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# taz.de -- Saarlands neue Ministerpräsidentin: Bürgernah bis zur Schmerzgren…
> Auf einer Tour durch das Bundesland sucht Annegret Kramp-Karrenbauer
> (CDU) den Kontakt zu den Menschen. Am Mittwoch will sie deren
> Ministerpräsidentin werden.
Bild: Schafft sie es auch, die Jamaika-Koalition zu jonglieren? Annegret Kramp-…
SAARBRÜCKEN taz | In Jägersfreude, einem Stadtteil von Saarbrücken im
Bezirk Dudweiler, tobte am vergangenen Montag das Zeltauditorium: Es ist
die 63. Kirmes, das Motto lautet: Ballermann! Auf der Bühne: Fatma Kar,
deutsche Stimmungskanone mit tunesischem Migrationshintergrund und Hits
wie: "Luder leben länger".
Kar heizt dem Publikum ein: "Meine Superpampelmusen sind der Gipfel in der
Bluse", singt sie. Das Auditorium kocht: Frauen kreischen, Männer irgendwie
auch. Dann lässt Kar die Kirmes nach "Malle" (Mallorca) abheben: Alle
stehen von den Bänken auf, machen den Flieger.
Mittendrin, mit ausgebreiteten Armen, ist auch Annegret Kramp-Karrenbauer
(CDU). Sie wird diesen Dienstag 49 Jahre alt. Am Tag darauf soll sie von
den Abgeordneten von Union, FDP und Grünen, die die Jamaikakoalition
bilden, zur Ministerpräsidentin des Saarlands gewählt werden.
Es ist das kleinste Flächenland der Republik, mit gerade einmal rund einer
Million Einwohnern. Um ihren Bekanntheitsgrad zu steigern, tourte
Kramp-Karrenbauer in den vergangenen Wochen über das Land, besuchte Feste
und Märkte.
Die Juristin und Katholikin will dem scheidenden Ministerpräsidenten Peter
Müller (CDU) nachfolgen. Der zieht sich nach zwei Jahrzehnten aus der
Politik zurück, liebäugelt mit einem Posten am Bundesverfassungsgericht.
Die eloquente Kramp-Karrenbauer war unter Müller bereits Innen- und
Bildungsministerin, derzeit leitet sie das Sozial- und Familienressort.
Sie versteht sich als "aufgeklärte Konservative": Erst kürzlich
unterstützte sie die Forderung ihres Kollegen, des CDU-Haushaltspolitikers
Norbert Barthle, nach Steuererhöhungen für Besserverdienende im Bund. Mit
dem Vorstoß der SPD-Integrationsministerin Bilkay Öney aus
Baden-Württemberg, grundsätzlich die doppelte Staatsbürgerschaft
zuzulassen, kann sie jedoch nichts anfangen: "Der Schlüssel für eine
erfolgreiche Integration ist die Loyalität zu dem Staat, in dem man lebt.
Eine doppelte Staatsbürgerschaft birgt die Gefahr von
Loyalitätskonflikten", sagte Kramp-Karrenbauer der taz.
Doch zurück ins Saarland. Dort könnte sich die Frau mit dem Kurzhaarschnitt
künftig als Ministerpräsidentin auch noch um die Kultur kümmern, heißt es
aus der Union. Entschieden sei dieser Aufgabenzuwachs jedoch noch nicht.
Dicke Frauen mit Kopftüchern in hautengen Leggins singen derweil auf der
Bühne "Das bisschen Haushalt macht sich von allein" und schwingen dazu ihre
Putzeimer. Dann schmettert ein Bergmannschor "schwarzes Gold". Politisch
sei das nicht gemeint, sagt einer der Grubenrentner später verschmitzt.
Kürzlich habe man allerdings ganz bewusst "Oskar, komm bald wieder!"
intoniert, gemeint war natürlich Linkenpolitiker Oskar Lafontaine.
Tatsächlich ist ganz Dudweiler Feindesland für Kramp-Karrenbauer. SPD und
Linke dominieren. Und der Beifall für die sozialdemokratische Saarbrücker
Oberbürgermeisterin Charlotte Britz fiel auf der Kirmes weitaus heftiger
aus als der für die künftige Landeschefin. Trotzdem soll sie nach aktuellen
Umfragen die beliebteste Politikerin des Saarlandes sein.
Kirmes in Jägersfreude, ist das auch eine Art von Kultur? "In Jägersfreude
wird die Kirmes eben so gefeiert, also feiere ich mit", weicht
Kramp-Karrenbauer aus. Und sagt, sie nehme die Menschen "so, wie sie sind".
Die Sängerin Kar, ergänzt Ministeriumssprecher Thorsten Klein noch
süffisant, sei doch zudem ein ganz wunderbares Beispiel dafür, dass die
Integration an der Saar funktioniere, dann entschwindet er an den Grill.
Kramp-Karrenbauer gibt zu, vor der Wahl zur Landeschefin "aufgeregt" zu
sein, aber eine Niederlage befürchtet sie nicht. Die oppositionellen SPDler
unter Landes- und Landtagsfraktionschef Heiko Maas hingegen hoffen auf
Abweichler. In der Jamaikakoalition gebe es "zu viele Unzufriedene, vor
allem in den Reihen von CDU und FDP", so ihre Analyse.
Kramp-Karrenbauer will solche Signale nicht empfangen haben, "weder aus den
eigenen Reihen noch aus den Reihen der Koalitionspartner". Dabei hat ihre
anvisierte Kabinettsumbildung in der eigenen Partei für Irritation gesorgt.
Noch ist aber nicht klar, welcher Unionsminister seinen Posten räumen muss.
Geht für die in Völklingen geborene, mit einem ehemaligen Bergmann
verheiratete Mutter von drei Kindern am Mittwoch alles glatt, müssen sich
die Saarländer auf einen harten Sparkurs einstellen. Ihr oberstes Ziel sei
"die Bewältigung der Haushaltsnotlage im Rahmen der Schuldenbremse", hat
die Ministerpräsidentin in spe bereits erklärt.
Das Saarland ist mit rund 12 Milliarden Euro gigantisch überschuldet. Die
Rede ist davon, dass Tausende Stellen beim Land abgebaut werden könnten.
Vielleicht ist Kramp-Karrenbauer dann nicht mehr die beliebteste
Politikerin des Landes.
8 Aug 2011
## AUTOREN
K.-P. Klingelschmitt
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