| # taz.de -- Montagsinterview Schauspielrein Maren Kroymann: "Bei Elvis kriegte … | |
| > Lässt man sie, redet Maren Kroymann wie ein Wasserfall. Das habe sie | |
| > lernen müssen, um mit den älteren Brüdern mithalten zu könnensagt die | |
| > Schauspielerin, Satirikerin und Sängerin. | |
| Bild: 2019 wurde Maren Kroymann mit dem Deutschen Fernsehpreis für „Beste Co… | |
| taz: Frau Kroymann, toll, dass Sie mir einen Einblick in Ihre Privatwohnung | |
| erlauben. Hier die Bücherwand, das Buch zum Altern ganz vorne, Ihre | |
| Freundin, Ihr Hund, die Geburtstagsgirlande, der Wäscheständer | |
| Maren Kroymann: Das mach ich sonst echt nicht. Aber ich kann | |
| nachvollziehen, dass es hilfreich ist für so ein persönliches Interview. | |
| Sie schreiben ja nicht, um Details aufzugreifen und mich lächerlich zu | |
| machen, hoffe ich. | |
| Eigentlich geht es darum, etwas von Ihnen zu verstehen. Sie wirken in Ihrer | |
| Vielseitigkeit unbestimmt. In wie vielen Welten lebt eine Schauspielerin, | |
| Kabarettistin, Sängerin, Entertainerin wie Sie eigentlich? | |
| Das stimmt schon, das sind alles verschiedene Welten. Gar nicht bezogen auf | |
| die Fähigkeiten: Ich kann an einem Tag singen und schauspielern. Aber es | |
| ist jedes Mal ein anderes Universum. Das macht es so schwer, all das, was | |
| man kann, zu kommunizieren. | |
| Wie meinen Sie das? | |
| Nehmen Sie Shirley MacLaine oder Peter Ustinov. In deren Biografien passen | |
| spielen, schreiben, tanzen oder Regie führen zusammen. Über sie sagt man: | |
| Mensch, so vielseitig, wunderbar, großartig. Wenn man sehr berühmt ist, ist | |
| die Vielseitigkeit was Tolles, und eine Fähigkeit verstärkt die andere. | |
| Aber wenn man nicht so prominent ist, gilt das als unentschlossen und man | |
| muss sich mühsam von einer Welt in die andere hangeln. | |
| So nach dem Motto: Die ist Kabarettistin, soll sie sich mal nicht | |
| übernehmen als Schauspielerin? | |
| Jeder Bereich ist wirklich ein eigenes Universum mit eigenen Leuten, mit | |
| eigenen Preisverleihungen, eigenem Klatsch. Schauspieler sagen: Oh, die | |
| kann ja gut singen. Sänger fragen: Hast du die Texte selbst gemacht? Leute, | |
| die Schreiben, sagen: Die kann ganz gut spielen. Gelobt wird immer gern das | |
| Andere. Ich finde solche Abgrenzungen absurd. Warum ist es so schlimm, wenn | |
| man da überall reingehören will? Aber nein, jedem Genre seine eigene Haut. | |
| Das klingt mehr nach Neid. | |
| Mag sein. Ich glaube aber, dass wir alle unterschwellig so was wie Neid | |
| kennen. Was kann die? Ist die besser als ich? Gar bekannter? Oder hat sie | |
| sich nur hochgevögelt? Darüber hab ich übrigens mal einen Sketch gemacht. | |
| Man darf das auf die Schippe nehmen. | |
| Hochvögeln - ist das noch gang und gäbe? | |
| Ja schon. Wir leben doch in einer Gesellschaft, in der die Identität von | |
| Frauen - vor allem in den Medien - über den Körper definiert wird. Der muss | |
| gut ankommen. Vor allem bei Männern. Und man weiß ja: Regisseure, die einst | |
| Liebhaber waren, sind mitunter sehr treu. Die besetzen auch ihre früheren | |
| Geliebten. Da entstehen so haremsartige Großfamilien. | |
| Woher wissen Sie das? | |
| Ich beobachte die Auftragslage. Ich lese die Bunte. Da ich mich für | |
| Frauenkarrieren interessiere, ist die Yellowpress hoch aufschlussreich. Wer | |
| hat was zu tun? Wer ist im Geschäft? Die müssen ja deswegen nicht unbegabt | |
| sein, aber mit Protektion haben sie bessere Chancen. | |
| Finden Sie es bitter, dass es immer noch so funktioniert? | |
| Ist doch naiv zu glauben, das hätte aufgehört. Durch was hätte es aufhören | |
| sollen? Durch die Frauenbewegung sicher nicht. Die meisten Frauen, die gute | |
| Karrieren machen, sind keine harten Feministinnen. Diese werden, wenn sie | |
| Glück haben, Frauenbeauftragte, aber weiter kommen sie nicht. Viele Frauen | |
