| # taz.de -- Schriftstellerin Verena Stefan: "Ich bin keine Frau. Punkt." | |
| > Verena Stefan schrieb 1975 "Häutungen" - ein literarisches Experiment | |
| > über die zerstörende Macht der Beziehung zwischen Mann und Frau. Ein | |
| > Gespräch mit der Mutter der Frauenliteratur - zum Muttertag. | |
| Bild: Die Frauenbewegung im Wandel der Zeit - Verena Stefan ist ihr missionaris… | |
| Wie wohl die Frau wirkt, die ihr literarisches Ich 1975 als "Kürbisfrau" | |
| bezeichnete? Der erste Blick konterkariert diese Vorstellung: Verena Stefan | |
| ist eher knochig, sehr klar in Blick und Konturen. In Kanada lebt sie, dort | |
| kann man sie sich gut vorstellen, mit viel Raum. Jetzt reist die Autorin | |
| mit ihrem neuen Buch, "Fremdschläfer", durch Deutschland und die Schweiz. | |
| Wir treffen uns nachmittags in Hannover. Sie wohnt dort bei einer Freundin | |
| in einem Mietshaus, dem die Frauenbewegung noch anzusehen ist: Eine | |
| Frauenstiftung ist hier untergebracht, Zeitschriften liegen im Flur, eine | |
| Schreibtafel für Nachrichten baumelt an der Wand. | |
| taz.mag: Frau Stefan, 1968 kamen Sie aus Bern nach Berlin. Sehen Sie sich | |
| als 68erin? | |
| Verena Stefan: Eher indirekt. | |
| Sie waren 20. Also im besten Protestalter, sollte man meinen. | |
| Ich machte damals eine Krankengymnastikausbildung und hatte mit dem SDS | |
| nichts zu tun. Aber eines Tages, es war 1971, kam Helke Sander zu meinem | |
| damaligen Freund, einem Mediziner, und wollte Material über die | |
| pharmazeutische Industrie und die Pille abholen. Sie hatte angefangen, mit | |
| anderen Frauen an einem Buch zu arbeiten, das dann zum "Frauenhandbuch Nr. | |
| 1" der Gruppe "Brot und Rosen" wurde. Bei diesem Gespräch hat es bei mir | |
| "klick" gemacht. Ich dachte: Die will ich kennenlernen, dabei möchte ich | |
| mitmachen. Dann gings los, mit Frauenkongressen und Aktionen zum Paragrafen | |
| 218. | |
| Wie kam es zu dem Buch "Häutungen"? | |
| Unsere "Brot und Rosen"-Gruppe sollte für das Kursbuch einen Beitrag | |
| schreiben: "Wie ist die Emanzipation der Frau mit der Beziehung zu einem | |
| Mann zu vereinbaren?" Wir haben uns sehr amüsiert, weil wir meinten, das | |
| sei eher nicht vereinbar. Zu dem Text kam es so dann doch nicht, weil wir | |
| in Berlin 1974 das große Teach-in gegen den Paragrafen 218 organisierten. | |
| Aber ich hatte schon angefangen zu schreiben. Und ich konnte nicht mehr | |
| aufhören. Das war wie ein Dammbruch. Ich hatte meine Notizbücher zum Glück | |
| aufbewahrt, ich las sie wieder, und es fiel mir wie Schuppen von den Augen: | |
| Sie waren das Zeugnis einer einzigen Gehirnwäsche. Daraus ist das | |
| Manuskript entstanden. | |
| Hatten Sie Vorbilder? | |
| Es gab Simone de Beauvoir, Kate Millett und Shulamith Firestone. Man hat | |
| noch jedes Buch einzeln entdeckt: Christa Wolfs "Nachdenken über Christa | |
| T.", zum Beispiel, oder "Die Glasglocke" von Sylvia Plath. Es gab noch | |
| keine Bibliotheken und Frauenbuchläden, voll mit Literatur von Autorinnen. | |
| Aber in den USA gab es das alles. 1974 habe ich dort drei Monate alle | |
| möglichen feministischen Einrichtungen abgeklappert, Buchläden, Verlage, | |
