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# taz.de -- Sommer im Museum (IV): Krabben - und wenig sonst
> Das Büsumer Museum am Meer vertut die Chance, sich mit den interessanten
> Aspekten des Nordseetourismus zu befassen. Dafür gibts das Anlanden von
> Meeresgetier zu sehen.
Bild: Nach einer halben Stunde ist Ruhe: Blick in die Krabbensortierung neben d…
Das Beste gehört genau genommen gar nicht dazu: Es ist die Halle eines
benachbarten Fischereibetriebes, bestückt mit einer fulminanten
Krabbensiebanlage, die sich vom ersten Stock des Museums aus durch ein
Bullauge betrachten lässt.
Da schütten Männer die frisch aus dem Meer geholten Krabben aus blauen
Plastiksäcken auf ein rüttelndes Förderband, wo die Tierchen entsprechend
ihrer Größe in drei verschiedene Behältnisse fallen, in weiße Plastikwannen
umgeleitet werden, die wiederum gestapelt, zum Pulen in die Nachbarschaft
gebracht werden - oder auch etwas weiter weg, nach Polen, wo das Pulen
billiger zu haben ist.
Meist eine halbe Stunde dauert das Schauspiel. Dann tritt wieder Ruhe ein,
nebenan - Ruhe wie draußen im Hafenbecken, wo die Krabbenfischer regungslos
daliegen wie an einer Kette aufgezogen. Im ersten Moment tatsächlich ein
malerisches Bild. Doch nur wenige von ihnen fahren noch regelmäßig raus;
mit anderen fahren Touristen auf Ausflugsfahrten.
Damit ist auch schon der Spagat beschrieben, den das private Museum am Meer
in Büsum (Kreis Dithmarschen) bewältigen muss: Da sollen einerseits die
Krabbe und der heimische Krabbenfang früher und heute dokumentiert und
gewürdigt werden - und zugleich die Geschichte erzählt werden vom
Nordseestädtchen Büsum als Heil- und Kurbad. Während die
Ausstellungsexponate und Hinweistafeln im Falle der Nordseekrabbe, die
streng genommen eine Garnele ist, aber solide, informativ und anregend
ausfallen, bleibt das Haus bei der Betrachtung der Ortsgeschichte auf
halber Strecke stehen.
Offenbar war der Drang, sich als eine Art Marketingeinrichtung für den
heimischen Tourismus zu positionieren, doch stärker, als der, eine gewisse
Eigensinnigkeit zu pflegen. Und das ist, wie so oft, daran zu spüren, das
vornehmlich Heikles und Unangenehmes ausgespart bleibt: Wenig erfährt der
Besucher hier über die Sozialgeschichte oder gar die politischen Umbrüche
des Ortes, der sich über die Jahrhunderte immer mehr von einem
Fischerflecken hin zu dem heute so bekannten Urlaubsort verwandelte.
Besonders eklatant zeigt sich das auch in Büsum bei der Betrachtung der
NS-Zeit - und das, obwohl sie sich hier geradezu aufdrängt.
Denn der Ort legte schon früh Wert darauf, ein rein "Deutsches Bad" zu
sein, und wie in ganz Dithmarschen konnten sich seinerzeit die
Nationalsozialisten von Anfang an der Unterstützung durch weite Teile der
Bewohnerschaft sicher sein. So wurde im März 1933 der konservative Büsumer
Bürgermeister gewaltsam durch SA- und SS-Männer vertrieben. Rasch erwählte
die NS-Organisation Kraft durch Freude Büsum zu einem ihrer Stützpunkte und
schon bald überstieg die Zahl der KdF-Urlauber die der normalen Kurgäste
und machte den Ort reichsweit noch bekannter.
Umso weniger Interesse zeigten die Büsumer dann nach 1945 an einer
Aufarbeitung dieser Geschichte: Bis Mitte der 60er-Jahre war eine wichtige
Straße nach dem NS-Kulturpolitiker Adolf Bartels benannt, konnten Lehrer am
örtlichen Nordsee Gymnasium den Holocaust leugnen - es bedurfte großen
Drucks von Seiten der Kieler Landesregierung, mit beidem aufzuräumen.
Apropos 60er Jahre: Zwar ist im Museum als Ankerpunkt ein typisches
Pensionszimmer aus jener Zeit nachgebaut, doch die Tür dazu ist
seltsamerweise verschlossen. Der Blick ins Innere ist den Besuchern nur
durch kleine Fenster möglich: Es zeigt sich ein ordentlich bezogenes,
schmales Bett, ein Röhrenradio der Marke Nizza, eine Stehlampe.
Dabei beginnen jetzt die eigentlichen Fragen: Wie war das eigentlich, als
die ersten Städter mit ihrem wachsenden Erholungshunger auf die Büsumer
trafen? Wie hat sich vor Ort der Wandel vollzogen von der, nun, asketischen
Nachkriegsgesellschaft hin zur offenen Freizeitgesellschaft? Und wie kamen
etwa die ersten Langhaarigen an, die ersten Deutschtürken oder die ersten
in wilder Ehe Lebenden, als sie in der Pension Seemöwe um Bett und
Frühstück baten? Und was hat es überhaupt für Auswirkungen auf die Dynamik
eines Städtchens von nicht einmal 5.000 Einwohnern, wenn es Jahr um Jahr
von - mittlerweile - rund 150.000 Urlaubsgästen besucht und auch wieder
verlassen wird?
All diese Fragen werden nicht oder nur kaum aufgegriffen; die Chance, sich
ein wenig kulturgeschichtlich gepolt dem Nordseetourismus anzunähern: Sie
wird in Büsum vertan. Ach, wäre doch die gleiche Sorgfalt, die das Museum
am Meer für die Krabbe, ihren Lebenswandel wie ihre Verarbeitung aufwendet,
auch den hier lebenden Menschen und ihren Gästen zu Teil geworden.
12 Aug 2010
## AUTOREN
Frank Keil
## TAGS
Fotografie
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