| # taz.de -- Kopenhagen belohnt nachhaltige Touristen: Danke, ihr Ökos! | |
| > Belohnungen für nachhaltig Reisende: So antwortet die dänische Hauptstadt | |
| > Kopenhagen auf die Probleme des Massentourismus. Funktioniert das? Ein | |
| > Selbstversuch. | |
| Bild: Paddeln und dabei Müll sammeln: So geht Urlaub in Dänemark | |
| Mein erster Tag als Öko-Urlauber startet direkt mit einem Fehlschlag. | |
| Eigentlich will ich von Vedbæk – dem Vorort, in dem ich wohne – in | |
| Kopenhagens Innenstadt fahren, um dort an einer Stadtführung teilzunehmen. | |
| Wenn ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreise, würde sie nur die Hälfte | |
| kosten, heißt es. Nur, das Ticketsystem im Nahverkehr ist so kompliziert, | |
| dass man eigentlich einen Master in öffentlicher Verwaltung bräuchte. | |
| Einzelticket? Tagesticket? Tourismuskarte? Ich rechne und rechne und rechne | |
| – und merke irgendwann, dass der Bus weg ist. Mist! | |
| Mein viertägiger Kurztrip in Dänemarks Hauptstadt soll ganz im Zeichen der | |
| Nachhaltigkeit stehen, so wie die Metropole selbst. Laut dem Global | |
| Destination Sustainability Index ist [1][Kopenhagen die drittnachhaltigste | |
| Stadt der Welt], hier gibt es Fahrradhighways und „Wolkenbruchviertel“, in | |
| denen bei Starkregen das Wasser versickert. | |
| 2024 ist CopenPay hinzugekommen, ein Belohnungssystem für Reisende. Mit ihm | |
| will die Stadt nun auch den Tourismus nachhaltig gestalten. Wer sich | |
| umweltfreundlich verhält, kommt günstiger ins Museum, darf kostenlos in die | |
| Sauna oder kann Gratismahlzeiten abstauben. | |
| ## Antwort auf Massentourismus | |
| Das Programm ist die dänische Antwort auf das Problem Massentourismus. 2024 | |
| haben zwölf Millionen Menschen in Kopenhagen übernachtet, ein neuer Rekord. | |
| Die Touristen bringen viel Geld in die Stadt, aber auch Müll, Lärm und | |
| CO2-Emissionen. Und sie belasten den ohnehin angespannten Mietmarkt. Zwar | |
| gab es deshalb noch keine Demonstrationen wie auf Mallorca, in Lissabon | |
| oder Venedig. Doch auch an Dänemark geht [2][die Diskussion um | |
| Übertourismus] nicht vorbei. | |
| Am zweiten Tag steht ein eher ungewöhnliches Touristenprogramm auf dem | |
| Plan: [3][invasive Spezies] aus einem Naturschutzgebiet entfernen. Als | |
| Belohnung winkt ein Rohkostsalat mit Gemüse und Brot. Schon auf der Fahrt | |
| in den Naturpark Amager merke ich, dass sich mein E-Auto in bester | |
| Gesellschaft befindet. Auch Ladestationen gibt es überall. 2024 waren in | |
| Dänemark bereits über die Hälfte aller Neuzulassungen E-Autos, wobei | |
| ebenfalls ein Belohnungssystem am Werk ist, in diesem Fall massive | |
| Steuervorteile. | |
| ## Nächster Stopp: Unkraut jäten | |
| Im Naturpark wartet bereits Mads Madsen auf die Besucher, ein fröhlicher | |
| Däne, der einen ausgerupften Stängel in der Hand hält. Die Kanadische | |
| Goldrute verdrängt einheimische Arten und hat in Europa kaum natürliche | |
| Fressfeinde. Einmal in ein Gebiet eingedrungen, ist sie schwer wieder zu | |
| entfernen. | |
| „Wir machen das seit 15 Jahren und sehen langsam Erfolge“, sagt Madsen. | |
| Normalerweise arbeite er mit Menschen zusammen, die sich schwer in den | |
