| # taz.de -- Nach Tötung von Renee Nicole Good: Trillerpfeifen gegen ICE-Kugeln | |
| > Nach dem Mord an einer Frau gehen in Minneapolis immer mehr Menschen | |
| > gegen Trump auf die Straße. Trotz der Angst vor der Gewalt der | |
| > ICE-Beamten. | |
| Bild: Die Mitte gegen ICE: Die Wut auf die Migrationsbeamten zeigt sich in alle… | |
| Es ist 12 Uhr mittags, High Noon vor dem Benjamin Henry Whipple Building, | |
| einem brutalistischen Betonkoloss am Stadtrand von Minneapolis, und alles | |
| sieht nach einem Showdown aus. Auf der einen Straßenseite haben sich ein | |
| paar Dutzend Demonstranten versammelt, einige tragen Masken und Skibrillen | |
| und haben Schirme dabei, als Schutz vor Tränengas und Pfefferspray. Auf der | |
| anderen Seite haben sich zwei Dutzend Männer in Kampfanzügen in Formation | |
| aufgereiht. An ihren Hüften hängen locker Colts, in ihren kugelsicheren | |
| Westen stecken Munitionsmagazine und Sprühdosen. Einige tragen Helme mit | |
| Sichtschutz. | |
| Die bitterkalte Luft des winterlichen Minneapolis knistert vor Anspannung. | |
| Die Situation ist so explosiv wie die ganze Stadt, seit drei Tage zuvor | |
| Renee Nicole Good von einem Beamten der Deportationstruppe ICE ohne | |
| begründbare Not [1][mit einem Kopfschuss hingerichtet] wurde. Seither | |
| belagern täglich Protestierende das Whipple Building, ein Bürohochhaus der | |
| Bundesregierung, in dem die mittlerweile 2.000 Männer und Frauen von ICE | |
| und der Heimatschutzbehörde DHS ihr Hauptquartier aufgeschlagen haben. | |
| Am Freitag noch wurden zwölf Menschen hier verhaftet, mit der | |
| [2][Brutalität, für die ICE berüchtigt] ist. Vier Männer knieten auf Kreuz | |
| und Genick der schreienden Opfer, dann wurden sie grob in einen Minivan | |
| geschmissen und abtransportiert. Trotzdem sind die Demonstrierenden heute | |
| wieder da. Und es sind nicht nur Hardcore-Aktivisten, wie der vollbärtige | |
| Wes (der anonym bleiben möchte), einer der Anführer des lokalen Zweigs des | |
| nationalen Widerstandsnetzwerks 50501 – Abkürzung für 50 Staaten, 50 | |
| Proteste, eine Bewegung. | |
| Es sind auch Leute wie Marialuz, eine etwa 50-jährige mexikanisch-stämmige | |
| Lehrerin, die eine wollene Indiomütze trägt, eine Rassel in der Hand hält | |
| und ein Schild mit der Aufschrift „No Ice. Stop Kidnapping, Murdering, | |
| Detaining.“ (deutsch: „Kein Ice. Hört auf zu entführen, zu morden, | |
| festzunehmen“) „Warum ich hier bin?“, fragt sie provokant. „Weil ich br… | |
| Haut habe und meine Kinder braune Haut haben und weil wir vogelfrei und | |
| schutzlos sind.“ | |
| ## Wer ist Provokateur? | |
| Es dauert nicht lange, bis die Lage sich zuspitzt. Die Demonstranten rücken | |
| bis an die Grundstücksgrenze des Whipple Building vor, benannt nach einem | |
| episkopalen Bischof, der sich in Minnesota für die Rechte der indigenen | |
| Völker starkgemacht hatte. Sie beschimpfen die Beamten mit Slogans wie | |
| „Nazischweine“. Oder: „Weiß Deine Mutter, was Du jeden Tag machst?“. O… | |
| „Wie könnt Ihr nachts schlafen?“ Oder: „Ihr seid Landesverräter.“ | |
| Nach zehn Minuten haben die ICE-Leute die Nase voll. Der leitende Offizier | |
| spricht eine Warnung aus. „Wenn Ihr Euch nicht innerhalb von einer Minute | |
