| # taz.de -- Künstlerische Freiheit im Iran: "Wir fallen immer weiter zurück" | |
| > Die iranischen Filmemacher Jafar Panahi und Mohammad Rassulof wurden zu | |
| > harten Strafen verurteilt. Ein Gespräch mit ihrem Kollegen Rafi Pitts, | |
| > der heute in Paris lebt. | |
| Bild: "Bislang ist es noch keiner Diktatur gelungen, KünstlerInnen davon abzuh… | |
| taz: Herr Pitts, haben Sie damit gerechnet, dass die Strafen gegen Ihre | |
| Kollegen Jafar Panahi und Mohammad Rassulof so hart ausfallen werden? | |
| Rafi Pitts: Ich habe mit einer Verurteilung gerechnet, aber nicht mit sechs | |
| Jahren Haft und zwanzig Jahren Berufsverbot. Aber es ist schwer zu sagen, | |
| was im Iran noch alles passieren wird. Alles ist inzwischen möglich. Noch | |
| nie in der Geschichte des Kinos wurden Filmemacher verurteilt, ohne dass | |
| sie einen Film gedreht haben, sondern nur weil sie vorhatten, einen Film zu | |
| drehen. | |
| Die Anwälte können bis Ende Januar Widerspruch gegen das Urteil einlegen. | |
| Wie schätzen Sie deren Aussichten ein? | |
| Deswegen habe ich den offenen Brief an Herrn Ahmadinedschad geschrieben und | |
| die internationale Filmindustrie zu einem zweistündigen Streik am 11. | |
| Februar, unserem Revolutionstag, aufgerufen. Um Aufmerksamkeit zu erzeugen, | |
| um diese Eskalation des Wahnsinns zu stoppen. Vielleicht bringt sie das ja | |
| zur Vernunft. | |
| Glauben Sie das wirklich? | |
| Ob mir das nun gefällt oder nicht: In meinem Land haben viele Menschen | |
| Ahmadinedschad gewählt. Sie haben keine Mehrheit mehr, die hat 2009 für die | |
| Grüne Bewegung votiert. Trotzdem: Wir müssen ja zusammenleben. Also: In | |
| meinem Land regiert ein Präsident, der von Revolutionsgarden geschützt | |
| wird. Beide berufen sich unentwegt auf die Revolution und auf Freiheit im | |
| Namen der Revolution. Wenn das 32 Jahre nach der Revolution für sie | |
| bedeutet, dass sie die Freiheit haben, jeden Künstler und jeden | |
| Journalisten einzusperren, der Fragen stellt, dann muss ich als Künstler | |
| diese Haltung spiegeln. | |
| Mehr als 80 Prozent der heutigen Bevölkerung war zum Zeitpunkt der | |
| Revolution noch nicht mal geboren. Die Rede von der Revolution hört sich | |
| sehr anachronistisch an. | |
| Richtig. Umso mehr ist es an der Zeit, die Regierung nach ihren Zielen und | |
| nach ihrer Legitimation zu befragen - und zwar in ihrer eigenen Sprache. | |
| Natürlich würde die Presse in Frankreich mit Sarkozy ein anderes Vokabular | |
| wählen als ich in meinem Brief an Ahmadinedschad. In meinem Land aber dreht | |
| sich eben noch alles um die Revolution von 1979. Und sie tun einfach so, | |
| als gebe es keine neuen Entwicklungen, als hätten die Massenproteste nach | |
| den Wahlen nie stattgefunden, als wäre niemand gestorben. | |
| Deshalb reagiert das Regime so empfindlich, wenn diese | |
| Realitätskonstruktion kritisiert wird? | |
| Ja. Es kriminalisiert uns als Antirevolutionäre. Deshalb müssen wir fragen: | |
| Was genau meint ihr mit "Im Namen der Revolution"? Sie müssen definieren, | |
| was Revolution für sie bedeutet, damit wir eine Wahl haben, uns für oder | |
| gegen das von ihnen vertretene Gesetz zu entscheiden. | |
| Haben Sie schon eine Reaktion erhalten? | |
| Nein. | |
| Glauben Sie, dass Ahmadinedschad reagieren wird? | |
| Er sollte es tun. Denn 70 Prozent der Iraner heute sind jünger als 30 | |
| Jahre. Sie wissen nicht, wofür die Revolution steht. Hossein Mussawi selbst | |
| war ein Revolutionär und Anführer der Grünen Bewegung, die legal war und | |
| jetzt plötzlich illegal ist. | |
| Keine Definition vorzunehmen, ist doch eine prima Machttechnik. Warum | |