| Galerien und Frauenzentren. | |
| "Häutungen" gilt als Kultbuch der Frauenliteratur. Eine Ikone. Wie war das | |
| für Sie? | |
| Das Buch hat sofort zwei Fraktionen geschaffen, im Lesepublikum und in der | |
| Literaturkritik, die es eigentlich bis heute noch gibt. Es gab euphorische | |
| Zustimmung, differenzierte Untersuchungen und entschiedene Ablehnung von | |
| Kritikern und Kritikerinnen. Einige sagten: Aber das ist keine Literatur, | |
| das ist ein Bekenntnis, ein besseres Tagebuch. | |
| Wie haben Sie selbst das Buch bezeichnet? | |
| Für mich war es ein literarisches Experiment, ich habe mit Sprache und Form | |
| experimentiert. Ich bin sicher durch die feministische US-Literatur | |
| beeinflusst gewesen. Im deutschen Literaturbetrieb gibt es immer Aufpasser | |
| und Aufpasserinnen, die dir sofort sagen, was du falsch gemacht hast. Man | |
| ist nicht sehr experimentierfreudig. Man gesteht einer Frau nicht zu, ein | |
| Experiment zu machen. Das ist auch sehr deutsch: Darf man das? Ist das | |
| richtige Literatur? Nein, das ist falsche Literatur. | |
| Hat Sie das angefochten? | |
| Ja, sehr. Aber dieses Buch war unvermeidlich. Ich wollte immer schreiben. | |
| Schon als Kind. Meine Mutter hat schon geschrieben, wenn auch ohne zu | |
| veröffentlichen. Das Buch musste zu diesem Zeitpunkt einfach raus, es ist | |
| aus mir herausgestürzt. | |
| Wie sehen Sie "Häutungen" heute? | |
| Ich habe mich damit in eine anderes Leben katapultiert. Als "Häutungen" | |
| überall besprochen wurde und sich immer besser verkaufte, fand ich mich mit | |
| einem Mal an einem anderen Ort vor, nicht mehr wie die meisten anderen | |
| innerhalb der Frauenbewegung. Es gab viel Neid, Ressentiments, Häme und | |
| ebenso viel Bewunderung und Glorifizierung. Beides war gleich schwer zu | |
| verkraften. Allerdings hätte ich gerne eine gute Lektorin gehabt, mit der | |
| ich bestimmte Dinge hätte diskutieren können. Das gab es nicht. Aber so war | |
| es eben, es war alles ein Experiment. Der Verlag war neu, Zeitschriften | |
| waren neu. Wir haben uns selbst neu erfunden. | |
| Was hätten Sie mit einer Lektorin diskutieren wollen? | |
| Ich hätte die Erfahrungen mit der lesbischen Liebe anders schreiben können. | |
| Das war zu früh. Die Erfahrungen waren noch zu frisch, ich war wie in einem | |
| Rausch und hatte zu wenig Abstand. Ich hätte eine andere Form finden | |
| müssen. | |
| Zunächst haben Sie ja über die Liebe zu Männern geschrieben. Da heißt es: | |
| "Liebe ist eine tausendfache verwechslung von begehrtsein und vergewaltigt | |
| werden." Ist das heute auch so? | |
| Dieser Satz hat ins Mark der heterosexuellen Welt getroffen. Sie sehen ja, | |
| welchen Zwängen junge Mädchen heute ausgesetzt sind, was Attraktivität oder | |
| Sexualpraktiken betrifft. Das ist angereichert und verschärft durch Videos, | |
| Internet, Pornografie. Sie haben die Machtstrukturen auf ungeahnte Weise | |
| verfestigt. | |
| "Ich gebe mir mühe, alles richtig zu bewegen, bis er einen orgasmus hat", | |
| haben Sie geschrieben. Die Selbstauskünfte von jungen Frauen heute sind | |
| andere. Auch Sexualforscher sehen einen fundamentalen Wandel - hin zu einer | |
