| # taz.de -- Proteste in Argentinien: Zehntausende protestieren auf der Plaza de… | |
| > In Buenos Aires demonstrieren Gewerkschaften gegen eine von der Regierung | |
| > Milei vorgelegte Arbeitsrechtsreform. Die Entscheidung darüber wurde nun | |
| > vertagt. | |
| Bild: Die geplante Arbeitsrechtsreform in Argentinien treibt die Gewerkschaften… | |
| Die fliegenden Händler gekühlter Getränke hatten Hochkonjunktur. Unter dem | |
| Motto „Zur Verteidigung der Arbeit und der Würde“ demonstrierten der | |
| argentinische Gewerkschaftsdachverband CGT, soziale Basisorganisationen und | |
| linke Parteien am Donnerstag gegen eine von der Regierung vorgelegte | |
| Arbeitsrechtsreform. | |
| Während die Reform im Kongress debattiert wurde, versammelten sich bei 32 | |
| Grad Hitze Zehntausende auf der Plaza de Mayo vor dem Präsidentenpalast. | |
| Sie unterstrichen damit, dass sich der Protest gegen den libertären | |
| Präsidenten Javier Milei richtete. | |
| „Seit Milei das Präsidentenamt angetreten hat, haben 20.000 Unternehmen | |
| geschlossen, mehr als 275.000 Arbeitsplätze sind verloren gegangen, und die | |
| Industrie arbeitet nur noch mit 60 Prozent ihrer Kapazität“, sagt José | |
| Mancho. Der 46-Jährige arbeitet in einer Metallfabrik im Großraum Buenos | |
| Aires und steht jetzt auf der Plaza de Mayo. „Und jetzt verspricht Milei, | |
| mit seinen Reformen neue Arbeitsplätze zu schaffen. Wer soll das glauben?“, | |
| fragt er. | |
| ## Gewerkschaften als einzige Opposition | |
| [1][Das Reformpaket ist weitreichend]. So soll das Streikrecht | |
| eingeschränkt und die automatische Verlängerung von Tarifverträgen | |
| beseitigt werden. Einstellungen und Entlassungen sollen flexibilisiert | |
| werden. Dazu gehören die Kürzung der Abfindungen bei Entlassungen, die | |
| Auszahlung von Löhnen in Pesos oder Fremdwährung, die Einführung eines | |
| Zeitkontos zur Verteilung der Arbeitszeit und die Aufteilung des Urlaubs in | |
| Abhängigkeit von der Auftragslage der Unternehmen. | |
| Derzeit scheinen die Gewerkschaften die einzige ernsthafte Opposition zur | |
| Regierung zu sein. So ist es kein Zufall, dass das 71 Seiten umfassende | |
| Reformpaket mit seinen 197 Artikeln zuerst im Senat behandelt wird. Dort | |
| haben die oppositionellen Peronisten ihre historische Mehrheit bei den | |
| Teilwahlen zum Kongress im Oktober verloren, während Milei mit den eigenen | |
| Mandatsträgern zusammen mit inzwischen übergelaufenen Verbündeten [2][eine | |
| Mehrheit von 44 der 72 Senatoren hinter sich versammeln kann]. | |
| Die Gewerkschaften können auf die Unterstützung der Mehrheit der | |
| Bevölkerung zählen. Dies belegt eine Umfrage, die in den letzten Tagen vom | |
| renommierten Meinungsforschungsinstitut Management & Fit durchgeführt | |
| wurde. Laut der Umfrage lehnen 52 Prozent der Befragten das Reformpaket ab, | |
| nur knapp 44 Prozent befürworten es. Doch die Debatte um die konkreten | |
| Reforminhalte hat gerade begonnen. [3][Die Kampfkraft der Gewerkschaften | |
| ist beschränkt]. | |
| ## Millionen im informellen Sektor beschäftigt | |
| Von den 6 Millionen Beschäftigten im Privatsektor sind lediglich 15 Prozent | |
| gewerkschaftlich organisiert. Dagegen müssen sich 9 Millionen Personen ohne | |
| Arbeitsverträge, Sozialversicherungen oder zusätzlichen Leistungen wie etwa | |
| Urlaubsgeld im informellen Sektor durchschlagen. Sie sind zum Teil in den | |
| alternativen Gewerkschaften zusammengeschlossen, die jedoch nicht offiziell | |
| als Gewerkschaften anerkannt sind. | |
| „Den Gewerkschaftsfunktionären geht es doch nur um sich selbst“, meint | |
| dagegen León Mitre. Der Buchhalter ist auf dem Nachhauseweg und überquert | |
| wie üblich die Plaza die Mayo. „In erster Linie wollen sie den | |
| Solidaritätsbeitrag retten“, erklärt der 38-Jährige. „Dazu lassen sie he… | |
| die Muskeln spielen, um besser mit der Regierung verhandeln zu können. Die | |
| Beschäftigten interessieren sie nicht wirklich“, lässt er kein gutes Haar | |
| am Auftritt der Gewerkschaftsbosse auf der Bühne vor dem Präsidentenpalast. | |
| Argentiniens Gewerkschaften finanzieren sich nicht nur über die Beiträge | |
| der Mitglieder. Beschäftigten, die nicht Gewerkschaftsmitglied sind, wird | |
| ein sogenannter Solidaritätsbeitrag vom Lohn abgezogen und an die jeweils | |
| für die Branche zuständige Gewerkschaft überwiesen. Höhe und Laufzeit | |
| dieser Solidaritätsbeiträge werden in den ausgehandelten Tarifverträgen | |
| stets neu festgelegt, um nicht als Zwangsabgabe zu gelten. | |
| Angesichts der tatsächlichen Mitgliederzahlen wird deutlich, wie wichtig | |
| dieser Solidaritätsbeitrag ist. „Wenn die Regierung die Streichung des | |
| Solidaritätsbeitrags zurücknimmt, werden die Gewerkschaften bei vielen | |
| Punkten einlenken“, ist sich Mitre sicher. „Milei kürzt alles rigoros | |
| zusammen“, sagt Marta Krumlac. Die Lehrerin war schon am frühen Morgen aus | |
| La Plata angereist. | |
| „Das Bildungssystem leidet seit Jahren unter Einsparungen. Aber seit Milei | |
| da drin sitzt, geht es richtig bergab“, sagt die 52-Jährige und zeigt | |
| Richtung Präsidentenpalast. Sie setzt ihre Hoffnungen auf den | |
| Generalstreik, den die Gewerkschaften angekündigt haben, sollte der | |
| Kongress dem Reformpaket zustimmen. Einen Teilerfolg haben die | |
| Protestierenden errungen. | |
| Die Regierung hat die weitere Behandlung des Reformpakets im Kongress auf | |
| den 10. Februar vertagt. Dann dürfte es auch auf der Plaza de Mayo wieder | |
| etwas kühler sein. | |
| 19 Dec 2025 | |
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| ## AUTOREN | |
| Jürgen Vogt | |
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