| # taz.de -- Montagsinterview mit dem Ethnologen Markus Schindlbeck: "Das Paradi… | |
| > Bei 37 Grad im Schatten werden Südseeträume wach - die man gut im | |
| > Ethnologischen Museum Dahlem ausleben kann. Viele Dinge dort gibt es so | |
| > in der Südsee gar nicht mehr, sagt der Ethnologe Markus Schindlbeck. | |
| Bild: "Man muss Glück und Begeisterungsfähigkeit haben, sonst hält man es ni… | |
| taz: Herr Schindlbeck, fühlen Sie sich reif für die Insel? | |
| Markus Schindlbeck: Bei der derzeitigen Hitze wäre eine kühle Meeresbrise | |
| nicht schlecht. | |
| Was schwebt Ihnen vor? | |
| Palau oder Yap in der Südsee. Dort sind wunderschöne kleine Inselwelten, | |
| die man an einem Tag umwandern kann. | |
| Also auf ins Paradies, wie der jahrhundertealte Mythos besagt? | |
| Ja, ja. In der Südsee wachsen den Menschen Bananen und Kokosnüsse in den | |
| Mund, sie leben freie Liebe, sind glückselig und so weiter - alles Quatsch. | |
| Das sind immer europäische Träume gewesen. Die Indigenen mussten stets hart | |
| für ihren Lebensunterhalt arbeiten. Als ethnologisches Museum profitiert | |
| man natürlich davon. Mit dem Traum von der Südsee kann man Besucher | |
| anlocken. Deshalb haben wir unsere Abteilung auch bewusst Südsee und nicht | |
| Ozeanien genannt. | |
| Von einem Besucherandrang ist aber nichts zu spüren. | |
| Das stimmt leider. An manchen Tagen kommen nur 50 bis 100 Leute. Früher war | |
| das anders. Vor 20 Jahren waren es noch bis zu 2.000 am Tag. | |
| Worauf führen Sie das zurück? | |
| Im Jahr 2000 kam die Diskussion auf, dass das Ethnologische Museum ins | |
| Stadtschloss umziehen soll. Seither wird in den Standort Dahlem nichts mehr | |
| investiert. Dabei wird der Wiederaufbau des Schlosses ständig verschoben. | |
| Ursprünglich war von 2013/14 als Eröffnungszeitpunkt die Rede. Dann hieß es | |
| 2017. Letzte Information ist, dass im Jahr 2013 Spatenstich und 2020/22 | |
| Eröffnung sein soll. | |
| Glauben Sie noch daran? | |
| Allmählich werde ich skeptisch. | |
| Wie wirkt sich diese Unsicherheit auf den Standort Dahlem aus? | |
| Manchmal hat man den Eindruck, der Ort ist schon aufgegeben. Das Gebäude | |
| hat massive Baumängel. Teilbereiche mussten schon wegen Einsturzgefahr | |
| geschlossen werden. In neue Ausstellungen wird kaum noch investiert. Wenn | |
| man über Jahre keine attraktiven Angebote macht, verkommt ein Ort. Ich | |
| würde hier gerne noch eine Neuguinea-Ausstellung machen, auch um den | |
| Standort Dahlem wieder ins Bewusstsein zu rufen - aber wovon? | |
| Sie waren selbst in Neuguinea? | |
| Ja. Ich habe zwei große Expeditionen von jeweils eineinhalb Jahren gemacht. | |
| Die erste war 1973. Da war ich 23 Jahre alt, das zweite Mal war ich 1979 | |
| nach meinem Studium dort. | |
| Wo genau waren Sie? | |
| In einem Sumpfgebiet und einer Bergregion im nordöstlichen Teil von | |
| Neuguinea. Das war früher mal deutsche Kolonie. In den Jahren 1912/13 hat | |
| es dorthin schon eine große Expedition gegeben, die vom Berliner Museum | |
| ausgerichtet worden ist. Damals wurden Primärerkundungen gemacht, der | |
| Flusslauf wurde zum Beispiel kartografiert. Ich war in demselben Gebiet, | |
| habe aber ganz anders gearbeitet. | |
| Was haben Sie gemacht? | |
