| # taz.de -- Stadtgespräch aus New York: Klassenkampf gegen die Elektroräder | |
| > Bürgermeister Bill de Blasio will E-Bikes von den Straßen bringen. Die | |
| > werden gern von Kurierfahrern benutzt, viele davon sind Einwanderer ohne | |
| > Papiere. | |
| Bild: Als Radfahren zu Politik wurde: Festnahme eines Critical-Mass-Aktivisten … | |
| New York taz | Besitzen dürfen die New YorkerInnen sie. Aber benutzen | |
| dürfen sie sie nicht. Die E-Bikes, die im Rest der Welt als | |
| umweltfreundliches Hybrid zwischen Fahrrad und Motorrad gefördert werden, | |
| sind in der größten Stadt der USA schon seit Jahren verboten. | |
| Bloß wussten das bislang nur die wenigsten. Ab 2018 will Bürgermeister Bill | |
| de Blasio das Verbot hart durchsetzen. Er droht mit Strafen ab 100 Dollar, | |
| die sich bei jedem neuen illegalen E-Bike-Trip verdoppeln, mit | |
| Beschlagnahmungen und mit Vorladungen. | |
| De Blasio erklärte den Krieg gegen die E-Bikes zwei Wochen vor der | |
| Bürgermeisterwahl, bei der er erneut kandidiert. „Wir müssen jeden | |
| verfolgen, der eine Gefahr für die Anwohner ist“, sagte er. Und: „Eine | |
| Straßenüberquerung in New York City sollte keine qualvolle Erfahrung sein.“ | |
| Zahlen, die die zweirädrige Gefahr dokumentieren, legte de Blasio nicht | |
| vor. Die New Yorker Polizei erfasste im September zwar 7.500 Unfälle allein | |
| im Bezirk Manhattan. Darin waren Autos, SUVs, Lieferwagen, Laster und | |
| 193-mal auch Räder verwickelt. Aber E-Bikes werden in ihrer Statistik nicht | |
| erwähnt. „Mit so viel Genauigkeit verfolgen wir Unfälle nicht“, erklärt … | |
| NYPD. | |
| ## E-Bikes sind die Arbeitsgeräte der Unsichtbaren | |
| Bei vielen WählerInnen spricht de Blasio dennoch ein diffuses Gefühl an. | |
| Fahrräder finden sie cool. Und immer mehr von ihnen benutzen sie selbst. | |
| Aber E-Bikes irritieren sie. | |
| Denn die sind in New York vor allem Arbeitsgeräte für Leute, die sonst | |
| unsichtbar sind: Einwanderer, die gerade erst ins Land gekommen sind und | |
| weder Papiere haben noch englisch sprechen. Sie arbeiten im Akkord, für | |
| weniger als den Mindestlohn und leben von dem Trinkgeld, das sie bei der | |
| Übergabe ihrer Pizzen und Thai-Gerichte am Hauseingang bekommen. Wenn das | |
| E-Bike, das ihrem Arbeitgeber gehört, beschlagnahmt wird, müssen sie nicht | |
| selten in die eigene Tasche greifen, um es freizukaufen und weiter arbeiten | |
| zu können. | |
| Selbst äußerlich sind E-Bikes in New York anders. Sie sind auf das Minimum | |
| reduziert, sie haben weder knallige Farben noch Klingeln oder Licht. Sie | |
| sind leise Schatten in einer Stadt, die für den größtmöglichen Showeffekt | |
| lebt. | |
| Wenn einE RadfahrerIn einEn andereN überholt, ruft sie laut: „On your left“ | |
| – auf deiner Linken. Aber von E-Bike-FahrerInnen kommen keine Rufe. Sie | |
| huschen mit bis zu 30 Stundenkilometern geräuschlos über Straßen, Radwege | |
| und Bürgersteige. Nicht einmal ihre Zahl ist bekannt. New York hat an die | |
| 50.000 ZweiradbotInnen – niemand weiß, wie viele davon motorisiert sind. | |
