| # taz.de -- Die Vermessung der eigenen Biodaten: Die Körperkontrolleure kommen | |
| > Hirnströme, Mundfeuchtigkeit, Taille – zwei Studenten messen sich. | |
| > Ständig. Sie wollen ihr Leben verbessern. Als Teil der digitalen | |
| > Quantified-Self-Bewegung. | |
| Bild: Referent auf der Quantified Self Europe Conference im November in Amsterd… | |
| Draußen schwanken die Temperaturen an diesem trüben Dezembertag zwischen | |
| drei und neun Grad, und drinnen hat Christian Kleineidam seinen Körper | |
| mittags um zwei schon weitgehend vermessen. Er wiegt 55,6 Kilogramm. Sein | |
| Taillenumfang beträgt 69 Zentimeter. Pro Sekunde ist seine Lunge in der | |
| Lage, 1,85 Liter Luft auszuatmen. Seine Mundfeuchtigkeit auf einer Skala | |
| von 0 bis 7 beträgt 3. Außerdem weiß er, wie er in seinem allmorgendlichen | |
| Intelligenztest abgeschnitten hat. | |
| Kleineidam glaubt, dass ihm diese Kennziffern helfen, er trägt sie in | |
| Dateien ein und druckt sie als Graphen aus. Er glaubt, dass es Menschen | |
| voranbringen würde, wenn sie dasselbe täten. Es geht um ein besseres Leben. | |
| Was Christian Kleineidam macht, nennen Pioniere dieser kleinen digitalen | |
| Bewegung aus den USA Quantified Self, quantifiziertes Selbst. Er fasst sein | |
| Ich in Zahlenreihen und liest sein Leben als Statistik. Er kontrolliert es. | |
| "Es geht darum, sich durch Selbsttests zu hinterfragen", sagt Kleineidam. | |
| "Und erst jetzt gibt es die technischen Möglichkeiten dafür." Seinen dünnen | |
| Körper streckt er durch. Kleineidam ist 25, er studiert Bioinformatik. Die | |
| Zentrale der deutschen Quantified-Self-Bewegung im beschaulichen Berliner | |
| Außenbezirk Spandau ist gut zwanzig Quadratmeter groß. Auf dem Boden liegt | |
| beiger Teppich, den man nicht mit Schuhen betreten darf. Man könnte den | |
| Raum auch das Wohnzimmer von Christian Kleineidam nennen. | |
| Von hier aus wollen er und sein Mitstreiter Andreas Stadler die Idee des | |
| Selbstvermessens in ganz Deutschland populär machen. Das Ziel: | |
| Selbstoptimierung. "Persönlichkeitsentwicklung", sagt Andreas Stadler. Er | |
| fährt sich mit der Hand durch die blonden Locken, streicht über den hellen | |
| Fünftagebart am Kinn. Stadler scannt seinen Teint, überwacht seine | |
| Bewegungen im Schlaf, misst seine Gehirnströme. Wie schnell er tippt. Wann | |
| er am effektivsten für die Uni lernt. | |
| Man kann Christian Kleineidam und Andreas Stadler als Visionäre und | |
| Vorreiter betrachten. Aber eigentlich gehen sie nur da weiter, wo viele | |
| andere längst angekommen sind. Jeder vierte Internetnutzer hat schon einmal | |
| online veröffentlicht, wie viele Kilos er auf die Waage bringt, wie weit er | |
| gejoggt ist oder unter welchen Krankheitssymptomen er leidet, hat eine | |
| Studie des US-PEW-Instituts und der Californian Healthcare Foundation | |
| festgestellt. | |
| ## Technikfans, Fitnessfreaks und chronisch Kranke | |
| Es gibt Fitnessstudios, in denen man die Ergebnisse seiner | |
| Bauchmuskelübungen auf Chips speichert, Diätportale, in denen man jeden | |
| gegessenen Joghurt vermerken kann. Die Quantified-Self-Bewegung steht | |
| dafür, es genauer wissen zu wollen – bis zur Infrarotuntersuchung von | |
| Darmregionen. Sie ist eine Mischung aus Technikfans, Fitnessfreaks und | |
| chronisch Kranken. | |
| Deutschland ist bisher Quantified-Self-Entwicklungsland. Das wollen | |
| Christian Kleineidam und Andreas Stadler ändern. Es ist eine Mission, die | |