| sollte Ahmadinedschad sich selbst schwächen, indem er Leitlinien verkündet, | |
| auf die er sich dann verpflichten muss? | |
| Ich weiß nicht, ob er sich damit schwächen würde. Ich weiß nur: Das | |
| Einzige, was ich machen kann, ist, ihn mit diesen Fragen zu konfrontieren. | |
| Wenn ich, der ich aus bekannten Gründen in Paris sitze, nichts sage, wie | |
| kann ich erwarten, dass jemand in Teheran etwas sagt? Insofern ist es das | |
| Mindeste, dass ich einen offenen Brief schreibe, den die westliche Presse | |
| veröffentlicht und damit die Chance erhöht, dass er zu Ahmadinedschad | |
| gelangt. Und es geht ja auch um mehr als nur meine KollegInnen im Iran. | |
| Andere Länder könnten sich an der vorauseilenden Zensur ein Beispiel | |
| nehmen? | |
| Natürlich. Wenn die Filmindustrie sich jetzt nicht zu einem solidarischen | |
| Zeichen zusammenfindet, dann entscheidet sich in fünf oder zehn Jahren | |
| vielleicht die nächste Regierung dazu, Menschen nicht mehr aufgrund von | |
| Taten, sondern aufgrund ihrer Absichten zu verurteilen. | |
| Mit welchen Haftbedingungen müssen Panahi und Rassulof rechnen? | |
| Auch das weiß im Moment niemand. Aber sehen Sie sich an, wie müde Panahi | |
| nach drei Monaten Untersuchungshaft aussieht, und rechnen Sie sich aus, wie | |
| er nach sechs Jahren aussehen wird. | |
| Haben Ihre KollegInnen in Teheran bereits reagiert? | |
| Die stärkste Reaktion kam bislang vom Verband der iranischen | |
| FilmemacherInnen. Sie haben alle Filmschaffenden im Westen aufgefordert, | |
| nicht am kommenden Fadschr-Filmfestival in Teheran teilzunehmen. Für die | |
| Filmemacher im Iran bedeutet das ein großes Opfer, denn dieses Festival ist | |
| für sie eine wichtige Plattform, um ihre Filme zu zeigen. | |
| Sie haben dazu aufgerufen, für zwei Stunden die Arbeit niederzulegen - und | |
| zwar international. | |
| Daran werden sich die Iraner ebenfalls beteiligen, da bin ich mir sicher. | |
| Aber es ist wichtig, dass es eine Solidarität außerhalb von Iran und auch | |
| außerhalb der Filmindustrie gibt. Ich weiß, dass ich damit viel verlange. | |
| Aber wenn es dazu beiträgt, Panahi und Rassulof zu retten, dann sind zwei | |
| Stunden Streik vielleicht doch nicht zu viel. In den zwei Stunden mag sich | |
| der ein oder andere vielleicht überlegen, was es bedeutet, zwanzig Jahre | |
| nicht arbeiten zu dürfen. | |
| Welche Optionen haben FilmemacherInnen derzeit im Iran? Können sie | |
| überhaupt noch arbeiten? | |
| Natürlich. Bislang ist es noch keiner Diktatur gelungen, KünstlerInnen | |
| davon abzuhalten, sich auszudrücken. Irgendwie. Im Iran gehen jetzt alle in | |
| den Untergrund beziehungsweise sind dort schon. | |
| Für FilmemacherInnen gibt es damit keine Grauzone mehr? | |
| Damit sind wir wieder am Anfang. Es weiß ja niemand mehr, was legal und was | |
| illegal ist. Vor den Unruhen 2009 haben wir Filme gemacht, die bei | |
| Missfallen entweder zensiert wurden oder im Iran nicht gezeigt werden | |
| durften. Jetzt werden Panahi und Rassulof während der Dreharbeiten | |
| verurteilt, und man wirft ihnen vor, kein Drehbuch gehabt zu haben. Wenn | |
| der Wahnsinn so weit gediehen ist, dann gibt es nur noch den Untergrund. | |
| Panahi wies in seiner Verteidigungsrede vor Gericht darauf hin, dass der | |
| Raum, in dem seine Internationalen Preise im Teheraner Filmmuseum | |
| ausgestellt werden, größer ist, als es seine Zelle war. Wurden die Trophäen | |
| inzwischen entfernt? | |
| Soweit ich weiß, nein. Das Regime schmückt sich noch immer mit seinem Ruhm | |
| und zerstört seine Existenz wegen einer Idee zu einem Film. | |