| Arbeitsmarkt integrieren lassen. Dass neuerdings auch Reisende zum | |
| Unkrautjäten kommen – und das freiwillig –, bringt ihn noch immer zum | |
| Staunen. | |
| Schon nach 15 Minuten kommen wir ins Schwitzen. Das hohe Gras bildet eine | |
| Kulisse wie bei „Jurassic Park“, statt Dinos sind es allerdings Spinnen, | |
| die uns auf den Leib rücken. Doch was tut man nicht alles für ein | |
| Mittagessen, pardon, fürs ökologische Gleichgewicht! Dieses ist auch Vera | |
| wichtig, einer 26-jährigen Deutschen, die in Kopenhagen studiert: „Ich | |
| fahre sowieso Fahrrad und lebe vegetarisch.“ Von CopenPay ist sie | |
| begeistert. „Ist doch schön, dass es Belohnungen für vorbildliches | |
| Verhalten gibt.“ | |
| Nur was bringt das Ganze wirklich der Umwelt? Beruhigen solche Aktionen | |
| nicht doch bloß das eigene Gewissen? „Natürlich sind Programme wie CopenPay | |
| eine clevere Marketingmaßnahme“, sagt die Sozialwissenschaftlerin Cornelia | |
| Dlabaja, die zu nachhaltigem Städtetourismus forscht. Aber: Sie basierten | |
| auf der Theorie des regenerativen Tourismus. Dabei sollen Reisende einen | |
| Ort in einem besseren Zustand verlassen als den, in dem sie ihn vorgefunden | |
| haben, erklärt Dlabaja. Also Müll sammeln, Bäume pflanzen oder lokale | |
| Geschäfte unterstützen. „Der regenerative Tourismus kann ein Teil der | |
| Lösung sein“, sagt Dlabaja. | |
| ## regenerativer Tourismus – bisher ein ungenaues Konzept | |
| Eine einheitliche Definition in der Wissenschaft gibt es davon allerdings | |
| bisher nicht. Und auch unter nachhaltigem oder „sanftem“ Tourismus versteht | |
| jeder etwas anderes. Der [4][Umweltverband WWF] zum Beispiel empfiehlt | |
| Reisenden, im Hotel Strom zu sparen, mikroplastikfreie Sonnencremes zu | |
| nutzen und Unterhaltungsshows mit Wildtieren zu boykottieren. | |
| „Ein gut gesteuerter Tourismus kann den Erhalt der Natur unterstützen und | |
| gleichzeitig zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen, | |
| Einkommensmöglichkeiten schaffen und die Lebensqualität der lokalen | |
| Bevölkerung verbessern“, schreibt der WWF auf seiner Website. Klingt schon | |
| ein bisschen wie CopenPay. | |
| Bisher gibt es noch eine große Lücke zwischen dem, was Touristen wollen, | |
| und dem, wie sie handeln. Nach einer Befragung der Forschungsgemeinschaft | |
| Urlaub und Reisen von 2024 wünschten sich etwa 48 Prozent ökologisch | |
| verträgliche und sogar 62 Prozent sozialverträgliche Urlaubsreisen. Nur bei | |
| der Umsetzung hapert es oft, und Nachhaltigkeitsüberlegungen fallen bei der | |
| Buchung hinten runter. Durch Anreize will CopenPay diese Dynamik | |
| durchbrechen. | |
| ## Müllsammeln für kostenlose Bootstour | |
| Tag drei. In Islands Brygge, einem zum Wohn- und Ausgehviertel umgebauten | |
| ehemaligen Industriehafen, warten 40 junge Leute auf eine kostenlose | |
| Bootsfahrt. Wer an Bord geht, verpflichtet sich zum Abfallsammeln. | |
| Ausgestattet mit Mülltüten, Keschern und einer Karte der Kanäle, ziehen die | |
| Gruppen los, immer sechs bis acht Personen pro Boot. Bei mir sitzt Hugo am | |
| Steuer, ein junger Schweizer. Dank seiner Erfahrung vom Genfer See weiß er, | |
| wie man selbst dann cool bleibt, wenn sich ein Ausflugsdampfer auf | |