| konsensualen Sexualität. Glauben Sie das alles nicht? | |
| An dem Punkt würde ich ganz genau wissen wollen, was "konsensual" heißt, | |
| wer Lust und Befriedigung definiert und wie. Die Jüngeren, die | |
| Schülerinnen, sind doch Zwängen ausgesetzt. In Montreal wurde vor zwei | |
| Jahren eine Studie veröffentlicht, in der gängige Sexualpraktiken der | |
| Vierzehn- bis Achtzehnjährigen untersucht wurden, Gruppensex, Oralverkehr | |
| und Analverkehr mit mehreren Jungs, alles ohne Schutz. Darauf kamen viele | |
| Leserinnenbriefe von Schülerinnen, die schrieben: Endlich sagt es mal | |
| jemand. | |
| Sehen sich die Jungs nicht durch den Gruppendruck genauso genötigt? | |
| In solchen Situation nötigen die Jungs die Mädchen. Der Gruppenzwang ist | |
| enorm, und die Struktur ist offensichtlich. Es geht um die Befriedigung der | |
| Jungen, die Mädchen bedienen sie. Die erste Erfahrung, die Mädchen machen, | |
| ist oft von einer solchen Machtbeziehung geprägt. Und im Übrigen auch von | |
| einem Zwang zur Heterosexualität. Alle wissen, dass man lesbisch oder | |
| schwul sein kann, aber man darf nicht dazugehören, das ist der soziale Tod | |
| in diesem Alter. | |
| Das ist aber doch auch ein Problem der Pubertät. Extreme Polarisierungen, | |
| blöde Geschlechterrollen. Da wächst man doch heraus, oder? | |
| Das kann ich nicht beurteilen. Ich habe den Eindruck, die Jugendlichen | |
| geraten eher stärker in etwas hinein. Oft wird das Ganze ja gleich noch | |
| gefilmt und übers Internet vertrieben, so wie es inzwischen üblich ist, | |
| dass Jugendliche sich Gruppenvergewaltigungen per Handy zuschicken. Wissen | |
| Sie: Die Definition, wie die heterosexuelle Welt konstruiert ist, ist | |
| gleich geblieben. Die soziologische Pyramide besteht fort: Die Spitze ist | |
| weiß, heterosexuell und männlich. Alles andere ist weniger wert. Wenn man | |
| zur Frau erklärt wird, wird man zu einem Wesen gemacht, das in die | |
| Kategorie "anders" gehört. Deshalb wollte ich mich nicht zur "Frau" | |
| reduzieren lassen. Ich wollte ein Mensch sein. | |
| Das heißt, Sie sind keine Differenzfeministin, die die Weiblichkeit an sich | |
| aufwerten möchte? | |
| Richtig. Damals gab es diese Theorie übrigens noch gar nicht. Alix Dobkin | |
| sang 1973 den Ohrwurm "The woman in your life is you". Ich aber wollte | |
| nicht in die Kategorie Frau gehören. Ich habe am Schluss von "Häutungen" | |
| geschrieben: "Der MENSCH meines lebens bin ich." Das heißt: In der Welt | |
| sein. Hinausmarschieren und werden, was man werden will. Nicht | |
| eingeschränkt sein. Reisen können, nachts auf der Straße sein können. Wenn | |
| man sich zuerst als Frau definiert, dann muss man gegen das Klischee und | |
| gegen die Rolle arbeiten. Das wollte ich nicht, ich wollte ein Mensch sein. | |
| Die Theoretikerin Monique Wittig sagte: "Ich bin keine Frau". Punkt. | |
| Und was ist denn nun das Ziel der Feminismus, wenn es nicht die Aufwertung | |
| von Weiblichkeit ist? Gleichheit? | |
| Nein, eben gerade nicht, wenn Gleichheit an männlich, weiß, hetero gemessen | |
| wird. | |
| "Ich möchte mit keines mannes verkümmerung gleichberechtigt sein", | |