| ## Fahrräder auf der Straße – immer schon Klassenkampf | |
| New York und Zweiräder – das ist eine tumultuarische Geschichte. Eigentlich | |
| ist die Insel Manhattan ein ideales Terrain für RadfahrerInnen: Sie ist | |
| überschaubar, hat wenig Steigungen, das Wetter ist moderat und niemand kann | |
| dem Dauerstau besser trotzen. Aber Mitte der 80er Jahre verbot | |
| Bürgermeister Edward Koch den Fahrradverkehr auf den zentralen | |
| Nord-Süd-Achsen Park, Madison und Fifth Avenue. „Radfahren von 10 bis 16 | |
| Uhr verboten“, stand auf Straßenschildern. | |
| Auch damals ging es um ein Stück Klassenkampf: die Maßnahme richtete sich | |
| vor allem gegen FahrradbotInnen. Die Zweirad-Community reagierte | |
| geschlossen: Allwöchentlich brachte sie mit Fahrrad-Demonstrationen den | |
| Verkehr in Midtown zum Stillstand. Es gab Petitionen, Bilder von fotogenen | |
| „Messengers“ in den Zeitungen und 1987 kippte ein Gericht das | |
| Radfahrverbot. | |
| Seither ist New York allen Widerständen zum Trotz zu einer Fahrradstadt | |
| geworden. Sie hat – mit mehr als 1.800 Kilometern – das längste Netz von | |
| Fahrradwegen aller US-Städte und legt jedes Jahr zusätzliche 80 Kilometer | |
| an. Die Zahl der blauen Citibike-Mieträder ist auf 10.000 gestiegen. Die | |
| RadfahrerInnen in der Stadt sind zu einer politisch einflussreichen Gruppe | |
| geworden. | |
| Gleichzeitig sterben mehr von ihnen auf der Straße als zuvor. 2014 kamen 14 | |
| RadfahrerInnen in New York ums Leben, 2015 waren es 16. Im Jahr 2016 waren | |
| es 20. Besonders häufig waren LastwagenfahrerInnen, insbesondere von | |
| privaten Müllabfuhrunternehmen, die Verantwortlichen. | |
| Doch Bürgermeister de Blasio will sich auf RestaurantbesitzerInnen und | |
| deren Flotten „illegaler E-Bikes“ stürzen. Bis auch in New York die | |
| RentnerInnen aus der Mittelschicht das E-Bike für sich entdecken und eine | |
| Lobby werden, steht dem nichts im Weg. | |
| 31 Oct 2017 | |
| ## AUTOREN | |
| Dorothea Hahn | |
| ## TAGS | |
| Pedelec | |
| New York | |
| Critical Mass | |
| Kolumne Stadtgespräch | |
| Bill de Blasio | |
| New York | |
| Mindestlohn | |
| Fahrrad | |
| Fahrrad | |
| ## ARTIKEL ZUM THEMA | |
| Acht Tote in New York: Pickup-Truck fährt Menschen um | |
| Acht Menschen sterben, als in New York ein Lieferwagen auf einen Fahrradweg | |
| fährt. Bürgermeister de Blasio spricht von einem „Terrorakt“. Der Fahrer | |
| ist in Haft. | |
| Kommentar Mindestlohn: Schluss mit dem Getrickse | |
| Der aktuelle Mindestlohn kann zu leicht umgangen werden. Dass sich in einer | |
| Jamaika-Koalition daran etwas ändert, ist unwahrscheinlich. | |
| 200 Jahre Fahrrad: Als Hamburg einst Fahrradstadt war | |
| Hamburg soll zur Fahrradstadt werden, so das erklärte Ziel des Senats. Als | |
| Vorbilder dienen Kopenhagen und Amsterdam – das war mal genau anders herum. | |
| Fahrradfahren in der Hauptstadt: So müsste es immer sein | |
| Es ist Sternfahrt in Berlin, und bis zu 100.000 Fahrradfahrer haben sich | |
| aus dem Umland in die Innenstadt aufgemacht. Für einen Tag ist es so, als | |
| gehöre den Rädern die Stadt. |