| auf die andere Straßenseite zurückzieht, benutzen wir Tränengas.“ Doch es | |
| dauert nur 30 Sekunden, bis sie die Sprühdosen zücken. Eine Handvoll | |
| Demonstranten stolpert blind auf den vereisten Bürgersteig gegenüber. | |
| Andere versuchen ihnen die Augen auszuwaschen. | |
| „Hast Du gesehen, wie schnell die Chemie rausgekommen ist“, sagt Wes. Für | |
| ihn war die Lage ein erneuter Beweis dafür, wer hier eskaliert. Wer die | |
| Provokateure sind. Ein erneuter Beweis für die Lügen der Bundesregierung, | |
| für die Feigheit von Trump, Vance und der Heimatschutzministerin Kristy | |
| Noem, die seit Mittwoch gebetsmühlenhaft wiederholen, dass Nicole Renee | |
| Good an ihrem eigenen Tod Schuld gewesen sei, dass sie ihren Mörder | |
| Jonathan Ross überfahren wollte und dass sie eine Terroristin sei. Eine | |
| Behauptung, die der [3][Bürgermeister von Minneapolis Jacob Frey] in einer | |
| scharfen Reaktion als „Bullshit“ bezeichnete und angefügte: „Meine | |
| Botschaft an ICE: Haut verdammt nochmal aus Minneapolis ab.“ Im englischen | |
| Original benutzte er dafür deftiger das F-Wort. | |
| Zwei Tage später entschuldigte sich Frey und sagte, er habe die | |
| Verantwortung dafür, die Gemüter zu beruhigen, und das habe er mit seiner | |
| impulsiven Reaktion sicher nicht getan. Trotzdem sagte er: Die Eskalation | |
| käme von Schüssen auf Zivilisten und nicht von seinen Kraftausdrücken. Und | |
| er forderte erneut, dass das FBI die Untersuchung des Zwischenfalls an den | |
| Staat Minnesota übergebe. „Ich habe kein Vertrauen darauf, dass der Bund | |
| hier auch nur mit einem Mindestmaß an Objektivität vorgeht.“ | |
| ## „Erst Los Angeles, jetzt wir“ | |
| Doch die Trump-Regierung zeigt nicht die geringste Lust, mit Minnesota zu | |
| kooperieren. Im Gegenteil. Als die Kongressabgeordneten von Minnesota Ilhan | |
| Omar, Angie Craig und Kelly Morrison am Sonntag versuchen, sich Zugang zum | |
| Whipple Building zu verschaffen, in dem mutmaßlich Hunderte von verhafteten | |
| Einwanderern auf ihre Deportation warten, werden sie abgewiesen. | |
| Heimatschutzministerin Kristi Noem kündigt derweil an, zusätzlich zu den | |
| bereits 2.000 Bundesbeamten in Minneapolis Hunderte von weiteren zu | |
| entsenden, um, wie sie behauptet, den Korruptionsskandal um die | |
| Unterschlagung von Sozialhilfegeldern aufzuklären, der seit Wochen den | |
| Staat belastet. | |
| Für Wes ist klar, dass das ein Vorwand ist, um die Besatzung von | |
| Minneapolis durch den Bund zu beschleunigen, der seit dem vergangenen | |
| Dezember im Gang ist. „Trump versucht es mit einer liberalen Stadt nach der | |
| anderen. Erst [4][Los Angeles], dann Chicago, jetzt wir.“ Und jedes Mal | |
| gehe er ein wenig weiter, jedes Mal lerne er dazu. | |
| Vom Staat und von der Stadt versprechen Aktivisten wie er sich da keine | |
| Unterstützung. Selbst wenn Gouverneur Tim Walz nun angekündigt hat, die | |
| Nationalgarde zu mobilisieren. „Er hat das gesagt – aber wofür will er sie | |
| mobilisieren? Angeblich, um die Bürger zu schützen, aber wird er sich offen | |
| militärisch mit ICE anlegen?“ Wes glaubt es nicht, und selbst wenn es so | |
| komme, möchte er sich das lieber nicht ausmalen. Das Szenario Bürgerkrieg, | |