| zwei ungleiche junge Männer zusammengebracht hat: Kleineidam, ruhig bis an | |
| die Grenze der Schüchternheit. Praktische Funktionskleidung tragend. Seine | |
| Sätze dauern manchmal so lange, dass man Geduld haben muss. | |
| Und dann Stadler, der auch studiert, der sich aber als "Hacker, Künstler | |
| und Hobbywissenschaftler" vorstellt. Der eine Vorliebe für wild gemusterte | |
| Hemden und Spiritualität hat. Dem still sitzen schwerfällt. Der redet, | |
| redet, redet – und seinem Mistreiter schon mal ungeduldig ins Wort fällt. | |
| Kleineidam und Stadler sind zwar gerade erst öffentlich in Erscheinung | |
| getreten, aber sie müssen jetzt schon auf zwei Dinge aufpassen: dass man | |
| sie nicht als Spinner belächelt. Und dass die Angst vorm gläsernen | |
| Patienten ihre Bemühungen nicht vereitelt. Das schlimmste Label, das man | |
| ihnen verpassen könnte, wäre, dass sie für eine Art Digitalesoteriker | |
| gehalten werden, die eine Gesundheitsdiktatur errichten wollen. | |
| ## Horrorszenario Gesundheitsdiktatur | |
| Was wäre das für eine Welt, in der Krankenkassen den Versicherten | |
| Ertüchtigung vorschreiben – und das täglich kontrollieren? "Sie haben | |
| leider bereits für zwei Abrechnungsperioden die Mindestanforderungen nicht | |
| vollständig erfüllt. Bitte erfüllen Sie die Vertragsbedingungen, es ist in | |
| Ihrem eigenen Interesse und im Interesse der Versichertengemeinschaft". | |
| Solche Nachrichten erhält eine fiktive Figur im Buch "Die Datenfresser", | |
| das Constanze Kurz und Frank Rieger geschrieben haben. Auch die | |
| Schriftstellerin Juli Zeh beschwört in ihrem Roman "Corpus Delicti" eine | |
| Gesundheitsdiktatur herauf. Und linke Kritiker der Leistungsgesellschaft | |
| brummeln, was diese ständige Selbstoptimierung soll. | |
| Die Zielgruppe für die neue Technik ist groß: Sie reicht von der Hausfrau, | |
| die ein paar Pfunde verlieren will, bis hin zu den Science-Fiction | |
| fantasierenden Technikfricklern. Christian Kleineidam und Andreas Stadler | |
| rechnen damit, dass die statistische Selbsterkenntnis noch mächtiger wird, | |
| wenn sich all diese Leute online vernetzen. | |
| Kleineidam ist so etwas wie der Pressesprecher der Bewegung. Einen Sommer | |
| lang gab er Interviews, er ließ sich von Zeitungsreportern begleiten. | |
| Spätestens, als Fernsehteams bei ihm anfragten, wurde es ihm alles etwas | |
| viel, er brauchte Entlastung. Er erinnerte sich an Andreas Stadler, den er | |
| von einem Uniseminar kannte, wusste, dass der sich mit Hirnstrommessungen | |
| beschäftigt und gerade von den USA zurück nach Berlin gekommen war. | |
| Zusammen gründeten sie eine Quantified-Self-Gruppe bei Facebook und | |
| richteten im Herbst ein Profil bei dem Online-Organisationsdienst "Meet-Up" | |
| ein. | |
| In seiner Wohnung schiebt Kleineidam einen DIN-A4-Ausdruck in die Mitte des | |
| Tisches. Ein Koordinatensystem mit vielen blauen Punkten. Jeder davon | |
| repräsentiert seine Lungenleistung an einem bestimmten Tag, ausgeblasene | |
| Luft in Litern pro Sekunde. Seit etwa eineinhalb Jahren macht er das. Seit | |
| einer Operation ist seine Atmung eingeschränkt. Auf dem Zettel sieht er, | |
| wann es seiner Lunge gut ging: an Tagen, an denen Kleineidam besonders viel | |
| Stress hatte, Adrenalin ausschüttete, weil er einen Zug verpasste, ein | |
| Interview gab. Oder nach einer entspannenden alternativen Heilmethode. | |
| Hätte er sich nicht täglich getestet, sondern nur auf die Messungen beim | |
| Arzt, alle paar Wochen oder Monate, vertraut, wäre ihm das nicht | |