| Ich habe Mythen gesammelt. | |
| Das müssen Sie erklären. | |
| Die Leute sind ganz anders als wir. Man muss ihr Vertrauen gewinnen. Das | |
| geht nur, wenn man lange mit bei ihnen wohnt. Ich bin mit ihnen in die | |
| Gärten gegangen und im Einbaum durch die Sümpfe gefahren. | |
| Wie muss man sich die Verhältnisse vor Ort vorstellen? | |
| Die Leute hatten schon Eisenwerkzeuge, aber in mancher Weise haben sie noch | |
| gelebt, wie in der Zeit vor den Europäern. Die kamen dorthin ja erst um | |
| 1900, zum Teil sogar noch später. Ich war einmal in einem Gebiet in | |
| Neuguinea, da waren die ersten Weißen sogar erst um 1950 herum gekommen. | |
| Dort gingen die Menschen noch ohne Kleidung. Die Frauen hatten Grasröckchen | |
| an. Die Männer trugen nicht mal - wie andernorts üblich - Peniskalebassen. | |
| Das ist ein Tropengewächs, das man aushöhlen und über den Penis stülpen | |
| kann. | |
| Wie haben Sie dort gelebt? | |
| Ich war in den Dörfern der einzige Weiße. In dem einen Dorf hat man eine | |
| Hütte für mich gebaut. In dem anderen durfte ich in eine leer stehende | |
| einziehen. Ernährt habe ich mich von mitgebrachtem Reis und Konserven, | |
| manchmal auch von Gemüse, das die Leute angepflanzt haben. Aber das habe | |
| ich nur eingeschränkt getan. Sie haben selbst nicht immer genug zu essen. | |
| Haben Sie auch sich kleidungsmäßig angepasst? | |
| Nein. Ich habe Shorts und Hemden getragen. Aber ich habe mit Speer und | |
| Federbusch in den Haaren auf dem Tanzplatz getanzt. | |
| Wie haben Sie sich verständigt? | |
| Es gibt dort eine Fülle von Sprachen, das erschwert die Sache sehr. Man | |
| eignet sich einen Grundwortschatz an. Erst nach einem halben Jahr haben die | |
| Leute angefangen, mir Dinge zu erzählen, die sie mir vorher nie gesagt | |
| haben. Sie erzählen sehr bildlich. Ich habe das dann aufgeschrieben. | |
| Zum Bespiel? | |
| Wie die Welt geschaffen worden ist: von Krokodilen, die mit ihrem Rachen | |
| Himmel und Erde umspannen. Oder von Adlern, die Menschen fressen. Es gibt | |
| auch Gesänge, in denen Mythen vorkommen. Manches habe ich auch auf Tonband | |
| aufgenommen. | |
| Können Sie sich noch an eine Begebenheit erinnern? | |
| Einmal sind wir mit dem Einbaum durch den Sumpf gefahren. Das Wasser war | |
| ganz ruhig. Plötzlich fing das Boot an zu schaukeln. Da flüsterte einer der | |
| Männer: "Du, das ist der Sotmeli, der sitzt jetzt mit im Boot." | |
| Wer ist das? | |
| Ein Vorfahre. Die Lebenssituation der Leute ist so, dass die Toten immer | |
| mit einbezogen sind. Sie sind da. Das ist kein dummes Gerede. Die Angst, | |
| die sie vor den Geistern haben, kann einen ganz krank machen. | |
| Existieren diese Dörfer noch? | |
| In der Weise wie vor 30 Jahren sicher nicht. Inzwischen waren viele | |
| Forscher und Missionare da. Es gibt Radios. Die Zivilisation hat Einzug | |
| gehalten. | |
| Manche Exponate in der Südseeausstellung sind viele hundert Jahre alt. Auch | |
| von den Reisen des britischen Seefahrers James Cook gibt es Dinge. Ist das | |
| seinerzeit nicht alles geraubt worden? | |
| Das kann man so generell nicht sagen. In den meisten Fällen wurde | |
| getauscht. | |
| Gegen die berüchtigten Glasperlen und Spiegel? | |