| schrieben Sie in "Häutungen". | |
| Wenn wir jetzt diskutieren wollen, wie die heterosexuelle Struktur | |
| beseitigt werden könnte, sitzen wir morgen früh noch hier. Aber eines ist | |
| klar: Der Gedanke "Wenn alles schiefgeht, kann eine Frau heiraten" ist | |
| pures Gift, mentales Gift. Dieser Gedanke schwächt: Man bekommt Anerkennung | |
| dafür, dass man sich in einen goldenen Käfig setzt. | |
| Na ja, aber heute sagen 85 Prozent der jungen Frauen, etwa in der neuen | |
| Brigitte-Studie, sie wollen finanziell unabhängig sein. Da hat sich doch | |
| einiges verändert. | |
| Ich habe gerade gehört, wie schlecht die Situation von Frauen in | |
| Deutschland und Österreich im EU-Vergleich aussieht, was gleiche Bezahlung, | |
| Vollbeschäftigung und Positionen im höheren Management angeht. Der Konflikt | |
| Kinder oder Karriere scheint doch hochaktuell zu sein, überhaupt nicht | |
| gelöst. | |
| Die jungen Damen heute verstehen die Entfremdungserfahrungen, die Sie | |
| beschrieben haben, ebenso wenig wie die Freiheitsversprechen Ihrer | |
| Generation. Dieses Denken lässt sich offenbar schlecht vererben. | |
| Da bin ich nicht so sicher. | |
| Ein Buch wie "Häutungen" gibt es heute nicht mehr. Stattdessen dominieren | |
| Ratgeber zur Alltagsbewältigung: "Die weibliche Art, sich durchzusetzen", | |
| oder so. | |
| Heute hat man dreißig Jahre mit diesem Buch gelebt. Diese Ratgeber sind | |
| eine Folge unserer radikaleren Bücher. | |
| Aber die Heilserwartung Ihres Denkens ist daraus völlig verschwunden. | |
| Heilserwartung? Hatten wir nicht. Wir hatten ein utopisches Denken, das | |
| stimmt. Wir wollten die Welt verändern. In allem. Und nicht nur wir: Das | |
| war eine weltweite Bewegung. Das können Sie sich gar nicht mehr vorstellen. | |
| Heute gibt es das ganze ökonomische und feministische Wissen. Damals gab es | |
| nichts. Plötzlich ging eine Tür auf, und da war ein völlig neues Zimmer mit | |
| völlig neuem Wissen. Ein neuer Blick auf die Wirtschaft, die Gesellschaft, | |
| die Geschichte. Wir fanden wieder, was der herrschende Blick alles | |
| aussortiert und in den Keller verbannt hat. | |
| Die Frauen zum Beispiel? | |
| Ja, dazu gehörten in erster Linie auch die Frauen. Künstlerinnen, | |
| Denkerinnen. Die finden Sie alle im Keller wieder, eine ganz neue | |
| Geschichte. Dass eine Frau aufstand und sagte: "Ich bin übrigens anderer | |
| Meinung. Ich denke mir das so und so", das war eine Revolution. Und | |
| plötzlich gab es ganz viele von diesen Frauen mit so vielen Gedanken. Es | |
| war reine Euphorie. Sie sprechen von "Entfremdung": Es war das Gegenteil: | |
| Wir haben uns zum ersten Mal "wirklich" gefühlt. Wenn ich durch eine Straße | |
| gehe, bin ich wirklich da. Weil ich eine Verabredung habe, mit anderen | |
| Frauen. Weil es uns brennend interessiert hat, wie wir die Welt sehen, wie | |
| wir denken. | |
| Die Protagonistin in "Häutungen" verlässt ihren Freund, gerade als er | |
| anfängt, Verständnis für sie zu entwickeln. Das legen Ihre KritikerInnen | |
| als Männerfeindlichkeit aus. Ihre Lösung ist die lesbische Liebe, die | |
| heterosexuelle geht nicht. | |
| Das habe ich damals ja auch so gemeint. Die heterosexuellen Beziehungen | |