| kommen in die Medien, weil sie das haben, was gefragt ist: Ein wenig | |
| Begabung, Talent zur Selbstpräsentation und gutes Selbstbewusstsein - | |
| emanzipiert, aber nicht feministisch. Darauf stehen die entscheidenden | |
| Männer. | |
| Sie dagegen tanzen ohne Bräutigam auf mehreren Hochzeiten. | |
| Wohin soll ich mich denn auch hochvögeln? Dazu sind immer noch zu wenig | |
| Frauen in Führungspositionen. | |
| Mal im Ernst: Warum wollen Sie sich nicht festlegen? | |
| Weil es auf jeder Plattform was zu erledigen gibt. Ich versuche eben, | |
| Theorie und Praxis zu verbinden. Ich kann ein 50er-Jahre Schlagerprogramm | |
| machen oder einen Artikel über die Zeit damals schreiben. Kopf und Bauch | |
| sind nicht getrennt. Ich verstehe nicht, dass man das immer trennen will. | |
| Sehen Sie nicht die Gefahr, sich zu verzetteln? | |
| Doch sicher. Aber ich finde, es ist ein schöner Luxus, sich nicht | |
| entscheiden zu müssen. Das heißt natürlich auch, dass ich nicht | |
| durchstarte. Weil ich viele Neigungen habe und will, dass das, was ich | |
| mache, über den Moment hinausgeht, muss ich suchen. | |
| Wie suchen Sie? | |
| Intuitiv. Ich war zum Beispiel früh Schauspielerin am Tübinger | |
| Zimmertheater. Dann bin ich nach Berlin ans Schillertheater gekommen. Als | |
| ich gesehen habe, wie hier mit Schauspielerinnen umgesprungen wurde, habe | |
| ich gesagt: So will ich das nicht, und habe mein | |
| Literaturwissenschaftsstudium weitergemacht. Gerade wie Frauen auf der | |
| Bühne und im Fernsehen behandelt wurden, stieß mir mitunter auf. Wenn es zu | |
| viel Anpassung braucht, dann möchte ich es lieber nicht machen. | |
| Sie leben demnach mit Reibungsverlusten? | |
| Nachdem man in der ARD meine Sendung "Nachtschwester Kroymann" abgesetzt | |
| hatte, habe ich zwei Jahre gebraucht, um zu kapieren, dass man mich dort | |
| als Kabarettistin nicht mehr haben wollte. Es ist ja nicht so, dass ich | |
| mich frage: Was mach ich jetzt? Spiel ich oder sing ich? So nicht. Sondern | |
| ich prüfe, in welchem Bereich ich kreativ sein und meine Würde behalten | |
| kann. | |
| Und das können Sie in Fernsehserien wie "Oh Gott, Herr Pfarrer"? | |
| Ja klar kann ich das. Da wurde zur besten Sendezeit eine aufmüpfige | |
| Pfarrersfrau gezeigt. Eine, die dem christlichen Frauenbild nicht | |
| entspricht. Eine, die sagt: Ich bin doppelbelastet, ich koch Kartoffeln und | |
| korrigiere. Eine, die sagt: Ich kann die Bibelgruppe nicht machen, ich | |
| glaub nicht an Gott. | |
| Zuletzt haben Sie großes Lob für Ihre Rolle im Film "Verfolgt" bekommen, | |
| der dieses Jahr in die Kinos kam. Sie spielen eine 52-jährige | |
| Bewährungshelferin, die eine sadomasochistische Beziehung mit ihrem | |
| 16-jährigen Probanden eingeht. Eine Rolle, die Sie als Novum in Ihrer | |
| bisherigen Karriere bezeichnen. Was ist neu? | |
| Neu ist, dass ich im ernsthaften Bereich spiele. Neu ist, dass ich suchend | |
| spiele. Dass ich nicht in möglichst kurzer Zeit was Fertiges aufs Bild | |
| bringe, sondern was entwickle, wofür es kein Stereotyp gibt. Dass ich | |
| Unsicherheit spielen darf. Auch dass ich die Schönheitsideale des | |
| Fernsehens unterlaufe. Den jungen Mann verkloppen, das war natürlich auch | |
| neu. Das ist aber nicht, was mich weitergebracht hat. | |
| Sondern? | |
| Dass ich eine Frau meines Alters spiele, die ihren Neigungen nachgeht, | |
| obwohl sie nicht weiß, was es ist, was sie spürt. Diese Suche in sich | |
| selbst, die ist zutiefst emanzipatorisch. Was möchte ich jetzt, unabhängig | |
| von dem, was die Leute erwarten, was man in dem Alter macht? Sie entwickelt | |
| eine neue Option, obwohl diese gesellschaftlich höchst fragwürdig ist und | |
| sie von niemandem positives Feedback kriegt außer von sich selbst. Das | |
