| # taz.de -- Frankfurter Bahnhofsviertel: Dreckige Wäsche hat jeder mal | |
| > Zwischen 14 Waschmaschinen und einer vergilbten Wartebank ist eine ganze | |
| > Welt. Ein Besuch in der „Miele Wash World“ im Frankfurter | |
| > Bahnhofsviertel. | |
| Da schreitet er im Regen den Bürgersteig entlang, mit diesem | |
| unverwechselbaren Gang, der ihm die Eleganz eines Dompteurs verleiht. | |
| Aufrecht und beschwingt, ganz in Schwarz, die Schuhe, die Hose, das | |
| Longsleeve. In seiner linken Hand hält er eine Lidl-Tüte, in der rechten | |
| einen aufgeklappten Regenschirm, so tief, dass gerade noch sein Mund zu | |
| sehen ist. | |
| Vor der offenen Tür des Waschsalons bleibt er stehen. „Miele Wash World“ | |
| steht darüber, in großen blauen Buchstaben auf Gelb. Auf der | |
| Fensterscheibe, kleiner: „Änderungsschneiderei“, darunter die Illustration | |
| einer Nähmaschine. Hier ist das Reich von Ziaullah Haidari, Schneider von | |
| Beruf, der nebenbei den Waschsalon betreut. | |
| Er klappt den Schirm zusammen und betritt den Raum, der sich in das Gebäude | |
| hineinstreckt wie ein Schlauch. | |
| Der Schneider läuft vorbei an 14 Waschmaschinen, dem Bezahlautomaten und | |
| sechs Trocknern zu seiner Rechten, am Paketschrank, dem Tisch und der | |
| vergilbten Wartebank zu seiner Linken, bis zu einer Holztür. Er schließt | |
| sie auf und betritt seine Nähstube. Gott habe sie ihm gegeben, wird der | |
| Schneider sagen, so wie alles im Leben von Gott bestimmt sei. | |
| Der Waschsalon im Frankfurter Bahnhofsviertel liegt in der Moselstraße 17. | |
| Vom Eingang aus sieht man das Blinken der rosa Herzlichter der Bordelle; | |
| ein paar Häuserblocks weiter ist der Karlsplatz, ein Treffpunkt der | |
| Drogenabhängigen, dahinter erheben sich die Türme des Bankenviertels. Der | |
| Hauptbahnhof und das Mainufer sind fünf Gehminuten entfernt. | |
| Das Bahnhofsviertel ist einer der bekanntesten Rotlicht- und Drogenbezirke | |
| Deutschlands, zugleich Party- und Szenetreff. In die Jahre gekommene | |
| Kneipen und Stundenhotels teilen sich die Straßen mit neuen Hipsterbars und | |
| Spezialitätenrestaurants; dazwischen Kioske, Friseurläden, Reisebüros. | |
| Gerade einen halben Quadratkilometer groß, ist es der zweitkleinste | |
| Stadtteil Frankfurts und, trotz voranschreitender Gentrifizierung, einer | |
| der buntesten. Hier leben nicht nur Menschen Dutzender Nationalitäten, | |
| sondern auch unterschiedlichster Schichten zusammen. Der Waschsalon in der | |
| Moselstraße ist einer der Orte, an dem sich alle begegnen. | |
| Bis zu eintausend Waschsalons gibt es in Deutschland, schätzt der „Verband | |
| der Waschcenter Betreiber e. V.“. Gäbe es unter ihnen eine Rangliste der | |
| kosmopolitischsten Betriebe, dann läge die Miele Wash World wahrscheinlich | |
| an der Spitze davon. | |
| Hier schleudern die staubigen Hosen der osteuropäischen Bauarbeiter mit | |
| denselben 1.600 Umdrehungen wie die Socken des deutschen Piloten, die Röcke | |
| der Roma-Frauen, die Business-Kleidung des indischen IT-Ingenieurs, die | |
| weißen Unterhosen des Schwerhörigen, die haarigen Handtücher des Friseurs, | |
| die Hemden des ukrainischen Geflüchteten, die Bettlaken der | |
| Sexarbeiter:innen, die Kofferladungen der Touristen aus Südkorea, Brasilien | |
| oder den USA und der Schlafsack des Obdachlosen, der mal Lkw-Fahrer war. | |