| aufgefallen. Seine Hausärztin habe ihn ermutigt, mit seinen Messungen | |
| weiterzumachen. Der Lungenarzt war skeptischer. "Versicherungstechnische | |
| Probleme", murmelt Kleineidam. | |
| ## Die Emanzipation vom Arzt | |
| Er ist der Prototyp eines Patienten, der mithilfe von Quantified Self sein | |
| Leiden in den Griff bekommen will. Migräne, Persönlichkeitsstörung, | |
| Schlaflosigkeit, Asthma – es gibt viele Krankheiten, über die sich Anhänger | |
| der Szene austauschen. Für sie ist das eine Form der Emanzipation vom Arzt, | |
| der sie nur alle paar Wochen ein paar Minuten lang durchcheckt und eine | |
| Standardbehandlungsmethode empfiehlt. | |
| Kleineidam nennt das Aufklärung, im Sinne Immanuel Kants, des großen | |
| Philosophen. | |
| Es könnte eine kleine Revolution des Gesundheitssystems werden: Ein | |
| souveräner Patient, der seine Daten in die Arztpraxis mitbringt und sich | |
| mit dem Doktor auf Augenhöhe austauschen will. Was wäre aber, wenn | |
| Krankenkassen die Kalorienzufuhr, den Alkoholgenuss und das Fitnesspensum | |
| ihrer Versicherten überwachen? | |
| Die Infrastruktur dafür wächst schon. Fast jede Krankenkassen-Community hat | |
| ihren Online-Fitnesscoach. "Selftracking geht aber weit über Medizin | |
| hinaus", sagt Andreas Stadler. Er ist ein Bastler, der sich für Technik und | |
| das Science-Fiction-Potenzial von Selbstvermessung interessiert. | |
| Dann erzählt er, wie er mit seiner Ernährung experimentiert hat, um seine | |
| Allergien in den Griff zu bekommen. Er stochert in einem Plastikschälchen | |
| mit Ananas-Stückchen herum. "Wenn ich Ananas esse, merke ich, wie die | |
| Neurotransmitter sich verändern", stellt er fest. Und dass sich durch | |
| Nahrung verändern würde, wie er Farben sehe. | |
| ## Transhumanismus und EEG-Stirnbänder | |
| Eigentlich würde er am liebsten mit "Metamind Evolution" angesprochen, sagt | |
| Stadler, so sei er im Netz bekannt. Andreas Stadler spricht viel von | |
| Transhumanismus. Laut dieser Denkrichtung kann der Einsatz von Technik die | |
| Lebensqualität verbessern. Er hat ein Stirnband mit EEG-Sensoren | |
| entwickelt, die elektrische Hirnströme messen und auf Bildschirmen | |
| darstellen. So könne man lernen, seine Hirnströme zu kontrollieren, | |
| erläutert er. | |
| Manchmal klingt das, was er sagt, wie Science-Fiction. Aber die Technik | |
| entwickelt sich zurzeit so rasant. Was heute wie Spinnerei klingt, könnte | |
| es morgen schon in irgendeinem Onlineshop geben. In anderen Momenten kann | |
| Stadler ganz bodenständig erklären, was er tut. "Eigentlich ist das, was | |
| wir machen, wie ein Kaffeekränzchen", sagt er. "Nur professioneller." | |
| Es gehe um den Austausch. Zentralorgan der internationalen Selbstvermesser | |
| ist [1][quantifiedself.com] – in den Foren besprechen hunderte | |
| Selbstvermesser Projekte. Man sieht dort, wie in den vergangenen Monaten | |
| die Zahl der Treffen überall auf er Welt zunimmt. Im November wurde eine | |
| Quantified-Self-Konferenz in Amsterdam veranstaltet. In San Francisco gibt | |
| es schon länger Treffen von Selbstoptimierern. | |
| Oktober 2011. Im Co-Working-Space "Parisoma", einem dieser Gebäude, wo | |
| Programmierer und Entwickler zusammenarbeiten. Im Erdgeschoss sind alle | |
| Stühle besetzt, als Leo Babauta über "Habit Design" spricht – | |
| Verhaltensänderungen dank akribischer Selbstbeobachtung. Es geht auch um | |
| Technik, aber es geht vor allem um das Prinzip. | |
