| # taz.de -- Psychologin über Portugal vor EU-Wahl: „Die Krise hat uns entfer… | |
| > Der europäischen Linken gilt Portugal oft als Positivbeispiel. Warum | |
| > interessiert sich vor der Europawahl dennoch niemand für das Land? | |
| Bild: „Ich glaube, die Krisenjahre haben uns von Europa entfernt“, sagt Joa… | |
| taz: Frau Amaral Dias, in Deutschland kommen vor allem positive Nachrichten | |
| aus Portugal an. Ist wirklich alles besser? | |
| Amaral Dias: Verglichen mit den Troika-Jahren, geht es uns besser. Aber | |
| strukturell hat sich wenig geändert. Die Arbeitslosigkeit ist ein guter | |
| Indikator: Es stimmt, dass wir viel weniger Arbeitslose haben als vor drei | |
| oder vier Jahren, aber diese Arbeit ist prekär, temporär, wenig | |
| qualifiziert und saisonal. Und an den Tourismus gebunden. Das ist instabil. | |
| Ich habe nichts gegen Tourismus, aber fände es besser, wenn wir mehr | |
| Industrie hätten, mehr Technologie. In so was wurde nicht investiert. Was | |
| fehlt, ist ein Plan. Mit dem Linksblock und den Kommunisten in der | |
| Regierung könnte es eine modernere Vision geben, aber bis jetzt ging es nur | |
| darum, Löcher zu stopfen. | |
| Was genau stört Sie am Tourismus? | |
| Wir müssen den Tourismus in Portugal besser verteilen, genug Kulturerbe | |
| hätten wir ja dafür. Stattdessen konzentriert sich alles auf Lissabon und | |
| Porto – das fordert den Städten viele Ressourcen ab. Ich denke da an | |
| Sicherheit und Sauberkeit. Außerdem ist Tourismus als Wirtschaftsstrategie | |
| ist nicht genug, denn er ist nicht nachhaltig. Es tut mir in der Seele weh | |
| zu sehen, dass Ingenieure, Mechaniker oder Krankenschwestern Tuk-Tuks | |
| fahren müssen. Wir Portugiesen können mehr als das. | |
| Die zwei Parteien bilden gemeinsam mit den Sozialisten eine | |
| Minderheitsregierung unter Premierminister António Costa. Was halten Sie | |
| von ihm? | |
| Ein ausgezeichneter Taktiker. Am Wochenende hatten wir eine angebliche | |
| politische Krise, das war ein Schachzug, sehr taktisch, sehr hinterhältig. | |
| Die Konservativen forderten Ausgleichszahlungen an Lehrer*innen, deren | |
| Karriere während der Krise eingefroren worden war – [1][Costa drohte mit | |
| Rücktritt]. | |
| So was interessiert mich nicht; das ist Zeitverschwendung. Und es entfernt | |
| die Leute von der Politik. Es gibt niemanden, der zum Mikrofon greift und | |
| sagt: Ich will aus Portugal ein Land machen, das sich berufen fühlt für … | |
| Es könnte auch etwas sein, dem ich nicht zustimme, aus der Diskussion | |
| erwächst Licht. Wir haben keine Diskussion, wir haben Klubs. Leute sagen: | |
| Ich gehöre zum Klub von António Costa, ich gehöre zum Klub von Bloco. Die | |
| Europawahlen stehen vor der Tür, und wir verlieren Zeit damit, über Quatsch | |
| zu reden. | |
| Wo werden Sie Ihr Kreuz machen? | |
| Ich werde eine kleine Nachricht auf meinen Wahlzettel schreiben, aber kein | |
| Kreuz machen. Ich fühle mich von keiner Partei repräsentiert, aber ich will | |
| mein Recht, zu wählen, wahrnehmen. 70 Prozent der Bevölkerung werden | |
| voraussichtlich nicht wählen – wenn das kein Warnsignal ist. 70 Prozent! | |
| Sind diese Wahlen gültig? Und der Großteil von denen, die wählen gehen, ist | |
| alt, oder es sind Leute, die schon konvertiert sind, Militante, | |
| Funktionäre. | |
| Zu den 30 Prozent Wählern zählen auch die, die nichts ankreuzen – so wie | |
| ich. Was bleibt übrig? Dass sich die [2][Politiker nicht um die 70 Prozent | |
| der Nichtwähler scheren], ist für mich ein Symptom dafür, wie schlecht es | |
| um die Demokratie steht. | |
| Wie steht es um die Beziehung zwischen Portugal und Europa? | |
| Sie hat sich seit der Krise verändert. Unser Finanzminister Mario Centeno | |
| ist jetzt Chef der Eurogruppe. Es gibt ein neues Narrativ: Politik ist | |
| nicht nur das, was man macht, sondern auch das, wovon man sagt, dass man es | |
| tut. Viele Restriktionen aus den Zeiten der Troika sind geblieben. Der | |
| Unterschied ist, dass der vorherige Premier immer gesagt hat, dass wir | |
| verdienen, bestraft zu werden. Der jetzige sagt, dass wir nicht bestraft | |
| werden sollten. Wenn sich die Perspektive ändert, ändert sich alles. | |
| Trotzdem gibt es viele Portugiesen, die nichts von Europa wissen wollen. | |
| Viele glauben, dass die EU nicht demokratisch ist, dass es nichts bringt, | |
| die Abgeordneten für das Europäische Parlament zu wählen, dass die | |
| Europawahl keinen Einfluss auf ihr Leben hat, weil unabhängig davon | |
| Institutionen wie die Troika kommen können, die von niemandem gewählt | |
| wurden und das letzte Wort bei großen Entscheidungen haben. | |