| Dreckige Wäsche hat jede:r mal, aber eine Waschmaschine eben nicht. | |
| Während die Wäsche in den Waschtrommeln wirbelt, sitzen die Waschenden auf | |
| der vergilbten Bank und warten. Es ist ein guter Moment, ihre Geschichten | |
| zu erfahren. Wir setzten uns dazu, zehn Tage lang: der Fotograf Florian | |
| Sulzer und ich, die Reporterin. | |
| ## Das Personal | |
| Immerzu brennt helles Neonlicht im Salon, auch wenn er geschlossen hat. | |
| Offen ist er sieben Tage die Woche, von sechs Uhr morgens bis 23 Uhr. Es | |
| riecht nach Waschpulver und manchmal nach Zigarettenrauch. | |
| Der Waschsaloninhaber, der noch vier weitere Salons in Frankfurt hat, kommt | |
| in der Regel nur einmal im Monat vorbei, um das Bargeld aus dem Automaten | |
| zu holen. | |
| Um den täglichen Betrieb kümmern sich der Hausmeister Mohammed Zaim und der | |
| Schneider Ziaullah Haidari. Auf dem Bezahlautomaten ist ein | |
| eingeschweißtes, weißes Blatt angebracht: „bei Reklamation, Herr Zaim“ | |
| steht darauf; darunter die Handynummer des Hausmeisters, der Rund um die | |
| Uhr zu erreichen ist. | |
| Der Schneider ist bis 19 Uhr in seiner Nähstube hinten im Salon zu finden, | |
| außer samstags, da kommt er erst um zwei, und sonntags, da macht er frei. | |
| Er reinigt die Flusensiebe und Waschmittelfächer, leert die Mülleimer und | |
| schaut, dass niemand ratlos vor dem Bezahlautomaten steht. Dafür muss er | |
| weniger Miete zahlen. An diesem regnerischen Morgen im Juli sitzt auf der | |
| Wartebank ein Mann, auf dem Tisch neben sich hat er einen Kaffee und eine | |
| kleine Flasche Likör stehen, Berentzen Apfel. | |
| Im Wechsel nimmt er einen Schluck vom Kaffee und vom Korn. Der Schneider | |
| legt im Vorbeigehen die Hand auf die Schulter des Mannes. „Wie geht’s?“, | |
| fragt er ihn. „Alles gut“, sagt der Mann und zeigt beim Lächeln seine | |
| kaputten Zähne. Ein Tourist kommt herein und fragt den Schneider, ob er ihm | |
| helfen könne. Natürlich. „Sechs Kilo pro Maschine“, sagt der Schneider auf | |
| Englisch, „oder die große, dann könnt ihr alles zusammen waschen.“ Er lä… | |
| den Touristen und seine Freundin ein auf einen Chai. | |
| „Where are you from“, fragt der Schneider. | |
| „Australia“, sagt der Tourist. | |
| „I’m from Afghanistan“, sagt der Schneider. | |
| „The land of the lions“, sagt der Tourist, das Land der Löwen, und dass er | |
| die afghanische Gastfreundschaft gut kenne. | |
| Der Schneider legt das blaue Maßband wie einen edlen Schal um seinen | |
| Nacken. | |
| ## Die Gestrandeten | |
| Seine Nähstube hat keine Fenster, nur eine Öffnung in den Salon hinein. An | |
| den Wänden teilen sich allerhand Garnrollen den Platz mit einer Weltkarte | |
| und eingerahmten Zitaten aus dem Koran. „Ich habe Gott, die haben Geld“, | |
| sagt der Schneider. Er ist 42 Jahre alt; bis er 16 war, hat er in Iran | |
| gelebt, schon dort hat er als Schneider gearbeitet. Dann kam er nach | |
| Frankfurt, im Laderaum eines Lkw, er wollte die Welt sehen und ein Cousin | |
| war schon hier. Seit sieben Jahren ist er verheiratet, aus Afghanistan ist | |
| auch seine Frau. „So Gott will“, sagt der Schneider, „kommt im Winter uns… | |
| erstes Kind.“ | |
| Morgens und spätabends kommen meist nur wenige Kunden, aber am Nachmittag | |
| und frühen Abend ist der Salon immer voll, besonders an Wochenenden. | |