| das vielen in Minnesota zurzeit im Kopf herumspukt, mag noch kaum jemand | |
| wirklich laut aussprechen. | |
| Einstweilen verlassen sich die Bürger von Minneapolis auf sich selbst und | |
| nur sich selbst. Wes zückt sein Smartphone und zeigt, wie sich die | |
| verschiedenen Widerstandsgruppen der Stadt in den vergangenen Wochen | |
| miteinander vernetzten. Das geht von Ablegern nationaler Organisationen wie | |
| seiner 50501 oder „Indivisible“ bis zu kleinen Nachbarschaftsgruppen. | |
| ## Trillerpfeifen gegen Tränengas | |
| Seit ICE in der Stadt ist, tauschen sie ständig Informationen aus. Vor dem | |
| Whipple Building werden ICE-Fahrzeuge mitsamt Nummernschildern | |
| fotografiert, die Fotos werden ins Netzwerk gestellt. Sobald die Fahrzeuge | |
| dann in den Nachbarschaften auftauchen, wird Alarm geschlagen. Auch die | |
| Bilder von einzelnen Beamten kursieren. Und soweit bekannt, werden die | |
| Identitäten Verschleppter durchgegeben, damit angeschlossene Anwälte | |
| versuchen können, herauszubekommen, was mit ihnen passiert. | |
| Gleichzeitig werden Dateien herumgeschickt, mit deren Hilfe man | |
| 3D-Trillerpfeifen drucken kann. ICE-Fahrzeuge zu umzingeln und sie mit den | |
| Pfeifen zu drangsalieren, hat sich als recht wirksames Mittel | |
| herausgestellt, um sie zu verscheuchen. „Wir wollen einfach nur | |
| sicherstellen, dass sie wissen, sie werden beobachtet. Dass wir genau | |
| sehen, was sie tun.“ Ein Bekannter, so Wes, habe sogar eine Methode | |
| entwickelt, um die nächtlichen Deportationsflüge aus Minneapolis zu | |
| identifizieren. „700 Leute haben sie in den vergangenen 30 Tagen | |
| herausgeflogen.“ Wohin, weiß niemand. | |
| Eine Stunde später füllen sich die idyllischen Nachbarschaften Longfellow | |
| und Powderhorn im Süden von Minneapolis mit Menschen. Kaum einen Kilometer | |
| von der Stelle entfernt, an der Renee Good ihr Leben lassen musste, tippeln | |
| die Menschen zwischen den putzigen, hölzernen „Craftsman“-Bungalows | |
| vorsichtig über das Eis in Richtung des Powderhorn Park in der Mitte des | |
| Viertels. Viele tragen Skianzüge, manche sind mit Geheisen an den | |
| Schuhsohlen ausgestattet. Sie tragen Fahnen und Schilder auf den Schultern, | |
| auf denen Parolen stehen wie „ICE Out Now“ (deutsch: „ICE raus jetzt“), | |
| „Stop Terrorizing our Neighborhoods“ („Hört auf, unsere Viertel zu | |
| terrorisieren“), „No Human is Illegal“ („Kein Mensch ist illegal“) od… | |
| „Justice for Good“ („Gerechtigkeit für Good“). | |
| Im verschneiten Park heißt es dann erst einen steilen Abhang | |
| hinunterzukraxeln, was manche zu einer lustigen Rutschpartie nutzen. Dann | |
| geht es auf allen Vieren einen Hügel hinauf, von dem her aus der Ferne | |
| schon Rednerstimmen und lautes Johlen durch die Winterlandschaft dröhnen. | |
| Oben angekommen ist es unmöglich, durch die Menge auch nur zu einer Stelle | |
| durchzudringen, wo ein Rednerpult zu sehen ist. Nachrichtenagenturen werden | |
| später von [5][Zehntausenden Demonstranten] trotz arktischer Temperaturen | |
| reden. Viele glauben, das sei zu niedrig geschätzt. Wes, der seit vielen | |
| Jahren in Minneapolis politisch aktiv ist, nennt die Versammlung | |
