| # taz.de -- Berliner Bürgerämter: Vom Amtsschimmel befreit | |
| > Freundliche Dinosaurier hinterm Schalter, fehlerfreie Terminvergabe, | |
| > sogar Zahlungsverkehr mit EC-Karte möglich: Staunen über die Bürgerämter | |
| > von heute. | |
| Bild: Nicht immer zum Schreien komisch: Besucher im Schöneberger Bürgeramt an… | |
| Meine Freundin und ich wollen heiraten. Nach über 15 gemeinsamen Jahren | |
| scheint uns das ein vertretbares Risiko. Für so eine Heirat braucht man | |
| allerdings eine aktuelle Meldebestätigung des Einwohnermeldeamtes. Mit | |
| Grauen erinnerte ich mich an meinen letzten Besuch dort. | |
| „Ach, das ist doch gar kein Problem“, sagte meine Freundin, „man kann sich | |
| da jetzt Termine übers Internet geben lassen.“ Ich kicherte: „Das habe ich | |
| beim letzten Mal auch gedacht, aber da gab’s nur Fehlermeldungen, und die | |
| Frau am Schalter, die ich danach gefragt habe, hat sich gar nicht wieder | |
| eingekriegt vor Lachen.“ Meine Freundin zuckte mit den Schultern, setzte | |
| sich an den Rechner, und schwups hatte sie einen Termin. Ich erschrak. Ist | |
| es doch schon so schlimm mit der Wohnumfeldverbesserung im Wedding? | |
| Wir beschlossen, gemeinsam zum Amt zu gehen. Zu zweit hat man bessere | |
| Chancen, den Kassenautomaten vor Schalterschluss zu erreichen – falls einer | |
| unterwegs liegen bleibt, kann der andere es vielleicht noch schaffen. | |
| Als wir das Rathaus betraten, sah alles aus wie immer. Pressefotografen, | |
| die nach einem Symbolfoto für die viel zitierte „humanitäre Katastrophe“ | |
| suchen, könnten hier problemlos fündig werden. Ich verdrehte die Augen. | |
| Meine Freundin aber ging ganz unbeeindruckt an den wimmernden und | |
| schluchzenden Menschen vorbei zum Empfangsschalter und rief dem Mann | |
| dahinter zu: „Wir haben einen Termin über das Internet vereinbart, müssen | |
| wir uns da trotzdem erst noch bei Ihnen anmelden?“ Ich ging schon mal in | |
| Deckung in Erwartung der nun unweigerlich folgenden Schimpftirade ob der | |
| Frechheit, ihn erstens einfach so zwischendrin anzusprechen, ohne sich in | |
| die Reihe gestellt zu haben, und zweitens eine Auskunft in einer dermaßen | |
| absurden Angelegenheit zu verlangen. Er hätte ja nicht einmal unrecht. | |
| ## „Wat wollnse denn?“ | |
| „Nein, nein“, rief der Mann freundlich, „achten Sie einfach auf den | |
| Bildschirm, da müsste Ihre Nummer gleich aufgerufen werden.“ Und dann | |
| dachte ich endgültig, mich trifft der Schlag: „Entschuldigen Sie bitte, wir | |
| haben derzeit zehn Minuten Verspätung. Nehmen Sie doch bitte so lange noch | |
| Platz, ja?“ „Entschuldigen Sie bitte“ – ich traute meinen Ohren kaum, h… | |
| der wirklich „Entschuldigen Sie“ gesagt? Und „bitte“? Wer ist dieser Ma… | |
| und was hat er mit dem Schalterbeamten gemacht? Ich war alarmiert. „Das ist | |
| eine Falle“, flüsterte ich meiner Freundin zu, aber sie machte nur eine | |
| wegwerfende Handbewegung. | |
| Acht Minuten später leuchtete unsere Nummer auf. Ungläubig und unter Schock | |
| wankte ich meiner Freundin hinterher in die Schalterhalle. Nummer sieben, | |
| das kam mir irgendwie bekannt vor – und tatsächlich, da saß sie: meine | |
| Schalterbeamtin. Dieselbe wie beim letzten Mal. Ein Relikt. Ein Dinosaurier | |
| des unfreundlichen, kodderigen, schimpfenden, zischenden, quakenden, | |
| sprich: des guten, alten und wahren Berlin. Fast hätte ich sie vor Freude | |