| Dann bringen die Bauarbeiter ihre Monturen vorbei, so wie ein Rumäne, der | |
| sich als Andrew vorstellt. | |
| Er kommt am Samstagabend kurz vor der Dämmerung, als sich die | |
| Leuchtreklamen in den Pfützen spiegeln und der Sommerregen dem Geruch von | |
| getrocknetem Dreck und Pisse eine feuchte, modrige Note verleiht. | |
| Im Salon waschen vier Touristen; auf dem Tisch neben ihnen liegt ein Joint. | |
| „Ich war im Krieg, wir hatten keinen Waschsalon in Kandahar, es hatte 50 | |
| Grad draußen“, sagt Andrew auf Englisch und zeigt seine Narbe am linken | |
| Bein, von einem Granatsplitter wurde er getroffen. „Ich war 14 Jahre in der | |
| Armee, im Kosovo stationiert und vier Mal mit den Nato-Truppen in | |
| Afghanistan.“ Jetzt bekomme er Rente, 200 Euro im Monat. | |
| Die letzten drei Monate hat er auf dem Bau gearbeitet, sagt er, ohne | |
| Vertrag und ohne Gehalt, deswegen sei er seit einer Woche obdachlos. | |
| Drei Drogenabhängige kommen in den Salon und sprühen sich mit Männerdeo | |
| ein. Der Geruch verdeckt kurz die Waschpulver-Note, dann verfliegt er | |
| schnell. | |
| „Leute wie ich kommen hierher und arbeiten für einen geringen Lohn“, sagt | |
| Andrew, „wir machen dieses Land reich. Arbeitet ein Deutscher auf dem Bau, | |
| bekommt er 16,17,18 Euro pro Stunde, ich bekomme elf schwarz, manche neun | |
| oder zehn. Alle mächtigen Länder hängen ab von billigen Arbeitskräften“, | |
| sagt er, „schau dir doch das Reinigungspersonal in den Hotels an, da siehst | |
| du nicht eine einzige deutsche Person.“ | |
| „Ich war gerne Soldat“, fährt er fort, „aber der Krieg in Afghanistan ha… | |
| keinen Sinn für mich, es wäre anders, müsste ich Rumänien gegen Russland | |
| verteidigen. Wenn man die Ukrainer sieht, die mit ihren schicken Autos | |
| hierherkommen und nach Hilfe vom Staat fragen –“ | |
| Den letzten Satz hat ein junger Mann mitgehört, der mit einem großen roten | |
| Sack über der Schulter den Salon betritt. „Sie haben uns wie Hunde | |
| behandelt“, sagt er im Vorbeigehen, „sie haben uns in kleine Zimmer | |
| gesteckt und die bekommen jetzt Hotels, weil sie Christen sind und wir | |
| Muslime.“ Er kommt aus dem Friseurladen um die Ecke und stellt sich als | |
| Yunus vor. „Warum leben sie besser als wir damals?“ | |
| Seit Jahrzehnten ist das Bahnhofsviertel für viele Zugewanderte die erste | |
| Station. Manche bleiben hier, ohne wirklich anzukommen. Wie die | |
| osteuropäischen Bauarbeiter, die sich zu viert oder fünft ein Zimmer | |
| teilen, wie die ukrainischen Geflüchteten, die in einem Hotel unterkommen | |
| und hoffen, bald zurückkehren zu können. | |
| ## Zwei Frauen | |
| Zapp, zapp, machen die Flipflops einer jungen, schmalen Frau; kurze | |
| Jeanshose, Nasenring, kein BH unter dem roten, engen Top. | |
| Es ist Sonntagabend kurz vor sieben Uhr, weder der Schneider Haidari noch | |
| der Hausmeister Zaim sind im Salon. | |
| Die Frau geht zu einem grauen Schalenkoffer, der in der Ecke steht. Vor | |
| zwei Stunden hat sie ihn dort abgestellt, da waren alle Maschinen belegt. | |
| Sie legt Buntes in Maschine Nummer sechs, Bettwäsche in Nummer vier, BHs | |
| und helles in Nummer fünf, Schwarzes in Nummer zwei. | |
| Vor dem Bezahlautomaten kramt sie in ihrer Handtasche nach Kleingeld, fünf | |
