# taz.de -- Jürgen Trittin zum Atomausstieg: "Für Lob gibt es keinen Grund" | |
> Die Bundesregierung vertraue nach dem Atomausstieg nicht auf Erneuerbare | |
> Energien, sondern auf Kohle, kritisiert Grünen-Fraktionschef Jürgen | |
> Trittin. | |
Bild: Noch nicht zufrieden: Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin. | |
taz: Herr Trittin, die Koalition will 2022 aus der Atomenergie endgültig | |
aussteigen. Müssen Sie Schwarz-Gelb loben? | |
Jürgen Trittin: Dafür gibt es keinen Grund. Die Regierung korrigiert einen | |
Irrtum, den der vor sieben Monaten beschlossenen Laufzeitverlängerung, mit | |
einem weiteren Irrtum. | |
Mit welchem? | |
Sie verbindet den Ausstieg aus der Atomenergie nicht mit einem forcierten | |
Ausbau der erneuerbaren Energien. Sie plant den zusätzlichen Bau von | |
fossilen Kraftwerken mit einer Leistung von 10 Gigawatt. Kommt es dazu, | |
beschert uns dies 25 Jahre lang einen massiven Konflikt zwischen | |
erneuerbarem Strom und Kohlestrom im Netz, denn so lange werden solche | |
Anlagen abgeschrieben. Damit bremst Schwarz-Gelb den Ausbau der | |
Erneuerbaren aus. | |
Die Koalition argumentiert, dass diese Kraftwerke die Grundlast schultern, | |
die bisher von Atomenergie kam. | |
Sie klammert sich an eine veraltete Idee. Statt in eine neue | |
Energiestruktur einzusteigen, geprägt von Effizienz und Erneuerbaren, | |
ersetzt sie die eine Grundlast - Atom - durch die andere - Kohle. Dabei | |
handelt es sich um keine Petitesse, sondern es geht um die Frage: Wird | |
Deutschland weltweit Vorreiter einer nachhaltigen Energiepolitik? Oder | |
ersetzt es nur das eine Übel durch ein anderes? | |
Wie bewerten Sie die Ideen der Ethikkommission? | |
Die Kommission hat einen sehr respektablen Bericht vorgelegt. Selbst | |
diejenigen, die einen Ausstieg immer ablehnten, kamen zu dem Ergebnis: | |
Deutschland kann innerhalb von zehn Jahren raus, wenn man sich anstrengt, | |
sogar schneller. Und die Regierung legt einen Plan auf den Tisch, in dem | |
von zehn Jahren keine Rede ist - sondern von elfeinhalb Jahren. | |
Das Ausstiegsdatum liegt nah an dem von Rot-Grün. | |
Man darf das Datum nicht pauschal betrachten. Wer Anlage für Anlage | |
durchgeht, stellt fest, dass die Laufzeiten zwischen ein und sechs Jahren | |
länger sind als von Rot-Grün geplant. Zwar will die Koalition einige | |
Altmeiler sofort abschalten, doch mittelfristig wird vor 2018 kein einziges | |
weiteres Atomkraftwerk vom Netz gehen. | |
Die acht Meiler, die durch das Moratorium stillstehen, werden eingemottet. | |
Ist das nichts? | |
Schwarz-Gelb hat eine gewaltige Hintertür eingebaut: Der Beschluss nimmt | |
eines der ältesten Kraftwerke, das seine Betriebsgenehmigung eigentlich | |
verlieren soll, ausdrücklich aus. Es soll am Netz gehalten werden, für den | |
Fall eines Blackouts. | |
Wo ist das Problem? Eine solche Reserve schadet nicht. | |
Sie ist technisch und rechtlich gar nicht möglich. Entweder laufen Anlagen, | |
dann sind sie beim Stromausfall schnell einsetzbar. Oder sie laufen nicht, | |
dann brauchen sie längere Zeit, um wieder angefahren zu werden. | |
Politisch ist der Atomausstieg jetzt abgeräumt. Was heißt das für die | |
Grünen? | |
Erstens: Die Grünen haben sehr gut damit gelebt, als es den rot-grünen | |
Atomausstieg vor der Laufzeitverlängerung noch gab. Seit 2005 haben wir bei | |
jeder Wahl zugelegt und sind schon lange jenseits eines Zustandes, wo wir | |
auf ein Thema angewiesen sind. | |
Dennoch: Mit einem gelösten Problem gewinnt man keine Wahlkämpfe. | |
Zweitens prophezeie ich Ihnen, wenn Schwarz-Gelb in diesem Land noch einmal | |
genauso viele Kohlekraftwerke bauen will, wie jetzt in der Fertigstellung | |
sind - und das ist der Plan -, kommt es an jedem Standort zu massiven | |
Auseinandersetzungen mit den Menschen vor Ort. | |
Ein Hemmnis für Schwarz-Grün hat sich erledigt. Rückt eine solche Koalition | |
näher? | |
Wir wollen die Gesellschaft ökologisch und sozial modernisieren. Mit wem | |
wir das durchsetzen können, mit dem können wir uns vorstellen Regierungen | |
zu bilden. Nur ich bleibe dabei: Wenn ich einen Strich unter alle | |
inhaltlichen Vorstellungen ziehe, dann gibt es immer einer größere | |
Schnittmenge mit der SPD als mit der CDU - obwohl sich zwischen beiden | |
gerade eine große Kohle-Koalition andeutet. | |
31 May 2011 | |
## AUTOREN | |
Ulrich Schulte | |
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