| Nein, gegen Gebrauchsgegenstände. Dabei handelte es sich meistens um Eisen, | |
| damit haben die Indigenen ihre Werkzeuge gebaut. Das kann man in den | |
| Expeditionsberichten nachlesen. So ein Tausch scheiterte oft daran, dass | |
| die Leute nicht ein, sondern drei Eisen für eine Maske oder eine | |
| Schnitzerei haben wollten. Es hat aber auch Fälle von stummem Tausch | |
| gegeben. Da haben die Europäer etwas hingelegt und dafür etwas mitgenommen, | |
| wenn keiner da war. | |
| Die Einheimischen wurden also beklaut. | |
| Mit diesem Terminus könnte man das noch am Ehesten umkleiden. | |
| Müsste man die Dinge nicht zurückgeben? | |
| Wir haben viele Kontakte zu Südseebewohnern, auch zu dortigen | |
| Regierungsstellen. Im Allgemeinen sind die Leute froh, dass die Sachen so | |
| gut in den europäischen Museen aufgehoben sind. Sie wissen genau, vieles | |
| davon wäre sonst verloren gegangen. Wir Europäer sollten die Südseeinseln | |
| aber mehr darin unterstützen, eigene Museen aufzubauen. Das geschieht zu | |
| wenig. | |
| Gibt es für Sie Tabus, gewisse Dinge auszustellen? | |
| Als ich die Berliner Südseeausstellung im Jahr 2001 neu konzipiert habe, | |
| habe ich einige Dinge entfernt. Zum Bespiel die berühmten Tjuringa. Das | |
| sind Steine und Holzgegenstände der Aborigines in Australien, die heute | |
| noch sehr sehr heilig gehalten werden. Mir war bekannt, dass es deshalb | |
| Konflikte gegeben hat. | |
| Wo befinden sich diese Gegenstände jetzt? | |
| Im Depot im Untergeschoss des Museums. Dort befindet sich der größte Teil | |
| unserer Sammlung. Nur knapp fünf Prozent sind ausgestellt. | |
| Die meisten Sachen verstauben also im Keller? | |
| Überhaupt nicht. Leute, die ein begründetes Interesse haben, dürfen das | |
| Depot selbstverständlich benutzen. Das geschieht vor allem zu Studien- und | |
| Forschungszwecken. Aber auch Besucher, die deshalb eine weite Reise gemacht | |
| haben, dürfen rein. | |
| Wer könnte das sein? | |
| Neulich war der Vizepremierminister von Samoa hier. In Samoa gab es früher | |
| sehr fein geflochtene Matten aus den Blättern der Pandanuspalme. Diese | |
| Matten gibt es schon lange nicht mehr. Sie sind sehr wertvoll. Ich habe ihm | |
| im Depot eine gezeigt. Er durfte sie auch anfassen. Er war ganz glücklich. | |
| Solche Dinge werden nicht mehr möglich sein, wenn wir in das Stadtschloss | |
| umziehen. | |
| Warum nicht? | |
| Ausstellung und Depot werden nach dem Umzug getrennt. Die Sammlung kommt | |
| nach Friedrichshagen. Das ist sehr weit weg. Mal eben schnell ins Depot | |
| gehen, wird dann nicht mehr möglich sein. Das ist das eigentliche Drama an | |
| dem Umzug ins Stadtschloss. | |
| Ist das wirklich so schlimm? | |
| Ja. 1970, als das ethnologische Museum in Dahlem eröffnet hat, war es eine | |
| große Errungenschaft, dass man beides an einem Ort konzentriert hatte. Die | |
| Stiftung Preußischer Kulturbesitz hatte auch versprochen, dass wir unsere | |
| gesamte Sammlung mit ins Stadtschloss nehmen können. Das wurde dann | |
| gestrichen, mangels Geld. Unser Vorbild, das neue ethnologische Museum in | |
| Paris, Musée du Quai Branly, hat den größten Teil seiner Sammlung auch im | |
| Museum. | |
| Was möchte Sie den Besuchern vermitteln? | |