| waren doch auch so strukturiert, gerade in der Linken: Die Männer reden, | |
| die Frauen kochen Kaffee. | |
| Und Sie pflegen da nicht vielleicht ein lieb gewonnenes Feindbild? Meinen | |
| Sie denn heute auch noch, heterosexuelle Liebe gehe nicht? | |
| Heute gebe ich keine Programme mehr aus. Damals war ein missionarischer | |
| Eifer dabei. Heute meine ich, dass jeder Mensch das selbst entscheiden | |
| muss. | |
| Aber die Heteras fügen sich der Geschlechter-Machtordnung? | |
| Es gibt heute individuell sicher andere Möglichkeiten. Aber die Machtfrage | |
| ist ein strukturelles Problem, auf dem unsere Welt aufgebaut ist, mit der | |
| wir aufwachsen wie mit der Luft, die wir atmen. Machtfragen entstehen in | |
| allen Beziehungen, auch in lesbischen. | |
| "Liebe zwischen Frauen heilt", haben Sie dennoch in dem nachfolgenden Buch | |
| "Mit Füßen und Flügeln" postuliert. Da war sie noch, die Heilserwartung, | |
| oder? | |
| Es geht nicht um eine Heilserwartung. Es geht darum, dass wir in einer Art | |
| Parallelwelt lebten. Da muss man sich immer wieder versichern, dass man | |
| noch da ist, dass man existiert. Und deshalb ist die Bestätigung von | |
| anderen Frauen so wichtig: Ja, es gibt dich, und das, was du denkst, ist | |
| nachvollziehbar. So würde ich heute diesen Satz übersetzen, "Liebe zwischen | |
| Frauen heilt". Es hat mit Verifizieren zu tun: Du spinnst nicht. Du bist | |
| nicht verrückt. Was du wahrnimmst, existiert tatsächlich. Mit meinem neuen | |
| Buch mache ich übrigens gerade höchst merkwürdige Erfahrungen. Ich treffe | |
| auf Literaturkritiker, die sich dunkel an "Häutungen" erinnern und nun | |
| denken: "Oho, die ist Feministin, da muss ich mir eine Frauenfrage | |
| einfallen lassen." Verstehen Sie, in diesem Verhalten kommt alles, was wir | |
| angesprochen haben, wieder zum Vorschein: Eine Feministin ist die Andere, | |
| eine Fremde, nicht ein Mensch, mit dem man über alles diskutieren könnte. | |
| Die Frauenfrage gehört immer noch nicht selbstverständlich zur | |
| Allgemeinheit. | |
| Sie sind gereist, um Spuren von Matriarchaten zu finden. Das hat Sie auch | |
| in den Ruch des Differenzfeminismus gebracht. | |
| Von mir aus. Was hat man mir nicht alles vorgeworfen. Ich war auf der Suche | |
| nach einer anderen Ikonografie. Es geht um Bildwelten. | |
| Silvia Bovenschen schrieb damals, diese Suche nach Matriarchaten sei ein | |
| hoffnungsloses Unterfangen: "Ihre Reiche sind erloschen, ihre Macht reicht | |
| nicht herüber." | |
| Da bin ich anderer Meinung. Diese Bilder sind in unserem Unbewussten | |
| virulent. Wenn Göttinnenbilder zum Vorschein kommen, hat das einen Einfluss | |
| auf uns, es verändert die symbolische Ordnung: Es waren nicht immer nur die | |
| drei männlichen Hanseln da, wie etwa im Christentum. Das ist Bestandteil | |
| unserer geistigen Rumpelkammer: Es gab Bilder von weiblichen Figuren, die | |
| mächtig waren, im Vollbesitz ihrer Macht. Genauso wie es wichtig ist, zu | |
| sehen: Es gibt Frauen als Staatsoberhäupter. Das ist enorm wichtig, weil es | |
| die unbewusste Ikonografie verändert. Vor-Bilder im wahrsten Sinn des | |
| Wortes. | |