| Kollisionskurs befindet. | |
| Während Hugo navigiert, starren die anderen aufs Wasser. Hier ein paar | |
| Luftblasen, da ein paar Algen. Aber Müll? Fehlanzeige. Entweder liegt es an | |
| den unablässig sammelnden Urlaubern oder Kopenhagen ist ohnehin eine | |
| saubere Stadt. Außer einem Korken und einer Plastikfolie landet nichts in | |
| unserem Netz. Und als endlich ein verdächtiges Objekt auftaucht, schnappt | |
| sofort eine andere Greifzange zu: Zwei Frauen verladen es in ihr „Green | |
| Kayak“ – ein weiteres Transportmittel, das man im Rahmen von CopenPay | |
| ausleihen kann. | |
| Am letzten Tag steht eine Stadtführung auf dem Programm. „Ein kleines | |
| Zimtgebäck ist im Preis enthalten“, sagt Oskar, der Guide. Und nicht nur | |
| das. Touristinnen und Touristen, die mindestens vier Tage in der Stadt | |
| bleiben, bekommen die Tour für 20 statt 40 Euro. Wie ich die | |
| Aufenthaltsdauer nachweise? „Indem du es mir sagst“, erklärt Oskar. „Die | |
| dänische Gesellschaft basiert auf Vertrauen.“ | |
| ## Belohnung für nachhaltige Anreise | |
| So ist es auch bei anderen Aktionen. [5][Wer per Fahrrad] oder Bus ins | |
| Technische Museum Dänemark fährt, erhält 20 Prozent Rabatt. Reist man mit | |
| dem Zug nach Kopenhagen, wartet eine kostenlose Sauna- oder Yogastunde als | |
| Belohnung. Letzteres gilt allerdings auch für die Anreise mit dem Flugzeug, | |
| sofern dem Kerosin nachhaltige Kraftstoffe beigemischt wurden. | |
| Ist das nicht Greenwashing? „Überhaupt nicht“, beteuert Jonas | |
| Løvschall-Wedel, der sich bei der Tourismusbehörde das CopenPay-Programm | |
| ausgedacht hat. „Wir wollen nicht noch mehr Leute in die Stadt locken, | |
| sondern diejenigen, die ohnehin da sind, in geordnete Bahnen lenken.“ Aus | |
| manchen Regionen könne man nun einmal nur per Flugzeug anreisen, sagt | |
| Løvschall-Wedel. | |
| ## Das Konzept könnte nach Berlin kommen | |
| In Zukunft will die dänische Hauptstadt ihr Programm sogar ausweiten, | |
| verkündet vergangenes Jahr die Tourismusorganisation Wonderful Copenhagen, | |
| und anderen Städten zur Verfügung stellen. Bereits im Sommer 2026 soll auch | |
| in Berlin ein BerlinPay-Projekt starten. | |
| Auch bei Oskars Stadtführung kommt das Belohnungsprogramm zur Sprache. Die | |
| meisten Teilnehmenden kennen es nicht; außer mir hat nur eine Tübinger | |
| Studentin darüber gebucht. Von den vielen Millionen Menschen, die 2024 in | |
| Kopenhagen übernachtet haben, machten 5.000 bei CopenPay mit. Allerdings | |
| lief das Projekt im Pilotjahr 2024 nur für knapp einen Monat. 2025 wurde | |
| die Laufzeit dann verdoppelt. | |
| Wirksam könnten solche Programme dennoch sein, sagt Tourismusforscherin | |
| Cornelia Dlabaja. „Natürlich spricht ein solches Programm eine spezielle | |
| Zielgruppe an, der Nachhaltigkeit wichtig ist.“ Doch auch das könne eine | |
| Vorbildwirkung entfalten. | |
| Gesagt, getan. Ich beiße in mein Zimtgebäck, das ich auf der Stadtführung | |
| bekommen habe, nehme meinen Hund an die Leine und fahre zurück in die | |
| Ferienwohnung. Natürlich im Bus. | |
| 10 Jan 2026 | |
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| ## AUTOREN | |
| Steve Przybilla | |
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