| Die meisten Leute interessieren sich nur für die eigene Kultur. Ich möchte | |
| dazu beitragen, den eurozentristischen Blick zu öffnen. Dass die Menschen | |
| eine Ahnung bekommen, wie vielfältig und spannend Kulturen in anderen | |
| Welten sein können. | |
| Seit wann steht für Sie fest, dass Sie Ethnologe werden wollten? | |
| Seit meiner Kindheit und Jugend. Ich bin in Sizilien aufgewachsen. Mein | |
| Vater war im Auswärtigen Amt tätig. Als ich zwei Jahre war, gingen wir nach | |
| Sizilien. In den 50er Jahren gab es noch keine EU. Palermo war sehr arm und | |
| die Mafia regierte. Da wurden die Leute wirklich noch auf der Straße | |
| erschossen. | |
| Haben Sie das selbst erlebt? | |
| Nein, aber es war allgegenwärtig. Auch die subtropische Vegetation, | |
| speziell die Palmen haben mich inspiriert. Über die Sagopalme habe ich auch | |
| meine Doktorarbeit geschrieben. | |
| Was fasziniert Sie an Palmen? | |
| Das sind sehr stolze, hoch aufragende Gewächse. Sie produzieren ungeheuer | |
| viel Material. Fast alles, was herunterfällt, kann man auch nutzen. Aus den | |
| Palmenblütenhüllblättern kann man Gefäße machen, die Früchte sind Nahrung, | |
| die Blattstiele werden als Malgrundlage genommen. Viele Boote, die wir in | |
| der Ausstellung zeigen, sind mit Kokosschnüren zusammengehalten. | |
| Die Boote sind das Highlight der Ausstellung. Was passiert mit den Schiffen | |
| beim Umzug ins Stadtschloss? | |
| Zurzeit ist die Planung noch so, dass wir alle Boote auch im Humboldtforum | |
| ausstellen können. Die Räume haben die Höhe und Breite, die die Schiffe | |
| brauchen. | |
| Haben Sie Ihre Berufswahl jemals bereut? | |
| Nie. Der Museumsdirektor von Basel … | |
| … Sie haben in der Schweiz studiert … | |
| … hat mich zwar gewarnt, machs nicht. Ethnologie sei ein brotloser Beruf. | |
| Aber mir war klar: Egal was der sagt, das ist total spannend, das musst du | |
| machen. Aber es ist wirklich brotlos. Man muss Glück und | |
| Begeisterungsfähigkeit haben, sonst hält man es nicht durch. Und man muss | |
| vieles opfern. Feldforschungen sind mühsam, man wird oft krank. | |
| Sie demnach auch? | |
| Ich war schwer krank. Wenn man Gelbsucht hat und nicht mehr stehen kann, | |
| sieht es schlecht aus. Ich kenne Leute, die sind in Neuguinea auf dem Boden | |
| zum Boot gekrochen, um wegzukommen. Auf den Expeditionen sind auch viele | |
| gestorben. Impfen war damals noch nicht so verbreitet. | |
| Können Sie nachempfinden, wie es den Kolonisatoren gegangen sein muss? | |
| Die Leute sind zum Teil regelrecht an Malaria und Schwarzwasserfieber | |
| verendet. Ich selbst hatte auch Malaria. Das hält man fast nicht aus. Die | |
| Einheimischen haben das Fieber auch. Sie sitzen zitternd am Feuer. Je | |
| nachdem, wie schlimm sie es haben, sterben sie auch. | |
| Würden Sie gern noch mal nach Neuguinea fahren? | |
| Ja, wegen der Leute würde ich gern noch mal hin. Wenn man einmal das | |
| Vertrauen gewonnen hat, können sie sehr direkt sein, unmittelbar, und | |
| dadurch auch sehr anhänglich. Diese Nähe vermisst man in unserer | |
| Gesellschaft. | |
| 19 Jul 2010 | |
| ## AUTOREN | |
| Plutonia Plarre | |
| Plutonia Plarre | |
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