| Dort, wo tagsüber Jungunternehmen ihre neuen Geschäftsideen mit Filzstiften | |
| an Wandtafeln skizzieren, sitzt Babauta mit schlenkernden Beinen auf einem | |
| Barhocker, breite Schultern im olivgrünen T-Shirt. Vor sechs Jahren sei er | |
| tief verschuldet gewesen. Ein gestresster, rauchender, fetter | |
| Fastfood-Junkie. Dann habe er begonnen, Marathon zu laufen. Besser zu | |
| essen, zu organisieren. So dass Beruf und sechs Kinder in sein schlankeres | |
| Leben passen. | |
| Babauta grinst in die Runde, die Hände entspannt im Schoß, den Rücken | |
| durchgedrückt. "Vereinfachen", predigt er seinen Zuhörern. Das eigene | |
| Verhalten analysieren – und sei es nur mit Zettel und Stift. Sich immer nur | |
| einen Lebensaspekt vornehmen. Babauta verdient jetzt Geld damit, anderen | |
| Leuten zu helfen, sich selbst zu ändern. Ein Mann in der ersten Reihe nickt | |
| bei jedem Satz. | |
| ## Übergewicht als gemeinsamer Nenner | |
| Unzufriedenheit mit der Krankheit, mit dem Körper, das ist die Motivation, | |
| die die Bewegung wachsen lassen könnte. Das Übergewicht als gemeinsamer | |
| Nenner. Später referieren andere Zuschauer spontan ihre | |
| Selbständerungsprojekte. Es wird diskutiert, es gibt Wein. | |
| Mitte Dezember laden auch Christian Kleineidam und Andreas Stadler in | |
| Berlin zum ersten Treffen von Quantified Self in Deutschland. Sieben Gäste | |
| finden an diesem verregneten Samstagnachmittag den Weg aus dem Internet in | |
| die Räume des Chaos Computerclubs. Eine Frau stellt gleich zu Beginn eine | |
| Frage wie eine Mauer in den Raum. Sind die Sorgen angesichts dieser | |
| dauernden Selbstüberwachung nicht berechtigt? | |
| Dann laufen die Dinge doch gut für die Vermessungsaktivisten, schon weil | |
| dieselbe Frau von einem Kurs an der Universität der Künste erzählt: "Bei | |
| uns im Seminar waren anfangs alle dagegen. Und dann haben sie lauter | |
| Geschäftsmodelle dafür entwickelt." | |
| Ein Langhaariger fragt, ob jemand Tipps für die Messung von | |
| Körpertemperatur habe – er wolle prüfen, ob Menschen, die sich nur von | |
| Rohkost ernähren, wirklich eine niedrigere Körpertemperatur hätten. Ein | |
| Körper, der viel Gekochtes verdaue, besage eine Theorie, befinde sich | |
| ständig in einem leichten Fieberzustand. Bislang seien nur Rektalmessungen | |
| exakt gewesen. Aber das sei etwas unpraktisch, alle halbe Stunde das | |
| Thermometer in den Po. | |
| Die Leute nicken interessiert, als Andreas Stadler erzählt, wie er vor fünf | |
| Jahren angefangen hat, seine Hirnströme zu vermessen: "Da sahen die aus wie | |
| bei einem ADHS-Patienten." Auch als er referiert, wie er gelernt hat, seine | |
| Hirnströme bewusst zu steuern, wie man mit deren Hilfe elektronische Musik | |
| erzeugen kann, Depressiven helfen und in ein paar Jahren vielleicht sogar | |
| das Computerspiel Counterstrike über das Hirn steuern kann, steigen sie | |
| nicht aus. Am Ende fordern sogar einige Hausaufgaben – Tipps, welche | |
| Trackingmaßnahme sie bis zum nächsten Treffen ausprobieren könnten. Das | |
| Interesse ist da, die Sache läuft langsam an. | |
| Ein paar Tage später müssen sie in der Facebook-Gruppe einen kleinen | |
| Rückschlag diskutieren. Die Bild-Zeitung hat Quantified Self entdeckt. Und | |
| fragt: Kann man davon süchtig werden? Sie beschließen, das als Zeichen | |
| journalistischer Inkompetenz zu betrachten. | |
| Immerhin haben sie einen mächtigen Mitspieler, der ihre Bemühungen | |
| unterstützt: den Markt. Investoren aus dem Silicon Valley pumpen Millionen | |