| Euro pro Maschine, das Waschpulver kostet 50 Cent. Zwei Kupfermünzen fallen | |
| auf den Boden, sie hebt sie nicht auf. Das Pulver schüttet sie direkt in | |
| die Trommeln, nimmt ihren Koffer und geht. Eine Stunde und 15 Minuten | |
| dauert der längste Waschgang, 45 Minuten der kürzeste, je nach Menge und | |
| Temperatur. | |
| „Zum Wohl!“, ruft es kurze Zeit später in den Salon, eine blonde Frau tritt | |
| schwankend hinein, ihr Gesicht ist verquollen, in der Hand hält sie ein | |
| Bierglas. „Ich gehe gleich wieder“, sagt sie, zieht die Tür hinter sich zu | |
| und läuft zum hinteren Teil des Waschsalon-Schlauchs, wo in der Mitte ein | |
| Stützpfeiler steht. Sie lehnt sich am Boden sitzend daran, der Pfeiler | |
| verdeckt sie jetzt, aber ihr Spiegelbild ist in einer Trocknertür zu sehen. | |
| Die Frau zündet eine Crackpfeife an. Sie hustet. Kurz darauf kippt ihr Kopf | |
| wie in Zeitlupe seitlich nach unten, er zieht den Körper nach, bis sie | |
| schräg auf dem Boden liegt. | |
| Ein Mann kommt zum Trockner neben ihr, er beachtet sie nicht, rollt | |
| Handtuch, Hose, Shirts und Cappy ein; packt alles in eine Kauflandtüte, auf | |
| der steht: Heimat neu entdecken. | |
| Außer der Schlafenden ist jetzt niemand mehr im Raum. Ob alles okay ist? | |
| Sie murmelt vor sich hin: „Ich denke nur nach, in Afrika stirbt jedes | |
| Kind…, ich bin Altenpflegerin, ich will mich nur kurz ausruhen …“ | |
| Die Trommeln der Waschmaschinen rotieren sanft, sonst ist es still im | |
| Salon. | |
| Bis die Frau mit den Flipflops wiederkommt. Sie öffnet die Waschmaschinen, | |
| zieht gedankenversunken pink- und lilafarbene Bettwäsche raus und legt sie | |
| in den Trockner neben dem Balken. Plötzlich stößt sie einen Schrei aus und | |
| hält sich das Herz. | |
| „Ich wusste nicht, dass da jemand liegt!“, sagt sie geschockt auf Englisch. | |
| Sie läuft nach vorne ans Fenster und wieder zurück. | |
| Sie wasche einmal die Woche hier, erzählt sie dann und dass sie Natalia | |
| heißt. „Ich bin Sexarbeiterin, ich arbeite im Roten Haus, da ist es besser | |
| als in den anderen Häusern“, sagt sie, „am Tag kostet das Zimmer 150 Euro.… | |
| Den Sonntag mache sie frei, dafür zahlt sie dann 60, damit keine andere | |
| Frau ihr Zimmer nimmt. Sie ist jetzt 25 Jahre alt, wegen einer Freundin ist | |
| sie vor einem Jahr nach Frankfurt gekommen, vorher war sie in Belgien. | |
| Ursprünglich kommt sie aus Rumänien, dort lebt ihre Familie noch, die weiß | |
| aber nicht, womit sie ihr Geld verdient. | |
| „Gestern war ein Kunde da“, sagt sie, „der hat 600 Euro für drei Stunden | |
| gezahlt, ein Pädophiler, die wollen manchmal nur meinen Körper anfassen. | |
| Ja, die Pädophilen lieben mich“ – sie dreht ihren Kopf nach oben und lacht | |
| ihr helles Lachen – „denn ich sehe aus wie ein Kind.“ | |
| ## Der Notarzt | |
| Um 23 Uhr liegt die Frau, die Crack geraucht hat, noch immer hinter dem | |
| Pfeiler und schläft. | |
| Da huscht die Schlüsselfee herein. | |
| Sie kommt jeden Abend, ist immer in Eile, auffallend schick gekleidet, die | |
| lockigen Haare hochgesteckt. In ihrer Hand hält sie einen großen | |
| Schlüsselbund, als würde sie die Türen im ganzen Viertel abschließen. Zum | |
| Schließen des Salons benutzt sie aber gar keinen; die Automatik greift, | |
| sobald sie die Tür fest zuzieht. Morgens um sechs geht die Tür von allein | |