| „historisch“. | |
| ## Eskalation made by Trump | |
| Die Stimmung ist beinahe freudig, auch wenn der Anlass das kaum erlaubt. | |
| Die Minnesotans haben ohnehin den Ruf, besonders freundliche Leute zu sein, | |
| doch an diesem Sonntag ist inmitten der klirrenden Kälte die menschliche | |
| Wärme untereinander besonders spürbar. Man lächelt sich gegenseitig an, | |
| hilft sich über glatte Stellen hinweg und hakt sich bei unbekannten | |
| Nachbarn ein, um die Temperaturen besser auszuhalten. Es ist ein wenig wie | |
| nach dem [6][11. September in New York], als die kalte harte Stadt | |
| plötzlich zusammenrückte, um das gemeinsame Trauma besser zu bewältigen. | |
| „Ja, das tut gut, die Solidarität zu spüren“, sagt Mitchell Kayser, ein | |
| Postbeamter, der auf Anhieb nicht so wirkt, als wäre er politisch besonders | |
| aktiv. „Wir haben ja nur einander.“ Die Schüsse auf Renee Good, glaubt er, | |
| waren nach der Eskalation der ICE-Präsenz in den vergangenen Wochen früher | |
| oder später unausweichlich. Trump habe es doch von Anfang an darauf | |
| angelegt, die Dinge zu eskalieren. „Er sucht doch nur nach einem Grund, den | |
| [7][‚Insurrection Act‘ von 1807] anzuwenden“, ein Gesetz, das es dem | |
| Präsidenten im Falle eines Aufstandes erlaubt, das Militär gegen die eigene | |
| Bevölkerung einzusetzen. Aber die Minnesotans, sagt Kayser, würden sich | |
| nicht einschüchtern oder verschrecken lassen. „Wir werden bis zum Schluss | |
| aufstehen und uns zeigen.“ | |
| Ein paar Meter entfernt verteilt ein junger afroamerikanischer Mann, der | |
| nur als „Tony“ genannt werden möchte, Flugzettel für die sozialistische | |
| Arbeiterpartei von Minnesota. Tony ist zornig, er findet, Trump benehme | |
| sich „wie ein Pirat“. Die Bundesregierung sei mittlerweile „vollkommen | |
| gesetzlos.“ Und jetzt sei es an Minnesota, an vorderster Front um die Reste | |
| der amerikanischen Demokratie zu kämpfen. | |
| Der Bürgerkrieg, von dem sonst nur geflüstert wird, sagt Tony, habe schon | |
| längst begonnen und beruft sich dabei auf Gouverneur Tim Walz. Der hatte in | |
| einer Rede nach dem Mord an Renee Good das legendäre erste | |
| Freiwilligenregiment von Minnesota zitiert, das 1863 in der entscheidenden | |
| Schlacht des Bürgerkriegs in Gettysburg unter enormen Verlusten die | |
| Stellung gehalten und somit den Sieg der Union gesichert hatte. Auf diese | |
| Tradition, so Walz, müsse Minnesota sich nun besinnen. | |
| ## Radikales Vermächtnis | |
| Eben diese Tradition der Renitenz ist es freilich auch, die Trump ein Dorn | |
| im Fleisch ist. Minnesota hat eine lange Geschichte linker Politik und des | |
| Kampfes um Bürgerrechte, nicht zuletzt dank der vielen deutschen und | |
| skandinavischen Einwanderer, die radikale Ideen aus Europa mitbrachten. „Es | |
| gab in [8][Minneapolis 1934 den ersten Generalstreik der USA]“, weiß Tony, | |
| ein Streik, der nicht zuletzt von seiner Partei ausging. | |
| Das Industriezentrum des Mittleren Westens wurde einen ganzen Sommer lang | |
| lahmgelegt. 67 Menschen kamen um. Das Ereignis beschleunigte in den ganzen | |
| USA jedoch die Organisation der Arbeiter in Gewerkschaften. In den 60er | |
| Jahren, im Zuge der Bürgerrechtsbewegung, war Minnesota wiederum ein | |
