| # taz.de -- Kunstprojekt mit Minaretten: "Der Imam hat ganz cool reagiert" | |
| > Der hamburgische Künstler Boran Burchhardt bemalt die Türme der | |
| > Centrum-Moschee mit grün-weißen Rechtecken. Ein Gespräch über Islam, | |
| > Humor und Fußball. | |
| Bild: Im September in grün-weiß zurück: Minarette der Hamburger Centrum-Mosc… | |
| taz: Herr Burchhardt, Sie tragen einen der ganz alten Hamburger | |
| Familiennamen. | |
| Boran Burchhardt: Dazu kann ich nicht viel sagen, weil ich niemanden mehr | |
| zum Fragen habe. Ich weiß, dass meine Familie zumindest über drei | |
| Generationen hier war und es einen relativ großen Besitz in Hamburg gab, | |
| wohl zum Teil auch Straßenzüge. | |
| Müssen Sie deswegen kein Honorar für die Bemalung der Minarette der | |
| Hamburger Centrum-Moschee nehmen? | |
| Nein, das hat damit nichts zu tun. Wir sind über den Krieg verarmt, es ist | |
| nicht so, dass ich für mein Geld nicht arbeiten müsste. | |
| Ihr Vor- und Nachname hat eine Doppelbödigkeit, die auch das | |
| Minarett-Projekt mit seinem Fußball-Rautenmuster haben soll: orientalische | |
| Architektur trifft auf westlichen Sport. | |
| Ich glaube, dass ich als Deutsch-Türke prädestiniert bin, diese Arbeit zu | |
| machen - wäre sie ausgeschrieben gewesen. Wobei ich mit der Türkei so gut | |
| wie nichts zu tun hatte. Ich habe einen türkischen Vater, den ich dreimal | |
| gesehen habe, und verbrachte mein erstes Lebensjahr in der Türkei. Aber ich | |
| bin seitdem nie wieder dort gewesen und die Sprache spreche ich auch nicht. | |
| Sozialisiert bin ich evangelisch. | |
| Das heißt, Sie hatten gar keinen erleichterten Zugang zur Centrum-Moschee? | |
| Man teilt einen Humor - aber es ist Spekulation, ob so etwas vererbbar ist. | |
| Was mir leicht gefallen ist, ist der Blick der Türken auf Behörden und | |
| bestimmte Situationen zu teilen und zu verstehen. | |
| Hier bringt man Humor und den Islam in letzter Zeit ja weniger zusammen. | |
| Die Centrum-Moschee hat alles getan, um hier anzukommen. Sie haben | |
| Tausenden von Leuten die Moschee gezeigt, aber das Gebäude bleibt ein | |
| Widerstand. Ich versuche, über Humor einen Bruch in die Architektur zu | |
| bringen - so dass nicht sofort in den Kopf kommt, dass dort ein aggressives | |
| Potential ist. Wobei ich sagen muss, dass ich den Vorschlag des Imams, der | |
| meine Arbeit mit dem Fussballmuster nehmen wollte, erst mal nicht ernst | |
| nahm. | |
| Warum nicht? | |
| Das war die Zeit, als um die Mohammed-Karikaturen gestritten wurde, da | |
| schien so etwas eher fern zu liegen. | |
| Gab es in der Gemeinde Widerstand? | |
| Der stellvertretende Vorsitzende meinte sofort: Das geht nicht, das ist ein | |
| Fussballmuster. Aber der Iman, der sich im Fußball auskennt, hat ganz cool | |
| reagiert und meinte: Nein, es ist doch ein Sechseckmuster. Und auf dieser | |
| Ebene spielt das Ganze auch, es ist eine falsche Assoziation - wie eben | |
| diejenige, die Moscheen automatisch mit Terror verbindet. | |
| Mit Fußball haben Sie sich schon in einer früheren Arbeit, "gala - a green | |
| masterpiece", auseinandergesetzt. | |
| Mich hat gereizt, Fußbälle flach nähen zu lassen. Das geschah in Pakistan, | |
| das noch das Monopol auf handgenähte Fußbälle hat. Ich bekam meine Bilder | |
| zurück als "football carpets". Das hat insofern noch einen biografischen | |
| Hintergrund, als dass meine Eltern einen Teppichhandel hatten. Ich bin | |
| nicht mit Bildern, sondern mit Teppichen aufgewachsen. | |
| Wie sehen die traditionellen Minarette aus? Sind sie überhaupt farbig? | |
| Extrem farbig zum Teil. Auch mit Spiralbemalung, die man hier als völlig | |
| absurd abtun würde. Auch die Moscheen, die anders als die christlichen | |
| Kirchen keine geweihten Orte sind, sehen extrem unterschiedlich aus: vom | |
| Bunker bis hin zu sehr nett. Und wenn es ein Minarettverbot gibt, ersetzen | |
| es eben zusammengeschweißte Ölfässer. | |
| Hat das Sechseck, das Sie auf die Minarette setzen wollen, eine symbolische | |
| Bedeutung im Islam? | |
| Es gibt eine ikonografische Bedeutung, die ich dem Bauamt vorlegen musste … | |
| … nachträglich vermutlich. | |
| Nachträglich, ja, damit das Bauamt auch weiß, dass alles mit rechten Dingen | |
| zugeht. Zurück zum Sechseck: Eigentlich hat es eine negative Konnotation, | |
| es ist wie ein Käfig zu deuten, in dem die Welt gefangen gehalten wird. | |
| Erstaunlich, dass der Imam dann das Muster durchbekommen hat in seiner | |
| Gemeinde. | |
| Ich glaube, dass das im Alltag nicht die gängige Vorstellung ist, zumal wir | |
| von Deutsch-Türken reden, die in der dritten Generation hier leben. | |
| Gemeinde und Bauamt mussten das Projekt durchwinken, das ist klar. Aber | |
| warum gab sogar die Hamburger Kunsthalle eine Stellungnahme ab? | |
| Von der Stadt aus gesehen kam da ja ein relativ Unbekannter und schlägt | |
| vor, einen großen Eingriff in das Stadtbild zu machen. Für die Behörde war | |
| es wichtig, sich Rückversicherungen zu holen. Die Kunsthalle und die Uni | |
| haben bestätigt, dass in diesem ikonografischen Muster kein | |
| fundamentalistischer Hintergrund zu sehen ist. | |
| Wie war Ihre Erwartungshaltung an die Centrum-Moschee, in der 2006 ein | |
| antisemitischer Kinderfilm verkauft wurde und die zu Milli Görüs gehört? | |
| Ich habe festgestellt, dass es da mehr Unwissende als Wissende gibt, die | |
| einem etwas dazu sagen können. Ich habe bei dem Publizisten Wolfgang | |
| Schiffauer die Rückversicherung gefunden, dass ich da nicht in einen | |
| Blödsinn hineintappe. | |
| Auch Schiffauer ist umstritten. | |
| Aber da finden Sie nichts, was nicht umstritten ist. Und schließlich bleibt | |
| einem nichts anderes, als sich auf den eigenen Instinkt zu verlassen. Und | |
| die Offenheit, die mir da entgegengebracht wurde, habe ich bisher nirgendwo | |
| anders erlebt. | |
| 3 Aug 2009 | |
| ## AUTOREN | |
| Friederike Gräff | |
| ## TAGS | |
| Veddel | |
| Papierlose | |
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