| Viele deuten die Brutalität des Regimes als Zeichen der Schwäche. | |
| Töten ist immer ein Zeichen von Schwäche. Fortschritt gibt es nur, wenn | |
| Dinge diskutiert werden dürfen. Eindeutigkeit bedeutet immer Stillstand. Im | |
| Iran bleiben wir leider nicht stehen, sondern fallen immer weiter zurück. | |
| Sind die Tage des Regimes damit gezählt? | |
| Rein rechnerisch, ja. Denn es hat sich total von der Jugend des Landes | |
| entfernt. Insofern ist der Wandel nicht mehr aufzuhalten. Die Frage ist | |
| nur: Geht er blutig vonstatten, und wie lange wird es bis dahin noch | |
| dauern? Auch deshalb habe ich "Zeit des Zorns" gedreht. Nimmt man einer | |
| Person jede Möglichkeit, sich auszudrücken, wird sie irgendwann | |
| explodieren. | |
| Wie sieht es mit den Konflikten innerhalb der Regierung aus? Über Wikileaks | |
| wissen wir von einer Ohrfeige, die sich der Präsident von einem | |
| Revolutionswächter eingefangen haben soll. | |
| Ich vermute schwer, dass sehr viele da oben mit Ahmadinedschad unzufrieden | |
| sind. Mussawi war auch Teil der Regierung. Aber mehr kann ich dazu nicht | |
| sagen. | |
| Viele sagen, die Regierung hätte einfach Angst, dass die Bilder von der | |
| Gewalt und von den Menschen voller Hoffnung auf einen Wechsel in die Welt | |
| kommen. | |
| Wahrscheinlich ist das sogar so. Aber es ist total verrückt, denn die | |
| Bilder kennen wir ja alle schon. Manchmal glaube ich wirklich, dass die | |
| Regierung nicht mehr weiß, was im Land vorgeht. Denn jeder im Iran weiß, | |
| dass wahnsinnig viele Leute auf der Straße waren und einige gestorben sind. | |
| Ob auf dem Land oder in der Stadt, jeder. Vielleicht sollte die Regierung | |
| mal öfter ins Internet gehen. | |
| Unlängst wurden die Subventionen für Brot und Benzin gestrichen. Diese | |
| Aktion könnte die Regierung weiteren Rückhalt in der Bevölkerung kosten. | |
| Warum tut sie das? | |
| Wäre ich zynisch, würde ich sagen, weil sie wollen, dass wir auf die Straße | |
| gehen und gegen sie protestieren. Noch vor zwei Jahren hätte ich mir nie | |
| träumen lassen, dass ich einen Brief an den Präsidenten schreibe. Ich bin | |
| keine besonders politische Person, aber ich war auch noch nie so wütend. | |
| Denn es ging ja vorwärts, in kleinen Schritten und immer innerhalb der | |
| Grenzen der Zensur, sicher, aber es bewegte sich etwas. Dass ich die | |
| Erlaubnis bekommen würde, einen Film wie "Zeit des Zorns" zu drehen, wäre | |
| noch vor zehn Jahren undenkbar gewesen. Nach der Revolution von 1979 war | |
| das Kino so gut wie tot. Und dann entwickelte sich wieder eine Industrie, | |
| Abbas Kirostami hat "Der Geschmack der Kirsche" gedreht, seitdem können wir | |
| über Selbstmord sprechen. Revolutionen passieren nicht über Nacht, und | |
| Dinge lassen sich auch nicht über Nacht reparieren. Aber es gab eine | |
| vorsichtige Öffnung. Und jetzt ist es, als ob ein Zementregen auf uns | |
| niederginge und alles zerstört. Was haben wir noch zu verlieren? Was geben | |
| sie uns noch, das wir verlieren könnten? | |
| Warum sind im Iran so viele Iraner immer noch optimistisch? | |
| In diesem Land können Pessimisten nicht überleben. Meine Generation ist | |
| eine No-Future-Generation. Aufgrund der wirtschaftlichen Situation, der | |
| hohen Arbeitslosigkeit, der Sanktionen, die nur die Bevölkerung treffen, | |
| ist es richtig schwierig, auch nur durchzukommen. Keiner weiß, was bis zum | |
| Abend passiert. Das schafft eine bestimmte Intensität, eine bestimmte | |
| Lebendigkeit und eben auch Optimismus. | |
| 3 Jan 2011 | |
| ## AUTOREN | |
| Ines Kappert | |
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