| wichtiges Zentrum linker Politik, insbesondere des Kampfes um indigene | |
| Rechte. Und Politiker wie Walz, die somalischstämmige Abgeordnete Ilhan | |
| Omar und die Senatorin Amy Klobuchar sehen sich ganz diesem Erbe | |
| verpflichtet. In Washington gehören sie zu den erbittertsten Gegnern | |
| Trumps. | |
| Nach guten anderthalb Stunden von Kundgebungen im Powderhorn Park setzt die | |
| Menge sich langsam in Bewegung, um ihren Demonstrationszug in die Straßen | |
| von Minneapolis zu tragen, hin zu der Stelle, an der Renee Good starb. Doch | |
| nicht alle sind so beherzt, in der Dämmerung noch mitzuziehen, als sich das | |
| Thermometer den Minus 20 Grad annähert. Viele stapfen durch den hart | |
| gefrorenen Schnee des Parks in umliegende Restaurants und Cafés, um sich | |
| aufzuwärmen. | |
| Eine kleine Gruppe findet sich im Wohnzimmer von David Miller ein, der eine | |
| Viertelstunde vom Park entfernt im Herzen von Longfellow wohnt. Man sitzt | |
| bei einem Teller heißem Chili um den großen runden Tisch seiner Küche und | |
| resümiert, wie so oft in den vergangenen Tagen und Wochen, die Lage. | |
| ## Revolution oder Bürgerkrieg? | |
| Die Stimmung ist nach dem Nachmittag ein klein wenig hoffnungsvoller als in | |
| den vergangenen Tagen, die Gemeinschaft, die Solidarität haben der Seele | |
| gutgetan. Nicht nur, dass es so viele waren, die sich nicht einschüchtern | |
| lassen, sondern dass der Protest nun auch Bevölkerungsschichten erreicht, | |
| die vorher nicht aktiv waren. „Ich habe noch nie so viele Vorstädter bei | |
| einer Demo gesehen“, meint David, ein kerniger Mittfünfziger, der seit den | |
| Kämpfen um die Souveränität der Navajo in Minnesota in den 80er Jahren | |
| politisch aktiv ist. Sein Freund Ryan fügt an: „Und ich habe erstmals so | |
| viele junge Leute gesehen.“ | |
| Dennoch gibt es noch viele Fragen. Wie kann man die Energie, die jetzt in | |
| der Stadt herrscht, nutzen, um einen robusten Widerstand aufzubauen? Und | |
| vor allem, wie soll der aussehen? Wogegen kämpft man denn eigentlich und | |
| wie kommt man dem unberechenbaren Monstrum Trump bei? | |
| Jose Luis Villasenor, ein mexikanischstämmiger Künstler, meint, man müsse | |
| Kurs halten und Stärke zeigen. Weiterhin durch engen Austausch den Druck | |
| auf ICE erhöhen und nicht klein beigeben. „Wir müssen zeigen, dass wir uns | |
| nicht verängstigen lassen. Wir haben Information und wir haben die Kraft | |
| des Volkes. Das sind starke Waffen.“ Der Grad der Vernetzung des | |
| Widerstands, lokal und national, habe alleine in den vergangenen Tagen | |
| enorm zugenommen. | |
| Andere sind skeptisch, ob das alleine reicht. Man ist sich einig, dass der | |
| Mord an Renee Good ein Wendepunkt war, aber zu was? Ist es der Beginn einer | |
| Revolution und wie soll das aussehen? Und wieder die Frage – steht ein | |
| Bürgerkrieg bevor? | |
| ## Der Schütze wird als Held gefeiert | |
| David ist sich sicher, dass Trump es darauf anlegt. „Er will es wissen und | |
| die demokratische Partei hat das immer noch nicht kapiert. Die müssen | |
| aufwachen.“ Auf den Schuss in Minneapolis habe Trump nur gewartet. Ryan hat | |
| sogar den Verdacht, dass der Schütze, Jonathan Ross, sich im MAGA-Universum | |
