| # taz.de -- Offener Brief des Dissidenten Liao Yiwu: "Einsame Seelen, wilde Gei… | |
| > Er war zum Kölner Literaturfest geladen und durfte nicht aus China | |
| > ausreisen. Jetzt wendet sich der Schriftsteller Liao Yiwu mit einem | |
| > berührenden Brief an seine deutschen Leserinnen und Leser. | |
| Bild: Trost am Rand des Grabes: Liao Yiwu. | |
| Ich muss leider sagen, dass sich all meine Bemühungen erschöpft haben. Es | |
| bleibt mir versagt, nach Deutschland zu kommen und auch, die vom Kölner | |
| Literaturfestival arrangierte Lesung zu halten. Auch ich bin erschöpft, | |
| körperlich und geistig, will mich aber dennoch bei allen bedanken. | |
| Insbesondere habe ich allen den "Xiao Song" geschickt, den ich geschrieben | |
| und aufgeführt habe. Ihr habt ihn schon gehört, richtig? | |
| Es ist keine chinesische Bambusflöte, es ist ein chinesisches Dongxiao; | |
| eine Bambusflöte wird horizontal gespielt, eine Xiao vertikal. Ihr Korpus | |
| hat die zwei- oder dreifache Länge der Knochenflöte der amerikanischen | |
| Ureinwohner; sie wurde im Altertum gebraucht, um einsame Seelen und wilde | |
| Geister anzulocken. | |
| Im Gefängnis habe ich gelernt, die Xiao zu spielen. Mein Lehrmeister war | |
| ein 84 Jahre alter Mönch. Er war schon seit vielen Jahren im Gefängnis, als | |
| ich erstmals inhaftiert wurde. Dieser Mönch war allem Weltlichen entrückt | |
| und hatte das uralte Verbrechen begangen, einer "konterrevolutionären | |
| reaktionären Sekte" anzugehören - "reaktionäre Sekten" sind geheime | |
| Organisationen, die in den entlegenen Bergregionen Chinas existieren. Ihr | |
| Ursprung kann mehrere Jahrhunderte bis in die Qing-Dynastie zurückverfolgt | |
| werden, wo es ihr Bestreben war, jeder Fremdherrschaft zu widerstehen. Weil | |
| ihn die Dorfbewohner unterstützt hatten, wurde dieser alte Mönch zum | |
| Oberhaupt der Sekte. Dennoch war sein einziger Besitz eine buddhistische | |
| Gebetskette, ein hölzerner Fisch - und eine Dongxiao. Er besaß nicht einmal | |
| Waffen, mit denen er hätte rebellieren können. | |
| Es war im Winter 1992. Die Berge jenseits der hohen Mauern und elektrischen | |
| Zäune waren mit Schnee bedeckt. Ein paar der anderen Häftlinge und ich, wir | |
| standen mit gekreuzten Armen, den Kopf im Nacken, und starrten ausdruckslos | |
| himmelwärts. Plötzlich mischte sich in das Geräusch der treibenden Böen aus | |
| Schnee ein Winseln. Ich glaubte mir das einzubilden und reinigte energisch | |
| meine Ohren, aber dieses weinende Geräusch wurde überraschenderweise | |
| zunehmend klarer. Diese Form von Trostlosigkeit, die wie aus sehr alten | |
| Zeiten herüberzufließen schien, ließ mich allmählich erstarren. | |
| Ich bemerkte es kaum, aber Tränen gefroren auf meinem Gesicht. | |
| Ein Gefangener neben mir erklärte, dies sei der Klang der Dingxiao und dass | |
| der alte Mönch sie spiele. | |
| Er spielte sie seit über zehn Jahren, ohne dass jemand die Bedeutung seines | |
| Liedes gekannt hätte. Zunächst fühlst du nur eine rätselhafte Traurigkeit, | |
| dann nur noch Betäubung. Spiel weiter, spiel weiter - denn wer wäre, im | |
| Grunde genommen, nicht traurig im Gefängnis? Ich war tief bewegt und suchte | |
| nach Wegen, wie ich dem alten Mönch nahe kommen könnte. Als wir uns das | |
| erste Mal trafen, lehnte er am Fuß einer Wand. Der Wind knatterte, und da | |
| waren verstreute Sonnenstrahlen auf der Mauerkrone. Er war wie eine | |
| Schildkröte mit eingezogenem Kopf, und seine von Krampfadern übersäten | |
| Hände hielten eine ebenfalls geäderte Bambusflöte. Er spielte sie leise, | |
| immer wieder und wieder dieselbe Melodie. Ich stand vor ihm, aber seine | |
| Augen waren geschlossen. Er war völlig vertieft in seinen eigenen Klang, | |
| vielleicht auch in seine Erinnerungen. Ich weiß nicht, wie viel Zeit | |
| verstrich, bevor er seinen Kopf hob und meinem Blick begegnete. Uns | |
| verblüfft in die Augen schauend, erstarrten wir. | |
| "Willst du lernen?", fragte er mich. | |
| Ich nickte. | |
| Dann sagte er, ich müsse eine Xiao finden, um sie zu spielen. | |