| Das erste Bild der Frau, das man erhält, ist das der Mutter. "Ich möchte | |
| von einer kühnen und attraktiven Frau abstammen", haben Sie in einer | |
| Betrachtung formuliert. Ihre Mutter war das nicht, oder? | |
| Meine Mutter hat nicht an sich und ihre Fähigkeiten geglaubt. Sie hat | |
| geheiratet, weil sie sich ein Studium nicht zugetraut hat. Das war schade, | |
| denn sie war sehr begabt. | |
| Die sehr negative Darstellung der Männer in Ihrem Buch "Häutungen" sei eine | |
| Verschiebung des Hasses auf Ihre Mutter, sagt eine Analyse ihres Buches. | |
| Das ist absurd. Meine Mutter versuchte, mich zu zähmen, was nicht | |
| funktioniert hat. Das hatte damit zu tun, dass mein Vater ein deutscher | |
| Einwanderer in der Schweiz war. Ich sollte überkompensieren und ein nettes | |
| Schweizer Mädchen sein. Ich war aber ein wildes Gör. Sie hat mir ein | |
| klassisches Doublebind vermittelt: Du kannst alles werden, du kannst alles | |
| machen. Aber so, wie du bist, kann ich dich nicht akzeptieren. | |
| Ist die Frauenbewegung entstanden, weil viele Frauen auf der Suche nach | |
| einer starken Mutter waren? | |
| Nach starken Frauen. Wir hätten niemals nach Müttern gesucht. Wir haben | |
| doch etwas Neues gewollt. | |
| Etwas hat Ihre Mutter Ihnen doch mitgegeben, einen Fluch, mit dem Sie | |
| tatsächlich mal zudringliche Männer abgewehrt haben. Wie ging der? | |
| "Du verflünerete Soucheib, du." "Du verfluchter Kadaver", falls man das | |
| überhaupt übersetzen kann. Das war die Heldengeschichte meiner Mutter. Sie | |
| hat damit nach dem Krieg angeblich die russischen Soldaten abgeschreckt, | |
| die Frauen vergewaltigen wollten. Kein Mensch weiß, ob das stimmt. Aber mir | |
| hat der Fluch tatsächlich geholfen. | |
| Sie plädierten damals dafür, "frau" statt "man" zu sagen. Ist Sprachreform | |
| immer noch Ihr Anliegen? | |
| Das war nie mein Anliegen, das war ein Gedankenexperiment, damit kann man | |
| spielen. | |
| Und heute fühlen Sie sich nun doch in der Sprache heimisch und wollen | |
| nichts mehr verändern? | |
| Ja. Sprache, das geschriebene Wort ist tatsächlich meine wichtigste Heimat, | |
| eine, die mir immer geblieben ist. Es geht mir nur darum, alles in diese | |
| Sprache zu "übersetzen". | |
| Was ist inzwischen passiert? | |
| Gute Frage. Schreiben ist immer eine Arbeit an der Sprache. Für diese | |
| Auseinandersetzung kann man keine einfachen Regeln vorgeben. | |
| Hat Ihr aktuelles Buch "Fremdschläfer" noch etwas mit "Häutungen" zu tun? | |
| Insofern es einen roten Faden durch alle meine Bücher gibt, die mit dem | |
| Menschsein zu tun haben. In "Fremdschläfer" geht es um Fremdheit und um | |
| Orientierungssysteme. Meine Emigration nach Kanada war eine unerwartete | |
| Erschütterung. Vor vierzig Jahren sagten wir, Frauen sind die Fremden im | |
| Patriarchat. Als Lesbe wird dieses Fremdsein verstärkt, manchmal auch unter | |
| Frauen. Eigentlich hätte ich im Fremdsein so routiniert sein müssen, dass | |
| das Auswandern nur eine weitere Variation des Themas hätte sein können. | |
| Aber ich musste entdecken, dass ich mich noch auf eine ganz andere Art | |
| fremd fühlen kann. Es war eine ganz allgemeine menschliche Erfahrung, die | |