| unsterblich machen wollte, indem er derjenige war, der den ersten Schuss | |
| gefeuert hat. In der Trump-Bewegung sei er jetzt schon ein Held. | |
| Je länger das Gespräch geht, um so mehr legt sich eine Schwere über den | |
| Raum. Alles scheint möglich in den nächsten Tagen und Wochen, nichts wird | |
| mehr so sein, wie man es gewohnt ist. Gleichzeitig spendet die gemeinsame | |
| Entschlossenheit Trost. Man wird das durchstehen. Zusammen. Gleich was da | |
| kommt. | |
| Am nächsten Morgen wartet Adam Levy in einem Café am Rande der Innenstadt. | |
| Adam trägt einen großen Cowboyhut, hat einen grauen Bart und ist | |
| freundlich, aber ernst. „Es sieht so aus, als ob es so weit ist“ ist einer | |
| der ersten Sätze, die er sagt. | |
| Adam ist Musiker und Pädagoge und hat eine lange Geschichte politischer | |
| Arbeit. Schon als Student hat er sich für Einwanderer und Flüchtlinge | |
| eingesetzt und in Gefängnissen Musikunterricht gegeben. Und natürlich ist | |
| er auch am gegenwärtigen Widerstand gegen Trump und ICE beteiligt. | |
| ## Der Endkampf hat begonnen | |
| „Wir haben ja schon seit Jahrzehnten die Anzeichen dafür gesehen, dass es | |
| in den USA einmal so weit kommen kann“, sagt er. Da war der Rechtsruck des | |
| Lands seit Ronald Reagan, das Verschwinden von Gemeinschaft und Empathie, | |
| der wachsende Egoismus, der wachsende offene Rassismus. „Aber wir haben uns | |
| ja immer gesagt, so schlimm wird’s schon nicht werden.“ Doch jetzt sei es | |
| so schlimm geworden. „Unser Land geht gerade über die Klippe.“ Die | |
| Anwendung des „Insurrection Act“ durch Trump, also die | |
| Notstandsgesetzgebung, stehe unmittelbar bevor. | |
| Er selbst und seine Freunde seien nun dabei, sich auf das Schlimmste | |
| vorzubereiten. „Ich kenne viele, die lernen, mit Waffen umzugehen.“ Denn | |
| eines sei für einen wie ihn, einen politisch aktiven Minnesotan klar – er | |
| wird das Land nicht kampflos Trump und seinen Schergen überlassen. | |
| „Vielleicht ist dies der Hügel, an dem es sich zu sterben lohnt.“ | |
| Man hat an diesem Wochenende deutlich das Gefühl, dass mit den Schüssen auf | |
| Renee Good der Endkampf um Amerika begonnen hat. Und das zentrale | |
| Schlachtfeld ist in diesen Tagen Minneapolis – eine Stadt, die einst dafür | |
| bekannt war, so angenehm und lebenswert und auch ein wenig langweilig zu | |
| sein wie kaum eine andere in den USA. Im Moment ist sie jedoch vor allem | |
| eisig, und das Eis ist so hart gefroren, dass keiner weiß, wie man es | |
| wegbekommen soll. | |
| Aber Minneapolis ist auch voller hartgesottener Menschen, die sich hinaus | |
| trauen in die Kälte. Schon am nächsten Tag marschieren erneut Zehntausende | |
| durch die Straßen von Minneapolis. Die Sonne scheint und das Thermometer | |
| klettert auf Minus acht. Der Marsch bleibt friedlich und unbehindert. In | |
| St. Cloud, 100 Kilometer nördlich von Minneapolis, verscheucht derweil eine | |
| Meute von 50 somalischen Einwanderern einen ICE-Trupp, der in einem Markt | |
| Verhaftungen vornehmen wollte. Ein kleiner Triumph in einem Kampf, der | |
| gerade erst beginnt. | |
| 12 Jan 2026 | |
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