| finde ich eine tolle Rolle. | |
| Sie spielen die Bewährungshelferin geradezu ungeschminkt. | |
| Ich war ja real ungeschminkt. Deshalb sieht man all die Falten. | |
| Und Sie können diese Ehefrauen alle spielen, ohne auf ihr Lesbischsein | |
| festgelegt zu werden? | |
| Ich habe mir immer gewünscht, dass die Leute ganz selbstverständlich | |
| wissen: Die ist lesbisch, die steht auch dazu, die kann man darauf | |
| ansprechen. Gleichzeitig kann sie alles spielen, was sie spielen könnte, | |
| wenn es diese Information nicht gäbe. Das brauchte seine Zeit und das | |
| brauchte eine Aufgeschlossenheit von Seiten der Produzenten. Auch in der | |
| Branche sind Vorurteilsstrukturen aufgebrochen. Nur bei der ARD dauerte das | |
| länger. Da saß lange eine alte Männerriege, die ihr altes Frauenbild | |
| tradierte, ohne es reflektieren zu müssen. | |
| Dem Frauenbild in den Medien entsprechen Sie tatsächlich nicht. Sie sind | |
| 58, attraktiv, feminin und feministisch, lieben eine Frau. Sie nutzen Ihre | |
| Popularität, um Tabus zu brechen. Und Sie verstecken Ihre | |
| Tabaksbeutelfalten über der Oberlippe nicht. | |
| Tabaksbeutelfalten? Das ist gut. Das Wort ist Satire. | |
| Satire ist was Ungeschminktes? | |
| Was Abgeschminktes. Die Maske runterreißen. Wahrheit statt Image. | |
| Wirklichkeit statt vorgegebenem Bild. Beim Lachen geht einem ein Licht auf. | |
| Satire hat was mit Lust zu tun. Lustig heißt nicht umsonst so. | |
| Ab nächster Woche treten Sie wieder mit Ihrem Gesangsprogramm "Gebrauchte | |
| Lieder" in der "Bar jeder Vernunft" auf. Sie singen Schlager aus den 50er- | |
| und 60er-Jahren. Was reizt Sie an denen? | |
| Sie haben mir beim Größerwerden geholfen. Alles, was sich zwischen | |
| Geschlechtern abspielt, haben meine Eltern ausgeblendet. Bei mir kam das in | |
| den Schlagern vor. Bei Elvis Presley kriegte ich Gänsehaut. Der sang über | |
| Mädchen und Frauen. Das hat meine Fantasie angeregt. Ich wollte so ein | |
| Mädchen sein, das ihm gefallen würde. Alles, was mit Libido, mit | |
| Sinnlichkeit, mit Toll-gefunden-Werden zu tun hat, das kam in den Schlagern | |
| vor. Da war es mir gerade recht, dass es so trivial ausgedrückt war. Mit | |
| Eltern will man Sex nicht besprechen. Zumindest ich nicht. Dafür standen | |
| Elvis und der ganze Rock n Roll. | |
| Wie sind Sie denn auf Elvis gekommen? | |
| Natürlich vermittelt über meine vier älteren Brüder. Die haben das gehört. | |
| Da wusste ich, das ist definitiv eine andere Welt als dieses Tübingen mit | |
| Kirchenchor und altsprachlichem Gymnasium, mit Lateinvokabeln, Bachsonaten | |
| und Ballettunterricht. Das ist aufsässig, prickelnd, geheimnisvoll. | |
| Wie ist es, wenn Sie mit den Liedern auf die Bühne gehen? | |
| Es geht mir gut, wenn ich singe. Und ich spreche über etwas, das ich kenne. | |
| Da hab ich weniger Stress als bei Angelerntem. Ich kann die Akzente setzen. | |
| Ich gehe auf die Bühne, und 300 Leute schenken mir ihre Aufmerksamkeit. Das | |
| ist ein hochgradiges Privileg. Das ist Zuwendung. | |
| Wie lange halten Sie so eine Spannung aus? | |
| Solche Programme müssen kurz und intensiv sein. Man darf die Konzentration | |
| nicht überstrapazieren. Abgänge finde ich übrigens am schwersten. Man muss | |
| den richtigen Moment finden, um die Symbiose zwischen Publikum und | |
| Künstlerin aufzulösen. Am wohlsten fühle ich mich bei den Zugaben. Das | |
| Wiederkommen nach dem Abgang. Jetzt kriegen sie noch was, was sie gar nicht | |
| wussten. Das ist der Moment, wo amerikanische Künstlerinnen die | |
| Stöckelschuhe ausziehen und Udo Jürgens im Bademantel auf die Bühne geht. | |
| Es ist pure Lust. Doof ist, wenn man Zugaben gibt und die Leute schon | |
| gehen. | |
| 12 Aug 2007 | |
| ## AUTOREN | |
| Waltraud Schwab | |
| Waltraud Schwab | |
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