| wieder auf, nur zum Zuziehen braucht es eben einen Menschen. | |
| Ihren Namen will die Schlüsselfee nicht verraten, auch nicht ihr Alter, sie | |
| könnte um die 50 sein. Nachts arbeitet sie am Frankfurter Flughafen in | |
| einer Bäckerei, deshalb der Schlüsselbund. Auf dem Weg dorthin schließt sie | |
| den Waschsalon. | |
| „Oh nee“, sagt die Schlüsselfee, als sie die Schlafende hinter dem Pfeiler | |
| entdeckt. Sie beugt sich mit etwas Abstand über sie, und ruft laut „Hallo! | |
| Haaaalooo!“ | |
| Die Frau rührt sich nicht. „Haaalooo“, ruft die Schlüsselfee immer wieder, | |
| „Sie müssen jetzt raus, ich muss hier zuschließen.“ Sie zückt ihr Handy. | |
| „Ich ruf sonst die Polizei!“ Keine Reaktion. Sie wählt die 110. | |
| „Immer mir passiert das“, sagt die Schlüsselfee, „immer habe ich das Pec… | |
| „Haben Sie hier Pfand?“, fragt es von unten zur Schlüsselfee hoch, die auf | |
| der Eingangsstufe steht. Der Flaschensammler ist ein gepflegter, | |
| mittelalter Mann. | |
| „Ich glaube nicht, dass da Pfand ist, nur Spülflaschen“, sagt die | |
| Schlüsselfee, „aber wenn Sie wollen, können Sie schauen.“ | |
| Er schleicht hinein. | |
| „Und wecken Sie doch die Dame mal auf“, fügt die Fee hinzu. | |
| Schon steht der Flaschensammler neben der Frau und ruft „Schatzi, hey | |
| Schatzi! Aufwachen, die wollen hier zumachen, sonst rufen sie die Polizei!“ | |
| Aber sie rührt sich nicht. „Ich helfe dir, ich nehm deine Tasche“, sagt er. | |
| Dann stolpert er über ihr Bein. Sie schreit laut, „Ahhh! Verpiss dich!“ | |
| „Die schläft doch gar nicht“, sagt der Flaschensammler. | |
| „Ich hoffe, dass die Polizei kommt“, sagt die Schlüsselfee. | |
| „Sagen Sie, das ist ein Notfall“, ruft der Flaschensammler, „sie hat zu | |
| viel Drogen, sie kriegt keine Luft, wenn Sie es so sagen, dann kommen sie | |
| sofort.“ | |
| „Nee, dann kriege ich Ärger“, sagt die Schlüsselfee, „das ist ne falsche | |
| Aussage.“ | |
| „Wieso“, fragt der Sammler, plötzlich ganz aufgeregt. „Verstehen Sie, sie | |
| hat Atemaussetzer, sie bekommt keinen Sauerstoff, ich mein’s ernst.“ | |
| Die Schlüsselfee schaut jetzt besorgt, der Sammler ist in Fahrt, „vier | |
| Stufen“, sagt er, „Atemstillstand, Kreislaufstillstand, Herzstillstand, | |
| Tod. Und dann heißt es, es war in Ihrem Hause! Wählen Sie 110, ich rede, | |
| ich bin drogenabhängig, ich kenne mich da aus, mein Name ist Azimi, ich hab | |
| deutschen Pass.“ | |
| Vier Minuten später ist ein Krankenwagen da, kurz darauf ein Notarztwagen. | |
| Sechs Ärztinnen und Sanitäter gehen in den Waschsalon, ihre Blicke sind | |
| ernst, als sie die Frau am Boden untersuchen. | |
| Die aber steht auf einmal auf, zieht ihre Hose runter und geht in die | |
| Hocke. Das Notfallteam schaut genervt, die Schlüsselfee eilt vor die Tür. | |
| Als sie fertig mit Pinkeln ist, stolpert die Frau auf die Straße, als | |
| betrete sie einen Alptraum und keine kühle Sommernacht. | |
| Die Schlüsselfee schaut ihr hinterher. „Ihre Tasche!“, ruft sie, „sie ge… | |
| ohne ihre Tasche raus!“ Aber da ist die Frau schon um die Ecke | |
| verschwunden. | |
| ## Die vielen | |
| Jeden Tag kommen neue Kunden zum Waschen herein, manche nur ein einziges | |
| Mal, andere regelmäßig. Die meisten sind Männer, viele sprechen nur | |
| gebrochen Deutsch. | |
| Da ist der Elektriker aus Bosnien. Er hat in einem Waschsalon im hippen | |