| Hat die Troika ein Trauma hinterlassen? | |
| Ich glaube, die Krisenjahre haben uns von Europa entfernt, auch von | |
| Deutschland. Es gab auf beiden Seiten Propaganda, die mal berechtigt, mal | |
| grotesk war. Ich war damals in Deutschland, da sprach man von PIG-Staaten | |
| [Portugal, Italien, Irland, Griechenland; Anm. d. Red.]. Und hier hieß es, | |
| die Deutschen seien Faschisten, die die Völker des Südens unterdrücken | |
| wollen. Diese Propaganda hat denen geholfen, die von Hass und Spaltung | |
| profitieren. Das war nicht gut für die europäische Identität, es hat Europa | |
| verletzt. | |
| Portugal ist eines der wenigen Länder in Europa, das keine starke | |
| rechtsextreme Bewegung hat. Warum ist das so? | |
| In der Psychoanalyse sagt man: Es gibt Gedanken, die nur noch nach jemandem | |
| suchen, der sie denkt. Ich glaube, so ähnlich ist es mit den Rechtsextremen | |
| in Portugal. Der Virus ist da, er sucht nur den Träger. Und die Krise hat | |
| hier ein ideales Klima für Rechte geschaffen. Einige sind besorgt wegen | |
| Chega, der neuen rechten Partei. Aber ich finde, sie geben ihr eine | |
| Relevanz, die sie nicht verdient. Ich finde, wir sollten die Partei | |
| überhaupt nicht beachten. | |
| Portugal hat es mit einer linken Politik aus der Krise geschafft, das ist | |
| die Erzählung. Stimmt sie? | |
| Montags, mittwochs und freitags arbeitet die Regierung für das Volk, am | |
| Dienstag, Donnerstag und Samstag für die Bank. Ein großes Problem der | |
| letzten Regierungen war die Rettung unserer Banken, in die wir viele | |
| Milliarden Euro gepumpt haben. Das ist für das portugiesische BIP ein | |
| Wahnsinn. Es hat nie an Geld gemangelt, um Privatpersonen, Unternehmer, | |
| Kriminelle zu retten. | |
| Es ist schwierig, einem Portugiesen zu erklären, warum dafür Geld da war, | |
| aber nicht für das Gesundheitssystem oder für eine angemessene Bezahlung. | |
| Mit einem Mindestlohn von 600 Euro ist es schwierig, ein würdevolles Leben | |
| zu führen. Es wird aber weiter Geld in die Banken gepumpt, auch von der | |
| aktuellen Regierung. Für die Arbeiter hat sie auch etwas getan und ihnen | |
| minimale Rechte gegeben, das ist wie die Gischt auf einer Welle. | |
| Welche Rolle spielen die Kommunisten und der Linksblock in der Regierung? | |
| Die einer Blume im Revers, Deko. Sie sollen den Eindruck vermitteln, dass | |
| die Regierung linker ist, als es in Wirklichkeit der Fall ist. Das erste | |
| Jahr war nicht schlecht. Der Bloco und die Kommunisten haben fast alles | |
| erreicht, was geplant war: Renten wurden erhöht, finanzielle Unterstützung | |
| wurde wieder eingeführt, die Arbeitslosigkeit bekämpft. Es wirkt, als sei | |
| das viel; im Vergleich zum europäischen Durchschnitt ist es wenig. | |
| Ist die Krise also doch nicht vorbei? | |
| Nein, um sie zu beenden, bräuchten wir mehr wettbewerbsfähige | |
| Wirtschaftszweige, haben wir aber nicht. Mit der EU haben wir die | |
| Textilindustrie so gut wie verloren. Jetzt wird vor allem auf Tourismus | |
| gesetzt, aber was ist, wenn die Fluglinien ihre Routen ändern? Wir | |
| kontrollieren das nicht. Wir kontrollieren auch eine Mikrochipfirma nicht, | |
| aber schon etwas mehr, oder? Wenn wir diese strukturellen Veränderungen | |
| nicht machen, ist es sicher, dass eine Krise kommen wird. Und noch eine und | |
| noch eine. | |
| 22 May 2019 | |
| ## LINKS | |
| [1] /Regierungskrise-in-Portugal/!5592500 | |
| [2] /Studien-Koordinator-ueber-Nichtwaehler/!5582211 | |
| ## AUTOREN | |
| Viktoria Morasch | |
| ## TAGS | |
| Europawahl | |
| Schwerpunkt Europawahl | |
| europawahl Politik | |
| Portugal | |
| Schwerpunkt Europawahl | |
| Schwerpunkt Europawahl | |
| Schwerpunkt Europawahl | |
| Portugal | |
| ## ARTIKEL ZUM THEMA | |
| Portugal vor der Europawahl: Krise, welche Krise? | |
| Portugal hat sich von der Wirtschaftskrise erholt. Auch für Arlindo | |
| Salgueiro und sein Familienunternehmen ist das spürbar. | |
| Europäische Parteien: Große Hoffnung auf kleine Chance | |
| Die Partei Volt tritt in mehreren Ländern zu den EU-Wahlen an. Bei der | |
| niederländischen Abteilung steigt die Vorfreude auf die Wahlpremiere. | |
| Regierungskrise in Portugal: Costa droht mit Rücktritt | |
| Lange wurde die sozialistische Minderheitsregierung in Portugal gefeiert. | |
| Dann kam es zu Demonstrationen und Streiks. Jetzt droht das Bündnis zu | |
| zerbrechen. | |
| Wirtschaftliche Erholung in Portugal: Raus aus dem Ramschstatus | |
| Das Land zahlt frühzeitig IWF-Kredite zurück. In der Krise hat die | |
| sozialistische Regierung auf Ausgaben statt Sparen gesetzt. |