| Ich nickte erneut. | |
| Und so wurde ich sein letzter Schüler. | |
| Wo ist der alte Mönch jetzt? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Nach mehr als | |
| einem Jahr, als ich meine Strafe abgesessen hatte und mich anschickte, das | |
| Gefängnis zu verlassen, saß er noch immer drinnen. An diesem Abend war ich | |
| besonders in Sorge um ihn, konnte ihn aber nirgendwo finden; ich konnte nur | |
| meine Xiao spielen, den Klang fließen lassen und ihm so mitteilen, dass | |
| sein Schüler gehen würde. | |
| Er aber blieb still. In meinem Herzen glaubte ich, dass er mich doch hören | |
| musste und aus Starrsinn still blieb. | |
| Ich spielte verschiedene Lieder. Endlich, über Mauern und Mauern, drang der | |
| Klang einer antwortenden Xiao, die ein Lied namens "Dakai Men" spielte, | |
| "Die Große Offene Tür", eine Melodie, von der es heißt, sie wäre über 200 | |
| Jahre alt. Ich verstand das Adieu des alten Mönches sofort. Die | |
| abgeschlossene Tür hatte sich bereits geöffnet, geh einfach, schau nicht | |
| zurück, geh weiter, geh, bis du das Innen vergessen hast. | |
| "Meister!", rief ich aus. Wenn er noch leben würde, wäre er jetzt über 100 | |
| Jahre alt. | |
| Wie viele andere Weise wie meinen Meister gibt es heute unter den Chinesen? | |
| Ich weiß es nicht. Wie viele unschuldige politische Gefangene sind noch | |
| immer inhaftiert? Auch das weiß ich nicht. Vor dem Massaker vom 4. Juni | |
| 1989, wie viele alte Blutflecken sind da weggewischt worden? Ich weiß es | |
| noch immer nicht. Aber Autoren wie ich, aus dem Bodensatz der Gesellschaft, | |
| müssen weiter schreiben, protokollieren und unsere Geschichten erzählen, | |
| und sei's auch nur zum Schrecken der kommunistischen Partei. Ich habe die | |
| Verantwortung, meinen lieben Lesern in Deutschland, die ich nie getroffen | |
| habe, begreiflich zu machen, dass das Leben des chinesischen Geistes nicht | |
| länger das der totalitären Regierung ist. | |
| Des Weiteren möchte ich meiner Mitschreiberin in Deutschland, Liao Tiangi, | |
| damit betrauen, mein Stück "Chuigushou jian hao-sang zhe Li Changgeng" zu | |
| lesen. Der Held dieser Geschichte spielt die Suona, ein chinesisches | |
| Instrument aus Kupfer. Die Tonlage ist hoch, intensiv und scharf wie ein | |
| Messer. Sie unterscheidet sich vernehmlich von der Dongxiao, die mich mein | |
| Meister lehrte, aber der Geist der beiden Instrumente ist derselbe. | |
| Diese beiden Instrumente, ergänzt um das Wehklagen der Trauernden, werden | |
| zusammen zum Gedenken an die Toten und zum Trost der Lebenden gespielt. | |
| In diesem China, das weder den Toten noch den Lebenden ein freies Land ist, | |
| ist die Aufmerksamkeit meiner Leser für diese Geschichte auch mir ein Trost | |
| am Rand meines Grabes. | |
| Ich danke euch allen. | |
| Liao Yiwu | |
| Aus meinem Heim am Stadtrand von Chengdu, Provinz Sichuan, März 2010 | |
| Übersetzt von Arno Frank | |
| 3 Mar 2010 | |
| ## AUTOREN | |
| Liao Yiwu | |
| ## ARTIKEL ZUM THEMA | |
| Chinesischer Autor Liao Yiwu: "Hier gibt es keine Redefreiheit" | |
| Er hätte gern Nobelpreisträgerin Herta Müller getroffen, durfte aber nicht | |
| ausreisen. Liao Yiwu über das Schreiben in der Diktatur, Polizeikontrollen | |
| und das Stasi-Drama "Das Leben der Anderen". | |
| Chinesischer Dissident: Flugverbot für Querdenker | |
| Der Schriftsteller Liao Yiwu darf erneut nicht für eine Lesung nach | |
| Deutschland ausreisen. Polizisten holten ihn aus dem Flugzeug. Ihre | |
| Begründung: Das sei von oben gekommen. | |
| Kommentar China: Die Macht zur willkürlichen Zensur | |
| Dem chinesischen Schriftsteller Liao Yiwu wurde die Ausreise aus China | |
| verweigert. Damit zeigt die KP, dass ihr Bitten und Proteste aus dem | |
| Ausland fast egal sind. | |
| Dokumentation von Yiwus Brief an Merkel: "Sie hoffen, dass ich verstumme" | |
| Liao Yiwu schrieb der deutschen Kanzlerin einen offenen Brief. Vergeblich! | |
| Der Schriftsteller muss in China bleiben. Die taz veröffentlicht hier den | |
| Brief an Angela Merkel. |