| Nordend-Viertel seine kroatische Freundin kennen gelernt, als er ihr | |
| erklärte, wie das Waschen funktioniert. „Es sind immer die Ausländer, die | |
| nicht wissen, wie das geht“, sagt er, „sie verstehen kein Deutsch.“ Er | |
| lacht, „ich bin ja selbst Ausländer“. | |
| Da ist der durchtrainierte amerikanische Tourist. Er habe früher fürs FBI | |
| gearbeitet, sagt er, auch jetzt sei er immer wachsam, unter dem Ärmel | |
| seines T-Shirts klemmt ein Kugelschreiber, den könne er wie ein Messer | |
| einsetzen, wenn er es bräuchte. | |
| Da ist das Model aus Kolumbien mit den rot gefärbten Haaren, ihre bunten | |
| Fingernägel sind so lang, dass sie kaum noch auf dem Handy tippen kann. Sie | |
| reist mit einem Fitnesstrainer im olivgrünen Nike-Trainingsanzug, der aus | |
| Venezuela floh, weil er gegen die dortige Regierung protestierte. | |
| Da sind die zwei Roma-Frauen, die mit ihrem eigenen Waschkorb kommen; ihre | |
| langen Röcke, mit Gold bestickt, schwingen mit ihren Hüften bei jedem | |
| Schritt. Drei Inder im Salon beobachten sie sichtlich entzückt, aber ihr | |
| Versuch zu reden scheitert, denn eine gemeinsame Sprache gibt es nicht, da | |
| lachen die Frauen. Sie breiten auf dem Tisch ihre Berge von Wäsche aus, sie | |
| machen Urlaub hier, übersetzt eine App, vier Erwachsene und acht Kinder, da | |
| müssen sie mehrmals die Woche waschen. | |
| Da ist der Obdachlose, der den anderen zeigt, wie der Bezahlautomat | |
| funktioniert, er hat sein ganzes Hab und Gut auf der Bank verteilt. Er | |
| hilft einem Rentner, der drückt ihm dafür zwei Euro in die Hand. Beim | |
| Zusammenlegen seiner Wäsche sagt der Rentner: „Deutschland geht kaputt an | |
| seiner Gründlichkeit.“ | |
| ## Der Koran | |
| Draußen schüttet es Sturzbäche, sie spülen den Dreck mit Getöse durch die | |
| Straßen. Passanten retten sich in Hauseingänge und filmen die plötzliche | |
| Flut, als hätten sie noch nie in ihrem Leben so viel Regen gesehen. | |
| Drinnen sitzt der Schneider Ziaullah Haidari vor seiner Nähmaschine und | |
| liest im Koran: „,Da sagte sie: wie könnte ich einen Sohn bekommen, wo mich | |
| kein Mann berührt hat und ich nicht unkeusch gewesen bin?' Wissen ist | |
| Licht“, sagt der Schneider, und während er liest, wird das Prasseln des | |
| Regens langsam leiser, bis es ganz aufhört. | |
| Er steht auf, geht zur Tür und schaut auf die Straße. | |
| „Gott hat diese Kraft“, sagt der Schneider. „Es gibt viele Seelen: Steine, | |
| Bäume, Menschen, Tiere, jedes Wesen hat eine Bedeutung. Wenn wir sterben, | |
| sind unsere Körper tot, aber unsere Seele geht zu Gott.“ | |
| Er sieht gerade noch, wie die Sonne rauskommt und die nassen Straßen | |
| glänzen lässt. | |
| „Es gibt noch ein anderes Leben“, sagt der Schneider, „ein Leben danach.�… | |
| Dann verschwindet er wieder, an den Waschmaschinen vorbei, in sein Reich. | |
| ## Der Maschinen-Doktor | |
| Wären da nicht die neuen Waschmaschinen mit den Touchscreens, der | |
| Waschsalon sähe aus wie von 1999, dem Jahr, in dem er eröffnet wurde. | |
| Selbst die Schilder an der Wand sind noch original; „D-Mark“ ist | |
| durchgestrichen, daneben „Euro“ gekritzelt. | |
| Ebenfalls ein Original ist der Hausmeister Herr Zaim, der sich auch um die | |
| anderen vier Salons des Besitzers kümmert, denn als der 1994 seinen ersten | |
