriger erreichbar geworden. Der öffentliche Nahverkehr wurde | |
| wegen mangelnder Fahrgastzahlen eingestellt, zurück bleiben vergessene | |
| Straßen und einsame alte Menschen. | |
| In den vergangenen drei Jahrzehnten hat die [2][Republik Moldau] 34 Prozent | |
| seiner Bevölkerung verloren. Allein in den letzten zehn Jahren sind die | |
| Dörfer aufgrund fehlender Perspektiven, schlechter Infrastruktur, | |
| Korruption und Armut noch einmal um fast ein Drittel entvölkert worden. Das | |
| Tempo nimmt zu. | |
| Am 28. September finden in Moldau entscheidende Parlamentswahlen statt. Die | |
| Polizei warnt, die Methoden der Einflussnahme würden immer raffinierter. | |
| Die pro-europäische Präsidentin [3][Maia Sandu] behauptet, dass Russland | |
| Moldau unter seine Kontrolle bringen wolle und „extreme Eingriffe“ | |
| vorbereite, darunter illegale Finanzierung, Cyberangriffe, Desinformation, | |
| der Einsatz von Kryptowährungen sowie bezahlte Proteste. | |
| Bei Sonnenuntergang kommen wir bei Großmutter an. Sie erwartet uns mit | |
| einem gedeckten Tisch. „Ich habe den Kontakt zu dir vermisst“, sagt sie. | |
| Sie hat vier Kinder und sieben Enkelkinder, aber niemand ist im Dorf | |
| geblieben. Seit dem Tod meines Großvaters lebt sie allein. | |
| Zu unserer Überraschung erfuhren abends aus dem Fernsehen, dass es im | |
| Zusammenhang mit dem Wahlbetrug unter der Führung des Oligarchen [4][Ilan | |
| Șor] neue Festnahmen gegeben hatte. Nachdem Shor an einem Bankbetrug | |
| beteiligt war, der Moldau 12 Prozent seines BIP gekostet hatte, nutzte Șor | |
| jahrelang die Schwäche älterer Menschen aus, um daraus politisches Kapital | |
| zu gewinnen und sich der Justiz zu entziehen: Er bot Sozialläden, | |
| Geschenke, Konzerte und Bargeld an. | |
| Nachdem das Urteil gegen ihn rechtsgültig war, floh er nach Moskau, wo er | |
| die russische Staatsbürgerschaft erhielt und weiterhin einflussreiche | |
| [5][Netzwerke in Moldau finanziert], um den proeuropäischen Weg des Landes | |
| zu untergraben. Bei den Wahlen im vergangenen Jahr erhielten über Shors | |
| System mehr als 130.000 Wähler:innen Geld aus Russland. | |
| Moldaus Präsidentin Maia Sandu verurteilte die „beispiellosen Fälschungen“ | |
| und warnte, dass der Kauf von 300.000 Stimmen geplant war, um das | |
| Referendum über den EU-Beitritt zu verhindern. Dieses fand im Oktober des | |
| vergangenen Jahres eine knappe Mehrheit von 50,35 Prozent. | |
| Meine Großmutter erzählte mir, dass auch sie zu den Veranstaltungen von Șor | |
| eingeladen wurde. „Komm mit, Schwester, du bekommst Kekse und Cola – alles | |
| umsonst“, hatte man ihr gesagt. Sie lehnte ohne zu Zögern ab. Nach | |
| Aufdeckung des Betrugs wurden Tausende Menschen bestraft und Hunderte | |
| verhaftet, darunter auch ältere Dorfbewohner. | |
| Meine Oma aber bleibt skeptisch: „Wenn die [6][Wahlen] näher rücken, fängt | |
| alles wieder von vorne an“, sagt sie. | |
| Das Europäische Parlament fordert eine Beschleunigung des Beitritts von | |
| Moldau zur EU. Meine Oma sagt: „Ich warte auf die Rente und ja, ich muss | |
| zum Arzt.“ | |
| Als ich abreiste, befand ich mich wieder an derselben Weggabelung – genau | |
| wie mein Land, das an einem Scheideweg steht. Dieses Mal erwische ich einen | |
| Kleinbus. Das Banner in dem Wagen, in den ich stieg, schien mich zu mehr | |
| Optimismus zu bewegen. Es versicherte mir: „Moldau kann es schaffen.“ | |
| [7][Daniela Calmîş] ist eine unabhängige Journalistin aus der Republik | |
| Moldau. Sie ist Teilnehmerin des [8][Osteuropa-Workshop der taz Panter | |
| Stiftung]. | |
| Aus dem Russischen von [9][Tigran Petrosyan]. | |
| Finanziert wird das Projekt von der [10][taz Panter Stiftung]. | |
| 19 Sep 2025 | |
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| ## AUTOREN | |
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