| in die Branche. Große Sportartikelhersteller wie Nike und Adidas verkaufen | |
| Geräte, mit denen Jogger Laufgeschwindigkeit oder Herzschlag erfassen, auf | |
| Homepages statistisch auswerten und mit der Community teilen. Allein bei | |
| Nike nutzen diese Form der Selbstbeobachtung mehr als vier Millionen | |
| Menschen. Zahllose andere Apps und Geräte versprechen Knackärsche und ein | |
| gesünderes Leben. Den persönlichen Fitnesstrainer gibt es als Stick für die | |
| Hosentasche. | |
| ## Auf dem Sprung in den Massenmarkt | |
| Je leistungsfähiger und preiswerter Chips und Sensoren werden, desto mehr | |
| Geräte fluten den Markt. Es gibt Armbänder, die vibrieren, wenn ihr Träger | |
| sich zu lange nicht bewegt hat. Apps, mit denen man seine Stimmung oder den | |
| Redeanteil in einem Gespräch messen kann. Selbst der Apple Store verkauft | |
| digitale Blutdruckmesser. Quantified Self stehe "vor dem Sprung von der | |
| Nische in den Massenmarkt", erklärt Florian Schumacher, 31 Jahre alt. | |
| Er nutzt viele dieser Geräte und Apps. Wenn er morgens aufsteht, steckt er | |
| sich sein Fitbit an - ein Schrittzähler, so lang und breit wie ein Finger. | |
| Jeden Abend kann Schumacher feststellen, wie viel er an diesem Tag gelaufen | |
| ist. Er betrachtet das als Ansporn. Durchschnittlich läuft er sechs bis | |
| sieben Kilometer pro Tag. Und immer mehr Treppen. "So habe ich Fitness in | |
| meinen Alltag integriert", sagt er – als träte er im Werbefernsehen auf. | |
| Schumacher ist der Münchner Vertreter der Bewegung. Beim ersten Berliner | |
| Treffen war er per Skype zugeschaltet. Wenn Florian Schumacher sich | |
| schlafen legt, schnallt er sich ein EEG-Gerät namens Zeo um den Kopf, das | |
| misst, wie lange er wie fest geschlafen hat. Er merkte, dass er tiefer | |
| schläft, wenn er bis spät in die Nacht gearbeitet hat, anstatt einen Film | |
| zu schauen. "Sensoren testen, darüber bloggen, das ist für mich ein Hobby", | |
| sagt er. Als Unternehmer und Produktentwickler arbeitet er im Umfeld der | |
| Selbstvermesserbranche. | |
| Die Mehrheit der Menschen in seinem privaten Umfeld finde das noch | |
| "befremdlich". Aus Angst vor Überwachung eben, glaubt Schumacher. Oder weil | |
| es "pedantisch" wirke, sich selbst so diszipliniert zu beobachten. | |
| Christian Kleineidam argumentiert dagegen an. Seine Tante habe sich | |
| gesorgt, dass er zu sehr in die Welt der Zahlen abtauche. Bis er ihr | |
| erklärte, dass er über die Selbstvermessung mit vielen Gleichgesinnten in | |
| Kontakt käme, über Ergebnisse und Gefühle spräche. Die Kritik am gemessenen | |
| Selbst kommt nicht nur von technikfernen Tanten, sondern auch aus der | |
| Netzcommunity. | |
| Manche kanzeln alles als blödsinnige Spielerei ab. Wird man gar | |
| technikhörig? Wem gibt der Selbstvermesser recht, wenn er sich morgens gut | |
| erholt fühlt, sein Sleepcoach ihm aber eine miese Nacht bescheinigt? Und | |
| natürlich die Datenschutzfragen. Wem gehören die sensiblen selbst erhobenen | |
| Gesundheitsdaten? Wer darf auf sie zugreifen? Wie verhindert man, dass | |
| Staat und Wirtschaft sie missbrauchen? | |
| Bisher dürfen Krankenkassen in Deutschland wegen strenger Gesetze wenig mit | |
| Kundendaten anfangen. Personalisierte Auswertung von digitalen | |
| Fitnesscoaches ist verboten. Aber muss das so bleiben? | |
| ## Auch Sex wird vermessen | |
| Bei der US-Firma Fitbit konnten Nutzer auch Sex als körperliche Aktivität | |
