| # taz.de -- Kunstkooperation: Raum und Anmaßung | |
| > Bremen, Hamburg und Lüneburg machen sich auf, in kleinen Häusern die | |
| > Dimensionen des Raumes mit den Mitteln zeitgenössischer Kunst zu | |
| > erfassen. Auf die Hilfe der großen Institutionen verzichtet man dabei | |
| > bewusst. Die Reise sagt am Ende auch einiges über die Städte selbst. | |
| Bild: Guido van der Werve: Nummer acht - Everything is going to be alright, 200… | |
| Es ist eine "Anmaßung", sagt Janneke de Vries, die Direktorin der | |
| Gesellschaft für Aktuelle Kunst (GAK) in Bremen. | |
| Und zwar in vielerlei Hinsicht. Geht es doch um eines der ganz großen | |
| Themen, nicht nur der zeitgenössischen Kunst: ihr Verhältnis zum Raum. So | |
| ganz allgemein. Eine Bestandsaufnahme soll es sein, vielleicht, eine | |
| Zwischenbilanz. Vorgenommen haben sich das vier eher kleine norddeutsche | |
| Häuser - neben der GAK das dort benachbarte Künstlerhaus Bremen sowie der | |
| Hamburger Kunstverein Harburger Bahnhof und die Halle für Kunst in | |
| Lüneburg. All die großen Institutionen zeitgenössischer Kunst in | |
| Norddeutschland bleiben ganz bewusst außen vor, egal, ob sie aus Bremen | |
| oder Oldenburg, aus Hannover oder Hamburg kommen. Die kleinen sollen die | |
| Aufmerksamkeit für sich haben. | |
| Es ist die erste länderübergreifende Kooperation dieser Art in | |
| Norddeutschland. Und zwar eine, die zugleich eine anmaßende Erwartung an | |
| die BesucherInnen formuliert: Sie sollen reisen. | |
| Am besten an einem Tag. Am besten von Bremen aus - denn in der GAK, wo die | |
| Idee entstanden ist, fängt mit der "Raumaneignung" alles an. Und am besten | |
| mit dem Zug. Schließlich muss man, per Bahn von Bremen nach Lüneburg | |
| reisend, ohnehin am Harburger Bahnhof umsteigen. Und warten. Es ist eine | |
| Reise, die auch den Umgang dieser Städte mit der Kunst widerspiegelt. | |
| Die Eröffnung ist feingliedrig, und flüchtig, nahezu unscheinbar, langsam | |
| sichtbarer werdend. Katrin Meyer hat die lang gestreckte GAK mit | |
| handelsüblichem Tesafilm geteilt, diesen in langen schmalen Streifenbändern | |
| zwischen Decke und Boden eingespannt. Und dann nochmals, quasi als Vorhang, | |
| an einer langen Fensterfront zur Weser hin. Noch ist dieser kaum sichtbar, | |
| Staub und Spinnen werden das ändern. Schließlich wird alles Abfall. Auf dem | |
| neu entstandenen Binnenraum sind Kopien angeordnet - die etwas | |
| willkürlichen Ergebnisse von Meyers Recherchen zu jenen "White Cubes", in | |
| denen zeitgenössische Kunst meist stattfindet. | |
| Überhaupt bestehen die "Strategien der Raumaneignung" in der GAK meist | |
| darin, temporär neue Räume zu schaffen. Zum Beispiel durch eine massive, | |
| raumhohe, rissige Gipswand von Guillaume Leblon, die jedoch nicht mehr sein | |
| will als ein architektonischer Fremdkörper. Oder durch ein in die Wand | |
| eingelassenes Miniaturmodell des Bremers Christian Haake, eine Szenerie aus | |
| Wohnhausfronten und Badezimmer im Kleinstformat, überaus allgemein und doch | |
| einem konkreten Tatort gleich. | |
| Manche Raumaneignung scheitert. Bisweilen bewusst. Manchmal auch, weil die | |
| These, die zugrunde liegt, streitbar ist, aber nicht trägt. So wie bei | |
| Daniel Maier-Reimers Fotos - Ergebnisse einer langen Reise und sich doch | |
| dem Wesen der Fotografie entziehend. Was bleibt, ist die Vorstellung einer | |
| "Universalität der Landschaft". Die so abstrakt ist, das nichts bleibt. | |
| Das Werk hätte vielleicht auch nebenan ins Künstlerhaus gepasst, wo es um | |
| "Raumverlust" geht. Es geht hier stets mit Bewegung einher. Sei es durch | |
| den Künstler Guido van der Werve, der im ewigen Eis scheinbar ziellos einem | |
| Eisbrecher vorausgeht. Sei es durch des Künstlers gefilmte Installation, | |
| die sich in all ihrer kontinentalen Plastizität doch dem Betrachter | |
| entzieht. Sei es, weil von Elín Hansdóttir neue labyrinthartige Räume | |
| geschaffen werden, dunklen Spiegelkabinetten nicht unähnlich. Was all dem | |
| fehlt, ist die tiefere Auseinandersetzung mit den Folgen des Raumverlustes. | |
| Ein Thema, das sich auch politisch ausdeuten ließe. | |
| Die stärkste Position aller vier Ausstellungen findet sich unter der Rubrik | |
| "Raumverschiebung" - im früheren Wartesaal erster Klasse des Harburger | |
| Bahnhofes. Den 300 Quadratmeter großen, gut fünf Meter hohen Raum dominiert | |
| selbstbewusst ein einziges Werk: Eine hölzerne, nur für diesen Ort gebaute, | |
| hernach wieder verschwindende Arbeit des Berliners Kai Schiemenz. Es ist | |
| ein fragiles Zwitterwesen aus Architektur, Skulptur, Installation und | |
| Bühne, dass den Beobachter zum Teilnehmer macht und damit wie | |
| selbstverständlich die Beziehung von Architektur und Gemeinschaft kritisch | |
| diskutiert, sie ihrer scheinbaren Neutralität beraubt. Die Arbeit markiert | |
| zugleich einen Endpunkt in der bisherigen Entwicklung des Künstlers: Er hat | |
| sich in früheren, zunehmend abstrakter werdenden Holzarbeiten vor allem mit | |
| dem Stadionbau auseinander gesetzt, auch ihren totalitären Zügen. | |
| Eine solche Vielschichtigkeit fehlt leider den meisten Arbeiten der Halle | |
| für Kunst in Lüneburg. Dort hat man sich für eine kleinteilige, wenig | |
| stringente, dabei fast beliebig wirkende Gruppenausstellung entschieden, | |
| die den "Sozialen Raum" zum Gegenstand hat. Zu sehr vertraut man dort auf | |
| das mittlerweile wenig originelle Konzept, alltägliches zur Kunst zu | |
| erheben. | |
| Was nicht heißt, dass nicht auch in Lüneburg ein starker Beitrag zu "Space | |
| Revised" stünde: Er kommt von Christian Jankowski heißt "Kunstmarkt TV", | |
| eine Parodie auf Teleshoppingkanäle und zugleich das dokumentarische Video | |
| einer Live-Performance der Kunstmesse "Art Cologne" von 2008. Es entlarvt | |
| den kommerziellen Kunstmarkt in all seiner Selbstgefälligkeit. Inmitten | |
| seiner selbst, ohne dabei ins Moralinsaure zu verfallen. Und doch steckt | |
| auch darin eine Anmaßung. | |
| 15 May 2009 | |
| ## AUTOREN | |
| Jan Zier | |
| Jan Zier | |
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| Kunst | |
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