| umarmt. | |
| „Wat wollnse denn?“, keifte sie uns zur Begrüßung entgegen, und mir fiel | |
| ein Stein vom Herzen. Wenigstens hier war alles noch normal. „Wir wollen | |
| heiraten“, antwortete meine Freundin und wedelte ihr mit der Wartenummer | |
| vor der Nase herum. „Wie denn, Wedding im Wedding? Na, müssense ja selber | |
| wissen, sind ja alt genug.“ Sie nahm den Zettel mit der Nummer, dann guckte | |
| sie zu mir rüber. „Wat’n? Den da?“ Meine Freundin nickte, die Schalterfr… | |
| musterte mich skeptisch, dann schnaufte sie: „Na, ist ja Ihre Sache.“ | |
| Ach, welche Freude! Nichts anderes hätte ich hier hören mögen. Beglückt | |
| setzte ich mich. „Wir hätten deshalb gerne unsere Meldebestätigungen“, | |
| flötete ich. | |
| „Wie – unsere?“, fauchte die Frau zurück. „Na, unsere Meldebestätigun… | |
| Man braucht die Dinger doch fürs Standesamt.“ | |
| „Ja, schon. Ihre Zukünftige kann auch gerne eine kriegen. Die hat nämlich | |
| einen Termin.“ Sie deutete auf den Zettel, „aber Sie nicht, junger Mann.“ | |
| Sie funkelte mich an. | |
| „Wie jetzt?“, fragte ich, obwohl ich mich über das alte Berliner | |
| Pejorativum „junger Mann“ natürlich sehr gefreut habe. | |
| „Hörnse mal, in diesem Netz da, wose sich den Termin geholt haben, da steht | |
| das extra dabei: Immer nur eine Person pro Termin. Und wie viele sindse, | |
| na? Zwei. Is nich! Besorgense sich ma schön selbst ’n Termin.“ | |
| Ich sah sie flehend an: „Och, kommen Sie. Wir brauchen doch beide dasselbe. | |
| Wir wohnen doch auch zusammen.“ | |
| „Na und?“ | |
| „Wir heiraten doch auch zusammen.“ | |
| „Na und? Hörnse schlecht? Immer nur eine Type pro Termin, scheißegal obse | |
| heiraten oder sich wieder loswerden wollen, dis Prozedere is immer das | |
| gleiche!“ | |
| „Beim nächsten Mal lassen wir uns zwei Termine geben, versprochen.“ | |
| „Beim nächsten Mal? Junger Mann, Sie wollen heiraten! Wennse da gleich ans | |
| nächste Mal denken, lassenses doch lieber gleich bleiben. Sparense Ihnen | |
| und mir ’ne Menge Arbeit, glaubenses mir!“ | |
| Ich kapitulierte. Sie genoss ihren Triumph. Ich wollte gerade aufstehen und | |
| mich in mein Schicksal fügen, da grinste sie listig: „Na gut, | |
| ausnahmsweise. Weilse heiraten, wa! Da sindse ja schon genug gestraft.“ | |
| Dann drückte sie eine Taste auf ihrer Tastatur, und, ruckzuck spuckte der | |
| Rechner die zwei Wische aus. Zeitaufwand: keine 30 Sekunden. „So, und jetzt | |
| krieg ich zweimal zehn Euro. Wie zahlense denn?“ Ich seufzte. Also auf zum | |
| Kassenautomaten. | |
| „Mit EC-Karte“, sagte meine Freundin, und ich zuckte zusammen. Oh nein, | |
| hoffentlich hat sie jetzt nicht alles kaputt gemacht. Noch hatten wir die | |
| Bescheinigungen nicht in der Hand. Und jetzt ein solcher Affront. | |
| „Fein, gebense her“, sagte die Frau. Ich konnte es nicht glauben. Sie nahm | |
| die Karte, zog sie durch so ein Ding, und fertig war’s. | |
| „Seit wann funktioniert das denn?“, fragte ich fassungslos. | |
| „Na hörnse mal, was glaubense denn, wo wir hier sind. Wir leben hier doch | |
| nicht hinterm Mond. Das Ding haben wir doch schon seit Jahren.“ Sie grinste | |
| mich an. | |
| Ich holte tief Luft. Aber im Grunde war ich bester Laune. | |
| Text aus: „Im wilden Wedding“, Edition Tiamat | |
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| 10 Jul 2015 | |
| ## AUTOREN | |
| Heiko Werning | |
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