| in ihr Community-Profil eintragen. Wie lange, wann, wie anstrengend – all | |
| das konnte jeder einfach googeln. Da standen plötzlich tausende nackte | |
| Nutzer im Netz. Fitbit reagierte sofort und schaffte die Rubrik ab. Der | |
| Imageschaden blieb. "Das ist wie Kernenergie: Man kann das falsch nutzen. | |
| Muss man aber nicht", sagt Andreas Stadler. | |
| Ihm sind die Datenschutzrisiken von Quantified Self bewusst. Für ein | |
| kommerzielles Unternehmen sind diese sensiblen Gesundheitsinformationen am | |
| Ende nur Teil eines Geschäftsmodells. Darum setzt sich Stadler dafür ein, | |
| Geräte und Software zu nutzen und zu entwickeln, die Open Source sind. | |
| Produkte mit freier Software, hinter der meist keine großen Firmen stehen, | |
| so dass der Nutzer die Kontrolle über seine Daten behält. Quantified Self | |
| soll dem Einzelnen mehr Macht durch Selbsterkenntnis verleihen. Und ihn | |
| nicht im Dienste anderer komplett überwachen. | |
| Stadler und Kleineidam ist trotzdem klar, dass das Interesse an den | |
| Körperdaten der Selbstvermesser zunehmen wird. Wer trinkt, raucht, wer | |
| bewegt sich zu wenig, wer isst zu viel? Wer hört auf den Arzt? Wer nicht | |
| gesund genug lebt, könnte irgendwann einmal bei der Krankenversicherung | |
| mehr zahlen oder auf andere Art sanktioniert werden. "Wenn die Technik da | |
| ist, wird das kommen", sagt Stadler und nickt. Auch er spricht von einer | |
| "gesundheitlichen Diktatur". Umso wichtiger sei der Open-Source-Gedanke. | |
| "Wir müssen da eine zivilgesellschaftliche Stimme aufbauen", ergänzt | |
| Kleineidam. "Politisch mitgestalten." | |
| Dann, Ende Dezember, ihr großer Auftritt: Kleineidam und Stadler halten | |
| beim Jahrestreffen des Chaos Computer Clubs einen Vortrag. Ein Leben mit | |
| Zahlen dürfte den versammelten Hackern nicht fremd erscheinen, sie sind | |
| zwischen Nullen und Einsen zu Hause. Ein scheinbar perfektes Forum für die | |
| beiden Selbstvermessungsmissionare. | |
| ## "Bizarre Show" | |
| Aber es läuft nicht. Kleineidam quält sich auf Englisch durch ein Projekt, | |
| bei dem jemand festgestellt hat, dass er Mathematikaufgaben schneller löst, | |
| wenn er 60 Gramm Butter am Tag isst. "Glaubt mir nicht! Testet es selbst!" | |
| steht auf einer Folie seiner Präsentation. Als Andreas Stadler beginnen | |
| will, streikt die Technik. Er hat eine dunkle Sonnenbrille vor den Augen | |
| und seinen Hirnstrommesser auf dem Kopf. Er wird nervös, rast durch seine | |
| Präsentation, verschluckt halbe Sätze. Im Publikum beugen sich die Leute | |
| über ihre Smartphones und Rechner, um bei Twitter über diese "bizarre Show" | |
| zu lästern. Fragen, ob das "Comedy" sein solle. | |
| Um Mitternacht ist der Vortrag vorbei. Die restlichen Zuhörer verlassen | |
| kopfschüttelnd den Raum. "Nicht unbedingt komplett ideal gelaufen", | |
| analysiert Stadler später in der Facebook-Gruppe. Dafür aber, sagt | |
| Christian Kleineidam, sei es am Ende dann doch wieder "ganz gut gelaufen". | |
| Es habe auch positives Feedback gegeben. | |
| Noch im Januar will er zum nächsten Treffen von Quantified Self in Berlin | |
| einladen. Und vor ein paar Tagen kam die Nachricht aus München: Am 1. | |
| Februar wird es dort das erste Treffen geben – organisiert von Florian | |
| Schumacher und zwei Mitstreitern. Sie werden mehr. | |
| 21 Jan 2012 | |
| ## LINKS | |
| [1] http://quantifiedself.com/ | |
| ## AUTOREN | |
| Meike Laaff | |
| ## TAGS | |
| Roboter | |
| Quantified Self | |
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