| nichts mit dem Frausein zu tun hatte. | |
| Als Frau hat man kein Exklusivabo aufs Fremdsein. | |
| Nein, aber wie gesagt, es geht um strukturelle Fragen, und der | |
| Fremdheitsfaktor ist in der Chose von vornherein eingebaut. Die | |
| Einwanderungserlaubnis in Kanada bekommt man nach einem Punktesystem. Und | |
| ich bekam für meine lesbische Beziehung genauso viele Punkte wie andere für | |
| eine heterosexuelle. Ich war weder als Frau noch als Lesbe die "Andere", | |
| sondern ich war einfach eine Einwanderin wie alle anderen auch. Ich habe | |
| mich noch nie so sehr als Mensch gefühlt. | |
| Ein Hoch auf die Einwanderungspolitik Kanadas. | |
| Die war in meinem Fall nicht stigmatisierend. Trotzdem hat es mich aus der | |
| Bahn geworfen, mich mit 50 Jahren in einem völlig anderen kulturellen | |
| Kontext zu befinden. Und dann die Fremdheit in der Sprache. Dazu kamen noch | |
| der Krebs und die Chemotherapie. Erst wollte ich gar nicht über Krebs | |
| schreiben, aber die Krankheit hat mir eine bestimmte Erzählperspektive | |
| gegeben. Da passiert etwas im Gehirn, da löst sich etwas auf. Da verliert | |
| man wirklich die Orientierung. Ich hatte einen Fluss überquert, ins Reich | |
| der Kranken. Ich konnte nun das Krankheitsufer nehmen und davon auf das | |
| andere Ufer zurückblicken und sehen, was ich dort in der Fremde alles | |
| gelernt habe. | |
| Lange haben junge Frauen den Feminismus als gestrig begraben, jetzt gibt es | |
| wieder Forderungen nach "neuem Feminismus". Wie sehen Sie das? | |
| Wissen Sie, der Feminismus ist ja schlicht eine Methode des kritischen | |
| Denkens. Wenn man sich für die Veränderung der Machtstrukturen | |
| interessiert, ist es die einzig vernünftige Methode. Dass man davon wieder | |
| mehr haben will, ist doch sehr wünschenswert. Die Frauen werden bombardiert | |
| mit einer sehr engen Vorstellung davon, was weiblich ist. So viele von | |
| unseren Ideen und allem, was wir ausprobiert haben, haben nicht | |
| weitergelebt. Ich glaube, wir haben sie auch nicht intensiv genug | |
| weitergegeben, das war eine Schwäche. Kürzlich war ich in Graz auf einer | |
| Tagung, auf der auch die Frage gestellt wurde, ob es von Vorteil oder von | |
| Nachteil sei, feministische Autorin oder überhaupt Feministin zu sein. Ich | |
| habe mir das Vergnügen gemacht, einmal nur von den Vorteilen zu sprechen. | |
| Wie viele großartige Frauen hätte ich in den letzten 38 Jahren nicht | |
| kennengelernt! Vier internationale feministische Buchmessen hätte ich | |
| verpasst! Wie viele Reiserouten wären mir entgangen! | |
| 10 May 2008 | |
| ## AUTOREN | |
| Heide Oestreich | |
| Heide Oestreich | |
| ## TAGS | |
| Feminismus | |
| ## ARTIKEL ZUM THEMA | |
| Nachruf auf die Autorin Verena Stefan: Das Privileg, selbstbestimmt zu leben | |
| Verena Stefans Buch „Häutungen“ wurde zum Manifest der Frauenbewegung der | |
| siebziger Jahre. Jetzt ist sie im Alter von 70 Jahren gestorben. | |
| Feminismus der 70er Jahre: Existenzielle Einsamkeit | |
| Die neue Ausgabe der Zeitschrift „Mittelweg 36“ erkundet das Vermächtnis | |
| der wegweisenden Feministin Shulamith Firestone. |