| Waschsalon in Frankfurt Höchst übernahm, gab es Herrn Zaim mit dazu, als | |
| Bedingung des Vorbesitzers für den Kauf. | |
| Herr Zaim ist ein richtiger Tüftler; wenn mal was kaputt geht, wechselt er | |
| lieber einzelne Komponenten aus, anstatt was neu zu bestellen, das spart | |
| viel Geld. | |
| Der geduldige Hausmeister, der immer wieder das Gleiche erklärt, kann auch | |
| laut werden, wenn er gehört werden will. Sein „Hallo!“ geht durch Mark und | |
| Bein; an diesem Sonntag gilt es einem Mann, der gerade am Bezahlautomaten | |
| steht. | |
| „Drücken!“, sagt Herr Zaim und zeigt auf den Knopf für das Rückgeld. Denn | |
| wenn er den nicht gleich drückt, kommt vielleicht jemand anderes und wäscht | |
| mit dem fremden Geld, dann ist der Ärger groß, Herr Zaim hat schon oft | |
| Ärger mitbekommen. | |
| Er ist nicht mehr so flink wie früher, schließlich ist er schon 70 Jahre | |
| alt und hat jetzt zwei Gehilfen für Reparaturen, die er körperlich nicht | |
| mehr schafft. Aber die Fäden, die hält er weiter in der Hand. | |
| Nach Deutschland kam Herr Zaim, als er 16 war, aus Marokko mit der Fähre | |
| über Málaga. Die ersten zehn Jahre arbeitete er auf dem Bau, die nächsten | |
| fünf pumpte er Öl in Bremsen bei Opel und stellte dann für 15 Jahre in | |
| einer Glasfabrik Medikamentenflaschen her. „Ich mag es, das Arbeiten“, sagt | |
| Herr Zaim, „wenn ich aufhöre zu arbeiten, dann ist es vorbei.“ Tauschen mit | |
| seiner Frau, das wollte er nie, sie kümmerte sich um ihre zwei Töchter und | |
| zwei Söhne. Lieber zehn Stunden arbeiten als vier Stunden mit den Kindern | |
| im Haus“, sagt er, dabei werden seine ernsten Gesichtszüge ganz weich, „ich | |
| hab Glück mit den Kindern, sie arbeiten alle.“ | |
| ## Der letzte Waschgang | |
| Der Schneider sitzt auf seinem Drehstuhl vor der Nähmaschine und hört sich | |
| beim Arbeiten Youtube-Videos eines iranischen Predigers an. | |
| Es ist Anfang August, der Tag neigt sich dem Ende zu. | |
| „Es gibt einen Beweis dafür, dass es den Teufel gibt“, sagt der Schneider, | |
| er kneift die Augen zusammen und sagt: „Teuflische Gedanken. Wenn man zum | |
| Beispiel jemanden schlagen will oder umbringen“, er zögert kurz, „oder | |
| küssen. Das alles sind Gedanken, die vom Teufel kommen.“ | |
| „Ich finde es schlecht, über andere Menschen zu urteilen“, sagt der | |
| Schneider, aber wenn er mal schlechte Gedanken habe, werfe er ein paar Euro | |
| in eine Spardose, das Geld gibt er einem Bekannten mit, der nach | |
| Afghanistan geht. Der spendet es dort Waisenkindern, zum Beispiel letzten | |
| Monat, da kamen 80 Euro zusammen. Der Schneider holt vom Tisch eine kleine | |
| braune Dose, sie hat die Form eines Koffers, die Ernsthaftigkeit ist aus | |
| seinem Gesicht verschwunden, er hält die Spardose hoch und lacht, „die habe | |
| ich auf dem Flohmarkt gefunden.“ | |
| Nach Feierabend zieht er seine schwarze Jacke über sein hellblaues Hemd. Er | |
| schließt die Holztür zu seinem Laden ab, lässt die Trockner links liegen | |
| und tritt nach draußen. Die Tür des Waschsalons bleibt offen. | |
| Die Abendsonne taucht das Bahnhofsviertel in warmes, verzeihendes Licht. | |
| Der Schneider lächelt. Er schreitet davon. | |
| 10 Sep 2024 | |
| ## AUTOREN | |
| Laila Sieber | |
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